Denke ich zurück an meine Zeit im Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg, sehe ich sie immer wieder vor mir, die typischen Mietshäuser aus der Kaiserzeit, so wie ich sie vor mehr als zwanzig Jahren erlebt habe: dunkle heruntergekommene Fassaden mit baufälligen, zum Teil abgebrochenen Balkons, düstere schmutzige Eingänge oder Durchfahrten - oftmals geprägt von unangenehmen Gerüchen -, Hinterhöfe, bei denen man sofort an Heinrich Zilles "Milljöh" denkt, mit Mülltonnen und vereinzelten Bäumen und Büschen, die sich mühsam zum Licht recken.
Farbiges Glas – gemusterte Böden
Die Treppenhäuser von Berlin
Sah ich mir die Häuser aber genauer an, konnte ich trotz Kriegsschäden
und Vernachlässigung oftmals reichgeschmückte Fassaden aus Gründerzeit
und Jugendstil entdecken. In den Durchgängen und Treppenhäusern fanden
sich gemusterte Fliesenfußböden, farbige Glasfenster, schön geschnitzte
Treppengeländer, Säulen und kunstvoll gearbeitete Türen und Tore.
Manche schmutzige Wand zeigte unter blätternder Ölfarbe Reste von
Ornamenten. Hinter abgenommenen hölzernen "Stummen Portiers" wurden
Wandbilder sichtbar. Offenbar spielten für den Erbauer neben den
Fassaden auch die halböffentlichen Räume - Durchfahrten, Hausflure und
Treppenhäuser - eine wichtige Rolle. Sie zeugten vom Reichtum und vom
Geschmack des Bauherrn, waren seinerzeit wesentliche Argumente für eine
ertragreiche Vermietung.
Das explosionsartige Bevölkerungswachstum im Berlin des 19.
Jahrhunderts führte zu einem ungeheuren Bauboom. Auf der Grundlage
neuer Bebauungspläne entstanden große Mietskasernenviertel außerhalb
der bisherigen Stadtgrenzen. Nach der Reichsgründung 1871 entwickelten
sich die Stadtgebiete unterschiedlich: Während im Norden und Osten
Mietshausquartiere mit einem großen Anteil an Kleinstwohnungen
möglichst schnell Wohnraum für die in die Stadt strömenden
Arbeitskräfte bieten sollten, wurden in den westlichen Bezirken
bürgerliche Mietshäuser mit geräumigen Wohnungen für eine breite
Mittelschicht gebaut.
In diesen bürgerlichen Wohngegenden war die künstlerische Ausgestaltung der Fassaden und Treppenhäuser naturgemäß viel reicher. Deshalb findet man dort heute noch neben Stuck und anderem Zierrat eine große Zahl sehr qualitätvoller Malereien in den Eingangsbereichen, an Fassaden und Hofwänden.
Doch auch in den Arbeitervierteln entstanden an den Hauptverkehrsadern
repräsentative Bauten, die sich in ihrer Gestaltung deutlich von denen
der Nebenstraßen abheben. Innerhalb der Häuser aber ist das soziale
Gefälle noch ablesbar: Die Vorderhäuser bieten in der ersten und
zweiten Etage geräumigere Wohnungen als in den oberen - ohne Fahrstuhl
zu erreichenden - Stockwerken. Kleinere Wohnungen liegen in den
Hofgebäuden, und für die Ärmsten blieben ehedem nur noch die immer
feuchten Kellerräume.
Erste Restaurierungen gab es im Bezirk Prenzlauer Berg bereits in den
siebziger Jahren. Staunend stand ich damals vor hellen Fassaden mit
farbig hervorgehobenem Stuck und instand gesetzten Balkons mit
kunstvollen Geländern. In jener Zeit wurden zwar auch die
Versorgungsstränge erneuert und die Ausstattung der Wohnungen
verbessert, Treppenhäuser und Eingangsbereiche aber lediglich frisch
gestrichen. Seit der Wende 1990 haben die Eigentümer den Wohnwert
dieser Mietshäuser wieder erkannt: Inzwischen strahlen viele der
Fassaden in einem wohl nie dagewesenen Glanz.
Bei Wandmalereien im Inneren sind alle Stilrichtungen der Zeit vertreten: Von der klassizistischen Tradition, die noch bis etwa zur Reichsgründung nachwirkte, über die Neorenaissance der frühen Gründerzeit, Neobarock und Neorokoko bis hin zum Jugendstil. Neben ornamentaler Malerei findet man auch Bilder mit allegorischen Darstellungen, Putten, ländlichen Idyllen, Gebirgslandschaften, Gartenarchitekturen und städtischen Ansichten - allerdings nicht so zahlreich und nicht in der gleichen Pracht wie in den westlichen Bezirken. Die gegliederte Architektur der Decken und Wände in den Eingangsbereichen weist aber Medaillons, Stuckrahmen, Lünetten und andere Formen auf, die darauf hindeuten, dass hier einst Wandbilder waren, die später überstrichen wurden.
Die bürgerliche Kultur des 19. Jahrhunderts war von wachsendem Selbstbewusstsein und Reichtum geprägt, sie ahmte die Pracht und die Modeströmungen der öffentlichen Bauten nach. Es gab eine Vielzahl von Kunst- und Familienzeitschriften, denen die Bauherren und Architekten ihre Anregungen entnehmen konnten, Vorlagenbücher und Schablonen halfen den Kunsthandwerkern bei ihrer Arbeit.
Oftmals waren die Vorlagen von bekannten Künstlern der Zeit gestaltet, es wurden aber auch historische Vorbilder aufgenommen. Das Kopieren war ausdrücklich erwünscht. Die Dekorationsmaler passten ihre Gestaltungen dem Zeitgeschmack, den Wünschen des Bauherren und den örtlichen Gegebenheiten an. Die Stil- und Vorlagenbücher sind heute eine wertvolle Quelle für die zeitliche Einordnung und die Erforschung der wenigen noch vorhandenen Beispiele dieser ehedem so reichen kunsthandwerklichen Ausstattung.
Werden heute denkmalgeschützte Mietshäuser saniert, legen die Denkmalpfleger insbesondere bei gut erhaltenen Fassadengestaltungen auch Wert auf die Wiederherstellung der dekorativen Ausstattung des Inneren. Bisher wurden bereits eine Reihe von Wandmalereien restauriert. Auch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz beteiligte sich mit einem speziellen Berliner Treppenhausprogramm daran.
Die Restaurierung der Wandmalereien erfordert eine eingehende Voruntersuchung und Dokumentation der Befunde. Teilweise liegen mehrere dekorative Malfassungen aus verschiedenen Jahren übereinander, die später oft mehrfach überstrichen waren. Nun muss entschieden werden, welche davon erhalten, welche freigelegt oder gar rekonstruiert werden sollen. Zu klären ist die chronologische Abfolge der einzelnen Malschichten, ihre zeitliche Einordnung, ihr Erhaltungszustand und ihre Maltechnik. Daraus wird dann das restauratorische Konzept entwickelt, das auf dem historischen und künstlerischen Wert der Dekorationen in Abhängigkeit vom Erhaltungszustand und der Möglichkeit der Wiederherstellung basiert.
Für die Denkmalpfleger ist es wichtig, dass bei der Restaurierung nicht allein die Fassung aus der Erbauungszeit des Hauses freigelegt und retuschiert oder gar rekonstruiert wird, vielmehr soll die Mehrschichtigkeit der historischen Malereien sichtbar bleiben. Da die vollständige Freilegung einer Fassung immer die Zerstörung der darüberliegenden bedingt, empfehlen sie in solchen Fällen, über den Malschichten eine sogenannte Sperrschicht aufzubringen und darauf die bauzeitliche Fassung zu rekonstruieren - soweit sie sich durch Befundfenster und "Tunnel" in ausreichender Form nachweisen lässt. Oftmals geben "Fenster" zu den Originalschichten Einblick in die verschiedenen Phasen der dekorativen Bemalung, die Geschichte ist so deutlich ablesbar.
Die Fotos zeigen, welche Pracht in den bis vor wenigen Jahren nur trist zu nennenden Mietshäusern wieder entstanden ist und noch entstehen kann. Es bleibt zu hoffen, dass die Bewohner und Besucher der Häuser die Kunstfertigkeit der Dekorateure und Restauratoren achten.
Doch vertrauen wir auf die Sehnsucht des Berliners nach der Idylle: Wer in der täglichen Hektik zwischen Mietshäusern und Verkehrslärm lebt, erfreut sich immer gern an einer Gebirgslandschaft oder einem exotischen Park - seien sie auch nur gemalt.
Dr. Dorothee Reimann
Kopfgrafiken: Vestibül in der Sophienstraße 22 (l., Foto: W. Reuss) und Treppenhaus Greifenhagener Straße 52 (r., Foto: ML Preiss)












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