Monumente Online

Ausgabe: März 2005

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Wettlauf mit dem Verfall - Kirchen in Not

Georgenkirche Denkmal im Blickpunkt

"Den besten Rock für St. Georgen"

Der Wiederaufbau der Georgenkirche in Wismar

Aus der Entfernung betrachtet - egal ob von Wasser oder Land - schreibt sich das mecklenburgische Wismar einem Reisenden stets als eine Stadt der Kirchen ins Gedächtnis. Der rhythmische Dreiklang von St. Georgen im Westen, St. Marien im alten Stadtzentrum und St. Nikolai im Hafenviertel bestimmt schon seit Jahrhunderten die unverwechselbare Silhouette der alten Hansestadt. Nicht zuletzt deshalb haben die Luftminen, die im April 1945 auf die Sakralbauten niedergingen, die Stadt buchstäblich in ihrem Nerv getroffen: St. Marien blieb mit schweren Schäden an Langhaus und Chor zurück, St. Georgen ohne seine schützenden Dächer und Gewölbe, St. Nikolai kam mit schweren Zerstörungen am Dach gerade noch einmal davon. Wie offene Wunden wirkten die größten sakralen Baudenkmale seitdem und schrieben ihre Botschaft gegen Krieg und Zerstörung in den Himmel über der Stadt. Das weitere Schicksal der drei eng verwandten Backsteinriesen sollte nach dieser Katastrophe nie mehr wieder im Einklang verlaufen: St. Nikolai wurde noch in den 1950er Jahren notdürftig saniert, St. Marien im August 1960 bis auf den Turm gesprengt, St. Georgen überdauerte die DDR-Zeit als Ruine.

Deutschlands größte Kirchenruine

Für St. Georgen, die jüngste der Wismarer Backsteinkirchen, kam die Wende gerade zur rechten Zeit. Nach dem spektakulären Einsturz des hohen Nordgiebels im Januar 1990 stand das "Sein oder Nichtsein" der vormaligen Neustadt-Kirche nämlich unweigerlich auf der Tagesordnung.

 (c) ML Preiss
© ML Preiss
Als Torso überdauerte St. Georgen die DDR. Großbildansicht

Immer wieder hatte man in den zurückliegenden Jahren Schritte zum Wiederaufbau der Kirche unternommen, war jedoch in den meisten Fällen in einem Dickicht von einander widersprechenden Bestimmungen und nur mühsam kaschiertem staatlichen Desinteresse buchstäblich stecken geblieben. Beherztem Engagement von Bürgern und Denkmalpflegern war es zu danken, dass die Sprengung von Sakristei und Fürstenempore 1961, die Abnahme eines Eckturms am Südquerhaus 1973, der Kollaps der den Bau mehr als 20 Jahre nutzlos flankierenden Gerüste 1977 oder der drohende Einsturz des Dachreiters zur gleichen Zeit nicht den Auftakt bildeten für den Abriss des gesamten Bauwerks. Dass es dann, ein Dutzend Jahre später, der Runde Tisch war, der über Wohl oder Wehe der Kirche entscheiden musste und in dem Wiederaufbau der mächtigen Kirche ein Symbol für das Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten erblickte, zählt zu einem der Glücksfälle in der Geschichte von "sanct Georg", mittelniederdeutsch "sunte Jürgen", umgangssprachlich: St. Georgen.

Die breit gelagerte Kirchenburg, deren zu einem Stummel verkümmerter dicker Turm etwas vorwitzig eine sanfte Anhöhe im Wismarer Stadtbild markierte, hat seit dem couragierten Appell der Erneuerer rasch ihr Aussehen verändert: Das einstige Mahnmal gegen Krieg und Zerstörung hat mit jeder Lage neuer Steine, mit jedem gesicherten Pfeiler, jedem neu verglasten Fenster mehr Symbolcharakter angenommen für den gegenwärtigen Wiederaufbauwillen und das so oft vermisste Miteinander von Ost und West. Zehn Jahre nach der Wende ist das Dach der Kirche mit Ausnahme der Turmseitenschiffe wieder gedeckt, schon finden regelmäßig Kulturveranstaltungen auf der Baustelle statt, ist das Ende der Bauarbeiten in greifbare Nähe gerückt. Bürgerengagement benötigt St. Georgen jedoch noch immer - aber das gehört schon so lange zum Alltag der Kirche, wie sie existiert.

Das, was heute die Silhouette der Hansestadt wieder so markant komplettiert, ist das Ergebnis einer langen Baugeschichte und zugleich ein Konglomerat aus mehreren Bauabschnitten: Der vergleichsweise niedrige basilikale Chor gehört zum zweiten Bau der Kirche, der im 14. Jahrhundert jedoch nie über diesen Gebäudeteil hinausgewachsen ist. Das mächtige Langhaus mitsamt der Turmanlage beschreibt den dritten und letzten Bau aus dem nachfolgenden Jahrhundert, der als Hallenkirche geplant und als Basilika vollendet wurde. Im Bereich der Vierung trafen die beiden Bauten aufeinander - hier sind auch noch Spuren des im 13. Jahrhundert errichteten ersten Baus von St. Georgen zu erkennen, an dessen dreischiffiges, fünfjochiges Langhaus sich der Chor des zweiten Baus anfügte. Wie der zweite, so wurde auch der dritte Bau niemals vollendet. Der mächtige Westturm, von dem man annehmen kann, dass er ähnlich gewaltig wie der Marienkirchturm geplant war, ist in Wirklichkeit nie gebaut worden. Auf den massigen Fundamenten ruht stattdessen der erwähnte kleine bedachte Stummel, der der Kirche, von Westen betrachtet, eher den Charakter einer Festung verleiht als den eines Sakralbaus.

 (c) H. Volster
© H. Volster
Die Schönheit des gewaltigen Bauwerks bestärkte die Fachleute, die Kirche wieder aufzubauen. Großbildansicht

Es liegt nahe, anzunehmen, dass ausbleibende Spenden verantwortlich dafür waren, dass der dritte Bau der Georgenkirche auch nach fast hundertjähriger Bauzeit nicht gänzlich vollendet werden konnte. Die zu dieser Zeit etwa 5000 Einwohner zählende Hansestadt muss man sich im ausgehenden 14. und beginnenden 15. Jahrhundert nämlich wie eine große Baustelle vorstellen, die nicht nur bei St. Georgen auf Spenden angewiesen war. Kurz zuvor hatte die nur hundert Meter von Georgen entfernte Hauptpfarrkirche der Altstadt, St. Marien, einen prächtigen Neubau erhalten, und auch St. Nikolai, die dem Patron der Seefahrer und Kaufleute geweihte, nur unwesentlich jüngere Kirche im Hafenviertel, bedurfte der Großherzigkeit der Bürgerschaft. Georgen, die Pfarrkirche der im 13. Jahrhundert noch Neustadt genannten Stadterweiterung, komplettierte das Terzett, das sich - nach dem Vorbild der Lübecker Marienkirche - ein neues Gewand verschrieben hatte.

Die gewaltigen Neubauten sollten von dem gewachsenen Reichtum der Stadt zeugen und von dem Willen, ihre Macht und Bedeutung auch nach außen hin sichtbar zu dokumentieren. Dennoch war Hansereichtum nicht gleichbedeutend damit, dass der Rat etwa auch bereit oder in der Lage gewesen wäre, die Bauwerke aus eigenen Mitteln zu finanzieren. Hier war von Beginn an bürgerschaftliches Engagement gefragt. Wohl und Wehe der Kirchenbauten hingen ganz wesentlich davon ab, ob es den verantwortlichen, vom Rat gestellten "Werckmeistern" gelang, die notwendigen Mittel für den Bau aufzutreiben - spätmittelalterliches "fundraising", das große Geschicklichkeit, aber auch die notwendigen Verbindungen voraussetzte.

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Jeder Blick auf die Etappen der Sanierung erfüllt heute mit Zufriedenheit. Großbildansicht

Die neue Kirche wuchs schließlich immer nur so weit, wie die erforderlichen Gelder vorhanden waren. Auch Kuriosa der Baugeschichte - die Tatsache etwa, dass das Langhaus von St. Georgen von den Kappellen her aufgebaut wurde - erklären sich ausschließlich aus dem notorischen Geldmangel. Aus dem Verkauf der Kappellen - denn nicht nur Epitaphien, Grablegen und Fenster wurden verkauft, sondern auch die repräsentativen Einsatzkappellen - konnte die Bauleitung den Aufbau der Obergadenwände finanzieren; so wuchs die Kirche und ermutigte andere, das Ihre zur Fertigstellung zu tun. Die geschickten Bauleute verkauften neben Ausstattungen und Kappellenanbauten auch Renten und - mit bischöflichem Segen - Ablässe. Man warb um testamentarische Verfügungen, um Spenden und Sachzuwendungen, um Kohle, Wachs und Leinen. Der Bäckermeister Hans Gruder etwa gab 1460 seinen besten braunen Rock für den Weiterbau der Stadtkirche. Im ausgehenden 19. Jahrhundert wiederum ist es nur einer großzügigen testamentarischen Verfügung zu danken, dass der über zehn Meter breite, mit vierzig Schnitzfiguren ausgestattete Hauptaltar aus der Zeit um 1430 nicht etwa achtlos entfernt, sondern restauriert worden ist. Blieben die Mittel jedoch über längere Zeit hinweg aus, stockten der Bau bzw. seine Instandsetzung - im frühen 15. Jahrhundert war das für mehr als dreißig Jahre der Fall. Heutige Spender und Stifter setzen, das zeigt die fast 700-jährige Geschichte von St. Georgen, eine ebenso bemerkenswerte wie lange Tradition bürgerschaftlichen Engagements fort.

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