Es ist uns die befremdliche Anzeige geschehen, dass jenseitige (d. h. die evangelischen) Kirchenpfleger sich unterstanden haben, ohne unser Vorwissen und Einwilligung zerschiednes in der Hospitalkirche verändern, und vorhabens seien, solche ausmalen zu lassen", empörten sich 1774 die katholischen Stadträte von Dinkelsbühl. Außerdem sei "das neue Gewölbe, so und dergestalt widerrechtlich hergestellt worden, dass im Fall, so Gott verhüten wolle, eine Feuersbrunst ausbrechen würde, man schlechterdings das Gebäude nicht mehr retten könnte". Sie sollten recht behalten, andererseits auch wieder nicht.
Zwar wurde nicht das gefürchtete Feuer zum Problem, dennoch rächt sich heute, 250 Jahre später, der reichlich robuste Eingriff der damaligen Bauleute in die Dachkonstruktion der Dinkelsbühler Spitalkirche: Sie musste im Sommer 2006 wegen Einsturzgefahr gesperrt werden.
Risse im Himmelreich
Dinkelsbühls Spitalkirche ist seit über zwei Jahren gesperrt
Aber beginnen wir mit der Geschichte von vorne: Dinkelsbühl wird erstmals 1188 erwähnt und in dieser Zeit von Friedrich Barbarossa zur Stadt erhoben. Ab 1355 Freie Reichsstadt gibt der Rat den Gang der Dinge in der wohlhabenden Handels- und Handwerksstadt vor. Man weiß wenig über die Hospitalgründung Heilig Geist in Dinkelsbühl, auch nicht, wer den Anstoß gab, in der Nähe der Hauptkirche St. Georg ab 1282 ein ganzes Viertel für die Armen und Kranken, die Siechen und Alten zu errichten. Aber schnell ist auch der Stadtrat interessiert. Er übernimmt die Verwaltung, lässt sich das vom Papst bestätigen und stellt ab 1369 die Spitalmeister. Heute führt uns der Name Hospital schnell auf eine falsche Fährte. Denn diese Einrichtungen waren keineswegs von Anfang an zur medizinisch ausgerichteten Pflege ihrer Insassen gedacht, vielmehr bestand der Sinn darin, den Kranken Seelenheil in Form von Messen und Gottesdiensten und vielleicht noch ein Wannenbad mit auf den beschwerlichen Weg zu geben. Der Mittelpunkt eines jeden Hospitals war die Kirche, vom Krankenlager möglichst gut erreichbar oder direkt einsehbar. In Dinkelsbühl entstand um 1280 eine Spitalkirche, die, auch nachdem sie um 1380 grundlegend umgebaut wurde, vom Bettensaal lediglich durch eine Tür getrennt war.
Heute ist diese Tür hinter Putz verborgen und nur für Wissende mit dem Auge nachvollziehbar. Noch einiges mehr ist in der Dinkelsbühler Spitalkirche hinter weißem Putz verschwunden, denn in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entschloss man sich, aus dem mittelalterlichen Bau eine elegante protestantische Barockkirche zu machen. Von den Protestanten genutzt wurde die Heilig-Geist-Kirche schon seit 1532 - in Dinkelsbühl gab es seit den ersten Tagen der Reformation evangelische Strömungen. Man brauchte, weil die große Stadtkirche St. Georg nach den Wirren des 30-jährigen Kriegs den Katholiken zugesprochen worden war, mehr Platz: Tiefe Emporen im Westen und Süden schufen auch im oberen Geschoss Raum für mehrere Bankreihen, die Ostwand erhielt ebenfalls eine Empore - sie trägt die Orgel mit dem barocken Prospekt -, und an die Nordwand setzte man eine Kanzel aus Stuckmarmor.
Wenig erinnert in dem nahezu quadratischen Raum seit 1773/74 an die Vorgängerkirchen. Nur den Durchgangsbogen zum Chor und diesen selbst mit seinen mittelalterlichen Wandmalereien ließ man stehen.
Die Protestanten in Dinkelsbühl hatten sich also einen sehr evangelischen Predigtsaal mit den typischen Komponenten geschaffen: den Emporen, der Kanzel und der Orgel über dem Altar. Aber man war hier in Franken auch nicht weit entfernt von den Zentren des Hochbarock, die während des 18. Jahrhunderts pulsierten und Erstaunliches vollbrachten, auch und vor allem in der Kunst der Freskenmalerei.
Mit Tiepolos Deckengemälde als Mittel- und Höhepunkt hatte um 1750 in Würzburg zum Beispiel der Fürstbischof das Treppenhaus seiner Residenz für seine politische Selbstdarstellung zu einem grandiosen Gesamtkunstwerk gestalten lassen. Die katholischen Kirchen und Klöster im Süddeutschen waren in ihren Formen immer verspielter, raffinierter, berauschter geworden. Sie versuchten, den Betrachter mittels illusionistischer Tricks in eine andere Welt zu führen.
Mit ihren Deckengemälden sprengten sie den realen Raum durch einen gemalten, inszenierten sie Himmelsausblicke, in denen biblische Gestalten direkt vom Irdischen in die göttliche Unendlichkeit oder umgekehrt zu schweben scheinen. Das reizte auch die Kirchenvorderen von Dinkelsbühl. Trotz der eher nüchternen Betsaal-Atmosphäre sollte die Spitalkirche ein prächtiges Deckengemälde erhalten.












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