Wohnhäuser und Siedlungen 1600 Technik Denkmale in Gefahr Menschen für Denkmale August 2026 U
Wer von Dresden nach Osten fährt, erreicht nach einer Autostunde die Oberlausitz. Eine jahrhundertealte Kulturlandschaft, die sich bis ins polnische Schlesien erstreckt und im Süden durch Tschechien begrenzt wird. Je tiefer man hineinfährt, desto mehr fallen Häuser auf, die mit Holzbögen verziert sind. Etwa 20.000 von diesen Umgebindehäusern gibt es im Dreiländereck. In Sachsen stehen laut Landesamt für Denkmalpflege 6.500 Umgebindehäuser unter Denkmalschutz, mit 5.900 Gebäuden befindet sich der überwiegende Teil davon in der Oberlausitz.
Nach zwei Stunden Fahrt erheben sich am Horizont die Gipfel des Zittauer Gebirges. Am Fuße des höchsten von ihnen, der Lausche, liegt Waltersdorf. Dort haben Laura und Sven Otto ein Umgebindehaus von 1678 erworben und restaurieren es derzeit. Das Ehepaar aus dem Großraum Berlin ist so begeistert von der bergigen Landschaft und den Umgebindehäusern, dass es fast jedes Wochenende im südöstlichsten Zipfel Sachsens verbringt. „Wir kennen die Region, weil unsere Familien von hier stammen. Aber im Berliner Raum weiß niemand, was ein Umgebindehaus ist“, sagt Laura Otto.
In vielen Gegenden Deutschlands ist der Architekturtyp kaum bekannt. Ein Schicksal, das er mit anderen Volksbauweisen, wie dem Gulfhaus, teilt. „Umgebinde“ leitet sich vom „Abbinden“ aus der Zimmermannsprache ab und meint das Vorbereiten einer Holzkonstruktion. „Denn das Umgebinde ist im Grunde ein nicht ausgefülltes Fachwerk“, erklärt Thomas Noky, Referent für Volksbauweise am Landesamt für Denkmalpflege Sachsen. Umgebindehäuser bestehen aus einem Fachwerkgerüst, das nur im Obergeschoss ausgefacht ist und im Erdgeschoss auf Ständern ruht. „Und im Erdgeschoss gibt es ein zweites Bauwerk“, erklärt Noky, „das ist eine Blockstube, die in dem Holzgerüst steht.“ Gibt es zwei Blockstuben, spricht man vom Doppelstubenhaus. Die meisten Umgebindehäuser haben wie das Haus der Ottos nur eine Stube, früher der einzige beheizbare Raum, in dem gelebt und gearbeitet wurde. „Die Blockstube als eigenständiges Bauwerk im Haus ist das Ergebnis des Strebens des Menschen, sich räumlich vom Tier zu trennen“, ist Thomas Noky überzeugt. Denn im Erdgeschoss befand sich auch der Stall, der ab dem 18. Jahrhundert zunehmend als Steinbau ausgeführt wurde. Das Obergeschoss besteht aus Fachwerk und diente als Schlaf- oder Lagerraum. Die Fassade des Waltersdorfer Kleinbauernhauses ist auf der Schauseite mit Schieferbehang versehen und an den übrigen Seiten mit Brettern verkleidet, dem „Oberlausitzer Verschlag“. Das schützt die Lehmgefache vor Regen. Typisch ist auch das langgezogene Dachfenster, der „Hecht“. Deutschland.
Weber und Faktoren
Nicht nur Bauern- und Handwerkerhäuser wurden in Umgebindebauweise errichtet. Nördlich von Waltersdorf, in Ebersbach-Neugersdorf, ist ein ganzer Vierseithof erhalten. Auf dem Hof gackern freilaufende Hühner und aus dem ehemaligen Kuhstall duftet es nach Kaffee. Darin befinden sich eine Kaffeerösterei und ein Kaffeemuseum. „Das einzige in Ostdeutschland“, betont Friedbert Scholz, der gerade Bohnen abwiegt und in Tüten füllt. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde das Gehöft zu einem prächtigen Faktorenhof ausgebaut, mit 45 Räumen, davon zwei Blockstuben, 114 Fenstern und Laubengängen, unter denen man auch bei Regen draußen im Trockenen sitzen und arbeiten konnte. Faktoren waren Stoffhändler. Die Oberlausitz hatte sich im Laufe des 17. Jahrhunderts zu einer bedeutenden Textil-Region gewandelt. Faktoren verkauften Garn an die Hausweber, die daraus in ihren Umgebindestuben Stoffe webten, und kauften die fertigen Stoffe zurück, die sie bis in den Orient exportierten. Friedbert Scholz öffnet eine mit geschmiedeten Bändern verstärkte Holztür: „Hinter dieser Tür war das Stofflager, denn das waren ja die Werte.“ Nebenan in der Blockstube, in der Gäste der Rösterei ihr „Tässchen Heeßen“ aus Blümchenporzellan genießen können, wurden zu Faktorenzeiten Preise verhandelt und Verträge geschlossen.
Als Scholz mit seiner Frau und einer zweiten Familie 2005 den Hof übernahm, war er in einem katastrophalen Zustand: „Die Scheune mussten wir kürzen, sonst wäre sie eingebrochen. Es regnete bis ins Erdgeschoss und viele Fenster waren eingeschmissen.“ Mit Liebe zum Detail und auch mit Unterstützung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD) restaurierten beide Familien den Hof. „Seitdem wohnen wir in einer alten Hütte mit knarzenden Dielen, wo man vielleicht eine Strickjacke mehr braucht und Eisblumen am Fenster wachsen – aber das hat halt was!“
Pittoreske Zier
Lange herrschte die Meinung vor, im Umgebindehaus hätten sich der slawische Blockbau und der fränkische Fachwerkbau vereint. Der Blockbau sei jedoch typisch für Regionen, wo viel Holz vorhanden war und kurze Sommer herrschten, also im Schwarzwald genauso wie im Böhmerwald, entgegnet der Spezialist für Volksbauweisen Thomas Noky. Stämme konnten in kurzer Zeit übereinander gestapelt und so ein Haus vor Wintereinbruch errichtet werden, während Lehm Zeit zum Trocknen brauchte. Wahrscheinlich ist, dass die fränkischen Siedler im 12. und 13. Jahrhundert ihr Wohnstallhaus in Fachwerkbauweise mit in die Oberlausitz brachten. „Und zwar mit der Holzstube darin, denn die kannten sie aus dem Alpenraum.“ In der Oberlausitz bildete sich später eine reiche Palette an Zierformen heraus: Bögen, profilierte Umgebindeständer, geschwungene Fensterrahmungen und schmucke Portale. „Das wird eine Mode, der sogenannte Bauernbarock. Das Umgebindehaus ist wahrscheinlich die netteste Entwicklung bäuerlichen Lebens mit Vieh unter einem Dach.“
In einer hölzernen Stube herrscht ein angenehmeres Raumklima als in einer Steinstube und die Luftfeuchte ist konstant. Darin erzeugte Webwaren hatten also eine gleichbleibende Qualität. Thomas Noky vermutet, dass deshalb in der Oberlausitz noch bis ins 19. Jahrhundert Umgebindehäuser gebaut wurden, als in anderen Regionen längst der Steinbau Einzug gehalten hatte. Das würde erklären, warum gerade im Dreiländereck so viele Häuser erhalten sind, obwohl es einst auch im Erzgebirge oder Thüringen zahlreiche Umgebindehäuser gab.
Ein besonders ursprüngliches Umgebindehaus ist die Alte Kirchschule von 1676 in der Kleinstadt Weißenberg. Dort hält am Tag des offenen Umgebindehauses, an dem in der Oberlausitz, Schlesien und Böhmen rund 140 Objekte ihre Türen öffnen, Arnd Matthes eine Führung: „Wir sind hier in einer Blockstube, die außergewöhnlich hoch ist und eine Fischgrätendecke aufweist, von denen es nur noch eine Handvoll in der Oberlausitz gibt.“ Matthes beschäftigt sich seit drei Jahrzehnten mit dem Gebäudetyp. Für die Stiftung Umgebindehaus hat er Hunderte Hausbesitzer bei der Restaurierung beraten und sich auch für den Erhalt der Alten Kirchschule eingesetzt. Das Haus stand seit 1990 leer und gehörte einer fast 40-köpfigen Erbengemeinschaft. Der Förderverein des Museums Alte Pfefferküchlerei Weißenberg konnte es erwerben und auch mit Hilfe der DSD vor dem Verfall bewahren.
Arnd Matthes führt die Gruppe nach draußen und zeigt auf die Bögen vor der Blockstube: „Für die Weißenberger Gegend sind das die ersten Rundbögen. Vielleicht hat man sich die Bögen von den Arkaden in den Städten abgeschaut, die um die Marktplätze üblich waren.“ Matthes streicht mit der Hand über die glatte Lehmfläche unter den Bögen. „Im Weißenberger Umland waren die Blockstuben oft mit Lehm verputzt. Das haben wir vorgestern mit Schülern gemacht. Alle mussten ihr Handy weglegen und haben mit Lehm rumgepampt.“ Junge Menschen für den alten Baustil zu begeistern, sei nicht leicht, das spürten auch die Mitglieder des Vereins Alte Pfefferküchlerei, sagt Marion Zimmermann: „Ich bin mit 67 Jahren eine der Jüngsten. Wir brauchen Nachwuchs, damit wir die Restaurierung der Alten Kirchschule fortsetzen können.“
Begehrt und bedroht
Und doch sind es häufig Menschen mittleren Alters, die die urigen Umgebindehäuser für sich entdecken. Vor allem mit der Corona-Pandemie zog es Familien aufs Land. Während nach 1990 in Umgebindehäusern verbaut wurde, was der Baumarkt hergab, sind heute natürliche Baustoffe im Trend, stellt Denkmalpfleger Arnd Matthes fest: „Zum Beispiel wurden Styropordecken eingebaut, das fand man schick. Heute haben wir eine Generation, die containerweise Materialien entfernt, die nicht ins Haus gehören.“ Derzeit stagniere jedoch die Nachfrage nach Umgebindehäusern, weil die explodierenden Baupreise eine umfassende Sanierung zu einem finanziellen Abenteuer werden ließen. 300 Umgebindehäuser stehen aktuell leer, schätzt er. Vor allem Gebäude an vielbefahrenen Straßen haben es schwer. In letzter Zeit, erzählt der Umgebindefachmann, fragten ihn vermehrt Familien um Rat, die ihr Haus „mit wenig Einsatz hübsch machen“ wollten.
Eine von ihnen ist Lena Schönfelder. Die alleinerziehende Mutter hat ein Umgebindehaus von 1790 in der Flussaue von Bertsdorf-Hörnitz übernommen. Durch den Garten schlängelt sich der Dorfbach und vor dem Haus steht ein Apfelbaum, der dem anderthalbgeschossigen Gebäude fast bis zum Dachfirst reicht. „Das Haus stand nur zwei Jahre leer“, erzählt die Förderschullehrerin. „Von außen sah es verwinkelt und dunkel aus, aber drinnen war es licht und luftig.“ Mutter und Kinder befreiten die Blockstube von mehreren Lackschichten, schlossen Risse im Putz und strichen die Räume neu. Die Fenster und den Holzestrichboden aus DDR-Zeiten haben sie belassen. „Wir versuchen, so wenig wie möglich zu verändern, sonst würden wir dem Haus seine Geschichte nehmen.“ Als einzige Wärmequelle dient der alte Kachelofen in der Blockstube. „Es kommt auf die richtige Heizroutine an. Wenn das Haus einmal ausgekühlt ist, dauert es Tage, bis es warm wird. Aber sonst geht es sehr gut.“ In dem scheinbar winzigen Umgebindehaus, das im Erdgeschoss nur zwei Räume hat, ist erstaunlich viel Platz und jeder Zentimeter wird genutzt. „Das ist bisschen das Tiny-Haus-Konzept, aber es ist eben gemütlich!“
Urlaub im Umgebinde
Mit wenigen Schönheitsreparaturen wäre das Umgebindehaus von Marietta Pohl nicht zu retten gewesen. Das vierstöckige Gebäude mit einer vierzig Quadratmeter großen Blockstube liegt in Sohland oberhalb der Spree. „Besonders ist die Länge der Deckenbalken in der Stube: Über acht Meter! Das funktioniert nur, weil die Balken an der Fachwerkwand darüber aufgehängt sind“, sagt die Innenarchitektin, die das Haus gemeinsam mit ihrem Mann 2022 erworben hat. Damals hatte es 30 Jahre leer gestanden und war bereits in gefährliche Schieflage geraten. Die DSD fördert aktuell die Instandsetzung des Daches. Außerdem möchte das Ehepaar das Umgebinde, das mit der Zeit durch eine Steinwand ersetzt wurde, anhand von alten Fotos rekonstruieren. Mit der Datierung auf 1652 entpuppte sich das Haus kürzlich als ältestes Umgebindehaus des Ortes. 200 Jahre nach Errichtung wurde die Blockstube ausgetauscht. Da diese vom Rest des Gebäudes unabhängig ist, war das kein Problem und durchaus üblich.
„Ich finde das faszinierend“, schwärmt die Innenarchitektin, „man errichtet eine sparsame Konstruktion, die das Obergeschoss trägt, und baut eine Stube rein, die man auswechseln kann. Eigentlich ein total modernes System.“ Die sechsköpfige Familie will in das Gebäude nicht selbst einziehen, sondern Ferienwohnungen darin einrichten. Eine übliche Nutzung für Umgebindehäuser in der Oberlausitz, die bei Touristen beliebt ist, aber als strukturschwache Region gilt.
„Eigentlich haben wir hier alles: Schulen, Kitas, Einkaufsmöglichkeiten“, sagt Mandy Gubsch, Bürgermeisterin von Seifhennersdorf am Rand des Zittauer Gebirges. Seit dem Mauerfall hat sich die Einwohnerzahl des Dorfes halbiert. Zuletzt seien aber wieder Familien zugezogen, freut sich die junge Frau, die selbst zurückgekehrt ist. Sie möchte Interessenten gezielt unterstützen, denn auch in den nächsten Jahren werden viele Umgebindehäuser neue Eigentümer suchen.
Anette Mittring, Projektreferentin der DSD, beobachtet die Entwicklung der Hauslandschaft in Sachsen seit Beginn der 1990er Jahre: „Durch die Wende hatten wir die Möglichkeit, in der Region zu fördern und haben früh ein Umgebinde-Programm aufgelegt.“ Damit konnte die DSD einen wichtigen Beitrag leisten, dem schleichenden Verlust an Umgebindehäusern etwas entgegenzusetzen. Inzwischen sei das Bewusstsein für den architektonischen Schatz gewachsen, so Mittring: „Viele tragen ein starkes Verantwortungsgefühl für die Region im Herzen. Das beeindruckt mich jedes Mal.“
Iris Milde
Was 2020 das Umgebindehaus war, ist 2026 das Gulfhaus: Als Bauernhaus des Jahres würdigt die Interessengemeinschaft Bauernhaus (IgB) in diesem Jahr das Gulfhaus. Seit Jahrhunderten prägt dieser Haustyp die ostfriesische Kulturlandschaft, seine Zukunft ist heute vielerorts jedoch ungewiss. Seit 2017 setzt sich die IgB mit der Aktion Bauernhaus des Jahres für mehr Wertschätzung des jahrhundertealten Gebäudebestands auf dem Land und seine historisch gewachsene Umgebung ein. Ziel ist es, dass leer stehende Gebäude langfristig wiederbelebt werden und instand gesetzte Bauten dauerhaft gepflegt bleiben. Was vor sechs Jahren den Umgebindehäusern zugute kam, soll nun im Norden Aufmerksamkeit schaffen.
Rund 200 Menschen aus ganz Deutschland kamen im April zum Mitgliedertreffen der IgB mit Festakt für das Bauernhaus des Jahres nach Ostfriesland. Veranstaltungsort war die Scheune des seit Jahren leer stehenden Buchenhofs in Dornum-Westeraccum, eines von zahlreichen Gulfhäusern, die auf eine Instandsetzung und neue Nutzung warten. Zu den Gästen gehörten der niedersächsische Ministerpräsident Olaf Lies und Dr. Steffen Skudelny, Vorstand der DSD.
Der Einsatz für historische Bausubstanz verbindet DSD und IgB seit Jahrzehnten. Beide Organisationen wurzeln in den Initiativen der 1970er und 1980er Jahre zur Erhaltung des baukulturellen Erbes. Viele IgB-Mitglieder setzen ihre Häuser – Baudenkmale ebenso wie besonders erhaltenswerte Bausubstanz – mit Fachwissen und Leidenschaft instand, teils auch unterstützt durch Fördermittel der DSD. Zum Selbstverständnis in der IgB gehört, dass Mitglieder am Tag des offenen Denkmals ihre Häuser zeigen und Einblicke in Mut machende und gelungene Restaurierungen geben. Gemeinsam engagieren sich beide Organisationen auch im Denkmalschutz-Bündnis NRW. Der fachliche Austausch reicht bis in die Gremienarbeit der DSD.
Im Laufe von fünf Jahrhunderten kann ein Haus zu einem regelrechten Familienmitglied werden. Das empfindet Manfred Oldenburg so, seit er sich zusammen mit seiner Frau der Hofstelle im mecklenburgischen Groß Neuleben angenommen hat und das besondere Denkmal zum Zuhause wurde.
Hof Grube in Tetekum bei Lüdinghausen wird seit 2008 restauriert und erweist sich immer mehr als ein bemerkenswertes authentisches Zeugnis bäuerlichen Wohnens im Münsterland über sechs Jahrhunderte.
Die Herzen der Beichtkinder wogen schwer, waren sie doch von der Reue für sündige Taten belastet. Beim Eintreten in so manchen Beichtstuhl fiel ihr Blick auf die sie ermutigenden biblischen Vorbilder an der Tür. Zum Beispiel auf den heimgekehrten verlorenen Sohn, der seine Fehltritte bekannte und dabei auf die Gnade und Barmherzigkeit Gottes vertraute.
Lassen Sie sich per E-Mail informieren,
wenn eine neue Ausgabe von Monumente
Online erscheint.
Auch kleinste Beträge zählen!
Antwort auf: Direkt auf das Thema antworten
© 2023 Deutsche Stiftung Denkmalschutz • Monumente Online • Schlegelstraße 1 • 53113 Bonn
Spenden | Kontakt | Impressum | Datenschutz