Monumente Online

Ausgabe: Oktober 2007

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Kulissen des Pferdesports

(c) Renn Klub Frankfurt Leitartikel

Im Galopp gegen die Zeit

Vom Glück und Pech der Pferderennbahnen

Nie fehlte Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha an einem der Renntage. 1878 hatte er höchstpersönlich die 170.000 Reichsmark gegeben, mit denen auf dem Boxberg bei Gotha die Rennbahn angelegt werden konnte. Der Herzog war infiziert. Das ist verständlich, denn die Hälfte seiner Familie lebte in England - Königin Victoria war seine Schwägerin - und bestand damit zwangsläufig aus Rennfanatikern. Als Vorbild für die bezaubernde Anlage in Gotha soll Goodwood in Sussex gedient haben.

 (c)  Beatrice Haerig
© Beatrice Haerig
Die kleine, aber feine Tribüne auf dem Boxberg bei Gotha. Großbildansicht

Die Britischen Inseln waren damals und sind bis heute das Mekka des modernen Pferderennsports, auch wenn es schon immer, seitdem der Mensch das Pferd domestizierte, Wettkampf und Rennen gegeben hat. Das entscheidende Initial der englischen Vormachtstellung im Turf und vor allem auch in der Zucht war die Ankunft dreier orientalischer Pferde um 1700: Fast jedes Vollblut dieser Welt - und um die geht es im Galopprennsport - ist letztendlich auf die Hengste Byerley Turk, Darley Arabian und Godolphin Arabian zurückzuführen. 1752 formulierte der Jockey Club in England die ersten verbindlichen Regeln des Rennsports, die im Wesentlichen heute noch gelten. Sie sind nicht einfach. Eine gewisse Vorkenntnis gehört schon dazu, um das Programmheft eines Pferderennens mit seinen kryptischen Abkürzungen über Pferd, Reiter und Rennkategorie zu verstehen. Was man wissen sollte: In Deutschland ist das wichtigste Rennen der Branche das alljährliche Derby in Hamburg. Hier wird das beste dreijährige Vollblut des Jahres ermittelt. Denn eigentlich ist jedes Rennen nichts anderes als eine Qualitäts- und Leistungskontrolle der Tiere und damit der Zucht. Aber niemand, der nicht über das enzyklopädische Wissen einiger Fanatiker verfügt, sollte sich abschrecken lassen, zum Pferderennen zu gehen. Denn diese temperamentvollen Tiere - für viele die edelsten Geschöpfe überhaupt - bei ihrer Präsentation im Führring, beim Aufgalopp auf der Bahn oder beim Absatteln nach dem Rennen zu beobachten, ist schon Grund genug für einen Besuch. Und an den Rails - so nennt der Fachmann die Zäune am Geläuf - zu stehen und zu sehen, zu hören und zu spüren, wie der Pulk der Vollblüter mit Geschwindigkeiten von mehr als 70 Stundenkilometern dem Ziel entgegendonnert, lässt niemanden kalt. Da trifft Eleganz auf unglaubliche Kraft.

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© Roland Rossner
Logengäste auf der Krefelder Rennbahn Großbildansicht

Schon mancher ist als Laie eingestiegen und wurde bald süchtig. Mit Sucht hat nämlich viel im Pferderennsport zu tun: die Begierde der Jockeys nach Geschwindigkeit, die Besessenheit der Eigentümer nach dem Besitz des besten Pferdes, das Fieber der "Zocker" nach dem vermeintlich schnellen Geld beim Wetten. Keine andere Sportart zeigt so ungeniert die Verbindung zwischen Sport und Geld. Einige sehen den Besitz eines Rennpferdes ausschließlich als Alternative zu Aktiendepots. Und schließlich wäre ein Pferderennen ohne Wetten wie Angeln ohne Fische. Die Hälfte aller Gebäude einer Pferderennbahn sind dazu da, den Leuten das Geld abzunehmen - um dann nur wenig davon wieder auszuzahlen. Der kaiserliche Versuch 1882, das Wetten zu verbieten, um dem "gewerbsmäßigen Glücksspiel" ein Ende zu bereiten und um das Aufeinandertreffen von Adel, wohlhabendem Bürgertum und Militärangehörigen mit dem gemeinen bis halbseidenen Volk und windigen Geschäftemachern zu verhindern, ließ die Turfplätze verwaisen. Es musste ein paar Jahre später aufgehoben werden. Noch heute wird gerne, natürlich nur auf vergangene Zeiten bezogen, das Bonmot von Winston Churchill zitiert, nach dem alle Gauner auf der Rennbahn zu finden seien, aber nicht alle auf der Rennbahn Gauner seien.

Geradezu impressionistisch mutet das Bild eines Renntages an: das weite Grün des Geläufs, die bunten Farbtupfer der Jockeydresses, die verschiedenen Gebäude, die auf dem großen Gelände locker verteilt sind, Tribünen in überschaubaren Dimensionen, die sich nicht in den Vordergrund schieben, Zuschauer, die im halbstündigen Renntakt immer in Bewegung sind. Viele Familien haben Pferderennen als Sonntagsausflugsziel entdeckt - was den Wandel der Zeiten recht deutlich macht -, auf jeder Bahn gibt es Spielplätze für die Kleinen, und die Imbiss- und Getränkestände vermitteln Volksfest-Stimmung. Aber diese Leichtigkeit sollte nicht darüber hinwegtäuschen - die Rennbahn bleibt eine Stätte der großen Emotionen: Jubelnde Menschen stehen neben solchen mit zusammengebissenen Zähnen. Adrenalin liegt in der Luft. Schon 1822 war Deutschland zum Pferderennsport-Land geworden. Natürlich hatte es auch hier zuvor Wettläufe gegeben - oft als derbe Volksbelustigung an kirchlichen Feiertagen. Doch in Bad Doberan fand der erste Renntag nach festen Regeln statt. Seit 1822 traf sich hier der Hochadel im August zu den Bäderrennen.

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© Renn Klub Frankfurt
Das weite Grün des Geläufs und die bunten Farbtupfer der Jockeydresses bestimmen das Bild eines Renntages. Großbildansicht

Königlich offiziell wurde es kurze Zeit später. Schon ein Jahr nach der Gründung des ersten Berliner Rennvereins, nämlich 1829, übernahm Friedrich Wilhelm III. das Protektorat und ließ sich auch den ersten Renntag 1829 in Lichterfelde nicht entgehen. Er wurde ein wahres Massenspektakel. Bald war der Bedarf nach einem neuen Standort groß: Am 17. Mai 1868 stieg Wilhelm I. in Berlin in einen Sonderzug, in dem auch Kanzler Otto von Bismarck saß, und fuhr ins Märkische, wo zwölf Vollblüter zum "Preis von Hoppegarten" starteten. Dort, wo an diesem Tag keinerlei Komfort die Gäste erwartete, sollte die bedeutendste und größte Rennbahn Deutschlands entstehen. 780 Hektar hatte die Anlage in ihren besten Zeiten, heute sind es 430. Fünf Trainierbahnen standen zur Verfügung. Die lange Gerade über 1.400 Meter ist einmalig. Ganz Dahlwitz-Hoppegarten scheint nur aus - teilweise mondänen - Reiter- und Trainerhäusern zu bestehen, einst gab es über 40 Rennställe und Gestüte, und noch heute vermutet man in dem Ort mehr Pferde als Menschen. Die Haupttribüne, Nachfolgerin zweier Vorgängerbauten, stammt aus den 1920er Jahren und zeigt in geläufabseitiger Richtung eine expressionistische Backsteinfassade. Der Stolz auf die Rennbahn und ihre großen Zeiten ist spürbar.

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