Monumente Online

Ausgabe: Januar 2007

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Zu Land und zu Wasser – Historische Handelswege

(c) ML Preiss, (c) ML Preiss Leitartikel

20.000 Tonnen "Weißes Gold"

Die Alte Salzstraße von Lüneburg nach Lübeck

Die Stadt Lüneburg kann mit einer merkwürdigen Reliquie aufwarten. Köln hat seinen Dreikönigsschrein, Aachen seinen Karlsschrein - und Lüneburg ein paar Schweineknochen. Zwar haben diese keine religiöse Bedeutung und zogen auch nie Pilgerströme an. Und doch sind die tierischen Überreste, die in einer barocken Laterne an der Decke der Alten Kanzlei im Rathaus hängen, eng mit der Bedeutung der Stadt verbunden, deren enormer Reichtum ganz auf Salz gegründet war.

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Die Knochen der Salzsau in der Alten Kanzlei des Lüneburger Rathauses. Großbildansicht

Was wären Schätze ohne Legenden: Die von der Lüneburger Salzsau erzählt, wie Jäger auf das wertvolle Mineral gestoßen sein sollen. Als sie im lichten Wald ein schneeweißes Wildschwein erblickten, verfolgten sie seine Spur. So fanden sie heraus, dass sich das Tier in einem salzigen Sumpf gewälzt hatte und die Färbung der Borsten von kleinen Salzkristallen herrührte.
Dabei ist die Sole in Lüneburg wohl nie an die Oberfläche getreten. Tatsächlich liegt die westliche Altstadt über einem Salzstock, der bereits 40 Meter unter der Erde beginnt. Aus unterirdischen Quellen fließt hier eine Sole, die ungewöhnlich hoch konzentriert ist. Heute, wo Salz zu den billigsten Lebensmitteln überhaupt zählt, kann man kaum noch ermessen, wie kostbar es einmal war. In Zeiten, in denen diese Substanz die einzige Möglichkeit bot, Fisch und Fleisch zu konservieren, wurde der Rohstoff als "das weiße Gold" bezeichnet. Um fünf Fässer Heringe haltbar zu machen, benötigte man ein ganzes Fass Salz.

Im gesamten Ostseegebiet waren die Vorkommen äußerst dürftig, was die weißen Körnchen aus Lüneburg so wertvoll machte. Vom Mittelalter bis ins 16. Jahrhundert stellte die dortige Saline den wichtigsten Salzlieferanten für den ganzen nordeuropäischen Raum dar. Unter dem Markennamen Travensalz wurde es von Lübeck aus bis nach Skandinavien, ins Baltikum und nach Russland verschifft. Wann genau die Salzgewinnung in Lüneburg ihren Anfang nahm, ist ungewiss. Urkundlich erwähnt wird sie das erste Mal 956, als König Otto I. den Zoll der Saline dem Michaeliskloster zusprach. Zu diesem Zeitpunkt scheint diese also schon einen nennenswerten Gewinn abgeworfen zu haben.

Das Lüneburger Salz ist Siedesalz: Man beförderte die Sole aus den Quellen nach oben, um sie zu verkochen.

Dafür mussten die Sülzer allerdings rund um die Uhr in unerträglicher Hitze an den offenen Siedepfannen stehen. Da es zu aufwendig gewesen wäre, die Feuer immer neu zu entfachen, arbeitete man in zwei Schichten von jeweils zwölf Stunden. Selbst an hohen kirchlichen Feiertagen brannten in den über 50 Siedehütten die Öfen - mit päpstlicher Genehmigung.

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Farbige Schnitzereien zieren dieses 1538 errichtete Haus in der Lüneburger Baumstraße. Großbildansicht

In einer Urkunde von 1465 hatte das Kirchenoberhaupt lediglich für den Karfreitag ein Arbeitsverbot verfügt. Die Saline verschlang auf diese Weise Unmengen von Brennholz. Wo heute die Heide blüht, standen im frühen Mittelalter dichte Eichen- und Birkenwälder. Was als Naturschutzgebiet Lüneburger Heide einige Berühmtheit genießt, ist streng genommen eine durch Abholzung entstandene Brache.
Das Salz prägte das gesamte Wirtschafts- und Gesellschaftsleben der Stadt an der Ilmenau und verhalf ihren Bürgern zu Wohlstand und Macht. Die einzelnen Siedepfannen waren an die Sülfmeister verpachtet: Dieses sogenannte Salzpatriziat stellte den Lüneburger Rat. Auch die Kirche hatte enge, vornehmlich finanzielle Verbindungen zur Saline. Der Besitz war unter Bürgern, Adeligen und Geistlichen aufgeteilt, wobei letztere - als Sülzprälaten - im 15. Jahrhundert immerhin drei Viertel der Pfannenanteile hielten.

In mancher Hinsicht war das Salzwerk wie ein moderner Industriebetrieb organisiert und verschaffte vielen Berufsständen eine sichere Existenz. So ernährte es nicht nur die Sieder, sondern auch unzählige Böttcher und Fuhrleute.

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Im Mittelalter noch ohne Pflaster: der alte Frachtweg nördlich von Schnakenbek. Großbildansicht

Das größte Interesse am Salz hatten die Lübecker Kaufleute. Doch die begehrte Ware die gut 70 Kilometer Luftlinie hinauf Richtung Ostsee zu befördern, war in früheren Zeiten ein mühsames und langwieriges Unterfangen. Bis ins 14. Jahrhundert ging der Transport ausschließlich zu Lande vonstatten: Auf der heute so genannten Alten Salzstraße - sie war ein Teil des Systems mittelalterlicher Reichsstraßen - brauchten Fuhrwerke von der Salzstadt zur Kaufmannsstadt ganze fünf Wochen.

In Lüneburg, das über eine geschlossene historische Altstadt verfügt, kann man den Weg des Salzes von der einst gut bewehrten Saline am westlichen Rand noch nachvollziehen. Die erste wichtige Station war der "Sand". Hier sammelten sich die Pferdewagen und sorgten für ein reges Treiben. Wie der Name sagt, war der lang gestreckte Platz im Mittelalter noch ungepflastert. Auch heute ist Am Sande eine städtebaulich exponierte Anlage, gesäumt von den prächtigen Giebelhäusern der Sülfmeisterfamilien.

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Der Alte Kran am Lüneburger Hafen vor der barocken Fassade des Kaufhauses. Großbildansicht

Über die Straße Am Berge ging es weiter in Richtung Hafen, wo das Salz in großen Speicherhäusern zwischengelagert wurde. Zentrum des Lüneburger Handels - die Stadt hatte Stapelrecht - war das Kaufhaus am inneren Ilmenauhafen. Der alte Kran gleich gegenüber, der erst 1847 mit dem Anschluss an die Eisenbahn seine Funktion verlor, ist längst zum Wahrzeichen der Stadt geworden. Im frühen 14. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt, stammt er in seiner heutigen Gestalt von 1797, wobei die Konstruktion gegenüber dem mittelalterlichen Vorgänger wohl kaum verändert wurde. Der hölzerne Drehkran gehörte der Stadt, und der Kranmeister war zugleich Angestellter des Kaufhauses. Als eines der ältesten Exemplare eines historischen Tretradkrans hat er einen unschätzbaren Wert.

Vom Hafen aus wurde das Salz lose oder in Fässern nach Norden befördert.
Der historische Handelsweg, der heute gar nicht mehr so leicht nachzuvollziehen ist, verlief auf unbefestigten, oft morastigen Wegen durch kleine Dörfer zunächst über Brietlingen nach Artlenburg.

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Die Lauenburger Palmschleuse ist ein bedeutendes technisches Denkmal. Großbildansicht

Hier überquerten die Fuhrwerke die Elbe, um dann in Schnakenbek ihre Fahrt via Lütau, Pötrau und Siebeneichen durch Lauenburgisches Gebiet fortzusetzen. Mit Ausnahme von Mölln, wo kräftig Zoll kassiert wurde, führte die Salzstraße an den Städten vorbei. Hinter Mölln gabelte sich der Hauptweg später in zwei Trassen: Man fuhr entweder über Berkenthin und Krummesse oder nahm, ein Stück weiter östlich, die Route über Fredeburg und Buchholz.
Nach der Ankunft in Lübeck lagerte man das Salz, wenn es nicht gleich weiter verschifft wurde, in den "Lüneburger Salzspeichern" an der Trave ein. Den Kaufleuten der Hansestadt lag viel daran, den Transport des weißen Goldes zu verbessern. Der Landweg war nicht nur beschwerlich, sondern allein wegen der Raubüberfälle auch gefährlich.

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