Landschaften, Parks und Friedhöfe Historismus Gärten Juni 2026 G
Der Spatz, die Knoblauchkröte – und nun auch der Vorgarten? Für den NABU längst Realität. Seit Jahren führt der Verband den Vorgarten auf der Liste der bedrohten Arten. „Rettet den Vorgarten“ heißt ein Fotowettbewerb, der regelmäßig ausgerufen wird. Und tatsächlich: Das kleine Stück Grün zwischen Haus und Straße ist in Gefahr. Bedroht wird es von einer Erscheinung, die sich in den letzten Jahren rasant verbreitet hat – den sogenannten „Gärten des Grauens“. Schottergärten, Steinwüsten, pflegeleicht und lebensfeindlich zugleich. Zwar existieren viele Satzungen, die solche Steinflächen untersagen, doch werden sie nur selten durchgesetzt. Selten gibt es Entscheidungen, bei denen Eigentümer ihre Schottergärten zurückbauen müssen.
Viel häufiger aber geschieht der Tod des Vorgartens still und pragmatisch: Der Vorgarten wird zum Parkplatz. Wie zum Beispiel in Köln. Dort haben so viele Hausbesitzer ihre Vorgärten zu Stellplätzen umfunktioniert, dass die Stadt inzwischen handeln muss. „Pflastersteine oder zubetonierte Flächen – der Stadt Köln wird es zu viel“, heißt es aus dem Rathaus. Seit März dieses Jahres verbietet die Verwaltung im Stadtteil Nippes rigoros neue Stellplätze im Vorgartenbereich. Das Flair der ruhigen, begrünten Straßen drohte verloren zu gehen. Ein erbitterter Disput zwischen Parkplatzsuchenden und Stadtbildrettern entfacht sich damit erneut.
Immer wieder in seiner relativ kurzen Geschichte musste der Vorgarten um sein Überleben kämpfen. In Form des repräsentativen Schmuckelements zwischen Straße und Haus existiert er seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts, als die bürgerlichen Wohngegenden in den Städten entstanden. Anregungen entnahm man sowohl aus den ländlichen Bauerngärten als auch aus den Gartenanlagen der Schlösser. Schnell fühlten sich Experten berufen, über guten Geschmack zu urteilen. Handbücher halfen, Stilsicherheit zu wahren: beim landschaftlichen Vorgarten, dem Blumengarten nach englischem Vorbild, den französischen Kiesornamenten, streng eingefasst von Buchsbaum. Neben den Pflanzen prägten Schmuckzäune, Pflasterungen, Gartenbänke und manchmal sogar ein Brunnen den Vorgarten. Von Beginn an war das Stück Grün als Übergang von öffentlichem zu privatem Raum für die Betrachtung von außen angelegt und transportierte damit auch Botschaften der Hausherren. Er war Bühne und Visitenkarte zugleich – und ist es immer noch.
Opulenz in Grün
Dabei ist er alles andere als Privatsache. Er bestimmt das Bild der Stadt mit. Darauf reagierten schon früh die Städte mit Bauvorgaben. Potsdam zum Beispiel erließ ab 1875 strenge Vorschriften: Tiefe, Zaunhöhe, Materialien, Wegebreiten, Versiegelungsgrad – alles wurde reglementiert und formte die barock angelegte Stadt zu einem historistischen Gesamtwerk voller Opulenz. Der Vorgarten ist ein Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen – und zugleich ihr Opfer. Es gab nach seiner Blütezeit, die bis etwa 1920 dauerte, große Verluste. Die Not in Kriegszeiten verwandelte die Grünstreifen in Nutzflächen. Sie wurden der Kommerzialisierung geopfert, etwa am Berliner Kurfürstendamm, wo die Häuser einst prachtvolle Vorgärten besaßen. Hinzu kam, dass in der autogerechten Nachkriegszeit Straßenverbreiterungen ganze Vorgartenreihen fraßen.
„Ein so unterschätztes Thema“
Kaum jemand hat so viel für historische Gärten getan wie Klaus-Henning von Krosigk, einer der prägenden Gartendenkmalpfleger Deutschlands. Er steht am Berliner Viktoria-Luise-Platz, den er 1980 mit viel Engagement restaurierte – sein Lieblingsort. „Der Dreiklang von Schmuckplatz, Bürgersteigpflasterung und Vorgärten ist für die Stadtgestaltung der Kaiserzeit ganz wesentlich“, stellt er fest. Für ihn sind Vorgärten keine Nebensache, sondern identitätsstiftende Elemente des Stadtbilds. „Ein so unterschätztes Thema“, sagt von Krosigk, der bis 2011 stellvertretender Landeskonservator von Berlin und viele Jahre in einem Gremium der Deutschen Stiftung Denkmalschutz tätig war.
In Berlin gibt es seiner Schätzung nach 40 bis 50 Vorgärten, die unter Denkmalschutz stehen. Nach welchen Kriterien werden sie inventarisiert? „In der Natur verändert sich stetig alles“, weiß der Gartendenkmalpfleger nur zu gut. Doch feste Ausstattungen – Mauern, schmiedeeiserne Gitter, Pflasterungen, Brunnen – sind beständiger. In Bauarchiven finden sich Pläne mit detaillierten Wegesystemen und Beetgrundrissen, die Restaurierungen ermöglichen. Spezialisierte Garten- und Landschaftsarchitekten werden mit einer Konzeptentwicklung inklusive Pflanzungsplan beauftragt. Die Untere Denkmalschutzbehörde übernimmt, so Krosigk, oft die Planungskosten und auch einen Teil der Instandsetzung. „Man muss immer das Gespräch mit den Eigentümern suchen – und ständig muss man für das Gartendenkmal werben.“
Ein großes Rekonstruktionsprojekt, so weiß er als Mitinitiator zu erzählen, war der Garten der Villa Liebermann am Wannsee, angelegt ab 1910. 2004 hatte man sich hier dazu entschlossen, den Garten anhand von Plänen und Fotografien nachzubauen. In diesem Fall half noch ein ganz besonderer Umstand: Der Garten, auch der akkurat angelegte große Vorgarten, war Lieblingsmotiv seines Schöpfers, des Malers Max Liebermann. Der Impressionist malte in jedem Jahr mehrere Male seinen Garten, über 200 Gemälde insgesamt. So weiß man genau, wo er welche Dahliensorten gesetzt hatte, wie die Astern, wie die Geranien aussahen. Ganz wichtig waren Liebermann rote Geranien nach der Goethe’schen Farbenlehre als Komplementärfarbe zum Grün des Rasens. Über seine Vorliebe für blaue Pflanzen tauschte er sich mit dem Gartenreformer Karl Foerster aus.
Vom Mehrwert der Vorgärten
Der ungebrochene Zulauf der Besucher zu Liebermanns Gartenparadies zeigt: Grün wirkt. Es erfreut und beruhigt die Sinne. Noch mehr als am Wannsee kommen die Strukturen der Pflanzen, die Farben, die Düfte in steinlastigen Innenstädten zur Geltung. Die ästhetische Wirkung entfaltet sich hier besonders effektiv – für Flaneure wie für Bewohner. Und der praktische Nutzen, gerade in Zeiten des Klimawandels, ist gewaltig. Gärten kühlen die sich aufheizenden Städte im Sommer, sie binden den Staub der Straßenräume, sie dienen als Versickerungsfläche bei Starkregen – und sind Lebensraum für Kleintiere und Insekten. Es spricht vieles für die Erhaltung der Vorgärten.
Vorgärten für alle – und für den Gartenzwerg
Doch nicht alle Menschen leben in Verhältnissen, die Platz für solche Überlegungen lassen, schon gar nicht in den Städten. Heute nicht und früher auch nicht. Die Wohnungsnot verschärfte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts dramatisch. Werkssiedlungen mit einheitlichen Vorgartenzonen wurden errichtet, im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus entstanden Großsiedlungen. Hier war keine gärtnerische Privatheit mehr möglich. Die Grünflächen wurden von den Wohnungsbaugesellschaften als Platz für die Allgemeinheit angelegt, in der Regel schlichte Rasenflächen. An den Vorgärten der Eigenheime hingegen lassen sich auch im späteren 20. Jahrhundert Architektur- und Gartenentwicklungen ebenso wie Stimmungslagen im Land ablesen. Der elegante schmiedeeiserne Schmuckzaun wurde durch einen rustikalen Jägerzaun ersetzt, aufwendige ornamentale Beete durch praktisches Tannengehölz und Koniferen, unter denen sich freundliche Gartenzwerge tummelten. Das mag durchaus mit dem Schrecken zweier Weltkriege zu tun haben. Die kompromisslose Individualisierung, die das Straßenbild zunehmend verändert, vielleicht ebenso. Denkmalpfleger, die versuchen, die serielle Ästhetik von Siedlungen zu erhalten, stehen in einem permanenten Spannungsfeld.
Zwischen Mülltonnen und Mäuerchen
Nur wenige Vorgärten auch denkmalgeschützter Gebäude zeigen noch die Formen ihrer Entstehungszeit. In den meisten Fällen werden die Vorgärten als Abstellfläche für Mülltonnen und Fahrräder genutzt. Findet sich im Garten noch die ursprüngliche Ausstattung wie originale Einfriedungen, Gartentore, Schmuckmosaike oder sogar steinernes Mobiliar, werden Vorgärten als Teil des geschützten Einzeldenkmals in der Denkmalliste aufgeführt. In historischen Straßenzügen mit Reihenbebauung inventarisiert sie der Ensembleschutz.
Ein Beispiel eines wiederhergestellten Vorgartens findet sich in der Potsdamer Clara-Zetkin-Straße. Er wurde anhand eines historischen Fotos rekonstruiert – inklusive Rankengitter und Bank, die selbst auf der kleinen Fläche einen „Point de Vue“ schaffen und eine erstaunliche Wirkung entfalten. 2004 wurde dieses Projekt mit der Potsdamer Denkmalschutzbehörde und mit Hilfe der treuhänderischen DSD-Gemeinschaftsstiftung Historische Gärten durchgeführt. Noch heute, 20 Jahre später, wird der Vorgarten nach dem damaligen Konzept bepflanzt und gepflegt.
Ein Blick in die Zukunft
Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz widmet sich auch andernorts dem Thema. Bei historischen Gebäuden in ihrem Eigentum erstellt sie Konzepte zur Wiederherstellung der ursprünglichen Gestaltung und Bepflanzung. Nicht nur bei gründerzeitlichen Objekten: Vor ihrem Bonner Sitz – der 1955 errichteten ehemaligen Bayerischen Landesvertretung von Sep Ruf – soll der Vorgarten wieder an die Zeit der Bonner Republik erinnern.
Beratungsangebot
Wollen auch Sie den Vorgarten Ihres denkmalgeschützten Hauses im historischen Sinn wieder herrichten und benötigen dabei Hilfe? Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz bietet ein Beratungsgespräch an, in dem Sie erfahren, ob und in welchem Umfang die denkmalgerechte Umgestaltung Ihres Vorgartens durch die DSD gefördert wird. Melden Sie sich hierzu bitte unter: denkmalfoerderung@denkmalschutz.de.
Außerdem: Eine 40-seitige Broschüre der Unteren Denkmalschutzbehörde Potsdam bietet ausführliche Informationen, unter anderem mit einer detaillierten Pflanzenliste. Sie ist als PDF hier abrufbar.
In bodendeckenden Teppichstauden sollen orangefarbene Blumen wie Schafgarbe, Scheinsonnenhut und Nelkenwurz gepflanzt werden. Sie korrespondieren mit den ursprünglichen orangefarbenen Markisen. Ein kleines Projekt mit großer Symbolkraft. Denn mehr und mehr werden auch die Vorgärten der Nachkriegszeit als Denkmale in Augenschein genommen. Als Beispiel: Die Vorgärten von Eigenheimen in der DDR mit ihren typischen niedrigen Metallzäunen und den Beetkanten aus Waschbeton werden ein zunehmend beachtetes Thema. Sie gelten heute als wichtige Zeugnisse ostdeutscher Gestaltungs- und Alltagskultur.
Denn der Vorgarten ist mehr als ein Flecken Grün. Er ist ein Stück Geschichte vor dem Haus, ein städtebauliches Element. Er erzählt von Geschmack, von Reichtum und Pragmatismus. Und er zeigt, wie sehr das öffentliche Bild einer Stadt von privaten Entscheidungen abhängt. Vielleicht ist es an der Zeit, den Vorgarten wieder als das zu sehen, was er immer war: ein kleines, aber bedeutendes Stück Kulturgeschichte. Oder, wie von Krosigk sagt: „Ein wesentliches Element im Stadtbild, dessen Bedeutung sich die wenigsten bewusst machen.“
Beatrice Härig
Professor Eylert und sein Haus
Seit drei Generationen steht das Haus an der Hindenburgallee 16 in Ahaus im Mittelpunkt einer Familiengeschichte. 1930 ließen Großtante und -onkel von Bernd Eylert die Villa errichten – ein Bauwerk der Neuen Sachlichkeit, klar in der Form, zurückhaltend im Ausdruck. 2020 übernahm Bernd Eylert das Haus und damit auch die Verantwortung für ein Stück Familien- und Architekturgeschichte. Bernd Eylert ist Professor der Mathematik und IT-Sicherheitsexperte, 2025 wurde er im „Unruhestand“ in die Spezialisierte Ethikkommission für besondere Verfahren berufen. Der Restaurierung seines Elternhauses widmete er sich mit derselben Energie, die seine berufliche Laufbahn prägt.
2022 unterstützte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz die letzten Maßnahmen – die galten dem Vorgarten, der Umfriedungsmauer und der Treppe zum Eingang. Wie nähert man sich der Wiederherstellung eines Gartens, dessen ursprüngliche Gestaltung fast ein Jahrhundert zurückliegt? Fotos und Erinnerungen von dem schlichten, klar gegliederten Vorgarten helfen, die Spuren der Zeit behutsam zu beheben.
„Die Ziermauer zur Straße hat in den letzten 90 Jahren schwer gelitten“, erzählt Professor Eylert. Die Hindenburgallee wurde mehrfach erneuert und dabei immer weiter erhöht. „So versank die Ziermauer im Laufe der Jahre zur Hälfte im Boden.“ Auch die Tore hatten die Jahrzehnte nicht überstanden: „Die waren arg verrostet und wurden entsorgt. Ich wusste aber noch, wie sie waren und hatte zwei Bildvorlagen. So haben wir die Tore in enger Absprache mit dem Denkmalschutz rekonstruiert.“ Diese enge Abstimmung mit der Unteren Denkmalschutzbehörde der Stadt Ahaus und dem Landschaftsverband LWL war für ihn ein zentraler Bestandteil des Projekts. „Das hat während der gesamten Restaurierung vorzüglich funktioniert.“ Die Straßenbäume, die 1954/55 entlang der Hindenburgallee gepflanzt wurden, standen zu nah an den Grundstücksgrenzen. „Sie haben die Ziermauer derart traktiert, dass sie ganz schief wurde.“ Dennoch gelang es, viele der alten Ziegel zu sichern. Besonders erfreulich: „Vor allem die alten Säulen haben wir als Ganzes fast alle retten und wieder einbauen können.“
Auch der Treppenaufgang zum Haus hat eine bewegte Geschichte. Im Krieg schwer beschädigt, war eine Längsseite später notdürftig ersetzt worden. Im Zuge der Renovierung 2022/23 wurde die Treppe nach den Plänen von 1929 rekonstruiert. Entlang der Hausfront stehen Rhododendren – Originalpflanzen aus dem Jahr 1930. „Die sind tatsächlich bis auf eine Pflanze original.“ Der Weg vom Gartentor zur Haustür war ursprünglich mit denselben Ziegeln gepflastert, aus denen auch das Haus besteht. In den 1960er Jahren wurden sie durch Waschbetonplatten ersetzt – „es gab dadurch weniger Pfützen bei Regen, was für meine Mutter entscheidend war“, erinnert Eylert sich schmunzelnd. Die alten Ziegel hat er als Schüler selbst hinter dem Haus als Wegbefestigung neu verbaut. Rechts und links des Zuwegs stand früher eine Eibenhecke, und rund um das Grundstück verlief eine Einfriedung aus Hainbuche. Die wurde 2025 neu gepflanzt. Nur ein Wunsch bleibt noch offen: die Waschbetonplatten im Vorgarten wieder durch Ziegel zu ersetzen. „Dazu muss ich aber erst einmal die Zeit finden.“
Seit 2009 restauriert und pflegt die internationale "grüne" Jugendbauhütte den Schlosspark Altdöbern. Ihr Einsatz macht den Landschaftspark klimaresistenter.
Hitze, Dürre, Starkregen oder Stürme – der Klimawandel gefährdet unsere historischen Gärten und Parkanlagen. Die Gartendenkmalpflege reagiert – MONUMENTE berichtet. Denn die Deutsche Stiftung Denkmalschutz engagiert sich, um Gründenkmale zu retten.
Mehrere Risse durchziehen das Mauerwerk, Fensterstürze sind bereits eingebrochen. Weil eine Gebäudeecke in trocknenden Grund sackt, ist der historisch bedeutsame Teil der Marienkirche in Jena-Zwätzen akut gefährdet.
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