Neues Bauen Herrscher, Künstler, Architekten Oktober 2026
Jede Rettung kam zu spät. Trotz Medienrummel und Protesten wurde im November 2021 das Haus Marlene Poelzig in Berlin-Westend abgerissen. Die Architektin Marlene Poelzig hatte es 1929–30 als Wohn- und Atelierhaus für ihre Familie entworfen. Auch die eigens gegründete Initiative Haus Marlene Poelzig konnte den Abbruch nicht verhindern.
Dabei war Marlene Poelzig keine Unbekannte. Die vielseitige Künstlerin, Architektin und Gestalterin wurde 1894 in Hamburg geboren und studierte von 1911–16 Bildhauerei in Hamburg und München. 1917 lernte sie den damals bereits renommierten Architekten Hans Poelzig kennen. 1921 gründeten die beiden das Bauatelier Poelzig, zunächst in Potsdam, dann in Berlin, und arbeiteten in den folgenden Jahren gemeinsam an zahlreichen berühmten Bauten wie dem Großen Schauspielhaus, dem Kino Babylon oder dem Haus des Rundfunks.
Ihr Stil entwickelte sich dabei von expressionistischer Architektur – sinnbildlich hierfür die ikonisch gewordene Tropfsteindecke im Zuschauerraum des Großen Schauspielhauses – bis hin zu Neuer Sachlichkeit und funktionaler Moderne. Das Haus des Rundfunks mit seinem klaren Grundriss und seinen zahlreichen, akustisch geschützten Räumen, in denen bis heute Radiosendungen aufgenommen werden, verkörpert diesen zurückgenommenen und auf Funktionalität ausgelegten Stil der späteren Jahre des Bauateliers. Dass Marlene Poelzig an der Entwurfsplanung vieler Bauwerke und Projekte maßgeblich beteiligt war, ist wissenschaftlich gut belegt. Und doch sind diese denkmalgeschützten Objekte weitestgehend unter dem Namen ihres Mannes, Hans Poelzig, bekannt.
Das einzige Haus, das ausschließlich von ihr entworfen wurde, das Haus Marlene Poelzig, wurde nicht geschützt und fiel der Immobilienspekulation zum Opfer. Der Verlust dieses Hauses ist kein Einzelfall. Er zeigt vielmehr ein grundlegendes Problem auf: Es gibt viele Entwürfe und Werke von Frauen in der Architekturgeschichte. Heute werden sie aber viel zu oft nicht mehr als solche erkannt oder gewürdigt.
Marlene Poelzig – kein Einzelfall
Marlene Poelzig war zu Lebzeiten nicht nur in Deutschland, sondern auch international eine bekannte Gestalterin. Zeitgenössische Zeitschriftenartikel, zum Beispiel aus Großbritannien, Ungarn oder Japan, zeigen die Aufmerksamkeit, die sie unter anderem mit ihrem Wohn- und Atelierhaus erfuhr. Doch nach dem Tod ihres Mannes 1936 musste Marlene Poelzig das gemeinsame Atelier aufgeben. In den folgenden Jahrzehnten wurde ihr Beitrag immer mehr verdrängt; auf Gedenktafeln und in der Berliner Denkmalliste stehen weder ihr Name noch der des Bauateliers, sondern nur der von Hans Poelzig, und auch in Publikationen wurde sie lange nicht genannt. Erst nach ihrem Tod 1985 wurde ihr Werk in Forschungsarbeiten und durch zivilgesellschaftliches Engagement wieder sichtbarer gemacht.
Marlene Poelzigs Biografie und Rezeption veranschaulichen wichtige Erkenntnisse: Erstens, dass es historisch nie ausschließlich Männer waren, die Bauwerke und Stadträume gestaltet haben – und dass dennoch Frauen schon zu Lebzeiten oft in ihrem Wirken eingeschränkt wurden. Und zweitens, dass Frauen in der Architekturgeschichtsschreibung häufig verdrängt wurden. Besonders gilt dies für Architektinnen und Gestalterinnen wie Charlotte Perriand, Milada Petříková-Pavlíková, Lilly Reich, Carmen Velasco Portinho oder eben Marlene Poelzig. Sie alle waren vielseitig begabte Frauen, die an großen und bekannten Projekten entscheidend mitwirkten – und deren Namen trotzdem hinter denen ihrer männlichen Partner verschwanden.
Die Französin Charlotte Perriand etwa arbeitete zeitweise eng mit Le Corbusier zusammen und prägte wesentlich jene moderne Formensprache mit, die heute als Inbegriff des internationalen Designs gilt. Lange Zeit wurden ihre Leistungen vor allem ihrem berühmten Kollegen zugeschrieben, nichts macht dies deutlicher als die berühmte Corbusier-Liege.
Ähnliches gilt für Lilly Reich, die mit Ludwig Mies van der Rohe zusammenarbeitete, und – lange Zeit nicht bekannt – mit ihm die Leitung beim Entwurf des berühmten Barcelona-Pavillons zur Weltausstellung 1929 übernahm. Ihre Beiträge zu Ausstellungen, Innenräumen und Möbelentwürfen waren erheblich. Trotzdem wurde sie über Jahrzehnte hinweg nur am Rande erwähnt.
Doch in den letzten Jahren wurde viel Forschung betrieben und Engagement geleistet hinsichtlich der Aufarbeitung einer vielfältigen Architekturgeschichtsschreibung. Zahlreiche Ausstellungen, Forschungsarbeiten, Festivals, Initiativen, Kunstprojekte und Bücher belegen dies eindrücklich, vom Women in Architecture Festival über das SOLANGE-Kunstprojekt bis hin zu Büchern wie „Schwarzer Rolli, Hornbrille: Plädoyer für einen Wandel in der Planungskultur“ (2022). Was dabei bisher allerdings oft noch fehlt, ist die Übertragung dieser Auseinandersetzungen auf die Denkmalpflege. Wie aber kann das funktionieren?
Das große Vergessen
Zunächst sollte ein Ziel sein, möglichst vielfältige Werke unter Schutz zu stellen und zu fördern, und dabei einen Fokus auf Personen und Projekte zu legen, die bisher unterrepräsentiert waren.
In der Berliner Denkmaldatenbank finden sich unter „Architekt/Künstler“ zum Beispiel etwa 3.300 männliche Namen und lediglich 42 weibliche. Natürlich muss bei solchen und ähnlichen Zahlen ein historisch begründetes Ungleichgewicht eingerechnet werden, ebenso wie der Umstand, dass einige Denkmale gar nicht eindeutig namentlich zuzuordnen sind. Dennoch ist der Unterschied enorm. Die Arbeit mit Unterschutzstellungen und Projektförderungen ist ein wichtiger Anfang, um den Blick zu verbessern. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) förderte in den letzten Jahren zum Beispiel das GEDOK-Haus von Grit Revellio. Die GEDOK wurde 1926 von Ida Dehmel gegründet, um Frauen in verschiedenen Kunstgattungen zu fördern. Das 1955 fertiggestellte Haus bot ihnen eine Wohn- und Arbeitsstätte; bis heute wird es in dieser Funktion genutzt.
Auch die Johanneskirche von Trude Cornelius in Bonn wurde von der DSD gefördert. Trude Cornelius war Architektin und Baurätin und entwarf das fünfeckige Kirchengebäude 1961 gemeinsam mit Albrecht Rollfs. In Berlin wurde 2024 das IBA-Wohngebäude von Myra Warhaftig vom Landesdenkmalamt unter Schutz gestellt. Dies war deshalb besonders, da der Denkmalschutz des Gebäudes auch mit seinem Beitrag zum frauen- und geschlechtergerechten Bauen begründet wurde. Denkmalkultur zeichnet bestimmte Bilder von Geschichte – und kann deshalb auch maßgeblich dazu beitragen, verschiedene Lebens- und Berufsrealitäten sichtbar zu machen.

Um das Ziel von mehr Vielfalt in der Denkmallandschaft zu erreichen, müssen wir neu über Autor- und Autorinnenschaft nachdenken, denn wie die Architekturtheoretikerin Beatriz Colomina sagt: „Jedes architektonische Werk ist eine durch und durch gemeinschaftliche Unternehmung.“ Alle, die federführend an Entwürfen und Gebäuden mitgewirkt haben, sollten entsprechend auch genannt werden. Dazu braucht es Grundlagenforschung, um wie im Fall des Landhauses Richter in Berlin sichtbar zu machen, dass der Entwurf des Gebäudes nicht von Wilhelm Peters stammt, einem Berliner Bauunternehmer, sondern von seiner Tochter Martina Richter. Diese war wie Marlene Poelzig eine Vertreterin der Moderne und hatte das Haus 1928 für sich selbst entworfen.
Von Studierenden der Fachhochschule Potsdam und Technischen Hochschule Köln wiederum wurde in den letzten Jahren unter der Leitung von Professor Rainer Schützeichel das Werk der Berliner Architektin Emilie Winkelmann (1875–1951) ausführlich dokumentiert und neu eingeordnet. Winkelmann war eine der ersten Frauen, die in Deutschland ein Architekturbüro gründete. Zum Architekturstudium hatte sie sich 1902 als „E. Winkelmann“ eingeschrieben, in den Vorlesungen wurde sie nur für eine Gasthörerin gehalten – der Abschluss blieb ihr letztlich verwehrt, als kurz vor dem Examen aufflog, dass das „E“ für Emilie stand.
Rollen neu denken
Die Geschichte all dieser Architektinnen und Gestalterinnen macht das Bild der Architekturgeschichte reicher und vor allem präziser. Im Denkmalschutz gilt als schützenswert, was für bedeutsam gehalten wird. Viele Autorinnenschaften sind allerdings bis heute ungeklärt oder nur teilweise dokumentiert. Erst wenn wir wissen, wer an einem Gebäude mitgewirkt hat, und welche Geschichten es in sich trägt, können wir aber seine Bedeutung angemessen bewerten.
Ebenso wichtig ist die öffentliche Vermittlung. Gedenktafeln, Architekturführer und Museumspräsentationen prägen unser Bild der Vergangenheit. Sie entscheiden mit darüber, welche Namen bekannt bleiben.
Ausstellung:
„… zu dumm, dass ich nicht namhaft bin!“
Marlene Poelzig im Charlottenburg der 1920er Jahre. 25.10.2026–18.04.2027 im Museum Charlottenburg-Wilmersdorf (Villa Oppenheim), Schloßstraße 55, 14059 Berlin
Die Ausstellung zeigt Marlene Poelzig (Hamburg, 1898–1985) als eine der relevanten Gestalterinnen im Charlottenburg der 1920er Jahre. In drei Akten werden ihr Werk und die fragile Epoche vorgestellt: vom visionären Aufbruch der „filmischen Stadt“ der frühen Zwanziger über die apparative und funktionale Modernität des Hauses des Rundfunks bis hin zum eigenen Wohnhaus – als reifen Entwurf, der die Prinzipien des Neuen Bauens mit den Ansätzen einer emanzipatorischen Wohnarchitektur verknüpfte und den privaten Raum als Ort weiblicher, professioneller Selbstbestimmung definierte. Marlene Poelzigs Schaffen in Architektur, Design und Bildhauerei wird als Lebenswerk einer Künstlerin sichtbar, die die radikale Ästhetik der Berliner Moderne mit einer tiefen Menschlichkeit verband und dennoch in ihrer Zeit sowie in der Geschichtsschreibung nur marginal wahrgenommen wurde.
Die Betrachtung der Biografie, des Werks und der Rezeption von Marlene Poelzig zeigt uns, auch nach dem Abriss ihres Wohn- und Atelierhauses, dass die großen Bauwerke des 20. Jahrhunderts noch längst nicht alle ihre Geschichten erzählt haben. Manche ihrer wichtigsten Protagonistinnen werden gerade erst wiederentdeckt oder erfahren gerade erst ein größeres öffentliches Interesse. Nicht nur für Marlene Poelzig ist daher zu wünschen, dass das kulturelle Gedächtnis so erweitert wird, dass es die Vielfalt der Vergangenheit sichtbar macht und in die Zukunft trägt.
Hannah Dziobek und Hannah Klein
Die Autorinnen
Hannah Dziobek ist Stadtforscherin, Hannah Klein Mitgründerin des Kunstnetzwerks ato; beide sind Teil der Initiative Haus Marlene Poelzig. Im Juni 2025 brachten sie in Vertretung der Initiative das Buch „Haus Marlene Poelzig, Berlin. Abriss und Aufbruch“ heraus, das mit dem DAM Architectural Book Award 2025 ausgezeichnet wurde und 2026 bereits in der zweiten Auflage erschien (unter anderem gefördert von der DSD). Es ist im Urbanophil Verlag erhältlich. Bei einem Spaziergang durch das inzwischen abgerissene Haus lernen die Leserinnen und Leser das Werk Marlene Poelzigs kennen, lesen Briefe zwischen Hans und Marlene Poelzig und erfahren mehr zu den politischen Debatten rund um das Haus Marlene Poelzig.
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