Monumente Online

Ausgabe: Mai 2006

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Brunnen, Bäder, Talsperren – Baukunst rund ums Wasser

(c)ML Preiss Leitartikel

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Immer mehr Wassertürme sind nur noch leere Meisterwerke der Baukunst

Stolz überragen sie Städte und Landschaften, sie machen Kirchtürmen und Schornsteinen Konkurrenz. Einige zeigen ihre Funktion mit architektonischer Schlichtheit, andere können leicht mit Burg- oder Schlosstürmen verwechselt werden. Heute jedoch werden sie kaum noch beachtet. Viele Menschen wissen nicht einmal, welchen Zweck sie haben oder einst hatten. Dabei sind die Wassertürme herausragende Denkmale der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung des 19. und 20. Jahrhunderts.

Ob als Trinkwasser oder zur Körperpflege, für Gewerbezwecke oder auch zum Löschen von Bränden - Wasser bedeutet Leben. Während man sich in unseren Breiten bis ins 19. Jahrhundert zumeist mit dem Brunnen "vor der Haustür" begnügte, gab es in den antiken Städten bereits eine zentrale Wasserversorgung. So sprudelten in Rom ständig die Brunnen, die Bürger konnten ihren hohen Bedarf kostenlos decken. Das Wasser wurde regelrecht verschwendet. Vornehme Römer badeten bis zu siebenmal täglich. Das von weit herangeführte Wasser wurde am Rande der Stadt in hochgelegene "castella" gepumpt, deren Aufgabe in der Verteilung auf die Brunnen der Stadt bestand. Da man sich nicht in der Lage sah, das Wasser für längere Zeit frisch zu halten, waren die Behälter nur klein. Damit es durch die Leitungen fließen konnte, achtete man stets auf das nötige Gefälle, auch wenn dazu sehr aufwendige Bauten errichtet werden mussten. Die Aquädukte sind noch heute beredte Zeugnisse dieser Zeit. Bei aller komplizierten Technik nutzten die Römer kaum den Effekt, dass Wasser unter bestimmten Bedingungen auch "nach oben" fließen kann, obwohl solche Anlagen bereits aus früheren Kulturen bekannt waren.

Die Bautzener Alte Wasserkunst oberhalb der Spree gehört zur berühmten Silhouette der Stadt in der Oberlausitz. (c) ML Preiss
© ML Preiss
Die Bautzener Alte Wasserkunst oberhalb der Spree gehört zur berühmten Silhouette der Stadt in der Oberlausitz. Großbildansicht

Mit dem Untergang des Römischen Reiches verloren die Wasserleitungen ihre Bedeutung, der wesentlich geringere Bedarf wurde aus Brunnen und Zisternen gedeckt. Erst mit dem Wachstum der Städte am Ausgang des Mittelalters begann man sich wieder um eine öffentliche Wasserversorgung zu kümmern. Sogenannte Wasserkünste halfen, die Bürger und das sich entwickelnde Gewerbe zu versorgen. Eine dieser Anlagen finden wir noch heute in Bautzen. Denn die Einwohner der auf einem Granitsockel gelegenen Stadt hatten kaum Zugang zu Brunnen. So entstand bereits 1495/96 eine erste hölzerne Wasserkunst, die 1558 von Wenzel Röhrscheidt d. Ä. durch einen steinernen Turm ersetzt wurde. Wegen des steigenden Wasserbedarfs kam 1606-10 zu dieser Alten Wasserkunst die sogenannte Neue Wasserkunst am Neutor hinzu. Das Wasser der Spree wurde in den Türmen bis auf eine Höhe von 40 Metern hochgepumpt - für die damalige Zeit eine technische Meisterleistung, nutzte man hier doch erstmalig Pumpen, die sonst nur im Bergbau zur Entwässerung eingesetzt wurden. Interessant ist auch, dass die Türme in Bautzen zur Stadtbefestigung gehörten und damit die Wasserversorgung von außen nicht gestört werden konnte. Aus den Hochbehältern in den Wasserkünsten wurden die sogenannten Röhrbütten auf den Plätzen der Stadt gespeist. Ähnlich wie bei den römischen "castella" dienten die Behälter aber nur der Verteilung des Wassers, denn sie fassten gerade einmal drei Kubikmeter.

Etwa aus derselben Zeit sind Wasserkünste in Augsburg, Nürnberg und anderen Städten bekannt. Weitere Wasserkünste des 17. und 18. Jahrhunderts dienten der Versorgung von Schlössern sowie der Speisung der Wasserspiele in den Schlossparks.

Im 19. Jahrhundert wuchsen viele Städte wegen der fortschreitenden Industrialisierung geradezu explosionsartig. Dabei wurde die Wasserversorgung durch Brunnen unmittelbar am Haus für die gedrängt wohnenden Bewohner lebensbedrohend, Seuchen breiteten sich aus. Denn unmittelbar dort, wo das Trinkwasser entnommen wurde, entsorgte man auch die Abwässer. Und als es 1842 in Hamburg zu einem Stadtbrand kam, gab es keine ausreichenden Wasservorräte, um ihn zu löschen. Fast ein Fünftel der Stadt fiel den Flammen zum Opfer. Deshalb entstand hier 1848 die erste zentrale Wasserversorgung in Deutschland, wenige Jahre später folgten Berlin und nach und nach weitere Städte.

Der 1877 errichtete Berliner Wasserturm im Stadtbezirk Prenzlauer Berg. Das Standrohr rechts diente einst zum Druckausgleich des ersten Erdbehälters von 1856. (c) ML Preiss
© ML Preiss
Der 1877 errichtete Berliner Wasserturm im Stadtbezirk Prenzlauer Berg. Das Standrohr rechts diente einst zum Druckausgleich des ersten Erdbehälters von 1856. Großbildansicht

Bei einer modernen öffentlichen Wasserversorgung sind zwei Probleme zu lösen, die in früheren Zeiten so nicht auftraten. Zum einen soll das Wasser auch an Zapfstellen in den höher gelegenen Wohnungen der Mietshäuser zur Verfügung stehen, und zum anderen muss es möglich sein, sich auf den sehr ungleichmäßigen Verbrauch des kostbaren Trinkwassers einzustellen. Da die durch Dampfmaschinen betriebenen Pumpen nur gleichmäßig arbeiten konnten, war es nötig, Behälter zwischen Wasserwerk und Verbraucher einzurichten, die sowohl der Speicherung als auch dem Druckausgleich dienten.

Zur Versorgung der höherliegenden Abnehmer folgt man dem "Prinzip der kommunizierenden Röhren", nach dem sich in untereinander verbundenen Rohrsystemen überall der gleiche Wasserstand einstellt. Der ausreichende Versorgungsdruck entsteht, wenn die Speicher höher liegen als die Zapfstellen. In bergigen Regionen baute man deshalb hochgelegene Erdbehälter, im Flachland aber war ein Gebäude nötig - ein Wasserturm. Enthält der Turm einen Behälter mit einem Fassungsvermögen von einigen Hundert bis zu mehreren Tausend Kubikmetern, so ist gleichzeitig die Pufferwirkung gewährleistet.

Wasserhochbehälter zur Druckerzeugung und zur Speicherung des Wassers wurden auch für die Eisenbahnen verwendet, mussten doch die Dampflokomotiven in kurzer Zeit mit einer großen Wassermenge gespeist werden.

Mit Eisen - später Stahl - stand ein haltbares Material zur Verfügung, aus dem große Behälter gebaut werden konnten, doch eine passende Form musste noch gefunden werden. Zunächst wurden die aus dem Holzbau bekannten Kästen eingesetzt, später kamen zylinderförmige Behälter - erst mit flachen Böden, dann mit so genannten Hängeböden - dazu. Genaue Untersuchungen der Druckverhältnisse und der Statik des Unterbaus führten zu weiteren Verbesserungen. Der Aachener Ingenieur Otto A. Intze (1843-1904) entwickelte zwei Arten von Stützbodenbehältern, und Georg Barkhausen konstruierte 1898 einen Kugelbodenbehälter, der zunehmend Verwendung fand. Zu weiteren Veränderungen - auch bei der Form der Behältern - kam es um 1900 mit der Einführung von Stahlbeton als gut formbarem und wartungsarmem Material.

Barkhausenbehälter in einem Wasserturm in Berlin-Westend (c) M. Wilhelmi
© M. Wilhelmi
Barkhausenbehälter in einem Wasserturm in Berlin-Westend Großbildansicht

Betrachten wir die Wassertürme - besonders jene für die öffentliche Versorgung in den Städten - so ist deren technisches Innenleben nur selten zu erkennen. Der Stolz auf die große soziale Leistung drückt sich in der Architektur aus: Bis um 1900 entstanden kraftvolle Bauwerke im historisierenden Stil - Kirchtürmen oder Burgen nachempfunden -, später entwarfen auch Vertreter des Jugendstils und des Expressionismus eindrucksvolle Wassertürme. Oftmals bildeten sie den Kern neugeschaffener Stadtviertel, und sie prägen - nicht nur durch ihre Höhe - das Stadtbild.

Ein ganzes Stadtviertel wurde sternförmig auf den Jugendstilwasserturm in Mönchengladbach ausgerichtet.  (c) B.Reimann
© B.Reimann
Ein ganzes Stadtviertel wurde sternförmig auf den Jugendstilwasserturm in Mönchengladbach ausgerichtet. Großbildansicht

In den letzten Jahrzehnten entstanden Wasserwerke mit einer neuen Pumptechnik, die den Wasserdruck nach dem jeweiligen Verbrauch regeln können. Deshalb sind viele der häufig unter Denkmalschutz stehenden Wassertürme heute leider ungenutzt. Doch wir finden in den Gebäuden auch Galerien, Atelierwohnungen, Architekturbüros, ja sogar ein Hotel in Köln und eine Wetterstation in Berlin-Steglitz. Und in Mülheim an der Ruhr ist ein Museum entstanden, das sich dem Wasser und seiner Nutzung durch den Menschen widmet. Leider musste bei diesen Umnutzungen oftmals das "Innenleben" der Wassertürme entfernt werden, doch bleibt so wenigstens das "herausragende" Bauwerk bestehen.

Eine der wenigen Städte, in der die Wassertürme noch in Funktion sind, ist Mönchengladbach am Niederrhein. Zusätzlich zu dem 1880 im Stadtteil Dahl entstandenen Ziegelbau und dem Wickrather Wasserturm von 1890 ließ die Stadt 1908/09 einen Jugendstilbau errichten - ein sehr eindrucksvolles Denkmal städtischen Repräsentationswillens und einen der schönsten Wassertürme in Deutschland.

Dieser Turm mit seinen zwei Behältern bietet heute nicht nur Wasserdruck für etwa 50.000 Bürger, er ist auch ein Anziehungspunkt für Menschen aus nah und fern. Nach anstrengendem Aufstieg hat man einen wunderbaren Rundblick über Mönchengladbach und das Land am Niederrhein, aber auch einen guten Einblick in die Technik zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Und einen besonderen Reiz hat das Angebot, das die Niederrheinische Versorgung und Verkehr AG Künstlerinnen und Künstlern macht: Jeweils für zwei Jahre können sie die ehemalige Pumpenwärterwohnung im Wasserturm als kostenfreies - wenn auch nicht (pumpen)geräuschfreies - Atelier nutzen.

Dr. Dorothee Reimann

Wasserturm Mönchengladbach
Viersener Straße
Besichtigung: März - August
jeweils 1. Samstag im Monat,
10, 11 und 12 Uhr

Kopfgrafiken: Wasserturm Nord in Halle/Saale (links), Wasserkunst in Bautzen (rechts, beide Fotos: ML Preiss)

Weitere Infos im WWW:

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