Monumente Online

Ausgabe: April 2012

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Innenräume und Restaurierung

(c) ML Preiss, Eigentümer: Staatliches Museum Schwerin /(c) ML Preiss, Eigentümer: Sammlung Christian Ludwig Herzog zu Mecklenburg Streiflicht

Kaum zu glauben: alles Pappe!

Schloss Ludwigslust hat sich ein prachtvolles Denkmal aus Papiermaché gesetzt.

Wie kein anderes hat Schloss Ludwigslust in Mecklenburg-Vorpommern die Kunst des schönen Scheins bewahrt. Bei einem Rundgang - das Schloss dient seit 1986 als Museum für höfische Kunst und Wohnkultur des 18. und 19. Jahrhunderts - ist nicht zu erkennen, was von der Ausstattung aus "Ludwigsluster Carton" besteht. Dürfte man es anfassen, käme man der Illusion auf die Spur: Eine etwa zwanzig Zentimeter hohe bronzene Männerbüste aus dem 18. Jahrhundert wiegt so leicht wie eine Schachtel aus Styropor. Die vermeintliche Bronze ist nur aufgemalt, die Büste aus Papiermaché gefertigt - eine perfekte Täuschung.

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Auch vor seiner Restaurierung war der Goldene Saal strahlender Mittelpunkt von Schloss Ludwigslust. Sämtlicher Schmuck wie Zierleisten, Kapitelle, Deckenschmuck, Girlanden und Wandleuchter bestehen aus Papiermaché. Im Sommer dieses Jahres soll er wieder zu besichtigen sein. Großbildansicht

Es muss Mitte des 18. Jahrhunderts gewesen sein, da wurde der Lakai Johann Georg Bachmann bei Herzog Friedrich von Mecklenburg-Schwerin (1717-1785) vorstellig und erklärte ihm, dass er das Geheimnis eines neuen Werkstoffes kenne, des Papiermachés. Der Zeitpunkt war von Bachmann günstig gewählt, denn in dieser aufgeklärten Zeit waren die Menschen vom Forschergeist beseelt: Auf der Suche nach Gold hatte Böttger in Meißen das Porzellan entdeckt, bildete der Hof-konditor May in Aschaffenburg Bauwerke der Antike aus Kork nach, oder kopierte der Hofbildhauer Klauer in Weimar Antikenstatuen in Gips. Also erlaubte Herzog Friedrich, der nicht nur kunstsinnig war, sondern auch einen ausgeprägten Sinn für Naturwissenschaften und praktische Sparsamkeit besaß, dem Lakaien, sein Wissen zu erproben. Zumal der Herzog seit 1772 begonnen hatte, nicht nur ein Schloss, sonsern eine neue Stadtanlage anlegen zu lassen. Das barocke Ensemble ist noch heute vollständig erhalten.

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Die Büste zeigt anschaulich die Schichttechnik des Papiermachés Großbildansicht

Bachmanns Idee, mit Papiermaché zu arbeiten, war indes nicht neu. Seit im Jahr 105 n. Chr. der chinesische Hofbeamte Ts'ai Lun das Papier erfunden hatte, wusste man es auf vielfältige Weise herzustellen und zu bearbeiten. Seit dem 15. Jahrhundert war Papiermaché in Europa bekannt. Im 16. Jahrhundert wurden serienweise Andachtsbildchen und Fastnachtsrequisiten gefertigt. Einen Höhepunkt erfuhr das Papiermaché im 18. Jahrhundert als Werkstoff mit Lackmalerei. Friedrich der Große liebte Schnupftabak und die französischen Tabakdosen aus Papiermaché so sehr, dass er 1767 in Berlin eine eigene Manufaktur für Galanteriewaren, wie es sie in Braunschweig und Petersberg gab, gründete.

Zur Verarbeitung von Papiermaché, das übersetzt "zerkautes Papier, Papierbrei" bedeutet, sind drei verschiedene Verfahren bekannt. Zum einen die Gießtechnik, bei der ein zäher Papierbrei in Formen aus saugfähigem Material wie Ton gegossen wird. Diese nehmen die Feuchtigkeit auf, und das Papiermaché wird fest. Es ist jedoch nicht so stabil, da die Papierfasern zerstört sind. Eine andere Methode stellt die Bossiertechnik dar. Um einen festen Kern oder aus der freien Hand wird das Papiermaché geformt.

Das dritte Herstellungsprinzip nennt man Schichttechnik, auch als Papierkasché bezeichnet. Modelle werden überformt, also kaschiert, indem man schichtweise Papierstücke mit einer leimartigen Substanz aufklebt. Die erste Lage besteht nur aus feuchtem Papier, da das Modell später abgelöst werden muss. Es ist eine zeitaufwendige Arbeit, denn jedes weitere Stadium muss erst trocknen. Sind die Papierschichten stark genug, beginnt die Feinarbeit. Das Papiermaché-Objekt wird so lange geschliffen und poliert, je nach gewünschtem Effekt farbig gefasst und gelackt, bis es dem Original, zum Beispiel einer Marmorbüste, einem goldenen Stuckrelief oder einer Porzellanvase zum Verwechseln ähnlich sieht.

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Nicht Stuck, nicht Holz: Zierrat aus Papiermaché Großbildansicht

Aber Bachmanns Technik besaß tatsächlich auch ein erstaunliches Geheimnis: Seine Papiermaché-Kunstwerke waren sogar witterungsfest. Schon 1766 bewunderte der Engländer Thomas Nugent auf seiner Reise durch Mecklenburg im Park von Schloss Ludwigslust die Büsten römischer Kaiser aus "bloßer Pappe", die dort unter dichten Baumkronen der Witterung trotzten. rechts und links der Allee Büsten antiker Herrscher aufgestellt waren. Bis heute ist der von Bachmann verwendete geheime Zusatz unbekannt, denn er behielt, wie übrigens alle, die sich mit Papiermaché befassten, sein Geheimnis misstrauisch für sich. Außer Rechnungen wurde nichts schriftlich festgehalten. Für jeden einzelnen Arbeitsschritt war ein anderer Bildhauer eingestellt, Spionage zog scharfe Strafen nach sich. Bachmanns System funktioniert bis heute: Selbst die Restauratoren wissen nicht mehr, als dass die Objekte nicht nur gelackt, sondern mit Harz und Öl durchtränkt sind, damit sie witterungsbeständiger sind.

Die Ludwigsluster Manufaktur, deren erste und größte Kunden Herzog Friedrich und sein Nachfolger Friedrich Franz I. waren, sollte bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts so gut florieren, dass 1773 die Weisung erfolgte, unbrauchbares Papier, nachweislich alte Akten aus den herzoglichen Schreib- und Steuerstuben, zur Verwertung an die Manufaktur zu liefern. Da in der "Ludwigsluster Carton-Fabrique" nur die Schichttechnik angewandt wurde, kann man noch heute auf den unbehandelten Rückseiten und im Inneren der Papiermaché-Exponate handschriftliche Notizen und Zahlenkolonnen entdecken.

Bachmanns Papiermaché-Verfahren erlaubte es, Dekorationen und Ornamente für Räume und Möbel in Form von Zierleisten, Rosetten, Reliefs, Paneelen, Bilderrahmen, Kerzenständern und vieles mehr zu entwerfen.

Für die umfangreiche Produktion waren die Formen und Modelle Grundvoraussetzung. Die Hofbildhauer Sievert und Kaplunger schufen sie aus Holz, Gips oder Ton. Mit der Abformung war ein Stab von Handwerkern und Tagelöhnern betraut.

Die "vorzüglichen Pappwaren" erfreuten sich bald so großer Beliebtheit, dass die Produktion erweitert und über Kommissionsverkäufe und Angebote wie im Journal des Luxus und der Moden Prunkvasen, Tafelaufsätze, Statuen, Uhrengehäuse, Möbel oder Konsolen vertrieben wurden. Nicht nur antike Kunstwerke dienten als Vorlage, sondern auch die Arbeiten zeitgenössischer Künstler.

 (c)  R. Rossner
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Seit zwei Jahrzehnten wird die barocke Dreiflügelanlage schrittweise restauriert. Auch bei den derzeitigen Bauarbeiten am Ostflügel ist das Museum für Besucher geöffnet. Blick auf die wiederhergestellte Hauptfassade. Großbildansicht

Dass Ludwigslust zu einem Zentrum der Papiermaché-Herstellung avancierte, lag an mehreren Faktoren: Herzog Friedrich wollte sich unbedingt eine Residenz errichten lassen, wie sie schon seine berühmten Vorbilder in Versailles und in Sanssouci, ja sogar die Herzöge von Strelitz besaßen. Obwohl die Epoche des prunkvollen Schlossbaues schon dem Ende zuging, erkor Herzog Friedrich 1763 für sein ehrgeiziges Unternehmen das alte Jagdschloss seines Vaters Herzog Christian Ludwig II.

Von 1772 bis 1776 wurde das zweiflüglige stattliche Schloss nach Plänen des Hofbaumeisters Johann Joachim Busch im Stil des spätbarocken Klassizismus erbaut. Besonderen Wert legten Friedrich und später Herzog Friedrich Franz auf den Schlosspark. Busch kreierte einen grandiosen Lustgarten mit Wasserspielen, Pavillons, Mausoleen und Skulpturen, der von 1785 an nach englischem Vorbild und ab 1852 von dem berühmten Gartenarchitekten Peter Joseph Lenné in eine malerische Parklandschaft umgestaltet wurde.

 (c)  ML Preiss, Eigentümer: Sammlung Christian Ludwig Herzog zu Mecklenburg
© ML Preiss, Eigentümer: Sammlung Christian Ludwig Herzog zu Mecklenburg
Als „Stellvertreter“ diente wohl diese hölzerne Kaminfigur. Der Hofzwerg Hartwig Kremer präsentiert ein Bildnis der Herzogin Luise Friederike, Ehefrau Herzog Friedrichs des Frommen, der 1764 seine Residenz von Schwerin nach Ludwigslust verlegte. Großbildansicht

Um das Schloss entstand eine nach barocker Manier auf dem Reißbrett entworfene regelmäßige Stadtanlage mit Blickachse auf die Schlosskirche, deren monumentales Wandgemälde im Chor ebenfalls aus unzähligen Papiermaché-Bögen besteht. Viel Zeit und Geld hätte das Traumschloss verschlungen, daher waren den Herzögen von Mecklenburg, die sich von jeher in finanziellen Nöten befanden, neue Materialien wie das kostengünstige Papiermaché sehr willkommen.

Um 1780 war der Bedarf an baugebundenen Dekorationen weitgehend gedeckt. Man setzte verstärkt auf die Produktion von Büsten und Statuen. Dennoch war dieser die Sinne täuschenden Kunstform nur eine kurze Blütezeit gewährt. Als Großherzog Paul Friedrich 1837 die Residenz wieder nach Schwerin zurückverlegte, war die Arbeit der Papiermaché-Manufaktur, deren Niedergang um 1808 schleichend begonnen hatte, bereits seit zwei Jahren eingestellt. Die Nachfrage war rapide gesunken, weil sich Geschmack und Wohnkultur verändert hatten und die Kundschaft wieder die "echten kostbaren" Materialien bevorzugte.

Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, während der Gründerzeit, wurde Papiermaché wiederentdeckt. Von anatomischen Modellen über Toilettenartikel bis zu Spielzeug - vor allem Puppen - wurde, was man sich an Kunsthandwerk und Gebrauchsgegenständen nur vorstellen kann, industriell billig en masse hergestellt. Vielleicht lässt sich damit die zu Unrecht abwertende Bezeichnung "Pappmaché" erklären.

Christiane Rossner

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