Fest stehen beide Füße auf dem Boden, aber einiges deutet darauf hin, dass das Universum ganz dicht dran ist in diesem irdischen Raum. Zwei Uhren hängen an der Wand: eine zeigt die Mitteleuropäische Zeit, die andere die Sternzeit. Sternzeit? Ein Sterntag ist 3 Minuten und 56,555 Sekunden kürzer als ein Sonnentag, er orientiert sich nicht an der nahen Sonne, sondern an einem der weit entfernten Himmelskörper. Für die Sternenbeobachtung ist die Sternzeit unerlässlich, ebenso wie die Fernrohre, von denen hier, im 1-Meter-Spiegelteleskop-Gebäude der Hamburger Sternwarte, ein besonders interessantes Exemplar steht.
Per Fernrohr in die Sternzeit
Das Spiegelteleskop-Gebäude in Bergedorf braucht irdische Hilfe
Seltsam mischen sich an diesem Ort Zeitvergessenheit - was gelten schon ein paar Jahrzehnte nach dem Sonnenkalender, wenn man in Millionen Lichtjahren rechnet? - und aktuelle Nutzungsspuren: Frisches Fett an der Apparatur zeigt dem Fachmann, dass der Spiegel - und der spielt hier die Hauptrolle, für ihn ist das ganze Gebäude gebaut worden -, gerade "bedampft" wurde, dass eine neue Oberfläche angebracht wurde, um jede noch so kleine Störung zu beseitigen. Der Geruch aber ist jener typische Geruch nach einem Jahrhundert Lernen und Lehren, Suchen und Finden, wie ihn nur alte Universitätsinstitute haben können.
Ein Park voller Teleskope als wahrer Denkmalschatz
Die bereits 1802 privat gegründete Hamburger Sternwarte wurde 1833 in Staatsbesitz übernommen. Ein 1825 errichteter Bau stand am Millerntor in der Nähe des Hafens. Nicht von ungefähr: Seit der Antike war die Sternenkunde unerlässlich für die Schifffahrt, ohne die Gestirne hätte es keinerlei Orientierung auf den Meeren geben können. Das Interesse, Ordnung in das leuchtende Durcheinander am Firmament zu bringen, war also von jeher gerade in Hafenstädten wie Hamburg groß.
Zunehmendes Stadtlicht, das Rumpeln der Straßenbahnen, Rauch und die Erschütterungen im Hafen beeinträchtigten jedoch bald die Messungen am Millerntor. Schließlich wurde zwischen 1906 und 1912 nach Plänen von Bauinspektor Albert Erbe auf dem Gojenberg, einer kleinen Anhöhe in Bergedorf am südöstlichen Rand der Stadt, das neue Observatorium errichtet. Es entstand eine der modernsten Sternwarten Europas, ein wahrer Teleskoppark: Auf dem idyllischen Gelände stehen insgesamt fünf neobarocke verputzte Beobachtungsgebäude. Fast alle sind zusammengesetzt aus einem quadratischen Portalvorbau und dem charakteristischen Kuppelbau. Nur das 1908 errichtete Gebäude für den Meridiankreis musste ausschließlich in Nord-Süd-Richtung schwenkbar sein und hat deswegen ein Tonnendach. Lisenen an den Gebäudeecken und ein verkröpftes Gesims schmücken die meisten Vorbauten. In ihnen sind die Arbeits- und Aufenthaltsräume für die Forscher untergebracht. Ihre balustergerahmten Terrassen dienen den Astronomen dazu, ins Freie treten zu können, die Wetterlage und den Himmel in seiner Gesamtheit zu betrachten. Herzstück aber ist jeweils der Kuppelbau, denn er beherbergt das Teleskop. Obwohl die Beobachtungsgebäude strikt nach den wissenschaftlichen Erfordernissen errichtet, sie quasi um die Instrumente herum gebaut wurden, ist ein ästhetisch anrührender Ort entstanden. Die Hochachtung für die Wissenschaftler drückt sich nicht zuletzt im schlossartigen Verwaltungsbau mit seinem imposanten Bibliotheksraum und drei gediegenen Wohnhäusern aus.
In den verschiedenen Observatorien sind Teleskope aus allen Entwicklungsstufen seit etwa 1850 bis in die Gegenwart zu finden - neben der architektonischen Qualität macht dies die Hamburger Sternwarte zu einem regelrechten Denkmalschatz.
Obwohl das Außergewöhnliche und die Bedeutung des Ortes außer Frage stehen - die gesamte Anlage wurde 1996 unter Denkmalschutz gestellt und wird sogar als möglicher Kandidat für die Welterbeliste der UNESCO genannt -, ringt die Sternwarte mit ständiger Geldnot. Als 1998 Überlegungen aufkamen, das astronomische Institut an einen anderen Ort zu verlagern, gründete sich ein Förderverein. Sehr rührig bemühen sich seitdem über 100 Mitglieder, die wissenschaftliche Würde der Sternwarte zu erhalten, sie mit Hilfe von Veranstaltungen der Öffentlichkeit bekannt zu machen und Geld für die Erhaltung der Gebäude und Instrumente einzuwerben. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz konnte 1999 bereits bei der Restaurierung des Portalgebäudes vom Meridiankreis helfen. Aber die Größe der Anlage, die Anzahl der Bauwerke, die bemerkenswerte Ansammlung hochinteressanter Instrumente ist ebenso Quell der Freude wie Last. Jedes einzelne will gepflegt und gewartet sein, manches gar sanft aus dem Dornröschenschlaf geholt werden.












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