Monumente Online

Ausgabe: April 2008

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Pioniertaten in der Baukunst

(c) Roland Rossner / (c) Roland Rossner Leitartikel

Meisterwerke über den Fluss

Geschichten um die historische Brückenbaukunst

Mit hoher Geschwindigkeit rasen in der Nacht vom 9. auf den 10. Mai 1988 drei Männer in einem dunkelblauen Lastwagen von Potsdam aus auf die Glienicker Brücke zu. Noch bevor die Grenzposten begreifen, dass es sich um einen Fluchtversuch handelt, durchbricht der Wagen sämtliche Absperrungen. Völlig zerbeult kommt er mit gerissenen Bremsschläuchen und einem geplatzten Reifen nach 200 Metern auf der Westberliner Seite zum Stehen. Die drei Männer bleiben unverletzt. Anderthalb Jahre später wird die innerdeutsche Grenze auch an diesem geschichtsträchtigen Ort geöffnet, wird die Glienicker Brücke zum Symbol der Einheit.

 (c)  Roland Rossner
© Roland Rossner
So prächtig überqueren Fußgänger die Spree auf der Oberbaumbrücke in Berlin. Großbildansicht

Brücken verbinden Stadtteile, Regionen, Länder und über den Bosporus sogar zwei Kontinente miteinander. Sie demonstrieren Völkerverständigung wie die Bogenbrücke im Gebäude der Vereinten Nationen in New York. Sie mahnen an Krieg wie die beiden Brückenköpfe, die in Remagen nach der Sprengung im Zweiten Weltkrieg übrigblieben. Sie symbolisieren Frieden, wie die neue Brücke über die Neretva in Mostar, deren Vorgängerin aus dem 16. Jahrhundert während des Bosnienkrieges zerstört wurde. Die Glienicker Brücke aber stand 40 Jahre lang für Zwietracht, denn auf ihrer Mitte verlief die Grenze zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik. Am Anfang ihrer Geschichte gab es durchaus Verbindendes: Der Große Kurfürst ließ sie nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges errichten, um schneller zwischen seinen beiden Residenzen Berlin und Potsdam hin- und herreisen zu können. Dennoch brauchte seine Kutsche von der Brücke bis zur 30 Meilen entfernten Stadtgrenze von Berlin sechs bis acht Stunden.

300 Schritte war die Glienicker Brücke, benannt nach dem benachbarten Gut Klein Glienicke, damals lang, und sie konnte in der Mitte für durchfahrende Schiffe geöffnet werden. Sie war aus Holz wie alle der frühesten uns bekannten Brücken - der Name leitet sich vom germanischen Wort für Holzgerüst "brugjo" ab. Noch bevor man sich Gedanken über die geeignete technische Realisierung von Brücken machte, nutzte man umgestürzte oder gefällte Baumstämme, um seine Lebensräume zu erweitern. Oder man stellte eine Brücke aus vielen miteinander verbundenen Booten her, wie es aus dem China des 12. vorchristlichen Jahrhunderts überliefert ist.

 (c)  Roland Rossner
© Roland Rossner
Blick auf die Steinerne Brücke, den Dom und die Altstadt von Regensburg Großbildansicht

Auch die Römer verwendeten für ihre Brücken zunächst vor allem Holz. Cäsar beschreibt in seinem Buch "De bello Gallico" recht genau die Konstruktion einer 400 Meter langen Holzbrücke, die er 55 v. Chr. in der Nähe von Bonn über den Rhein schlagen ließ. Obwohl sein Feldzug gegen die Germanen damals nahezu beendet war, demonstrierte er mit dieser Brücke noch einmal seinen Einfluss und seine Macht. Den Römern gelangen darüber hinaus Meisterwerke der steinernen Brückenbaukunst. Einige, wie die Aquädukte in Segovia und bei Nîmes beeindrucken bis heute. Bei uns sind keine römischen Brücken erhalten. Nur noch Reste, wie die Pfeiler der Trierer Römerbrücke über die Mosel. Zu den ältesten Brücken in Deutschland zählen die in Regensburg, Creuzburg und Würzburg, die an wichtigen Handelsstraßen entstanden. Die Regensburger Kaufleute hatten ein so großes Interesse an einem sicheren Donau-Übergang, der im Gegensatz zu den Fähren das ganze Jahr über genutzt werden konnte, dass sie den Bau gemeinsam finanzierten. Im Mittelalter war die Steinerne Brücke der einzige feste Übergang über die Donau zwischen Ulm und Wien.

 (c)  ML Preiss
© ML Preiss
Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hat zahlreiche Brücken in ihr Förderprogramm aufgenommen, darunter die Krämerbrücke in Erfurt. Großbildansicht

Weil man sich die enorme Ingenieurleistung nicht erklären konnte - in nur elf Jahren wurden mehr als 40.000 Kubikmeter Stein verbaut - erfand man in Regensburg eine nette Legende: Der Brückenbaumeister wettet mit dem Dombaumeister, welches Bauwerk schneller fertig wird. Als abzusehen ist, dass der Dom das Rennen macht, bietet der Brückenbaumeister dem Teufel die Seelen der ersten drei Geschöpfe, die die Brücke überqueren. Als die Steinerne Brücke tatsächlich vor dem Dom fertig wird, werden als erstes zwei Hähne und ein Hund hinübergetrieben, so dass der Teufel das Nachsehen hat. Die Figur des "Brückenmandel", das angestrengt von der Brückenmitte aus die Arbeiten am Dom beobachtet, erinnert an diese Geschichte. Auch die Krämerbrücke in Erfurt wurde an einer Handelsstraße errichtet, der Via Regia von Paris nach Kiew. Sie ist neben der Ponte Vecchio in Florenz und der Pulteney Bridge in Bath eine der wenigen Brücken, die vollständig bebaut sind. Die 32 Brückenhäuser, in denen sich Läden, Bistros, Cafés, Büros und Wohnungen befinden, tragen phantasievolle Namen wie "Zum wilden Mann & güldenen Schachtzaul" oder "Zum weißen Rade und güldenen Einhorn". Haus grenzt an Haus, so dass man beim Bummeln durch das schmale Gässchen gar nicht merkt, dass man sich auf einer Brücke befindet.

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