Handel Verkehr Februar 2007 S

Die Alte Salzstraße von Lüneburg nach Lübeck

20.000 Tonnen "Weißes Gold"

Die Stadt Lüneburg kann mit einer merkwürdigen Reliquie aufwarten. Köln hat seinen Dreikönigsschrein, Aachen seinen Karlsschrein - und Lüneburg ein paar Schweineknochen.

Zwar haben diese keine religiöse Bedeutung und zogen auch nie Pilgerströme an. Und doch sind die tierischen Überreste, die in einer barocken Laterne an der Decke der Alten Kanzlei im Rathaus hängen, eng mit der Bedeutung der Stadt verbunden, deren enormer Reichtum ganz auf Salz gegründet war.


Was wären Schätze ohne Legenden: Die von der Lüneburger Salzsau erzählt, wie Jäger auf das wertvolle Mineral gestoßen sein sollen. Als sie im lichten Wald ein schneeweißes Wildschwein erblickten, verfolgten sie seine Spur. So fanden sie heraus, dass sich das Tier in einem salzigen Sumpf gewälzt hatte und die Färbung der Borsten von kleinen Salzkristallen herrührte.

Die Knochen der Salzsau in der Alten Kanzlei des Lüneburger Rathauses. 
© ML Preiss
Die Knochen der Salzsau in der Alten Kanzlei des Lüneburger Rathauses.

Dabei ist die Sole in Lüneburg wohl nie an die Oberfläche getreten. Tatsächlich liegt die westliche Altstadt über einem Salzstock, der bereits 40 Meter unter der Erde beginnt. Aus unterirdischen Quellen fließt hier eine Sole, die ungewöhnlich hoch konzentriert ist. Heute, wo Salz zu den billigsten Lebensmitteln überhaupt zählt, kann man kaum noch ermessen, wie kostbar es einmal war. In Zeiten, in denen diese Substanz die einzige Möglichkeit bot, Fisch und Fleisch zu konservieren, wurde der Rohstoff als "das weiße Gold" bezeichnet. Um fünf Fässer Heringe haltbar zu machen, benötigte man ein ganzes Fass Salz.

Im gesamten Ostseegebiet waren die Vorkommen äußerst dürftig, was die weißen Körnchen aus Lüneburg so wertvoll machte. Vom Mittelalter bis ins 16. Jahrhundert stellte die dortige Saline den wichtigsten Salzlieferanten für den ganzen nordeuropäischen Raum dar. Unter dem Markennamen Travensalz wurde es von Lübeck aus bis nach Skandinavien, ins Baltikum und nach Russland verschifft. Wann genau die Salzgewinnung in Lüneburg ihren Anfang nahm, ist ungewiss. Urkundlich erwähnt wird sie das erste Mal 956, als König Otto I. den Zoll der Saline dem Michaeliskloster zusprach. Zu diesem Zeitpunkt scheint diese also schon einen nennenswerten Gewinn abgeworfen zu haben.

Farbige Schnitzereien zieren dieses 1538 errichtete Haus in der Lüneburger Baumstraße. 
© ML Preiss
Farbige Schnitzereien zieren dieses 1538 errichtete Haus in der Lüneburger Baumstraße.

Das Lüneburger Salz ist Siedesalz: Man beförderte die Sole aus den Quellen nach oben, um sie zu verkochen. Dafür mussten die Sülzer allerdings rund um die Uhr in unerträglicher Hitze an den offenen Siedepfannen stehen. Da es zu aufwendig gewesen wäre, die Feuer immer neu zu entfachen, arbeitete man in zwei Schichten von jeweils zwölf Stunden. Selbst an hohen kirchlichen Feiertagen brannten in den über 50 Siedehütten die Öfen - mit päpstlicher Genehmigung.

In einer Urkunde von 1465 hatte das Kirchenoberhaupt lediglich für den Karfreitag ein Arbeitsverbot verfügt. Die Saline verschlang auf diese Weise Unmengen von Brennholz. Wo heute die Heide blüht, standen im frühen Mittelalter dichte Eichen- und Birkenwälder. Was als Naturschutzgebiet Lüneburger Heide einige Berühmtheit genießt, ist streng genommen eine durch Abholzung entstandene Brache.

Das Salz prägte das gesamte Wirtschafts- und Gesellschaftsleben der Stadt an der Ilmenau und verhalf ihren Bürgern zu Wohlstand und Macht.
Die einzelnen Siedepfannen waren an die Sülfmeister verpachtet: Dieses sogenannte Salzpatriziat stellte den Lüneburger Rat. Auch die Kirche hatte enge, vornehmlich finanzielle Verbindungen zur Saline. Der Besitz war unter Bürgern, Adeligen und Geistlichen aufgeteilt, wobei letztere - als Sülzprälaten - im 15. Jahrhundert immerhin drei Viertel der Pfannenanteile hielten.

In mancher Hinsicht war das Salzwerk wie ein moderner Industriebetrieb organisiert und verschaffte vielen Berufsständen eine sichere Existenz. So ernährte es nicht nur die Sieder, sondern auch unzählige Böttcher und Fuhrleute.

Im Mittelalter noch ohne Pflaster: der alte Frachtweg nördlich von Schnakenbek. 
© ML Preiss
Im Mittelalter noch ohne Pflaster: der alte Frachtweg nördlich von Schnakenbek.

Das größte Interesse am Salz hatten die Lübecker Kaufleute. Doch die begehrte Ware die gut 70 Kilometer Luftlinie hinauf Richtung Ostsee zu befördern, war in früheren Zeiten ein mühsames und langwieriges Unterfangen. Bis ins 14. Jahrhundert ging der Transport ausschließlich zu Lande vonstatten: Auf der heute so genannten Alten Salzstraße - sie war ein Teil des Systems mittelalterlicher Reichsstraßen - brauchten Fuhrwerke von der Salzstadt zur Kaufmannsstadt ganze fünf Wochen.

In Lüneburg, das über eine geschlossene historische Altstadt verfügt, kann man den Weg des Salzes von der einst gut bewehrten Saline am westlichen Rand noch nachvollziehen. Die erste wichtige Station war der "Sand". Hier sammelten sich die Pferdewagen und sorgten für ein reges Treiben. Wie der Name sagt, war der lang gestreckte Platz im Mittelalter noch ungepflastert. Auch heute ist Am Sande eine städtebaulich exponierte Anlage, gesäumt von den prächtigen Giebelhäusern der Sülfmeisterfamilien.

Der Alte Kran am Lüneburger Hafen vor der barocken Fassade des Kaufhauses. 
© ML Preiss
Der Alte Kran am Lüneburger Hafen vor der barocken Fassade des Kaufhauses.

Über die Straße Am Berge ging es weiter in Richtung Hafen, wo das Salz in großen Speicherhäusern zwischengelagert wurde. Zentrum des Lüneburger Handels - die Stadt hatte Stapelrecht - war das Kaufhaus am inneren Ilmenauhafen. Der alte Kran gleich gegenüber, der erst 1847 mit dem Anschluss an die Eisenbahn seine Funktion verlor, ist längst zum Wahrzeichen der Stadt geworden. Im frühen 14. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt, stammt er in seiner heutigen Gestalt von 1797, wobei die Konstruktion gegenüber dem mittelalterlichen Vorgänger wohl kaum verändert wurde. Der hölzerne Drehkran gehörte der Stadt, und der Kranmeister war zugleich Angestellter des Kaufhauses. Als eines der ältesten Exemplare eines historischen Tretradkrans hat er einen unschätzbaren Wert.

Vom Hafen aus wurde das Salz lose oder in Fässern nach Norden befördert.
Der historische Handelsweg, der heute gar nicht mehr so leicht nachzuvollziehen ist, verlief auf unbefestigten, oft morastigen Wegen durch kleine Dörfer zunächst über Brietlingen nach Artlenburg.

Die Lauenburger Palmschleuse ist ein bedeutendes technisches Denkmal. 
© ML Preiss
Die Lauenburger Palmschleuse ist ein bedeutendes technisches Denkmal.

Hier überquerten die Fuhrwerke die Elbe, um dann in Schnakenbek ihre Fahrt via Lütau, Pötrau und Siebeneichen durch Lauenburgisches Gebiet fortzusetzen. Mit Ausnahme von Mölln, wo kräftig Zoll kassiert wurde, führte die Salzstraße an den Städten vorbei. Hinter Mölln gabelte sich der Hauptweg später in zwei Trassen: Man fuhr entweder über Berkenthin und Krummesse oder nahm, ein Stück weiter östlich, die Route über Fredeburg und Buchholz. Nach der Ankunft in Lübeck lagerte man das Salz, wenn es nicht gleich weiter verschifft wurde, in den "Lüneburger Salzspeichern" an der Trave ein. Den Kaufleuten der Hansestadt lag viel daran, den Transport des weißen Goldes zu verbessern. Der Landweg war nicht nur beschwerlich, sondern allein wegen der Raubüberfälle auch gefährlich.

So schufen die Lübecker ab 1391 einen Wasserweg für das Salz, indem sie die Flüsschen Stecknitz und Delvenau durchgehend schiffbar machten. Der neue Kanal, der sieben Jahre später vollendet war, verband die Travestadt mit Lauenburg an der Elbe. Mit der Stecknitzfahrt wurde die erste künstliche Wasserstraße in Nordeuropa eingerichtet. Die Wasserscheide bei Mölln mit 13 Schleusen zu überwinden - weitere kamen später hinzu -, war in der damaligen Zeit eine technische Meisterleistung. Die Palmschleuse bei Lauenburg, 1393 aus Holz gebaut und 1724 in Stein erneuert, stellte den Übergang zur Elbe her. Ganze 500 Jahre war die älteste Kammerschleuse Europas in Betrieb.

Endstation der "nassen Salzstraße": die Obertrave in Lübeck. 
Endstation der "nassen Salzstraße": die Obertrave in Lübeck.
Endstation der "nassen Salzstraße": die Obertrave in Lübeck.

Der Jubel muss groß gewesen sein, als im Juli 1398 die ersten mit Salz beladenen Schiffe in der Hansestadt eintrafen. Der Kanal brachte sogar einen eigenen Berufsstand hervor: Die Stecknitzfahrer, die sich ab dem 15. Jahrhundert in einer Schiffergilde zusammengeschlossen hatten, wohnten in Lübeck an der Obertrave.

Am Schnittpunkt aller Wege: Mölln mit Rathaus und St. Nikolai. 
© ML Preiss
Am Schnittpunkt aller Wege: Mölln mit Rathaus und St. Nikolai.

Wegen der geringen Wassertiefe transportierten sie das Salz in flachen Holzkähnen. Diese Prahmen mussten über lange Strecken getreidelt werden - eine Arbeit, die die Bewohner der am Kanal liegenden Dörfer verrichteten. Für den ersten Abschnitt der Wasserstraße von Lüneburg bis Lauenburg konnten natürliche Gegebenheiten genutzt werden: Ilmenauabwärts gelangten die Schiffe bei Zollenspieker auf die Elbe und mussten dann noch ein gutes Stück nach Osten fahren. Bei Lauenburg wurde die Fracht auf die Stecknitzkähne umgeladen. Die Verschiffung des Salzes brachte einen deutlichen Zeitgewinn. Zwar war die Strecke der "nassen Salzstraße" sehr viel länger als der Frachtweg zu Lande, konnte aber in drei bis vier Wochen bewältigt werden. Dabei gab es auch die Möglichkeit, Land- und Wasserroute zu kombinieren. In Mölln liefen alle Wege, so oder so, zusammen.

Zur Blütezeit im 15. und 16. Jahrhundert, wenn von Januar bis Dezember über 20.000 Tonnen Salz die Saline verließen, machten sich jedes Jahr mehr als 1.000 Schiffe auf den Weg nach Lübeck. Mit diesen Zahlen war der Handel mit dem Travensalz allerdings schon an seinem Zenit angelangt. Nachdem das in den Meeressalinen der Atlantikküste gewonnene, billigere "Bayensalz" auf den nordeuropäischen Markt gedrängt war, begann im 17. Jahrhundert der allmähliche Rückgang der Produktion.

Von Stecknitzfahrern in Mölln gestiftet: Kirchenstuhl von 1576 in St. Nikolai. 
© ML Preiss
Von Stecknitzfahrern in Mölln gestiftet: Kirchenstuhl von 1576 in St. Nikolai.

Auch als die Lüneburger Saline ihre Monopolstellung eingebüßt hatte, behielten die trockene und die nasse Salzstraße ihre wichtige Funktion als Frachtweg. Dies änderte sich erst Mitte des 19. Jahrhunderts, als neue Strecken durch die Eisenbahn erschlossen wurden. 1896 fand die letzte Stecknitzfahrt statt: Die historische Wasserstraße wurde durch den vier Jahre später eröffneten Elbe-Trave-Kanal abgelöst, den man größtenteils auf der alten Kanaltrasse gebaut hatte.

Mittlerweile ist auch das berühmte Lüneburger Salz, das zuletzt noch nach Skandinavien und Westafrika exportiert wurde, Geschichte. Nach über 1.000 Jahren musste die Saline 1980 ihre Pforten schließen - durch den hohen Verbrauch an Heizöl war die Herstellung nicht mehr wirtschaftlich.

Lüneburgs malerische Altstadt: Auf dem Meere mit St. Michaelis. 
© ML Preiss
Lüneburgs malerische Altstadt: Auf dem Meere mit St. Michaelis.

Ein geplantes Einkaufszentrum drohte die restlichen Spuren des traditionsreichen Industriegeländes zu vernichten. Dies konnte zum Glück verhindert werden: Das letzte große, ab 1923 errichtete Siedehaus wurde unter Denkmalschutz gestellt, 1989 eröffnete hier das Deutsche Salzmuseum. Die Denkmalpflege hat jedoch nur einen Teilsieg errungen: Den größeren Teil des Gebäudes nimmt ein Supermarkt ein. Lüneburgs bedeutendes Erbe hat auch seine negativen Seiten: Durch jahrhundertelanges Auslaugen des Salzstocks ist ein Teil der Altstadt immer weiter abgesackt. Im Senkungsgebiet mussten ganze Häuserzeilen abgerissen und neu errichtet werden. Dennoch bietet die einstige Salzmetropole heute ein weitgehend einheitliches Bild.

Wenn Lüneburg Einheimische und Touristen verzaubert, wenn Flecken wie das Wasserviertel rund um den Hafen sich ihren Charme und ihre Lebendigkeit bewahrt haben, so ist das vor allem dem Arbeitskreis Lüneburger Altstadt (ALA) zu verdanken. Der 1974 gegründete Verein setzt sich mit beispielhaftem bürgerschaftlichen Engagement für die Bewahrung der Bau- und Kulturdenkmale ein. Allein für die Restaurierung des Alten Krans, die er 1999 bewerkstelligte, brachte der ALA 60.000 Euro Eigenmittel auf und übernahm damit den Löwenanteil der Kosten. Die restlichen 15.000 Euro steuerte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz bei. Sie hat darüber hinaus in der Stadt Sanierungsmaßnahmen im historischen Rathaus, an zwei Kirchen sowie mehreren Bürgerhäusern gefördert.

Doch nicht nur in Lüneburg selbst, auch am Rande der Wege, die das weiße Gold zum Meer nahm, sind unzählige Kunstschätze und technische Denkmale in reizvolle Landschaften eingebettet. Schon lange gibt es die Touristik-Route "Alte Salzstraße", die allerdings nicht der mittelalterlichen Trasse entspricht, sondern größtenteils am heutigen Elbe-Lübeck-Kanal entlangführt. Manche Kleinode, wie der Nikolaihof in Bardowick, müssen erst noch entdeckt werden: Im Mittelalter als Leprosenhaus vor den Toren Lüneburgs eingerichtet, stand die Anlage nahe der Ilmenau bisher im Schatten des mächtigen Bardowicker Domes.

Die Ursprünge von St. Nikolai in Bardowick reichen ins 14. Jahrhundert zurück. 
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Die Ursprünge von St. Nikolai in Bardowick reichen ins 14. Jahrhundert zurück.

Mittlerweile ist das verträumte Ensemble um die Kapelle mit einer "Historischen Radtour" in die Europäische Route der Backsteingotik integriert. Ein kleiner Abstecher, jenseits der Hauptverkehrsstraßen lohnt immer: Schließlich will man hier, in den Sümpfen der Flussniederung, einst die Salzsau aufgespürt haben.

Dr. Bettina Vaupel

Tourist Information, Am Markt 21335 Lüneburg, Tel. 04131/ 2 07 66 20

Deutsches Salzmuseum/Industriedenkmal Saline Lüneburg, Sülfmeisterstraße 1, 21335 Lüneburg, Tel. 04131/4 50 65

Herzogtum Lauenburg Marketing und Service GmbH, Junkernstraße 7, 23909 Ratzeburg, Tel. 04541/80 21 10

Elbschiffahrtsmuseum, Elbstraße 59, 21481 Lauenburg, Tel. 04153/59 99 35

Europäische Route der Backsteingotik