Öffentliche Bauten Nach 1945 Neues Bauen Jugendstil / Art Déco 1850 Material Technik Denkmale in Gefahr Restaurierungstechniken Interviews und Statements August 2026 S
Bereits an der Straßenbahnstation traben auf Folie gebannte Pferde um die Wette. Die Treskowallee hinunter zeugt der breite Nordeingang mit dem großen Schriftzug Trabrennbahn Karlshorst von der Relevanz des Geländes im Berliner Stadtteil, der als „Kolonie Karlshorst“ auf Anregung von Kaiser Wilhelm II. entstand. Durch den Nordeingang, vorbei am Reiterstandbild, der alten Waage und der Tribüne mit Wetthalle hat man den Zielrichterturm im Blick: Foxtrot Jet, Shotgun ES, Desert Rain und Let’s go Crazy traben mit ihren Fahrern bei über 50 Kilometern pro Stunde über die Zielgerade. Inmitten des Denkmalensembles wird heute noch immer leidenschaftlich Trabrennsport betrieben.
Auf die Plätze, fertig, los!
Es ist Renntag – einer von elf in diesem Jahr in Karlshorst. Die Ränge der Tribüne sind gut gefüllt: Wettbegeisterte, Pferdenarren, jugendliche Hipster und junge Familien. Der Rasen vor den Rängen wird zur Picknickfläche, es gibt Pommes Frites, Softeis und natürlich Wettbuden. Besucherzahlen wie zu Kaisers Zeiten mit 50.000 Gästen sind es nicht, aber die Atmosphäre an der Bahn ist mitreißend.
An einem anderen Ort mit sportlicher Tradition im Süden Deutschlands bleiben Triumphgefühl und Freudentaumel mittlerweile aus: „Auf der Radrennbahn Reichelsdorfer Keller ist das Knattern der Schrittmachermotorräder nicht mehr zu hören“, beschreibt Dr. Dorith Müller die aktuelle Situation und blickt auf die verbliebenen 30 Meter des Denkmals. Die Biologin im Ruhestand wuchs im Stadtteil auf und erinnert sich noch gut an die Meisterschaften und die packenden Steherrennen. Dabei handelt es sich um eine Disziplin des Bahnradsports, bei der die Radrennfahrer direkt hinter speziellen Motorrädern im Windschatten fahren. Die sportlich bedeutsame Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als zahlreiche Deutsche Meister hier zu Hause waren, kennt sie aus den Erzählungen ihres Vaters.
Erbaut wurde die Bahn 1904 von lokalen Brauereibesitzern. Schon bald war sie geschätzt von Fahrradherstellern und Fahrradbegeisterten – es gab knapp 60 Rad- und Radsportvereine in Nürnberg. Die Bahn ermöglichte aufgrund ihrer Länge, Breite, Kurvenüberhöhung und Betonoberfläche hohe Geschwindigkeiten und spannende Überholmanöver. 15.000 Zuschauer waren keine Seltenheit. Der Reichelsdorfer Keller entwickelte sich zu einem beliebten Ausflugsziel.
Dennoch erfuhr der Stehersport bei Radrennen ähnlich wie der Trabrennsport in den letzten Jahrzehnten starke Veränderungen: Zuschauerzahlen gingen zurück, Einnahmen sanken, andere Nutzungsszenarien für solch große Anlagen wurden und werden diskutiert.
„Mit dem Abriss wurden
dem Reichelsdorfer Keller
Herz und Seele genommen.“
Dr. Dorith Müller, Sprecherin der Quartiersinitiative
Reichelsdorfer Keller
Das letzte Rennen
2016 verkaufte der Verein Sportplatz Nürnberg 1903 e.V. die Radrennbahn an einen Investor. Mit dem Erlös des Verkaufs sollte an anderer Stelle der Radrennsport gesichert werden. Ein Jahr später fand das letzte Steherrennen statt. Dann standen Abrisspläne für die Bahn im Raum. Daraufhin bildete sich eine Quartiersinitiative, die die Erhaltung und eine moderatere Bebauung als der Investor vorschlug. Dorith Müller ist Mitinitiatorin.
Aber weder eine Petition beim Landtag für die Bewahrung noch eine Klage gegen den Abrissbescheid konnten die Rennbahn retten. Der Stadtteil Reichelsdorfer Keller habe Herz und Seele verloren, und die Stadt das letzte Relikt ihrer Zeit als Fahrradhochburg. „Die in ihrer bauzeitlichen Ausführung und Materialität (…) nahezu unverändert überkommene Bahn besitzt (…) neben ihrer sportgeschichtlichen vor allem eine architektur- und technikgeschichtliche Bedeutung“, zitiert Dorith Müller die Einstufung als Denkmal durch das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege. Ihr bleibt unverständlich, dass es die aktuelle Rechtslage in Bayern ermöglicht, die letzte erhaltene Zementbahn ihrer Zeit in Europa und damit ein einzigartiges Denkmal durch den Bescheid einer Kommune abzureißen. Im von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD) herausgegebenen Schwarzbuch der Denkmalpflege ist zu lesen, dass „Stadt und Investor es als wirtschaftlich notwendige Maßnahme betrachteten“. Müller plädiert grundsätzlich für einen wertschätzenden Umgang mit Bauten, die Geschichte erlebbar und begreifbar machen und Voraussetzung für die Weiterentwicklung von Orten mit Charakter sind.
Mehr Informationen zum Abriss der Radrennbahn Reichelsdorfer Keller in Nürnberg sowie eine Einordnung von der DSD dazu finden Sie im Schwarzbuch 2023/24. Fordern Sie das Schwarzbuch kostenfrei an unter:
Mit der Gründung eines Turnvereins einer Gruppe aus Angehörigen der Porzellanmanufaktur Meißen 1873 wuchs eine Sportgemeinschaft und damit auch die Idee einer angemessenen Sportstätte. Die Bürger taten sich zusammen und kauften ein Grundstück, auf dem 1895 der damalige Stadtbaumeister die Jugendstilhalle plante und erbauen ließ. Benannt wurde das Sport- und Festgebäude nach Friedrich Ludwig Jahn (1778–1852) – dem Turnvater Jahn –, der deutschlandweit viele Gründungen von Turnvereinen inspirierte.

Bürgerschaftlicher Einsatz von Beginn an
„Die Jahnhalle war schon immer mehr als eine Turnhalle“, sagt Johanna Singer. Sie ist Sportwissenschaftlerin und die Geschäftsführerin der Bürgerstiftung Meißen, die 2016 gegründet wurde. Diese erwarb die vom Hausschwamm befallene Jahnhalle 2017 und rettete sie vor dem Abriss. Seitdem ist viel passiert. Unter anderem mit Hilfe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD). Mit Fördermitteln und Spenden eines MONUMENTE-Aufrufs konnte das Holztragwerk statisch gesichert werden, das Dach mit Biberschwanzziegeln neu eingedeckt und die Jugendstilfassade inklusive der Fenster saniert werden.
„Wir schaffen das nur durch
viele Freiwillige.“
Johanna Singer, Geschäftsführerin
der Bürgerstiftung Meißen
„Die finanzielle und fachmännische Unterstützung der DSD war ein Riesenbaustein für die Wiedereröffnung unserer Halle“, sagt die Geschäftsführerin. Das bürgerschaftliche Engagement ist bis heute wesentlich für die Erhaltung. „Wir schaffen das nur durch viele Freiwillige, die mit anpacken und investieren – auch bei der aktuellen Nutzung.“ Johanna Singer entwickelte in ihrem Sportwissenschaftsstudium gemeinsam mit anderen Engagierten die Idee, die denkmalgeschützte Jahnhalle für die Öffentlichkeit zu erhalten. Mit ihrem damaligen Konzept „Bewegungslandschaft JahnhallenAreal“ sollte das Ziel der Bürgerstiftung Meißen, die Jahnhalle wieder zu einem Ort der Bewegung und Begegnung zu machen, umgesetzt werden.
Bewegen gleich begegnen
„Mittlerweile sprechen wir von einem Quartierszentrum für Bewegung“, sagt Singer. 2025 wurde die Halle wiedereröffnet. Neben der Freude am Sport im Denkmal geht es ihr vor allem darum zu zeigen, wie wichtig informelle Orte der Bewegung heutzutage sind. „Das Jahnhallen-Areal ist ein Ort geworden, der Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten zusammenbringt, ganz ohne Zugangshürden. Denn beim Sport sind alle gleich.“ Sie sieht das Areal als soziale Einrichtung, die viele kosten- und barrierearme Sportangebote ermöglicht. Gerade in Zeiten, in denen die Einsamkeit bei Jung und Alt zunehme, sei das sehr wichtig.
Informelles Sporttreiben
Die Jahnhalle ist von Donnerstag bis Sonntag geöffnet. Es gibt eine Boulderwand und Spielelemente von Springseilen über Pylone bis zu Bällen. Kinder, Jugendliche und Erwachsene können sich im Denkmal und auf dem Außengelände austoben. Denn draußen gibt es einen Bolzplatz und weitere klassische Spielgeräte. „Unsere Halle bietet kein Konkurrenzangebot zum organisierten Sport. Dennoch ist das informelle Sporttreiben beliebt und passt in unsere Zeit“, erklärt Singer. Das Feld der sportlichen Betätigung hat sich vom Leistungssport über den Breitensport bis zum Freizeitsport ausgeweitet. Es gibt freie Angebote genauso wie Kurse, an denen man teilnehmen kann: sei es ein Aikido-Treff, eine Zumbagruppe oder ein Gymnastikkreis. „Die Menschen machen hier gerne Sport. Viele haben eine Geschichte mit der Jahnhalle“, erzählt Singer, die hier selbst als Kind und Jugendliche Schul- und Vereinssport getrieben hat.
Auch wenn viele der Angebote kostenlos sind und durch Spenden ermöglicht werden, muss der Unterhalt der denkmalgeschützten Halle weiter gestemmt werden: „Nach der Instandsetzung und Wiedereröffnung ist die Nachfrage für temporäre Vermietungen des großen Multifunktionsraums und der Besprechungsräume aber gestiegen. Wir machen Tagungen, Workshops und Klassenabschlussfeste.“ Zudem gibt es ein vermietetes Café und eine Wohnung, in der früher der Sportlehrer wohnte. Auch die Einnahmen zweier Sportgruppen, die sich regelmäßig in die große Halle einmieten, helfen, alles in Bewegung zu halten und Begegnung im Quartier zu ermöglichen – und das ist mit das Wichtigste im JahnhallenAreal.
Mehr zur Restaurierung mit Hilfe der DSD finden Sie in den MONUMENTE-Ausgaben 4.2021 und 5.2025.
Vom Beton zum Sand
Auf der Trabrennbahn in Berlin-Karlshorst wird diese Idee verfolgt. 2004 kaufte der Verein Pferdesportpark Berlin-Karlshorst e.V. das Gelände und rettete es vor dem Aus. Von vornherein war klar, dass neben dem Trabrennsport auch die Denkmalsubstanz erhalten werden solle. Bereits 1854 fanden im „Vorwerk Karlshorst“ die Berliner Renntage statt, 1894 eröffnete die Galopprennbahn für Hindernis- und Jagdrennen.
Die Haupttribüne aus Holz bekam 1935 einen Nachfolgebau: Trotz 95 Meter Länge und 32 Meter Tiefe wirkt das Gebäude filigran und elegant. „Besonders ist die großzügige Durchfensterung und die reduzierte Dachkonstruktion der Tribüne im Stil der Neuen Sachlichkeit“, sagt Jana Händschke, Architektin aus dem Büro, das die aktuelle denkmalgerechte Sanierung durchführt. Das Tribünendach, die Fassade und Teile der Fenster und Türen wurden mit Unterstützung der DSD bereits restauriert. Momentan werden die Abdeckungen an den Aufgangstreppen in Angriff genommen. Sie sind stark der Witterung ausgesetzt und eine Instandsetzung ist erforderlich, damit keine weitere Substanz verloren geht. Dringend notwendig ist auch die Restaurierung des Fensterbands und der Treppenanlagen der Tribüne.
Sport und viel Pferd
Neben der Erhaltung der denkmalgeschützten Gebäude geht es dem Verein und den weiteren Eigentümern des Geländes um die Nutzung. „Auch wenn viele bei unserer Bahn an Antik- und Flohmärkte, Sportevents wie die Xletics oder Verkaufsmessen denken, ist es eine Anlage, auf der Trabrennen gefahren werden – seit Ende des Zweiten Weltkrieg ausschließlich“, so Dimitrios Vergos, der Geschäftsführer des Pferdesportparks. Seit dem Kauf sollen ergänzende Nutzungen auf dem Areal etabliert werden. Den Betrieb trotz rückläufigen Interesses am Trabrennsport am Laufen zu halten, war bisher durch Verkäufe, Vermietungen, Sponsoren und Spenden möglich. Denn wirtschaftlich trägt er sich nur noch eingeschränkt. „In Zukunft wird die Erhaltung von Bahn, Bauten und Sport nur machbar sein, wenn es durch weitere Nutzungen ergänzt wird“, so Vergos. Ein Boulderpark, eine Skaterbahn oder ein Beachvolleyballfeld seien geplant. Der Bezirk suche dringend Raum für einen Sportplatz und ein Tennisverein benötige Erweiterung. „Hier soll weiter viel Sport und vor allem viel Pferdesport getrieben werden“, sagt er. Die Überlegungen sind Teil eines laufenden Bebauungsplanverfahrens, das öffentlich diskutiert wird. Das Denkmalensemble ist nicht in Gefahr.
Erste Schritte für die Zukunft
Das 2019 eröffnete Pferdesport- und Reittherapiezentrum ist der erste sichtbare Baustein für die Weiterentwicklung. Ein Reitsportzentrum für Island- und Reitpferde soll folgen. Etabliert haben sich auch die Traber- und Minitraber-Fahrschulen. Dafür setzt sich Nina Oikarinen ein. Sie ist beim Pferdesportpark unter anderem für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig: „Die Mini-Traber sind begeistert von den Pferden und Ponys. Es ist wichtig, dass der Nachwuchs wieder an den Sport herangeführt wird.“ Jorma Oikarinen, ihr Vater, hat die erfolgreiche Sportkarriere bereits hinter sich. „Ich wusste schon mit zwölf Jahren, dass ich Trabertrainer in Berlin werden möchte“, erzählt der gebürtige Finne. Selbst mit über 70 Jahren fährt er auf der Karlshorster Bahn Rennen und trainiert jeden Tag. Den Verein und seine Tochter möchte er dabei unterstützen, den Sport und das Gelände zu retten.
Denn solche Orte mit sportlicher Tradition ermöglichen gerade durch ihre Nutzung eine besondere Form des Denkmalschutzes. Die DSD leistet einen Beitrag dazu. Lassen Sie uns gemeinsam etwas bewegen: Denn
nur mit Ihrer Hilfe können wir diese Areale des Sports, der Erinnerung und der Identität bewahren.
Svenja Brüggemann
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Er war ein Pionier des ökologischen Bauens: der Architekt und Architekturtheoretiker Frei Otto (1925-2015). Nach dem Prinzip von Spinnennetzen, Seifenblasen und Blattstrukturen entstanden seine Bauwerke - wie die Multihalle von Mannheim.
Das Turniergebäude in Bad Kissingen bezeugt die frühe Sportbegeisterung in Kurstädten. Mittlerweile macht das Gebäude große Sorgen, Teile sind akut einsturzgefährdet.
Olympia ist 2026 ein Dauerthema. Die Olympischen Spiele waren schon immer ein Politikum, auch 1972 in München. Eine Spurensuche.
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