Monumente Online

Ausgabe: Juli 2007

Deutsche Stiftung Denkmalschutz

Schwerpunkt: Neues Bauen - Aufbruch in die Moderne

c) Hans Bach , Potsdam / Museum Niesky Streiflicht

Holz war sein Stoff

Konrad Wachsmanns Serien-Hausbau

Berlin, Anfang 1929. Elsa Einstein steht mit abweisender Miene in der Tür ihrer Wohnung auf der Haberlandstraße und hört sich das seltsame Begehren des jungen Mannes an: Er wolle das neue Sommerhaus für Albert Einstein bauen. Elsa Einstein hat schon viele Bettler und dreiste Presseleute an der Türe abgewiesen, weil ihr Mann dafür einfach zu weichherzig ist. Nun stellt sich dieser junge Mann mit den dunklen Haaren, der Brille und dem ordentlichen Anzug als Konrad Wachsmann, freier Architekt und Holzbauspezialist, vor. Ob es an dem geliehenen Wagen mit Chauffeur lag, wie Wachsmann später vermutete, oder an dem ungewöhnlichen Vorschlag, jedenfalls wurde er vorgelassen, und tatsächlich erhielt der überglückliche Architekt den Auftrag, in Caputh bei Potsdam für die Einsteins ein Holzhaus zu bauen. Albert Einstein erläuterte Konrad Wachsmann, wie sein Haus beschaffen sein sollte: schlicht, modern, funktional und vor allem naturnah. Nach intensiven Diskussionen wurden die verschiedenen Vorstellungen umgesetzt. Einsteins bekamen ihr Ziegeldach, die bis zum Boden reichenden, sogenannten französischen Fenster, Wachsmann setzte den Anbau des großen Wohnraumes mit den Einbauschränken und dem modernen Terrassenflachdach durch. Der weltberühmte Physiker hatte ein Gespür für kreativ und fortschrittlich denkende Menschen - doch wer war Konrad Wachsmann?

 (c)  Hans Bach, Potsdam
© Hans Bach, Potsdam
Die Gartenseite des Landhauses von Albert Einstein in Caputh. Großbildansicht

Wachsmann gilt als der Pionier des industriellen Bauens. Seine konstruktiven Neuerungen im Bereich industriell vorgefertigter Bauelemente im modernen Holzbau und später im Metallbau waren zukunftsweisend. Mehr als 50 Jahre forschte er auf dem Gebiet der Präfabrikation. 1925 entwickelte er ein industriell vorgefertigtes Holzbausystem, dessen prominentestes Produkt Einsteins Landhaus ist. Nachdem ihm 1941 die Flucht in die USA gelang, gründeten Wachsmann und der dort bereits im Exil lebende Walter Gropius ein gemeinsames Büro und entwickelten das vielgerühmte General-Panel-System. Es handelte sich dabei um hölzerne Bauplatten, die rundherum das gleiche Profil aufwiesen und durch standardisierte Hakenverschlüsse miteinander verbunden wurden. Außerdem waren in den Platten sämtliche elektrischen Installationen enthalten, so dass nach Aufbau des flexibel gestaltbaren Hauses nur noch der Anschluss ans Stromnetz erfolgen musste. Dieses Fertighaus-System wurde ein Meilenstein in der Geschichte des industriellen Bauens.

 (c)  Hans Bach, Potsdam
© Hans Bach, Potsdam
Das Treppenhaus des Holzhauses. Am Ende des Flurs befindet sich das Arbeits-Schlafzimmer des Physikers. Großbildansicht

1949 trennten sich Wachsmann und Gropius; Wachsmann lehrte zunächst am Institute of Design in Chicago, der von László Moholy-Nagy und Walter Gropius gegründeten Nachfolgeeinrichtung des Bauhauses. Dann folgte er einem Ruf an die Universität Illinois, von wo er 1964 zur Universität von Südkalifornien in Los Angeles wechselte. Mit seinen Konstruktionssystemen aus Metall für freitragende Hallen- und Hochbauten erregte Wachsmann international großes Aufsehen. Sein Credo hieß: "Nicht Kunst und Technik - eine neue Einheit, sondern Wissenschaft und Technik - eine neue Kunst."

In Frankfurt an der Oder am 16. Mai 1901 als Sohn einer alteingesessenen jüdischen Apothekerfamilie geboren, lernte Konrad Wachsmann nach einer abgebrochenen Schulausbildung Tischler und Zimmermann. Danach besuchte er die Kunstgewerbeschule in Berlin, wo ihn die schillernde Welt der Künstler faszinierte: "Die Kunstgewerbeschule gab mir nichts, das Romanische Café, die Theater, die Zeitungen, die Literatur aber alles." Bertolt Brecht, Else Lasker-Schüler, Walter Mehring, George Grosz, Herwarth Walden und der Sturm-Kreis, Erika und Klaus Mann, Wieland Herzfelde, John Heartfield und viele mehr, sie alle eröffneten ihm neue geistige Horizonte. Die "wilden" zwanziger Jahre waren es vor allem, die sein Leben prägten. Im Bereich Architektur wurde er sowohl von Heinrich Tessenow als auch von Hans Poelzig stark gefördert. Wachsmann lernte viel von Tessenow, doch lange ließ sich der selbstbewusste junge Mann nicht von seinem großen Lehrer beeindrucken: "Ich wollte die Revolution, die die Politik, die Kunst, die Literatur, die Musik und die Technik beflügelt hatte, auch in der Architektur. Dazu aber konnte Heinrich Tessenow keine Hilfestellung geben."

 (c)  Archiv Michael und Christa Grüning
© Archiv Michael und Christa Grüning
Konrad Wachsmann (rechts) im Gespräch mit Walter Gropius. Großbildansicht

Auch bei Hans Poelzig, der ihm ein väterlicher Freund war, langweilte er sich schnell: "Noch als Suchender habe ich mir in jener Zeit, als Gropius das Handwerk verherrlichte, drei Sätze Oscar Wildes eingeprägt: Alles Maschinelle kann schön sein, wenn es nur schmucklos ist. Versucht nicht, es zu verzieren. Wir können uns eine gute Maschine nur graziös vorstellen, denn der Linienzug der Kraft und Schönheit ist der gleiche." Und so schickte Poelzig den rastlos "Suchenden" 1926 in die Provinz, in die niederschlesische Oberlausitz nach Niesky zur Christoph & Unmack AG, der damals größten Holzbau- und Maschinenfabrik in Europa. Dort wurden zerlegbare, transportable Holzbauten maschinell vorgefertigt, in den Werkhallen zur Probe zusammengesetzt, verladen und weltweit von Nieskyer Arbeitern innerhalb weniger Stunden montiert. Tag und Nacht arbeitete er: "Aber es hat mir Freude gemacht, denn schon am ersten Tag wurde mir klar, dass sich hier eine der wichtigsten Weichenstellungen meines Lebens vollziehen würde. Wie ein Wunder sah ich in den Werkhallen der Christoph & Unmack AG Maschinen arbeiten, sich bewegen, produzieren. Die Entdeckung der Maschine, der Technologie und der Industrialisierung wurde zum entscheidenden Erlebnis."

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