Monumente Online

Ausgabe: Februar 2009

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Kunst und Gesellschaft

(c) R. Rossner / (c) R. Rossner Leitartikel

Weites Land für große Kunst

Bernhard Hoetger in Worpswede und Bremen

Ein turmbewehrtes Wohnschloss wie aus einer Filmkulisse, urtümliche Bauten mit knorrigen Balken und höhlenartigen Innenräumen, ein Stadtentwurf mit Anleihen an das alte Ägypten, ein funktionales Atelier nach Bauhausmanier und ein Saal in schönstem Art déco. Diesen Parforceritt durch die unterschiedlichsten Architekturströmungen des frühen 20. Jahrhunderts hat in weniger als zwei Jahrzehnten ein einziger Baukünstler geschafft. Dabei absolvierte Bernhard Hoetger, der zu den wichtigsten Vertretern des norddeutschen Expressionismus zählt, nicht einmal ein klassisches Studium.

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© R. Rossner
Expressionistische Fassade in der Böttcherstraße: das Paula-Becker-Modersohn-Haus Großbildansicht

Den 60. Todestag nehmen wir zum Anlass, den Spuren des Architekten, Bildhauers, Malers und Kunsthandwerkers zu folgen. Zwei Orte hat er mit seinen exzentrischen Schöpfungen geprägt: Worpswede und die Böttcherstraße im Herzen von Bremen. Kein Tourist, der das berühmte Künstlerdorf im niedersächsischen Teufelsmoor besucht oder die nahe Hansestadt erkundet, kommt an Hoetgers Gesamtkunstwerken vorbei.

Die Künstlerexistenz ist ihm nicht gerade vorbestimmt, als er am 4. Mai 1874 im westfälischen Hörde in eine Handwerkerfamilie geboren wird. Früh findet der Junge seinen Weg, beginnt vierzehnjährig eine Lehre als Steinmetz und Holzschnitzer. 1899 schließt Hoetger dann die Bildhauerklasse an der Düsseldorfer Kunstakademie mit dem Meisterexamen ab. Ein Jahr später geht er nach Paris. Ohne festen Wohnsitz und mit meist leerem Magen saugt er die Werke Auguste Rodins und später Aristide Maillols auf, schildert in sozialkritischen Zeichnungen das harte Leben des Proletariats. Die Durststrecke scheint absehbar, als endlich renommierte Kritiker über seine Plastiken schreiben.

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Hoetger (links) und Roselius im Himmelssaal des Hauses Atlantis Großbildansicht

Hoetger lernt die Musikerin Helene, genannt Lee, kennen, die er 1905 heiratet. Und er macht eine weitere folgenschwere Bekanntschaft an der Seine: Durch Paula Modersohn-Becker, die aus ihrer Ehe mit Otto Modersohn von Worpswede hierher geflüchtet ist, wird er auf die 1889 im Moor gegründete Künstlerkolonie aufmerksam. Die archaische Landschaft mit dem weiten Himmel und dem diffusen Licht hat die Maler um Fritz Mackensen, Otto Modersohn und Hans am Ende in den Bann gezogen. Hoetger ermutigt Paula Modersohn-Becker, die mit ihrer bodenständigen, frühexpressionistischen Malweise unter den Worpsweder Naturalisten um Anerkennung ringen muss. Auch er selbst geht langsam zu den "monumentalen Dingen über", ohne seinen Stil wirklich gefunden zu haben.

1911 erhält Hoetger eine Professur an der Darmstädter Künstlerkolonie, doch schon im Jahr darauf drängt es ihn endgültig nach Norddeutschland. Die niedersächsische Tiefebene mit ihren Moorkaten gilt ihm als Inbegriff des Urdeutschen: "Es wurde mir in den Jahren immer klarer, dass eine Landschaft, in deren Luft eine Kunst wie die der Paula Modersohn groß werden konnte, auch für mein Schaffen die rechte Atmosphäre sein müsse."

Zunächst mietet er ein Atelier in Fischerhude, östlich von Bremen. 1914 kauft er dann in Worpswede ein kleines reetgedecktes Bauernhaus und setzt ein unwirkliches Anwesen mit protzigen Türmen und Durchfahrten davor. Der Brunnenhof, der später niederbrennt, ist das erste architektonische Manifest Hoetgers. Ihm liegt die einfache, traditionelle Bauweise am Herzen, doch er kann sie nur groß zu Ende denken.

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Bei der Sanierung des Kaffee Worpswede konnten verlorene Details rekonstruiert werden. Großbildansicht

Genau diese Mischung imponiert dem erfolgreichen Keksfabrikanten Hermann Bahlsen: Er beauftragt Hoetger prompt mit der Planung einer riesigen Fabrik- und Wohnanlage. Am Rand von Hannover soll die TET-Stadt entstehen - die altägyptische Hieroglyphe für Unvergänglichkeit dient dem haltbar verpackten Butterkeks als Signet. Hoetger ersinnt eine Idealstadt für das Maschinenzeitalter, die stilistisch eher an den Nil als an den Mittellandkanal passen würde. Die pyramidenartigen Häuser will er kurioserweise aus niedersächsischen Bauernkaten abgeleitet wissen. "Primitiv und monumental", so bezeichnet Hoetger selbst diesen Entwurf und verbindet damit eine sehr eigenwillige Kunstauffassung. Mit dem fortschreitenden Ersten Weltkrieg und dem Tod Bahlsens stirbt allerdings auch das Vorhaben.

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