Monumente Online

Ausgabe: April 2009

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Herrenhäuser und Schlösser

(c) Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Pfauder / (c) Bayerische Verwaltung der staatl. Schlösser Gärten und Seen Rainer Kleine Kulturgeschichte

Der Zauber des Widerscheins

Eine kleine Kulturgeschichte des Spiegels

Kerzenschein, so weit das Auge reicht, die Pretiosen gleich mehrfach wiederholt, und der ganze Raum verliert sich im Unendlichen. Der Barockmensch war ein Sinnenmensch par excellence und hat - als wahren Schauplatz seiner Epoche - den Spiegelsaal kreiert. Denn, was konnte die Sinne mehr ansprechen als optische Täuschungen und der Zauber raffinierter Lichteffekte?

Auch in der kleinen Markgrafschaft Baden-Baden ging man mit der neuesten Architektur-Mode: Sibylla Augusta, die junge Witwe von Ludwig Wilhelm, ließ sich ab 1710 nahe der markgräflichen Residenz Rastatt einen Sommersitz errichten. Im Schloss Favorite ist eines der ältesten und prunkvollsten Spiegelkabinette zu bewundern, die in Deutschland erhalten sind: Durch schräg in die Wand- und Fensternischen eingesetzte Spiegel ist die Brechung des Lichts hier besonders bizarr.

 (c)  Oberfinanzdirektion Karlsruhe Bachinger
© Oberfinanzdirektion Karlsruhe Bachinger
Das Spiegelkabinett des Lustschlosses Favorite bei Rastatt wurde um 1725 vollendet. Zum Teil treten die Spiegelflächen aus der Wand hervor und wirken so wie riesige geschliffene Edelsteine. Großbildansicht

Dabei war der erste Spiegel wohl schlicht eine glatte Wasseroberfläche. Im Mythos der griechischen Antike entdeckte Narziss sein Spiegelbild in einem Teich. Dass es sich dabei um sein Ebenbild handelte, war ihm allerdings noch nicht bewusst - er verliebte sich prompt in den Jüngling, der ihn dort anblickte. Das Phänomen des Widerscheins hat die Menschen seit jeher fasziniert, und so setzten sie alles daran, dieses optische Schauspiel zu imitieren.

Zunächst behalf man sich mit spiegelnden Steinen, später dann mit Metall. Die alten Ägypter kannten bereits um 3000 v. Chr. Handspiegel aus polierter Bronze. Um 400 v. Chr. setzte die Blütezeit griechischer Metallspiegel ein. In der hellenistischen Epoche wurden auch die ersten kleinen Standspiegel hergestellt. Dass solches Gerät die Eitelkeit förderte, liegt auf der Hand: Der berühmte Redner Demosthenes soll seine Auftritte vor einem Spiegel geübt haben.

 (c)  Oberfinanzdirektion Karlsruhe, Bachinger
© Oberfinanzdirektion Karlsruhe, Bachinger
"Der Spiegeler", Holzschnitt aus dem 1568 gedruckten Ständebuch von Jost Amann. Großbildansicht

Seit wann es Glasspiegel gibt, ist nicht genau zu rekonstruieren. Auf jeden Fall war die Spiegelherstellung ab dem 14. Jahrhundert in Europa etabliert. Dabei wurde das rund geblasene Glas mit einer Metallfolie hinterlegt oder auf der Rückseite mit Metall beschichtet. Für das Jahr 1373 ist eine Spieglerzunft in Nürnberg bezeugt; eine weitere Hochburg mittelalterlicher Spiegelherstellung war Flandern. Neben kleinen Tischspiegeln waren vor allem Taschen- oder Gürtelspiegel mit Elfenbeingriffen beliebt, die die Kammacher zum Beispiel als Brautgeschenk feil boten.

Zur Zeit der Renaissance gab es revolutionäre technische Neuerungen, die vom wasserumspülten Venedig ausgingen. Zum einen hatte man mittlerweile das Kristallglas entdeckt, zum anderen ging man nun dazu über, den Glasklumpen zu einem Zylinder auszublasen, der Länge nach aufzuschneiden und flach auszubreiten. Die so entstandene Scheibe wurde schließlich poliert und verzinnt. Glasspiegel waren also nicht mehr gewölbt und mussten auch nicht zwangsläufig rund sein.

Seit dem 16. Jahrhundert lieferte die Lagunenstadt die neuartigen Spiegel in alle Welt. Die Manufakturen auf der Insel Murano hatten sozusagen Monopolstellung und wurden strengstens bewacht. Aus gutem Grund, denn tatsächlich ist ein früher Fall von Werkspionage überliefert: Im 17. Jahrhundert soll es den Franzosen gelungen sein, einige Techniker von der Insel zu entführen, um so hinter das Geheimnis der venezianischen Spiegelherstellung zu kommen.

Die Franzosen Abraham Thewart und Lucas de Nehou entwickelten 1688 das noch heute gebräuchliche Schmelzgussverfahren: Dabei verteilt man die geschmolzene Glasmasse direkt auf dem metallenen Gusstisch und glättet sie dann mit einer Walze. Anschließend wird die Glasplatte geschliffen und mit einer Zinnfolie samt Quecksilberschicht belegt.

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