Die fünfjährige Amtszeit von Bundespräsident Horst Köhler endet in diesem Jahr. Wenn die 13. Bundesversammlung am 23. Mai 2009 ein neues Staatsoberhaupt wählt, wird er, neben der Hochschulprofessorin Gesine Schwan und dem Schauspieler Peter Sodann, erneut kandidieren. 2006 bezog der Schirmherr der Deutschen Stiftung Denkmalschutz seinen damals frisch sanierten Amtssitz. Ich hatte damals die seltene Gelegenheit, Schloss Bellevue zu besichtigen. Nach aufwendigen Umbauarbeiten ist es heute, seinem hohen Rang entsprechend, viel besser nutzbar. Mehr denn je dient der Bau als Ort der Begegnung und Diskussion. "Wir wollen nicht protzen, wir wollen nicht mehr scheinen, als wir sind", sagte der Bundespräsident zu dem Ergebnis der Sanierung. Und so wirkt die einstige Sommerresidenz des Preußen-Prinzen August Ferdinand auch: außen wie innen nicht prunkvoll, aber dennoch vornehm.
Deutschlands erste Adresse
Monumente besichtigte den Amtssitz des Bundespräsidenten
Das direkt am Spreeufer, unweit von Siegessäule, Bundestag und Brandenburger Tor gelegene Schloss Bellevue ist das älteste aller Bauwerke, die Regierung, Parlament und Bundesverwaltung in Berlin bezogen haben. Es ist am Ende des 18. Jahrhunderts in der Übergangsphase zwischen Rokoko und Klassizismus entstanden. Als Dreiflügelanlage mit zentralem "Corps de logis" folgt Bellevue noch dem traditionellen barocken Schlossbauschema. Die Fassaden, die durch ihren neuen gelblichen Kalkputz wieder hell und freundlich wirken, sind hingegen in den Formen des Frühklassizismus gestaltet. Vorbild war das Landhaus im Wörlitzer Park von Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau, das wiederum an englischen Beispielen orientiert ist. Die der Öffentlichkeit zugewandte Hoffassade des Mittelflügels erstreckt sich über 19 Fensterachsen und wird durch einen dreiachsigen Mittelrisalit mit monumentalen Pilastern und figurenbekröntem Dreiecksgiebel akzentuiert. Drei schlanke, hohe weibliche Statuen stellen die Allegorien der Jagd, der Fischzucht und des Ackerbaus dar. Ursprünglich gab es zwei seitliche Eingangsportale, die aussen noch an den Lampenträgergruppen ablesbar sind. Die Gartenfassade wiederholt die Gestaltung der Hofseite, vermittelt jedoch einen privateren Charakter. Durch die nachträgliche Einpassung des Mittelflügels in die auf Vorgängerbauten zurückgehenden Seitenflügel, denen noch Pavillons vorgesetzt wurden, erklärt sich die auffällig unterschiedliche Höhe der Bauteile. Der Bauherr Prinz August Ferdinand galt eben als besonders sparsam und zweckorientiert.
Der 18 Jahre jüngere Bruder von Friedrich II. lebte mit seiner Familie die meiste Zeit des Jahres am Wilhelmplatz. Im Gegensatz zu seinem weit vor den Toren der Stadt gelegenen Schloss Friedrichsfelde war der Tiergarten von dort gut zu erreichen, was wohl beim Prinzen den Ausschlag für die Errichtung von Schloss Bellevue gegeben hat.
Der damals unter Leitung des Hofgärtners Weil angelegte Schlosspark gehört zu den ältesten Landschaftsgärten in Preußen. Er wurde durch ein System fächerartiger Sichtachsen geprägt, die bis heute erhalten sind. Wegen des schönen Ausblicks in die umgebende Parklandschaft und auf diverse "Points de vue" bekam das bald von allerlei Gewächshäusern, Gartensalons und einer Meierei umrahmte Schloss den Namen Bellevue.
Zu den wenigen originalen Kunstwerken in dem 1842 und 1880 durch Peter Joseph Lenné veränderten und 1954 von Reinhard Besserer neugestalteten Park zählt ein von Johann Gottfried Schadow für Prinz August Ferdinand geschaffener Hochzeitsgedenkstein.
Im Schloss hat sich aufgrund der häufigen Umbauphasen wenig von den ursprünglichen Raumformen und -dekorationen erhalten. "Während die Seitenflügel mit den Servicebereichen räumlich neu gestaltet wurden, blieb der Mittelflügel jetzt unverändert", erklärt Helge Pitz, der für die Baumaßnahmen der letzten Jahre verantwortliche Architekt. Die eingebauten Neuerungen sind hier allesamt technischer Art und wie die moderne Klimatechnik nicht zu sehen. Pannen, wie Lichtausfall bei Staatsempfängen, geplatzte Wasserrohre, eine nicht abstellbare Heizung im Sommer, unangenehme Gerüche und ein winziger Aufzug, der gelegentlich stecken blieb, gehören damit der Vergangenheit an. Der ehemalige "Schlossherr" Roman Herzog hatte sein herrschaftliches Heim deshalb wiederholt als "Bruchbude" tituliert. "Mal haben Sie Heizung, mal haben Sie Wasser, aber Abwasser haben Sie immer", soll er seinen Amtsnachfolger Johannes Rau vorgewarnt haben.
Der Brandschutz wurde auf den neuesten Stand gebracht, und man entfernte schadstoffbelastete Baumaterialien aus der Nachkriegszeit wie die Ende der fünfziger Jahre in den Decken eingebauten Asbestfasern. Behindertengerecht ist das Schloss jetzt auch. Dafür sorgen der mit barrierefreien Rampen ausgestattete Schlosszugang von der Gartenseite und ein neuer Aufzug, der außerdem so groß ist, dass er von den Staatsgästen nun endlich gemeinsam mit dem Bundespräsidentenpaar genutzt werden kann. Um den Bundespräsidenten besser zu schützen, wurden die Fenster in seinem Amtszimmer mit Panzerglas ausgestattet. Eine optimierte Rundum-Videoüberwachung mit Geräusch- und Bewegungsmeldern und automatisch bedienbare Fensterjalousien tun ihr übriges.
Das Interieur im Mittelflügel überrascht dann doch. Nur der ovale Tanzsaal im Obergeschoss von Carl Gotthard Langhans ist erhalten. Das Schloss war im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt worden, und beim Wiederaufbau von 1958 hatte man ganz im Zeichen der Moderne und der Demokratie der jungen Bundesrepublik mit der historischen Innenstruktur gebrochen. Völlig neue Raumaufteilungen einschließlich Verschiebung des Treppenhauses waren die Folge, zudem eine künstlerische Ausgestaltung, die selbst damalige Zeitgenossen im Angesicht der denkmalpflegerisch redlich wiederhergestellten Aussenfassade für sehr gewöhnungsbedürftig hielten. Wegen seines Fünfziger-Jahre-Chics wurde das Ambiente damals als "Mischung aus Filmstar-Sanatorium und Eisdiele" verspottet. Als Zeugnisse aus dieser Zeit bewusst erhalten sind heute zwei Salons im Obergeschoss. Die durchgreifende Umgestaltung in den Jahren 1986/87 durch Otto Meitinger, die das Ziel verfolgte, das Innere des Schlosses dem "Charakter des äußeren historischen Erscheinungsbildes" anzugleichen, ließ kaum etwas von der Raumausstattung der fünfziger Jahre übrig. Was den unvergessenen einstigen Direktor der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Berlin, Dr. Martin Sperlich, damals zu der Äußerung veranlasste: "Wer beide Einrichtungen kennt, wird der Fassung von 1959 nostalgisch einen Hauch von Klassizität zubilligen müssen."













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