Monumente Online

Ausgabe: Dezember 2008

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Kulturdenkmale im Wandel

(c) Touristikgemeinschaft Tal der Loreley e.V. / (c) Elmar Lixenfeld Leitartikel

Welterbe in Gefahr

Interview mit Horst Wadehn

MO: Am 22. und 23. Oktober 2008 fand auf der Wartburg eine Tagung der Deutschen UNESCO Kommission und des Vereins UNESCO-Welterbestätten Deutschland e.V. mit dem alarmierenden Titel "UNESCO Welterbe in Gefahr" statt. Von den inzwischen 33 Welterbestätten in Deutschland steht aktuell das Dresdner Elbtal wegen der geplanten Waldschlösschenbrücke auf der "Roten Liste" der UNESCO. Welchen Bedrohungen sind andere deutsche Welterbestätten ausgesetzt?

Horst Wadehn: Zunächst einmal wehre ich mich gegen den verniedlichenden Begriff "Waldschlösschenbrücke", vermittelt dieser Name doch höchstens die Vorstellung eines Fußgängerbrückleins mit der eventuellen Zulassung von Radfahrern. Realität ist, dass dieses Brückenmonstrum autobahnähnlich, vierspurig und aus Beton eine Naturlandschaft unwiederbringlich und für alle künftigen Generationen zerstört, und das vor allem ohne zwingenden Grund: Es sollte in Dresden ein mittlerweile zweifelhaft gewordenes Verkehrsproblem abgeschafft werden. Eine Lösung wäre problemlos und nach heutiger Erkenntnis sogar wirtschaftlicher durch einen Tunnelbau möglich gewesen.

 (c)  Touristikgemeinschaft Tal der Loreley e.V.
© Touristikgemeinschaft Tal der Loreley e.V.
Burgen, terassenartig angelegte Weinberge und auf schmalen Uferleisten zusammengedrängte Siedlungen prägen die Landschaft des Welterbes Oberes Mittelrheintal. Großbildansicht

UNESCO-Welterbestätten wie auch alle anderen Denkmäler, nicht nur in Deutschland, sind ständig vielfältigen Bedrohungen ausgesetzt. Ganz wesentlich gehen sie von verantwortungslosen Investoren und von teils sach- und fachlich überforderten Entscheidungsträgern aus, die keine nähere Kenntnis von den Kerninhalten des Welterbeprogramms und den Managementplänen haben, die für jede Welterbestätte zwingend erstellt werden müssen. Natürlich, und das betone ich ausdrücklich, ist das Gros der Stadtplaner, der Architekten und auch der Investoren äußerst sensibel und wird alles tun, um gemeinsam mit den Denkmal- und Landschaftsschützern sowie mit dem äußerst verantwortungsvollen Direktorium des UNESCO-Welterbezentrums denkmalverträgliche Lösungen zu erarbeiten.

Feuer- und Naturkatastrophen, wie zum Beispiel der Brand in der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar und das fürchterliche Elbehochwasser, können unser gemeinsames Welterbe zerstören. Diese müssen wir ebenso berücksichtigen wie klimatisch bedingte Zersetzungen der baulichen Substanz der Welterbeobjekte.

In diesem Zusammenhang werden künftig enorme finanzielle Aufwendungen erforderlich sein, die wir alle im Rahmen unseres gemeinsamen "Erbes" zu schultern haben. Ich denke, dass diese im Gegensatz zu aktuell aufgebürdeten Zahlungsverpflichtungen von der Bevölkerung gerne erfüllt werden.

MO: Wurden auf der Tagung konkrete Lösungen für diese Beispiele diskutiert?

 (c)  Touristikgemeinschaft Tal der Loreley e.V.
© Touristikgemeinschaft Tal der Loreley e.V.
Der Mäuseturm, ein ehemaliger Zollwachturm, steht auf einer Insel vor Bingen am Rhein. Großbildansicht

Horst Wadehn: Die diesjährige Jahrestagung wollte mit dem sehr anspruchsvollen Thema "UNESCO-Welterbe in Gefahr" vornehmlich alle Verantwortlichen wachrütteln und zum korrekten Handeln auffordern. Des Weiteren mussten die Kerninhalte des UNESCO-Welterbeprogramms und die sich daraus ergebenden Verpflichtungen noch einmal hervorgehoben werden. So betrachtet wurden die Probleme in Dresden sowie die leider ausufernde, bahnbedingte Lärmentwicklung und die hiermit in Verbindung zu sehende Zerstörung der einzigartigen Landschaft des Oberen Mittelrheins zwangserörtert. Es liegt nahe, dass angesichts dieser schrecklichen Entwicklung konkrete Lösungen nicht erarbeitet werden konnten. Diese müssen, und das hoffe ich sehr, unverzüglich und sehr konsequent auf anderen Ebenen angegangen werden. Die nahezu 250 Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer, die sich aus den Fachbereichen Denkmalschutz, Denkmalpflege und Tourismus zusammensetzten, haben die "Wartburger Erklärung" verabschiedet, in der sehr eindringlich die Einhaltung der bereits umfänglich bestehenden nationalen und internationalen Verpflichtungen im Umgang mit dem UNESCO-Weltererbe eingefordert wird. Sie wird allen Verantwortlichen mit der nachdrücklichen Bitte, sich dieser Verantwortung nicht zu entziehen, zugestellt. Das UNESCO-Welterbe in Deutschland muss von uns allen geschützt, und darf nicht durch Zuständigkeitsrangeleien beschädigt werden.

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Streiflichter
Zur Person

Horst Wadehn ist Geschäftsführer des UNESCO Welterbestätten Deutschland e.V.

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