In seiner flammenden Schrift an die "Radherrn aller stedte deutsches lands" beklagte Martin Luther 1524 das niedrige Niveau des Schulunterrichts. Ganz unschuldig war er an dieser Entwicklung nicht, denn bis zur Reformation blieb es dem Klerus vorbehalten, Bildung zu vermitteln. Nun waren die Klöster aufgelöst und viele Lehrer geflohen. Luther forderte daher "die allerbesten Schulen (...) für Knaben und Maidlein an allen Orten aufzurichten".
"Die allerbesten Schulen – auch für die Maidlein"
Eine kleine Kulturgeschichte der Mädchenbildung
Dass er die Maidlein mit einbezog, war ungewöhnlich, denn bis zum 16. Jahrhundert blieb Mädchen der Schulunterricht meist versagt - wobei man berücksichtigen muss, dass eine gute und umfassende Bildung bis ins 20. Jahrhundert vor allem den Söhnen des Adels und des Bürgertums vorbehalten war. Eine Ausnahme bildeten Pfarr- und privat geführte Winkelschulen in den großen Handelsstädten, die auch Kaufmannstöchter aufnahmen. Die Mädchen lernten dort zwar nur vier Jahre lang Schreiben, Lesen und Rechnen - die Jungen dagegen sieben oder acht -, der Unterricht wurde aber zu Hause und in den Zünften fortgesetzt, so dass sie später die Arbeit ihrer handelsreisenden Männer übernehmen konnten. In Köln hatten Ehefrauen einflussreicher Kaufleute sogar ihre eigenen Unternehmen und Handwerksbetriebe. In der Stadt gab es vier Frauenzünfte: für die Garnmacherinnen, Seidenweberinnen, Seiden- und Goldspinnerinnen.
Doch die meisten Mädchen wurden zu Hause vor allem in den Fächern unterwiesen, die sie auf ihre traditionelle Rolle als Ehefrau und Mutter vorbereiteten. Dem konnten sie sich nur durch den Eintritt in ein Kloster entziehen. Aber auch dort wurden sie selten in den "septem artes liberales" Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Geometrie, Arithmetik, Musik und Astronomie unterrichtet, die zum Bildungskanon ihrer Brüder gehörten. Erst mit den Humanisten kam eine Diskussion über die Erweiterung des Lehrplans für Mädchen auf. Fast zeitgleich mit Luthers Schulschrift veröffentlichte Erasmus von Rotterdam seinen Dialog "Der Abt und die gelehrte Frau", in dem er das Hohe Lied der gebildeten Frau sang. Als Vorlage für die Figur der gelehrten Magdalia mag ihm Margaret, die älteste Tochter des englischen Staatsmanns und Philosophen Thomas Morus gedient haben, der großen Wert auf eine vernünftige Ausbildung seiner Töchter legte. Die 1505 geborene Margaret galt als die gebildetste Frau ihrer Zeit.
Dem Aufruf Luthers, Schulen für Jungen und Mädchen einzurichten, kamen viele Fürsten und Städte nach. In Gernrode wurde zum Beispiel 1533 auf Betreiben des Theologen Stephan Molitor eine Elementarschule gegründet, die allen Kindern der Stadt offenstand. Sie lernten dort Lesen und Schreiben, ein wenig Arithmetik - nach dem 1518 erschienenen Lehrbuch "Rechnung auff der Linihen" von Adam Ries -, die Tonleiter und den Katechismus. Die Schule wurde vom nahe gelegenen Stift unterhalten, dessen Äbtissin Elisabeth von Weida sich bereits 1521 der Reformation angeschlossen hatte. Wie der Unterricht in den Elementarschulen aussah, wird in einer württembergischen Schulordnung von 1559 deutlich. "Döchterlin" sollten "besonder gesetzt und geleert werden. Und der Schulmeister keins wegs gestatte, under einander zulauffen, oder mit einander unordentliche Gemeinsame zu haben, und zusammen zuschlieffen".
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