Monumente Online

Ausgabe: Oktober 2010

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Kulturelle Einflüsse auf Architektur und Kunst

(c) Kulturstiftung Dessau Woerlitz, Heinz Fr-dorf /(c) Kulturstiftung Dessau Woerlitz, Heinz Fr-dorf Streiflicht

Lady Hamilton und der Vesuv von Wörlitz

Der Golf von Neapel als Miniaturausgabe

An ihm kam keiner vorbei. Wer im 18. Jahrhundert Italien bereiste, durfte den Vesuv nicht auslassen. Den berühmten Vulkan am Golf von Neapel zu besteigen oder wenigstens mit eigenen Augen zu sehen, war jungen Aristokraten und zunehmend auch Bildungsbürgern aus Deutschland, England oder Frankreich nicht weniger wichtig als die Kunst- und Kulturschätze des Landes. Wer dann noch zu den wenigen Auserwählten zählte, die die Ausgrabungen von Pompeji und Herculaneum besuchen durften, bewunderte in den verschütteten Städten wohl nicht nur die antiken Wandmalereien und Mosaiken, sondern kostete auch das Erschauern angesichts der konservierten Katastrophe aus.

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© Kulturstiftung Dessau Wörlitz, Heinz Fräßdorf
Souvenir einer fürstlichen Bildungsreise nach Italien: Der Vesuv und Sir Hamiltons Villa Emma wurden im Gartenreich nachgebaut. Großbildansicht

Dass der Vesuv in jenen Zeiten wieder aktiv war, unablässig brodelte und Rauch ausstieß, konnte seine magische Anziehungskraft nur steigern. Hatte jene Epoche das Erhabene doch zu einer festen Größe erklärt. Neben der Schönheit der Natur war auch das Schreckliche zu einer ästhetischen Kategorie geworden. Die Ehrfurcht vor den Naturgewalten spiegelte sich vor allem in der Landschaftsmalerei. Schwere Stürme auf hoher See, Gewitter im Hochgebirge oder eben feuerspuckende Vulkane beflügelten die Phantasie der Künstler. Solchen Szenarien so nahe wie möglich zu kommen, sich emotional aufwühlen zu lassen, ohne selbst in ernsthafte Gefahr zu geraten - darin lag der besondere Reiz für den Betrachter.

Auf der anderen Seite stand jene Epoche ganz im Zeichen naturwissenschaftlicher und technischer Entwicklung. Die Geologie wurde ungemein populär, Gelehrte wie Hobbyforscher versuchten, der Erde ihre Geheimnisse zu entlocken. Die Annahme einer gottgegebenen, übermächtigen Natur wich nun mehr und mehr dem Bedürfnis, sie zu analysieren und zu klassifizieren, ja bis in innerste Schichten vorzudringen.

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© Kulturstiftung Dessau Wörlitz, Heinz Fräßdorf
Der Lust am Feuerwerk frönte eine ganze Epoche. „Der Stein zu Wörlitz“, Aquatinta von Wilhelm Friedrich Schlotterbeck nach Karl Kuntz (1797) Großbildansicht

Den Aufruhr der Elemente auf ein kalkulierbares Maß zu bringen, gelingt 1794 im Park zu Wörlitz. Eine Festgesellschaft hat sich dort eingefunden, als die Luft von Schwefelgeruch erfüllt wird. Mit tosendem Geräusch schießt ein gleißend heller Feuerstrahl in den dunklen Abendhimmel. In der flachen Landschaft der Elbauen unweit von Dessau ein Ereignis mit Seltenheitswert - wenn auch keine Naturkatastrophe, sondern das Verdienst von Pyrotechnikern. Der Vulkan, der hier so effektvoll eine Eruption simuliert, ist gerade einmal 17 Meter hoch.

Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (1740-1817) hatte die künstliche Insel "Stein" mit der Vesuv-Nachbildung in seinen Wörlitzer Anlagen errichten lassen. Von 1764 an schuf er über vier Jahrzehnte in seinem kleinen Musterstaat den ersten großen Landschaftsgarten außerhalb Englands, der mit seinen qualitätvollen Bauwerken zugleich die Keimzelle des Frühklassizismus in Deutschland war.

Der aufgeklärte, reformwillige Landesherr und sein Architekt und enger Berater Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff huldigten dem Zivilisationskritiker Rousseau dabei ebenso wie den neuesten Errungenschaften der Technik und Industrialisierung. Das für jedermann zugängliche Gartenreich bot einen Parcours mit Bildungsanspruch: Die Besucher sollten für Kunst und Natur sensibilisiert werden.

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© Kulturstiftung Dessau Wörlitz, Heinz Fräßdorf
Im Kaminzimmer der Villa Hamilton konnte die herausragende klassizistische Ausstattung rekonstruiert werden. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hat mit 370.000 Euro den größten Anteil der Restaurierung finanziert. Großbildansicht

Eine der kuriosesten Partien entstand zwischen 1788 und 1794 im südöstlichen Zipfel des Wörlitzer Sees. Mit der künstlichen Felseninsel "Stein" wollte Fürst Franz die Eindrücke seiner Grand Tour nach Italien Gestalt werden lassen. Am Golf von Neapel angelangt, hatte er sich am 28. Februar 1766 zum Vesuv aufgemacht. Wie sein Begleiter Erdmannsdorff festhielt, war dieser wieder einmal bedrohlich aktiv. Unerschrocken wagte sich die Gruppe bis an den Rand des Kraters und erlebte prompt "ein höchst entsetzliches Brausen, begleitet von einer dicken Rauchwolke, und, kurz danach, einen Auswurf von Steinen, den der Berg unter Anstrengungen ausspie und weit über seinen Gipfel warf".

Das einschneidende Erlebnis sollte im Wörlitzer Garten seinen Widerhall finden. Der Fürst bat seinen Architekten um eine Miniatur-Kopie der bizarren Landschaft Kampaniens. Mit Findlingen verblendete Mauern bilden die schroffen Felsen und Grotten der Küste bei Neapel nach. Auf einer Ecke der Insel errichtete Erdmannsdorff auf einem Sockel die Villa Hamilton. Der von außen schlichte, rot verputzte Pavillon hat es in sich: Die drei kleinen Räume wurden sogar prächtiger ausgestaltet als der fürstliche Landsitz. In die Wanddekorationen im pompejianischen Stil waren kostbare Wedgwood-Reliefs, Gemälde und Kupferstiche integriert.

Dieses Refugium sollte eine Hommage an Sir William Hamilton, den englischen Gesandten am Hof von Neapel, sein. Seit Fürst Franz die Bekanntschaft dieser schillernden Persönlichkeit gemacht hatte, pflegte man einen regen, freundschaftlichen Austausch. Der selbsternannte Vulkanologe hatte es mit der Veröffentlichung seiner Naturforschungen zu großem Ruhm gebracht. Darüber hinaus besaß er eine beeindruckende Antikensammlung. Sir Hamilton hatte für sich und seine junge Gattin Emma - die kapriziöse Lady Hamilton ging später als Mätresse von Lord Nelson in die Geschichte ein - an der Küste bei Neapel eine Sommerfrische errichten lassen. Von jener Villa Emma aus genoss man den freien Blick auf den Vesuv.

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© Kulturstiftung Dessau Wörlitz, Heinz Fräßdorf
Der Ausbruch des Wörlitzer Vulkans im August dieses Jahres. Großbildansicht

Auf der kleinen Wörlitzer Insel ist die Verbindung naturgemäß enger: Hier liegt die Villa unmittelbar neben dem künstlichen Vulkan. Zudem gibt es auf dem "Stein" ein antikes Theater, das 1794 mit Goethes "Iphigenie auf Tauris" eingeweiht wurde. Als die größere dramaturgische Leistung galt damals zweifellos der künstlich erzeugte Ausbruch des Vesuvs, den der Fürst allerdings nur selten inszenieren ließ. Später beschlichen ihn Zweifel, ob der Versuch, die erhabene Natur nachzuahmen, tatsächlich so geglückt sei.

Im 19. Jahrhundert wurde es still um den Wunderfelsen. 1983 musste die Insel wegen akuter Einsturzgefahr gesperrt werden. Erst 1999 konnte man mit den aufwendigen Sicherungs- und Wiederherstellungsmaßnahmen dieses bautechnisch komplizierten Gebildes beginnen. Im September 2005 wurde der "Stein" wiedereröffnet. Womit hätte man dies besser feiern können, als mit echten Feuersalven und - ein illuminierter Wasserfall macht es möglich - falschen Lavaströmen?

Die spektakuläre Eruption des künstlichen Vulkans war beim Fest zum 10-jährigen Jubiläum des UNESCO-Welterbes Gartenreich Dessau-Wörlitz im August dieses Jahres ein Höhepunkt der Feierlichkeiten.

Bettina Vaupel

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