Am Anfang versucht man sich noch gegen den so oft gehörten Vergleich mit dem "Zauberberg" von Thomas Mann zu wehren. Aber warum eigentlich, fragt sich der Besucher, wenn er das Sanatorium Dr. Barner betritt: Zu schnell ist er dieser Atmosphäre von Zeitlosigkeit und Ruhe verfallen, der der Dichter 1924 in seinem Roman so wunderbar ein Denkmal setzte. Man muss nur das Panorama der Schweizer Alpen durch die dunklen Weiten des Harzer Hochwaldes ersetzen, in den und über den man aus allen Räumen blickt und der die Liegehallen, Lufthütten und -bäder im Sanatoriumspark mit seinem kühlen, heilsamen Klima versorgt.
Wo Lebensreformer zur Erholung kamen
Sanatorium Dr. Barner
Und schon ertappt sich der Gast während der Mahlzeiten in einem der prachtvollen Speisesäle dabei, dass er auf das impertinente Türeknallen einer gewissen Madame Chauchat wartet. Speisesäle, in denen von 1900 bis 1926 Dr. Friedrich Barner - Sanatoriumsgründer, Arzt, Universalist und Lebensreformer - am Tischende gütig und mahnend zugleich auf seine Heilung suchenden Patienten schaute. Und manchmal nach Tisch zu einer seiner bestaunten Hypnose-Sitzungen einlud. Schade nur, dass vor etwa 90 Jahren Thomas Mann nicht selbst an diesem Ort weilte und ihn durch seine Beschreibung adelte.
Viele seiner Zeitgenossen aber, Künstlerkollegen und die übrige gehobene Gesellschaft, verbrachten erholsame Wochen im Sanatorium Dr. Barner, dem "Rekonvaleszentenheim der besseren Stände". Die komplett erhaltene Patienten-Kartei belegt Gäste wie Paul Klee - er wollte seinen Aufenthalt mit einem Bild bezahlen, was fatalerweise abgelehnt wurde - und zahlreiche Politiker der ausgehenden Kaiserzeit. Ein ebenfalls im Hausarchiv erhaltener Briefwechsel zeugt sogar von der Liebesgeschichte zwischen dem berühmten Zoologen Ernst Haeckel und Frida von Uslar-Gleichen. Ganz und gar nicht im Sinne des Hausherrn, denn das Sanatorium war errichtet für erschöpfte Seelen, die Anfang des letzten Jahrhunderts neue Kräfte in Grand-Hotel-Atmosphäre suchten. Jener Zeit mit der eigentümlichen Mischung aus Entzücken an allem Morbiden und gleichzeitiger Aufbruchstimmung durch eine umfassende Lebensreform.
So begab sich 1903 auch der erfolgreiche und gestresste Kunstgewerbler Albin Müller, der mit seinen 32 Jahren unter Schlaflosigkeit und Magenbeschwerden litt, in das Sanatorium in Braunlage. Aus dem einen wurden mehrere Aufenthalte, und bald entwickelte sich zwischen Müller, später Leiter der Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt, und dem kunstsinnigen Arzt eine Freundschaft, aus der schließlich der erste Auftrag hervorging: Noch bestand das Sanatorium aus zwei benachbarten Häusern einer Villenkolonie, der Zeit und dem Ärztegeschmack gemäß im gutbürgerlich historistischen Stil.
Dies entspreche einfach nicht mehr den neuen Gedanken der Zeit, wurde Dr. Barner aufgeklärt, neue Behandlungsmethoden wie zum Beispiel körperbefreiende Gymnastik nackt im Freien erforderten auch moderne Entsprechungen im Gebäudeinneren. Albin Müller entwarf 1905 eine an den weichen Linien Henry van de Veldes orientierte Einrichtung für die beiden Villen. 1910 wurde auf der Weltausstellung in Brüssel zudem eine Zimmereinrichtung von Peter Behrens erworben und in den Harz gebracht.











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