Monumente Online

Ausgabe: April 2008

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Pioniertaten in der Baukunst

(c) Roland Rossner / (c) Wolfgang Reuss, LDA Berlin Kleine Kulturgeschichte

Zweimal Sperrsitz, bitte!

Eine kleine Kulturgeschichte des Kinos

Das Ritual war noch nicht geläufig. Als das Licht im Saal gelöscht wurde, machte sich zunächst Unruhe, dann gespannte Stille breit, "und gar viele sahen wir schließlich mit offenem Mund dasitzen, vor lauter Staunen über das bewegliche Bild auf der weißen Wand". 1895 gilt als das Geburtsjahr des Kinos in Europa. Im Berliner Varieté Wintergarten führten die Brüder Max und Emil Skladanowsky einem zahlenden Publikum ihre erste Lichtspielprojektion vor. Auch wenn es sich nur um ein Potpourri von einminütigen Sequenzen handelte, raubten "Das boxende Känguruh", "Komisches Reck" und "Serpentintänzerin" den Zuschauern schier den Atem. Ihre Verbeugung hatten die Brüder wohlweislich mitgefilmt. Reihenaufnahmen von Bewegungsphasen kannte man schon eine Weile. Doch mit dem Bioskop hatten die Skladanowskys den ersten wirklichen Filmprojektor entwickelt - eine neue Unterhaltungsgattung feierte Premiere.

 (c)  Roland Rossner
© Roland Rossner
Hans Poelzig errichtete das Kino Babylon 1928/29 als Teil eines Wohnblocks im Berliner Scheunenviertel. Großbildansicht

In die Geschichte ist allerdings ein anderes Datum eingegangen: Am 28. Dezember 1895, nur wenige Wochen nach dem Auftritt der Skladanowskys, zeigten die Gebrüder Lumière im Pariser Grand Café erstmals öffentlich Dokumentarfilme auf ihrem Kinematographen. Dieser "Bewegungsschreiber" war technisch ausgereifter und verbreitete sich in Windeseile über den ganzen Kontinent. So ernteten die Franzosen den Ruhm, das Kino erfunden zu haben.

Neben den Vorführungen in Revuetheatern und Vergnügungslokalen etablierten sich Wanderkinos auf Messen und Jahrmärkten. Eine Bretterbude oder ein Zelt, ein paar Holzbänke und ein weißes Tuch reichten aus, um die Sensation perfekt zu machen. Der Filmvorführer bediente seinen Projektor per Handkurbel und sorgte mit einem Grammophon für die musikalische Untermalung der heftig flimmernden und zitternden Bilder. Der Wirkung taten die primitiven Verhältnisse keinen Abbruch - zuweilen sollen die Leute vor einer ins Bild brausenden Lokomotive oder einer heranrollenden Woge kreischend Reißaus genommen haben. Mit der Zeit wurden die Schaubuden und Kinozelte nicht nur immer größer, sondern mit riesigen grellbunten Reklametafeln und unzähligen elektrischen Lichtern - mobile Dampfmaschinen machten es möglich - auch immer auffälliger in Szene gesetzt. Wie Märchenschlösser erstrahlten sie allabendlich auf den Festwiesen.

 (c)  Joachim Achenbach
© Joachim Achenbach
Ab 1913 flimmerten hier Filme: Das Central Theater in Esslingen zählt zu den ältesten Kinos in Deutschland. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz fördert die Instandsetzung. Großbildansicht

Als Theater des kleinen Mannes wurde der Kinematograph allmählich in den Städten sesshaft: Viele Ladenlokale funktionierte man nun zum "Kintopp" um. Im allgemeinen Trubel mit Bierausschank durfte jeder kommen und gehen, wann er wollte. Neben dem Attraktionen-Programm informierten die Wochenschauen über aktuelle Geschehnisse. Dank stetig verbesserter Technik produzierte man in den 1910er Jahren Spielfilme mit durchgehender Handlung und eigens komponierten Filmmusiken. "Der Student von Prag" (1913) gilt als der erste künstlerisch wertvolle Streifen. Mittlerweile war das Medium auch für die "gehobenen Kreise" interessant geworden und verlangte nach entsprechenden Räumlichkeiten: Der 800 Sitze fassende Saal des 1909 eröffneten Union-Theaters am Berliner Alexanderplatz war in Purpur und Gold gehalten. Bezeichnenderweise wurde er bereits wenige Jahre später umgebaut und vergrößert. Es waren oft Plakatmaler und Bühnenbildner, die die Lichtspielsäle mit kräftigen Farben und Massen von Glühbirnen ausgestalteten: Hier hatten die neuen Stars wie Asta Nielsen oder Henny Porten ihre glamourösen Auftritte.

Als das Kino zu einer ernstzunehmenden Bauaufgabe avancierte, war der Film den Kinderschuhen schon entwachsen. 1911 hatte die Zeitschrift "Der gute Geschmack" angemahnt: "… schließlich muss eine so volkstümliche Erscheinung doch irgend wie einmal münden vor den Händen und Sinnen eines schöpferischen Architekten, der aus der besonderen Geste dieser Bilderspiele seine Raumdisposition entwickelte." Eines der ersten freistehenden Lichtspielhäuser in Deutschland - nach dem Weltspiegel in Cottbus - war das Cines-Theater, das Oskar Kauffmann 1912/13 am Berliner Nollendorfplatz als blockhaften, fensterlosen Bau errichtete. Auf dem Dach, das für Freilichtvorstellungen geöffnet werden konnte, waren weithin sichtbare Leuchtbuchstaben montiert. Besonders vornehm und extravagant war Hugo Páls gleichzeitig am Kurfürstendamm erbautes Marmorhaus mit seiner feierlich-antikisierenden Front. Schon das von César Klein bizarr gestaltete Foyer verhieß große Illusionen. Uraufführungen im Marmorhaus gerieten zum gesellschaftlichen Ereignis.

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