Kleine und große Kirchen Gotik Denkmale in Gefahr August 2026 D T
Zwei Biertische auf der frisch gemähten Wiese sind zusammengerückt und eine weiße Leinendecke darübergelegt. Alle aus dem Kirchenteam Tacken helfen mit, damit ihre Freiluft-Sitzung im Garten der Dorfkirche pünktlich starten kann. Es ist ein malerischer Ort zwischen gotischer Feldsteinkirche, Pfarrhaus und Dorfschule. Seit dem Bau dieser zwei barocken Fachwerkhäuser direkt an der Straße steht der Sakralbau etwas versteckt in zweiter Reihe. Aber das Herzstück des 90-Seelen-Ortes ist er immer noch – dieses Gotteshaus, gebaut Anfang des 15. Jahrhunderts aus kleinen Findlingen, die die Menschen von ihren Äckern holten, und aus dem für Norddeutschland so typischem roten Backstein. Die vielen Hundert Jahre haben den Bau gefährlich mürbe gemacht: Vom Dachfirst bis zum Sockel ist das Kirchenschiff in äußerst desolatem Zustand und muss grundlegend instand gesetzt werden.
Eine Kirche und eine Initiative
„Wozu brauchen wir diese Kirche? Welchen Beitrag kann ich dazu leisten?“, hatte die Pfarrerin Johanna Köster kurz nach ihrem Amtsantritt im September 2024 die Tackener während einer Dorfversammlung gefragt. „Gleichgültig, ob zugezogen oder schon immer dort, und unabhängig von der konfessionellen Zugehörigkeit: Die gesamte Gemeinschaft war sich einig, dass diese Kirche saniert und als öffentlicher Raum erhalten werden muss“, erinnert sich die junge Pastorin mit Blick auf die brüchige Fassade.
Im Anschluss an die Versammlung taten sich daraufhin acht besonders engagierte Dorfbewohner zum Kirchenteam Tacken zusammen und kümmern sich seither um die Belebung der Kirche. Zu ihm gehören zum Beispiel die ehemalige Ortsvorsteherin Maria Winter, der „die Gottesdienste in dem sakralen Raum so wichtig“ sind, oder der vor 15 Jahren zugezogene Guido Wendering, der befürchtet, dass „die Menschen ohne die Kirche weiter in die innere Migration gehen“, und die Fährfrau Annika Grün, die sich ohne dieses Bauwerk im Ort nicht mehr verwurzelt fühlen würde. Im mittlerweile zweiten Jahr stellt das Kirchenteam ein beeindruckendes Programm zusammen, wie die Gruppe während der Arbeitssitzung erzählt: Ausstellungen, Konzerte, Lesungen, Spielenachmittage und das Einläuten zum ersten Advent. All das organisiert das Team, damit die Kirche im Dorf bleibt, das Dorf in der Kirche und damit dieses Kleinod in der Prignitz nicht verloren geht.
Das Bauwerk macht 600 Jahre alte Geschichte anfassbar. Im Westen überragt das Kirchenschiff ein mächtiger, schiffsbreiter Westturm, der vor drei Jahren mit Hilfe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz restauriert werden konnte. Auf der Ostseite der Kirche dagegen befindet sich ein Schmuckgiebel mit gemauerten Blendbögen, gezeichnet von bedrohlichen Rissen und unzähligen Fehlstellen im Putz. „Das Vorbild dazu fanden die Bauleute wohl am Havelberger Dom und seinen Klostergebäuden“, vermutet Gordon Thalmann, der als Denkmalpfleger im Landkreis Prignitz die Kirche betreut. Denn das Bistum hatte ab dem 12. Jahrhundert sowohl großen Einfluss auf den Landesausbau und die Christianisierung dieser Region als auch auf die Architektur der vielen kleinen Sakralbauten.
Die Gefahr bannen
Heute erliegen nicht nur die Tackener dem Charme des Kirchleins: Das rote Meer von handgestrichenen Dachziegeln, der mittelalterliche Putz mit seiner Quaderritzung oder die schwere Bohlentür, durch die man in den kleinen Kirchenraum mit seiner barocken Kanzel tritt, beseelt auch Besucher aus der Ferne.
Jeden Tag, von Ostern bis zum Reformationstag, von morgens bis abends, ist das Gotteshaus geöffnet. Dafür sorgen vor allem Maria Winter und ihr Mann Christoph. Sie wohnen seit Jahrzehnten im ehemaligen Pfarrhaus, pflegen den Garten, wachen über die Kirche und halten sie mit Unterstützung aus dem Dorf sauber – sie versuchen es zumindest: „Außen löst sich der Putz in großen Brocken. Innen hört es nicht auf, von der Decke zu rieseln. Die Sockelzone des Kirchenraums ist feucht. Es ist bedrückend!“, sagt Maria Winter.
Den Dachboden zu betreten, ist bereits untersagt. Beträte man die morschen Dielen, bestünde die Gefahr, in den Kirchenraum durchzubrechen. Umfangreiche Bereiche der Dielendecke sind wie einige hölzerne Auflager des Dachstuhls zersetzt und nicht mehr tragfähig, weil seit Jahrzehnten Feuchtigkeit durch das undichte Dach dringt. Es besteht dringender Handlungsbedarf. Aber diese Aufgabe kann die Gemeinde nicht alleine stemmen. 17 Kirchen hat Pfarrerin Johanna Köster zu betreuen und sitzt bis in die Abende hinein über Förderanträgen. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz möchte sie und die Menschen in Tacken bei der Bewahrung dieses Kulturschatzes unterstützen und bittet deshalb: Helfen wir mit vereinten Kräften!
Amelie Seck
Ev. Dorfkirche Tacken
16298 Groß Pankow-Tacken
Tacken liegt etwa 20 Kilometer nordöstlich von Perleberg.
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