Oktober 2008

Das Spiegelteleskop-Gebäude in Bergedorf braucht irdische Hilfe

Per Fernrohr in die Sternzeit

Fest stehen beide Füße auf dem Boden, aber einiges deutet darauf hin, dass das Universum ganz dicht dran ist in diesem irdischen Raum. Zwei Uhren hängen an der Wand: eine zeigt die Mittel­europäische Zeit, die andere die Sternzeit. Sternzeit? Ein Sterntag ist 3 Minuten und 56,555 Sekunden kürzer als ein Sonnentag, er orientiert sich nicht an der nahen Sonne, sondern an einem der weit entfernten Himmelskörper. Für die Sternenbeobachtung ist die Sternzeit unerlässlich, ebenso wie die Fernrohre, von denen hier, im 1-Meter-Spiegelteleskop-Gebäude der Hamburger Sternwarte, ein besonders interessantes Exemplar steht.

Deutlich zu sehen: Das Kuppelgebäude des Spiegelteleskops ist restaurierungsbedürftig. Die Dachentwässerung muss erneuert, das Dach abgedichtet und die Latexfarbe entfernt werden. 
© ML Preiss
Deutlich zu sehen: Das Kuppelgebäude des Spiegelteleskops ist restaurierungsbedürftig. Die Dachentwässerung muss erneuert, das Dach abgedichtet und die Latexfarbe entfernt werden.

Seltsam mischen sich an diesem Ort Zeitvergessenheit - was gelten schon ein paar Jahrzehnte nach dem Sonnenkalender, wenn man in Millionen Lichtjahren rechnet? - und aktuelle Nut­zungsspuren: Frisches Fett an der Apparatur zeigt dem Fachmann, dass der Spiegel - und der spielt hier die Hauptrolle, für ihn ist das ganze Gebäude gebaut worden -, gerade "bedampft" wurde, dass eine neue Oberfläche angebracht wur­de, um jede noch so kleine Störung zu beseitigen. Der Geruch aber ist jener typische Geruch nach einem Jahrhundert Lernen und Lehren, Suchen und Finden, wie ihn nur alte Universitätsinsti­tute haben können.

Ein Park voller Teleskope als wahrer Denkmalschatz

Die bereits 1802 privat gegründete Hamburger Sternwarte wurde 1833 in Staatsbesitz übernommen. Ein 1825 errichteter Bau stand am Millerntor in der Nähe des Hafens. Nicht von ungefähr: Seit der Antike war die Sternenkunde unerlässlich für die Schifffahrt, ohne die Gestirne hätte es keinerlei Orientierung auf den Meeren geben können. Das Interesse, Ordnung in das leuchtende Durcheinander am Firmament zu bringen, war also von jeher gerade in Hafenstädten wie Hamburg groß.

Errichtung des Teleskop-Gebäudes 1909. Der größere Vorbau kam erst 1925 hinzu. 
© Hamburger Sternwarte
Errichtung des Teleskop-Gebäudes 1909. Der größere Vorbau kam erst 1925 hinzu.

Zunehmendes Stadtlicht, das Rumpeln der Straßenbahnen, Rauch und die Erschütterungen im Hafen beeinträchtigten jedoch bald die Messungen am Millerntor. Schließlich wurde zwischen 1906 und 1912 nach Plänen von Bauinspektor Albert Erbe auf dem Gojenberg, einer kleinen Anhöhe in Bergedorf am südöstlichen Rand der Stadt, das neue Observatorium errichtet. Es entstand eine der modernsten Sternwarten Europas, ein wahrer Teleskoppark: Auf dem idyllischen Gelände stehen insgesamt fünf neobarocke verputzte Beobachtungsgebäude. Fast alle sind zusammengesetzt aus einem quadratischen Portalvorbau und dem charakteristischen Kuppelbau. Nur das 1908 errichtete Gebäude für den Meridiankreis musste ausschließlich in Nord-Süd-Richtung schwenkbar sein und hat deswegen ein Tonnendach. Lisenen an den Gebäudeecken und ein verkröpftes Gesims schmücken die meisten Vorbauten. In ihnen sind die Arbeits- und Aufenthaltsräume für die Forscher untergebracht. Ihre balustergerahmten Terrassen dienen den Astronomen dazu, ins Freie treten zu können, die Wetterlage und den Himmel in seiner Gesamtheit zu betrachten. Herzstück aber ist jeweils der Kuppelbau, denn er beherbergt das Teleskop. Obwohl die Beobachtungsgebäude strikt nach den wissenschaftlichen Erfordernissen errichtet, sie quasi um die Instrumente herum gebaut wurden, ist ein ästhetisch anrührender Ort entstanden. Die Hochachtung für die Wissenschaftler drückt sich nicht zuletzt im schlossartigen Verwaltungsbau mit seinem imposanten Bibliotheksraum und drei gediegenen Wohnhäusern aus.

In den verschiedenen Observatorien sind Teleskope aus allen Entwicklungsstufen seit etwa 1850 bis in die Gegenwart zu finden - neben der architektonischen Qualität macht dies die Hamburger Sternwarte zu einem regelrechten Denkmalschatz.

Ein ganzer Park voller Observatorien: Auf dem Luftbild ist die Gesamtanlage gut zu erkennen. Ganz rechts steht das 1-Meter-Spiegelteleskop-Gebäude. 
© Hamburger Sternwarte
Ein ganzer Park voller Observatorien: Auf dem Luftbild ist die Gesamtanlage gut zu erkennen. Ganz rechts steht das 1-Meter-Spiegelteleskop-Gebäude.

Obwohl das Außergewöhnliche und die Bedeutung des Ortes außer Frage stehen - die gesamte Anlage wurde 1996 unter Denkmalschutz gestellt und wird sogar als möglicher Kandidat für die Welterbeliste der UNESCO genannt -, ringt die Sternwarte mit ständiger Geldnot. Als 1998 Überlegungen aufkamen, das astronomische Institut an einen anderen Ort zu verlagern, gründete sich ein Förderverein. Sehr rührig bemühen sich seitdem über 100 Mitglieder, die wissenschaftliche Würde der Sternwarte zu erhalten, sie mit Hilfe von Veranstaltungen der Öffentlichkeit bekannt zu machen und Geld für die Erhaltung der Gebäude und Instrumente ­einzuwerben. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz konnte 1999 bereits bei der Restaurierung des Portalgebäudes vom Meridiankreis helfen. Aber die Größe der Anlage, die Anzahl der Bauwerke, die bemerkenswerte Ansammlung hochinteressanter Instrumente ist ebenso Quell der Freude wie Last. Jedes einzelne will gepflegt und gewartet sein, manches gar sanft aus dem Dornröschenschlaf geholt werden.

Rostschlieren und Wasserschäden zeigen die Not

Große Sorge macht zur Zeit das 1-Meter-Teleskop. Sowohl am Instrument selbst wie auch am Gebäude nagt der Zahn der Zeit. Vor der komplizierten Restaurierung des Fernrohrs steht jedoch die seines steinernen Gehäuses. Denn Feuchtigkeit dringt ins Innere ein, die Regenrinnen müssen schnellstmöglich repariert werden, wozu eventuell sogar der komplizierte Spaltschieber abgenommen werden muss. Rostschlieren ziehen sich entlang der Konstruktion, die bei Bedarf die Kuppel öffnet. Gesimsteile fallen herab, und zusätzlich erstickt luftundurchlässige Latexfarbe die Außenwand, sie platzt ab und lässt die Originalfarbe sichtbar werden. Sie stammt von 1909, als das Spiegelteleskop-Gebäude errichtet worden war, 1925 wurde es durch ein eingeschossiges Vorgebäude erweitert. Die Universität Hamburg als Hausherrin konnte in diesem Sommer die Sanierung des Anbaus in Angriff nehmen, doch für das Kuppelgebäude mit dem Teleskop fehlt das Geld.

Ein ganzer Park voller Observatorien: Auf dem Luftbild ist die Gesamtanlage gut zu erkennen. Ganz rechts steht das 1-Meter-Spiegelteleskop-Gebäude. 
© ML Preiss
Ein ganzer Park voller Observatorien: Auf dem Luftbild ist die Gesamtanlage gut zu erkennen. Ganz rechts steht das 1-Meter-Spiegelteleskop-Gebäude.

Der namensgebende, ein Meter messende Spiegel war bei seiner Indienststellung 1911 das viertgrößte Spiegelteleskop der Welt, bis 1960 das größte in Deutschland. Es ist das wohl historisch wertvollste Instrument der Hamburger Sternwarte und wurde wie die 10-Meter-Kuppel von Carl Zeiss Jena hergestellt. Fachleute bewundern auch die Entlastungsmontierung, die es bis heute ermöglicht, das 26 Tonnen schwere Ins­trument mit dem kleinen Finger zu bewegen.  

Für die Astronomiegeschichte sind nicht nur die bahnbrechenden Entdeckungen, die mit dem Teleskop gemacht und fotografisch festgehalten wurden, so interessant, sondern auch, dass es den Umbruch von der Astronomie zur Astrophysik jener Zeit mit gestaltete. Nicht mehr nur die Position und Bewegung der Himmelskörper wurde untersucht, sondern auch deren physikalische Beschaffenheit. Die besonders lichtstarken Spiegelteleskope lösten die bislang dominierenden Refraktoren, die Linsenteleskope, ab. Ein Startschuss, der vor hundert Jahren eine furiose Entwicklung auslöste. Heute baut man Teleskope mit Spiegeln von acht Metern Durchmesser und nennt sie "Very Large Telescope" oder gar "Overwhelmingly Large Telescope". Riesige Radioteleskope lauschen ins Universum, Teleskope auf ­Satelliten wie das berühmte Hubble-Weltraum­teleskop vermessen Galaxien und Sterne in Spektralbereichen.

Das 1-Meter-Spiegelteleskop im Kuppelbau. Die tonnenschwere Apparatur lässt sich noch heute mit dem kleinen ­Finger bewegen. Im Hintergrund: Die ­Uhren für die Sternzeit und die MEZ. 
© ML Preiss
Das 1-Meter-Spiegelteleskop im Kuppelbau. Die tonnenschwere Apparatur lässt sich noch heute mit dem kleinen ­Finger bewegen. Im Hintergrund: Die ­Uhren für die Sternzeit und die MEZ.

Mittlerweile richtet man auch - so paradox es klingt - unterirdische Sternwarten ein, die kleinste von Sternenexplosionen stammende Teilchen untersuchen. Bei den Zahlen, mit denen dabei jongliert wird, versagt dem Laien schnell die Vorstellungskraft: Einerseits rechnet man da mit 200 Millionen Grad Celsius bei einer Supernova, einer Sternenexplosion, andererseits versucht man, die ersten zehn Millionstel Sekunden des Universums vor 13,7 Milliarden Jahren nachzubauen. Zur Zeit findet am CERN, dem riesigen Teilchenbeschleuniger unter Tage bei Genf, diesbezüglich eine Revolution in der Weltraumforschung statt.  


Aber trotz aller Superlative: Mögen die heutigen Messinstrumente im wahrsten Sinne des Wortes Lichtjahre von denen entfernt sein, die auf dem Hamburger Gojenberg mit seinen so liebenswerten wie eleganten Kuppelgebäuden zu finden sind, ohne diese gäbe es weder Hubble noch CERN.

Ob Wissenschaftler oder interessierter Laie: Die Sternwarte bietet ideale Bedingungen, sich Teleskop für Teleskop an der astrophysikalischen Geschichte entlangzuarbeiten, zumal die Instrumente je nach Fachgebiet weiterhin unerlässlich für die Sternenbeobachtung sind - die Hamburger Astronomen spielen bis heute in der Weltliga mit. Die Observatorien erlauben traumhafte Ausblicke in zweifacher Hinsicht: ins All und auf eine wissenschafts- und kunstgeschichtlich einmalige Anlage. Langfristig, so ist geplant, soll hier ein Astronomiepark entstehen, der beide Aspekte den Besuchern nahebringen möchte, der zugleich universitär, für die Schulbildung und als Volkssternwarte genutzt werden kann.

1609 schaute Galilei das erste Mal durch ein Fernrohr auf den Mond – sicher aber konnte er nicht ein solch schönes Bild vom Mond sehen wie es 1914 das Hamburger 1-Meter-Spiegelteleskop fotografierte. 
© Hamburger Sternwarte
1609 schaute Galilei das erste Mal durch ein Fernrohr auf den Mond – sicher aber konnte er nicht ein solch schönes Bild vom Mond sehen wie es 1914 das Hamburger 1-Meter-Spiegelteleskop fotografierte.

Währenddessen kristallisiert sich in der Himmelsforschung eine Erkenntnis immer deutlicher heraus: Nicht nur alles Irdische, auch das Universum, der Kosmos, das Unendliche ist dem stetigen Verfall unterworfen. Das All wird älter und wächst, Sterne werden geboren und sterben. Auch unsere Sonne bereitet sich langsam auf ihren Untergang vor. Der wird in etwa vier Milliarden Jahren stattfinden. Ohne Sonne wird es kein Sonnensystem, keine Planeten, keine Erde und auch keine Hamburger Sternwarte mehr geben.  

Bis dahin aber unsere große Bitte an Sie: Helfen Sie mit, für die nächsten vier Milliarden Jahre einen Ort zu retten, der in bezaubernder Form vom menschlichen Wissensdrang erzählt, aber - rein von der steinernen Materie her gesehen - ein kleines bisschen von der Umlaufbahn abgekommen ist. Schenken Sie dem 1-Meter-Spiegelteleskop-Gebäude zu seinem 100. Geburtstag die Zukunft!

Beatrice Härig

Exklusiv für Monumente Online-Leser!

Dr. Agnes Seemann, Referentin im Hamburger Denkmalschutzamt, Initiatorin und langjähriges Vorstandsmitglied des Fördervereins Hamburger Sternwarte e. V., bietet am 13. und am 15. November 2008, jeweils um 15.30 Uhr, für Monumente Online-Leser Führungen auf der Hamburger Sternwarte, Gojenbergsweg 112, an. Bitte melden Sie sich an unter Tel. 040/4 28 63-3435 oder per E-Mail: agnes.seemann@bksm.hamburg.de

Interview

Lesen Sie in dieser Ausgabe auch das Interview mit Dr. Agnes Seemann (Kunsthistorikerin) und Dr. Matthias Hünsch (Astronom). Beide sind Vorstandsmitglieder des Fördervereins Hamburger Sternwarte.

ICOMOS-Symposium 

Schon dieses Jahr, drei Monate vor Beginn des Internationalen Jahres der Astronomie 2009, findet vom 14. bis zum 17. Oktober in Hamburg-Bergedorf ein hochkarätig besetztes internationales ICOMOS-Symposium statt, das astronomische Observatorien aus der Zeit um 1900 und ihre Bedeutung für das kulturelle Erbe der Menschheit zum Thema hat. Sämtliche Vorträge sind öffentlich und werden simultan ins Deutsche übersetzt.

www.math.uni-hamburg.de

Potsdamer Telegrafenberg

Lesen Sie in dieser Ausgabe auch einen Beitrag über den Großen Refraktor in Potsdam

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