Monumente Online

Ausgabe: Mai 2007

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Öffentliches Bauen - Architektur für Jedermann

c) R. Rossner / c) ML Preiss Leitartikel

Die allerbesten Schulen – auch für die Maidlein

Eine kleine Kulturgeschichte der Mädchenbildung

In seiner flammenden Schrift an die "Radherrn aller stedte deutsches lands" beklagte Martin Luther 1524 das niedrige Niveau des Schulunterrichts. Ganz unschuldig war er an dieser Entwicklung nicht, denn bis zur Reformation blieb es dem Klerus vorbehalten, Bildung zu vermitteln. Nun waren die Klöster aufgelöst und viele Lehrer geflohen. Luther forderte daher "die allerbesten Schulen (...) für Knaben und Maidlein an allen Orten aufzurichten".

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Darstellung der septem artes liberales – hier die Geometrie – in der Vorhalle des Freiburger Münsters Großbildansicht

Dass er die Maidlein mit einbezog, war ungewöhnlich, denn bis zum 16. Jahrhundert blieb Mädchen der Schulunterricht meist versagt - wobei man berücksichtigen muss, dass eine gute und umfassende Bildung bis ins 20. Jahrhundert vor allem den Söhnen des Adels und des Bürgertums vorbehalten war. Eine Ausnahme bildeten Pfarr- und privat geführte Winkelschulen in den großen Handelsstädten, die auch Kaufmannstöchter aufnahmen. Die Mädchen lernten dort zwar nur vier Jahre lang Schreiben, Lesen und Rechnen - die Jungen dagegen sieben oder acht -, der Unterricht wurde aber zu Hause und in den Zünften fortgesetzt, so dass sie später die Arbeit ihrer handelsreisenden Männer übernehmen konnten. In Köln hatten Ehefrauen einflussreicher Kaufleute sogar ihre eigenen Unternehmen und Handwerksbetriebe. In der Stadt gab es vier Frauenzünfte: für die Garnmacherinnen, Seidenweberinnen, Seiden- und Goldspinnerinnen.

Doch die meisten Mädchen wurden zu Hause vor allem in den Fächern unterwiesen, die sie auf ihre traditionelle Rolle als Ehefrau und Mutter vorbereiteten. Dem konnten sie sich nur durch den Eintritt in ein Kloster entziehen. Aber auch dort wurden sie selten in den "septem artes liberales" Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Geometrie, Arithmetik, Musik und Astronomie unterrichtet, die zum Bildungskanon ihrer Brüder gehörten. Erst mit den Humanisten kam eine Diskussion über die Erweiterung des Lehrplans für Mädchen auf. Fast zeitgleich mit Luthers Schulschrift veröffentlichte Erasmus von Rotterdam seinen Dialog "Der Abt und die gelehrte Frau", in dem er das Hohe Lied der gebildeten Frau sang. Als Vorlage für die Figur der gelehrten Magdalia mag ihm Margaret, die älteste Tochter des englischen Staatsmanns und Philosophen Thomas Morus gedient haben, der großen Wert auf eine vernünftige Ausbildung seiner Töchter legte. Die 1505 geborene Margaret galt als die gebildetste Frau ihrer Zeit.

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Die Elementarschule in Gernrode Großbildansicht

Dem Aufruf Luthers, Schulen für Jungen und Mädchen einzurichten, kamen viele Fürsten und Städte nach. In Gernrode wurde zum Beispiel 1533 auf Betreiben des Theologen Stephan Molitor eine Elementarschule gegründet, die allen Kindern der Stadt offenstand. Sie lernten dort Lesen und Schreiben, ein wenig Arithmetik - nach dem 1518 erschienenen Lehrbuch "Rechnung auff der Linihen" von Adam Ries -, die Tonleiter und den Katechismus. Die Schule wurde vom nahe gelegenen Stift unterhalten, dessen Äbtissin Elisabeth von Weida sich bereits 1521 der Reformation angeschlossen hatte. Wie der Unterricht in den Elementarschulen aussah, wird in einer württembergischen Schulordnung von 1559 deutlich. "Döchterlin" sollten "besonder gesetzt und geleert werden. Und der Schulmeister keins wegs gestatte, under einander zulauffen, oder mit einander unordentliche Gemeinsame zu haben, und zusammen zuschlieffen".

Mitte des 17. Jahrhunderts richteten Ursulinen und andere Frauenorden Elementarschulen für Mädchen ein. Der Lehrplan wurde aber auch dort nicht erweitert, obwohl der Theologe Johann Amos Comenius "omnes omnia omnino", also eine umfassende Bildung für alle Kinder aller Stände forderte. Im Gynaeceum, das August Hermann Francke 1698 für "Herren Standes, adelicher und sonst fürnehmer Leute Töchter" in Halle zusammen mit einem großen Waisenhaus und anderen Einrichtungen gründete, brachte man den sechs bis fünfzehn Jahre alten Schülerinnen neben Dingen, "die zur Erbauung oder zu einem nuzz im gemeinen Leben dienlich seyn", auch Griechisch und Hebräisch bei. Doch der Standard war nicht mit dem im sogenannten Pädagogium zu vergleichen, in dem die Schüler zur geistigen und politischen Elite Preußens erzogen wurden.

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Das Alte Mägdlein-Haus der Franckeschen Stiftungen in Halle wurde mit Mitteln der Deutschen Stiftung Denkmalschutz saniert. Großbildansicht

1717 führte König Friedrich Wilhelm I. in Preußen die allgemeine Schulpflicht ein. Alle Kinder sollten vom fünften bis zum zwölften Lebensjahr in Volksschulen unterrichtet und erst entlassen werden, wenn sie lesen und schreiben konnten. Allerdings war der Zustand der Landschulen zum Teil katastrophal. Auf 50 Quadratmetern wurden manchmal 130 Kinder gleichzeitig unterwiesen. Weil sich nicht jede Gemeinde ein eigenes Schulhaus leisten konnte, fand der Unterricht oft in den Wohnstuben der Lehrer statt. Sie wurden so schlecht bezahlt, dass sie nebenher als Schuster oder Schneider, als Aderlasser oder Kuhhirt arbeiten mussten. Die kirchliche Schulaufsicht mischte sich nur ein, wenn sie erfuhr, dass die Lehrer in der Schule Alkohol oder Tabak verkauften und die Schüler für sich arbeiten ließen.

Es gab Menschen, wie den Rittergutsbesitzer Friedrich Eberhard von Rochow, die sich gegen diese Zustände wehrten. Er gründete 1773 in Reckahn die erste philanthropische Musterschule, um den Kindern durch eine gute Bildung ein besseres Leben zu ermöglichen. Von ihm stammt das Lesebuch "Der Kinderfreund", das zum Unterricht aller preußischen Landschulen bis weit ins 19. Jahrhundert gehörte und in einer Gesamtauflage von mehreren Millionen Exemplaren gedruckt wurde. Nach diesem Buch ist die Stiftung "Der Kinderfreund" benannt, die seit 2004 von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz verwaltet wird. "Der Kinderfreund" kümmert sich hauptsächlich um die Pflege und Erhaltung des historischen Schulhauses in Reckahn, in dem sich heute ein Schulmuseum mit einer umfangreichen Sammlung historischer Schulbücher befindet.

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Die erste philanthropische Musterschule in Reckahn ist heute Schulmuseum. Großbildansicht

Rühmliche Ausnahmen waren Eltern, wie einst Thomas Morus und seine Frau Alice Middleton, die den Töchtern die gleiche Bildung ermöglichten wie den Söhnen. Dieses Glück hatte auch Dorothea Christiane Erxleben, die aus einer Quedlinburger Arztfamilie stammte und 1754 in Halle zur Doctrix medicinae promovierte - nach der Geburt ihres vierten Kindes. Vorher hatte sie viele Jahre praktiziert, der Zugang zur Universität blieb ihr aber versagt. Friedrich der Große erlaubte ihr schließlich, das medizinische Examen abzulegen, das sie mit Bravour bestand. Zur Reichsgründung 1871 war in allen deutschen Ländern eine allgemeine Schulpflicht eingeführt, doch die Situation in den Volksschulen hatte sich nicht verbessert. Viele Kinder mussten bereits vor Schulbeginn zum geringen Familieneinkommen beitragen, schliefen daher während des Unterrichts immer wieder ein und hatten nach der Schule auch keine Zeit, ihre Hausaufgaben zu erledigen.

Adelheid Popp, 1869 als fünfzehntes Kind einer Weberfamilie geboren, schreibt in ihren Erinnerungen, dass ihre Mutter die 36 Kreuzer für ein Lesebuch nicht aufbringen konnte. "Da musste nun bei allen Honoratioren und einflussreichen Leuten gebeten und gebettelt werden." Die Schule stellte ihr das Buch schließlich kostenlos bereit. Bei einem Unwetter wurde es nass und unbrauchbar, ein neues konnte sich die Familie nicht leisten. Adelheids Lehrer erkannten die Not des Mädchens nicht, gaben der einstigen Musterschülerin in 'Fleiß' die schlechteste Note - wie sie sich erinnert -, "was zur Folge hatte, dass ich nach den damaligen Regeln der Dorfschule die Klasse wiederholen musste, die meine letzte überhaupt sein sollte."

Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die Mädchenbildung mit Frauenrechtlerinnen wie Louise Otto-Peters und Helene Lange zu einem zentralen Thema der Frauenbewegung wurde, verbesserte sich die Situation. Es entstanden private Bildungsvereine, wie der Verein Frauenbildungsreform, der 1893 in Karlsruhe das erste Gymnasium für Mädchen eröffnete. Für Schülerinnen der Höheren Töchter- und der Elementarschulen endete die Schulzeit aber weiterhin mit dem 15. oder 16. Lebensjahr. Was ihren Brüdern in der gymnasialen Oberstufe beigebracht wurde, konnten sie in sogenannten Lehrerinnenseminaren lernen. Heirateten sie nach Abschluss des Examens, blieb ihnen der Beruf jedoch meist versagt. Die "Anstellung weiblicher Individuen im öffentlichen Dienst auf Lebenszeit", heißt es dazu im württembergischen Volksschullehrergesetz von 1877, "steht im Widerspruch mit dem Wesen und der Natur des Weibs". Eine Regelung, die in der Bundesrepublik Deutschland bis 1957 in Kraft blieb.

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Nach der Reichsgründung wurden Mädchen und Jungen in gemeinsamen Schulgebäuden unterrichtet. Sie mussten aber getrennte Eingänge nutzen, wie bei dieser Hamburger Volksschule bis heute zu sehen ist. Großbildansicht

Das fortschrittliche Großherzogtum Baden erlaubte Mädchen bereits in den 1890er Jahren den Besuch von höheren Jungenschulen, ab 1900 durften sie an den Universitäten Freiburg und Heidelberg studieren. In Preußen gab es 1908 eine Bildungsreform, die es Mädchen fortan erlaubte zu studieren. Dennoch machten 1915 von 160.000 Schülerinnen nur 612 Abitur. Ihre Zahl steigerte sich aber von Jahr zu Jahr: Im Wintersemester 1924/25 besuchten 6.187 Studentinnen die deutschen Universitäten, im Sommersemester 1931 waren es bereits 19.394. Mit den Nationalsozialisten endete diese Erfolgsgeschichte. "Das Ziel der weiblichen Erziehung", formulierte Hitler in 'Mein Kampf', "hat unverrückbar die kommende Mutter zu sein." Er legte fest, dass jedes Jahr überhaupt nur 15.000 neue Studenten an den Universitäten zugelassen wurden, davon höchstens zehn Prozent Mädchen. Wie viele andere Einrichtungen wurde auch das Kloster Stift zum Heiligengrabe - seit 1847 Erziehungsanstalt für "Mädchen aus verarmten adeligen Familien" - der nationalsozialistischen Schulbehörde unterstellt und die Abiturklasse aufgelöst. 1939 gab es in Deutschland nur noch 5.777 Studentinnen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gingen die beiden deutschen Staaten unterschiedliche Bildungswege: Während die DDR großen Wert auf Koedukation und gut ausgebildete Frauen legte, gab es für die Mädchen in der Bundesrepublik noch bis in die 1970er Jahre eigene Lehrpläne, waren zum Beispiel an den Hauptschulen Chemie, Physik und Biologie dem Fach Hauswirtschaft untergeordnet. In seiner Schrift von 1524 hatte Martin Luther einen einstündigen Schulbesuch jeden Tag für die Maidlein und einen sechsstündigen für die Knaben empfohlen. Es sollte noch mehr als 450 Jahre dauern, bis Mädchen ganz selbstverständlich die gleichen Bildungschancen für sich in Anspruch nehmen konnten wie die Jungen.

Carola Nathan

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