Monumente Online

Ausgabe: April 2008

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Pioniertaten in der Baukunst

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Gebaut in Gottvertrauen

Kirchen aus Holz und ihre Geschichte

Die ersten christlichen Kirchen in Deutschland wurden in der Mehrzahl aus Holz errichtet und sind später durch Steinbauten ersetzt worden. So soll der Legende nach Bonifatius 724 seine erste Kapelle in Fritzlar aus dem Holz der Donareiche geschaffen haben, doch bereits 732 hat er sie durch eine steinerne ersetzt, von der er prophezeite, sie würde nie durch Feuer zerstört werden. Damit nannte er auch einen Grund, warum man bald auf Holzkirchen verzichtete, nämlich wegen der Brandgefahr.

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Die Stabkirche im norwegischen Heddal und die Schrotholzkirche von Wespen in Sachsen-Anhalt Großbildansicht

Mittelalterliche Holzkirchen gibt es vor allem in Norwegen, die sogenannten Stabkirchen. Es waren ehemals ungefähr 1.000, davon sind noch etwa 30 erhalten. Zu ihnen gehört die Kirche von Heddal, die als dreischiffiger Bau im 12. Jahrhundert entstanden ist. Der Begriff leitet sich vom konstruktiven Gerüst aus einer Vielzahl von langen Holzstäben - Masten genannt - ab. Sie sind wegen der äußeren Verkleidung mit Holzschindeln nur im Inneren zu sehen. In Hahnenklee, einem Ortsteil von Goslar, wurde 1907-08 die evangelische Gustav-Adolf-Kirche vom Architekten Mohrmann in den Formen einer norwegischen Stabkirche nachgebaut.

In den osteuropäischen Ländern baute man in armen Landgemeinden - entsprechend der Bauweise für landwirtschaftliche Gebäude - Kirchen aus runden, nur wenig bearbeiteten Baumstämmen in der sogenannten Blockbauweise. Böhmische Religionsflüchtlinge, als Exulanten bezeichnet, schufen sich 1687 in Wespen (Landkreis Schönebeck, Sachsen-Anhalt) eine Kirche aus Schrotholz, wie man diese Blockbauweise auch nennt. In Lütetsburg (Kreis Aurich, Ostfriesland) erbauten sich um 1790 die Grafen von Inn- und Knyphausen in ihrem Schlosspark eine Schrotholzkapelle als einen für romantisches Empfinden in Englischen Landschaftsparks typischen Staffagebau.

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Die Dorfkirche von Landow auf der Insel Rügen zeigt im Inneren Reste von Fachwerk. Großbildansicht

Vom hohen Mittelalter an hat man in Deutschland nur sehr selten Kirchen aus Holz errichtet. Neben der Brandgefahr war der Grund dafür wohl, dass man Holz nicht als sakralen Baustoff anerkannte. Deshalb hat man auch im 16. Jahrhundert in Landow (Landkreis Rügen) eine ältere Fachwerkkirche in einen Backsteinbau umgewandelt. Im Inneren kamen jüngst bei Instandsetzungsarbeiten die Fachwerkständer zum Vorschein.

Bei Hospitalkapellen, in denen man ja keine Sakramente austeilte, wurde die Fachwerkbauweise gelegentlich angewandt, so in Butzbach, wo der Chor noch aus dem Ende des 15. Jahrhunderts stammt. Damit ist sie die älteste Fachwerkkirche in Hessen, einem Bundesland, das besonders viele Kirchen in dieser Holzbauweise besitzt. Mit Ausnahme von Butzbach entstanden sie jedoch alle nach der Reformation, durch die das kirchliche Leben so intensiviert wurde, dass man in den abgelegenen Dörfern der waldreichen Mittelgebirge ein eigenes evangelisches Gotteshaus haben wollte, so vor allem im Vogelsberg, aber auch 1627 in Rachelshausen (Kreis Marburg-Biedenkopf). Die meist kleinen Fachwerkkirchen wurden häufig auf von Bauern gestifteten Grundstücken inmitten der Dörfer errichtet. Sie stehen deshalb etwas beengt zwischen Scheunen und Wohnhäusern, mit denen man sie verwechseln könnte, wäre da nicht der Dachreiter mit der Glocke.

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Hessische Fachwerkkirchen in Butzbach und Rachelshausen Großbildansicht

Eine der größten Holzkirchen besitzt die Stadt Clausthal-Zellerfeld (Kreis Goslar), wo man 1637-42 den Holzreichtum des Harzes für den Bau der Ev. Marktkirche nutzte. Die Holzkonstruktion ist hier waagerecht mit Brettern verkleidet. Die größten Fachwerkkirchen stehen in Schlesien, nämlich in Jauer (heute Jawor) und Schweidnitz (heute Swidnica). Ihre Entstehung als Holzbauten geht auf religiöse Intoleranz zurück. Vom Augsburger Religionsfrieden 1555 bis zum Dreißigjährigen Krieg lebten in Schlesien Katholiken und Protestanten relativ friedlich nebeneinander, dabei waren die Protestanten deutlich in der Mehrheit. Da jedoch der in Schlesien siegreiche Kaiser Ferdinand II. sich das Recht vorbehielt, die Religion seiner Untertanen zu bestimmen, wurden die evangelischen Gemeinden enteignet und mehr als 250 ihrer Kirchen an die katholische Kirche übertragen. Zum Glück hatten die Schweden als Schutzmacht der Lutheraner im Friedensvertrag von 1648 dem Kaiser das Zugeständnis abgerungen, dass in den nicht zu den habsburgischen Erblanden gehörenden Herzogtümern Liegnitz, Brieg und Münsterberg-Oels die Ausübung der evangelischen Religion zugelassen sein sollte.

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Die riesige Friedenskirche im schlesischen Jauer musste ebenso wie die in Schweidnitz (s. Kopfgrafik) in Fachwerk errichtet werden. Großbildansicht

Auch musste der Kaiser gestatten, dass in den ihm 1626 zugefallenen Herzogtümern Schweidnitz und Jauer je eine evangelische Kirche neu erbaut werden konnte. Diese mussten aber außerhalb der Stadtmauern stehen und in Holzbauweise ausgeführt werden. So entstand 1654-56 die Friedenskirche in Jauer als ein riesiger Fachwerkbau, eine dreischiffige Basilika nach Entwürfen von Albrecht von Säbisch. Der Innenraum bietet zusammen mit den Emporen und Logen Platz für 6.000 Gläubige. Diese große Zahl war erforderlich, da es das einzige Gotteshaus für die vielen evangelischen Gemeinden im Herzogtum Jauer war. Ähnlich verhält es sich bei der ebenfalls von Albrecht von Säbisch entworfenen und 1656-58 ausgeführten evangelischen Friedenskirche von Schweidnitz, deren Inneres einen Zentralraum darstellt, der zusammen mit den vier Emporen 3.000 Sitzplätze und 4.500 Stehplätze aufweist. Die stützenfrei gespannte Holzdecke stellt eine Meisterleistung des Holzbaus dar, ausgeführt von den Zimmermeistern Andreas Kämper aus Jauer und Kaspar König aus Schweidnitz. Die Friedenskirchen in Jauer und Schweidnitz dienen heute noch evangelischen Gemeinden und wurden wegen ihrer religionsgeschichtlichen Bedeutung auf Antrag der Republik Polen 2001 in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen.

Professor Dr. Dr.-Ing. E. h. Gottfried Kiesow

Kopfgrafik - Beide aus Holz errichtet: die kleine Schrotholzkapelle im Schlosspark des ostfriesischen Lütetsburg und die riesige Friedenskirche in Schweidnitz

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Kommentare anderer Leser

  • Name: Gail Schunk 22.11.2009

    In Butzbach wurde zumindest in der nachreformatorischen Zeit Kommunion ausgeteilt. Im 18. Jahrhundert wurde hier sogar getauft und wohl seit dem Mittelalter bestattet. Der Kaplan von der Markuskirche war für den Gottesdienst in der Wendelinskapelle verantwortlich.

    Am 18. Juni 1627 erschien in Butzbach eine Person aus Rachelshausen und bat um eine Spende für den Kirchenbau. Nach den Bürgermeisterrechnungen steuerte die Stadt 4 Turnose und 8 Pfennig zu dem Vorhaben bei.

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