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Leben im Denkmal

Drei Generationen und viel Kunst

Der über 300 Jahre alte Schartenhof in Biedenkopf-Eckelshausen wurde auf Initiative von Annemarie Gottfried ein Zentrum für Kunst, Musik und Theater. Er ist die Geburtsstätte der Eckelshausener Musiktage und des Marionettentheaters.

Diese Treppe ins Obergeschoss der Schartenhof-Scheune erklimmt jeder, der dem Charme dieses besonderen Ortes erliegt und der Ausstellungen, Literatur, Theater und Musik auf hohem Niveau genießen möchte.
© Roland Rossner / DSD
Diese Treppe ins Obergeschoss der Schartenhof-Scheune erklimmt jeder, der dem Charme dieses besonderen Ortes erliegt und der Ausstellungen, Literatur, Theater und Musik auf hohem Niveau genießen möchte.

Still ist es in der lichtdurchfluteten Scheune, obwohl einen so viele Gesichter anschauen. Sir Fallstaff ist da, ein Troubador, Pippi Langstrumpf und viele ausdrucksstarke Persönlichkeiten mehr. Nicht wie in einem Museum bieten sie sich dem Betrachter dar. Sondern in ihrer natürlichen Umgebung. Denn genau hier wird ihnen regelmäßig Leben eingehaucht – hier, in der Scheune des Schartenhofs. Zweimal im Jahr werden die Marionetten zu Opernstars, denen hundert Besucher zuschauen: In der Weihnachtszeit versammeln sich die Puppen zur festlichen Ausstellung, und wann immer Mareile und Armin Zürcher Zeit haben, stellen sie die vielen Figuren, seien sie aus Kautschuk, Filz, Papier oder Bronze, hier oder anderswo aus.

Kreative Symbiose
Ein Künstlerhaus und ein Haus für Kunst und Musik, das ist der Schartenhof in einem kleinen Ort im oberen Lahntal in Hessen. 1970 erwarb die Künstlerin Annemarie Gottfried das verfallene Ensemble; der Bauer hatte nicht weit entfernt neu gebaut und, welch Glück, Schmiede, Scheune, Stall und Wohnhaus einfach noch nicht niedergerissen. Platz für ihre Kunst brauchte Annemarie Gottfried, für ihre plastische Kunst, die sich über ein halbes Jahrhundert hier entwickeln konnte, materialintensiv und immer unter Einbeziehung einer großen Öffentlichkeit. „Diese landwirtschaftlich geprägte Region mit ihren vielen Eisengussbetrieben bekam nun auch andere Impulse. Und die Menschen hier nahmen sie dankbar auf“, erklärt Mareile Zürcher, Annemaries Enkelin.

Fast wie früher: An diesem Tisch in ihrem Elternhaus kommen die Geschwister Mareile und Armin Zürcher immer noch zusammen. Hier planen sie die vielen Veranstaltungen auf dem Schartenhof.
© Roland Rossner / DSD
Fast wie früher: An diesem Tisch in ihrem Elternhaus kommen die Geschwister Mareile und Armin Zürcher immer noch zusammen. Hier planen sie die vielen Veranstaltungen auf dem Schartenhof.

Mit ihrem Bruder Armin ist Mareile auf dem Schartenhof großgeworden, mit ihren Eltern Katharina und Heinz Zürcher bewohnten sie den am höchsten Punkt des Ensembles gelegenen ausgebauten Stall. Armin lebt und arbeitet weiterhin auf dem Hof, Mareile pendelt wöchentlich, um hier Musik und Marionettenspiel zu planen und Ausstellungen zu organisieren. Und neuerdings auch, um zu renovieren. Seit ihre Großmutter Annemarie 2022 verstarb, ist es an den Geschwistern, ihr Haus und ihr Atelier zu sichern und den Schartenhof als Begegnungsort für Künstler, Kreative und Kulturhungrige außerhalb der Ballungszentren weiterzuführen. „Wir begannen mit Sicherungsmaßnahmen rund um das Gehöft. Aber dann wächst man mit den Aufgaben und Visionen. Und es war die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die uns ermuntert hat, für das alte Wohnhaus einen baulichen Zustand zu schaffen, der irgendwann einmal fertig ist und genutzt werden kann“, sagt Armin Zürcher. Obwohl als Softwareentwickler eher am Schreibtisch tätig, fremdelt er keineswegs mit Werkzeug, Baumaterialien, kunsthistorischen und ingenieurmäßigen Fachbegriffen. „Ich hatte keinen Großvater, mein Vater war auch oft nicht da. Und Oma lief immer mit Hammer oder Säge herum oder mit einer Kelle und hat irgendetwas gemacht“, erzählt er.

Bis zu ihrem Tod bewohnte Annemarie Gottfried das alte Wohnhaus des Schartenhofs mit Kratzputzfassade. Nun muss es grundlegend instand gesetzt werden.
© Roland Rossner / DSD
Bis zu ihrem Tod bewohnte Annemarie Gottfried das alte Wohnhaus des Schartenhofs mit Kratzputzfassade. Nun muss es grundlegend instand gesetzt werden.

Denkmalgerechte Restaurierung in den 70ern
Der Schartenhof ist ein Gehöft mit immer noch gut erhaltenem Fachwerkbestand in malerischer Lage oberhalb der Kirche. „Den einzigen richtig schlimmen Schaden am Kratzputz der Fachwerkfassade hat uns ein Waschbär eingebrockt“, sagt Armin Zürcher mit Blick auf das Wohnhaus seiner Großmutter vom Anfang des 17. Jahrhunderts, verziert mit Kratzputz von 1875. Etwa zeitgleich entstanden auch die weiteren Hofgebäude. Mit ihrer zupackenden Art und ihrem handwerklichen Geschick brachte Annemarie Gottfried den Schartenhof in Ordnung, nachhaltig und vor allem denkmalgerecht, ohne es vielleicht zu wissen – das erste gesamthessische Denkmalschutzgesetz trat erst 1973 in Kraft.

Am Schreibtisch ihrer 2017 verstorbenen Mutter Katharina Zürcher arbeitet Mareile an der Programmplanung des Schartenhofs und des Kammermusikfestivals, der Eckelshausener Musiktage.
© Roland Rossner / DSD
Am Schreibtisch ihrer 2017 verstorbenen Mutter Katharina Zürcher arbeitet Mareile an der Programmplanung des Schartenhofs und des Kammermusikfestivals, der Eckelshausener Musiktage.
Armin Zürcher hat ein Seminar zur Erhaltung historischer Fenster besucht und arbeitet viel an „Omas Haus“ mit.
© Roland Rossner / DSD
Armin Zürcher hat ein Seminar zur Erhaltung historischer Fenster besucht und arbeitet viel an „Omas Haus“ mit.
 

„Es ist nicht verbogen und krumm saniert worden“, beschreibt es Armin Zürcher. So hat sie die historischen Fenster einfach erhalten, abgeschliffen und neu verkittet. Und weil sie ein ausgeprägtes Bewusstsein für die regionalen Besonderheiten hatte, half sie an vielen anderen Häusern, auch außerhalb Eckelshausens, den regional-spezifischen Kratzputz zu erhalten. „Das Modellieren war ihr bereits vertraut“, sagt Mareile Zürcher, „als Modellierwerkzeug für den Kalkputz nutzte sie das medizinische Besteck ihres Vaters, und die floralen Motive fanden sich in den hier noch getragenen bäuerlichen Trachten wieder, die sie bereits ausgiebig für ihre Trachtenfigurinen studiert hatte.“

Mareile und Armin Zürcher zeigen, wie sie große Opern auf kleiner Bühne darbringen. Dafür kommt Publikum von nah und fern.
© Roland Rossner / DSD
Mareile und Armin Zürcher zeigen, wie sie große Opern auf kleiner Bühne darbringen. Dafür kommt Publikum von nah und fern.

Während sich Armin Zürcher derzeit insbesondere um die Sicherung und Instandsetzung von „Omas Haus“, wie er sagt, kümmert, ist Mareile Zürcher ihrer „Grossi“, so nennt sie ihre Großmutter, beim Marionettenspiel besonders nah. „Man muss sich vorstellen: Grossi ist über 70, als sie anfängt, Marionetten zu gestalten“, 1997 war das. Die Anregung gab der Marburger Professor Max Wichtl, einer der vielen kunst- und musikbegeisterten Besucher der Eckelshausener Musiktage, die Annemarie Gottfried 1985 hier ins Leben gerufen hatte. Aus einer Laune wurde mehr: ein Repertoire von 13 Opern, mit insgesamt etwa 180 individuell gestalteten Marionetten und angepassten Libretti, jeweils auf knappe zwei Stunden Aufführungszeit gekürzt. 

Treu an der Seite der Familie, auch nach dem Tod von Annemarie Gottfried: Rosel Roth und Doris Achenbach mit Mareile Zürcher beim Vorbereiten des Ticketversands.
© Roland Rossner / DSD
Treu an der Seite der Familie, auch nach dem Tod von Annemarie Gottfried: Rosel Roth und Doris Achenbach mit Mareile Zürcher beim Vorbereiten des Ticketversands.

© Roland Rossner / DSD.

Eine Auswahl der ausdrucksstaken Marionetten von Annemarie Gottfried, die auf der kleinen Opernbühne zum Leben erwachen. 

 

„Großmutter produziert die Puppen, Vater die Bühne und das Bühnenbild, Mutter dokumentiert, fotografiert und gestaltet die Programmhefte“, erinnert sich Mareile. „Wir sind ja nur zwei Geschwister, also haben wir dann unsere Freunde akquiriert und gespielt – learning by doing sozusagen“. Und von den acht Puppenspielern seien später vier in Musikberufe gegangen, sie selbst eingeschlossen.

So führen die Geschwister Zürcher die Ideen ihrer Großmutter und die Geschichte ihres Hauses fort – in ihrer Freizeit, mit ihren Freunden und Partnern, mit Hilfe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und mit Ihrer Unterstützung! Nicht als Museum erhalten sie den Schartenhof, sondern als Haus für Kunst, immer wieder neu mit Leben gefüllt, Besucher willkommen.

Julia Greipl

Nordhessischer Kratzputz

Die typischen Fachwerkfassaden mit ihren kunstvoll verzierten Putzfeldern gehörten zum nordhessischen Dorfbild. Auf alten Bauernhäusern und Scheunen findet man vereinzelt noch eine große Vielfalt von Fassadenschmuck: grafische Muster, Blumenranken, Symbole, Figuren, Tiere oder Sinnsprüche. Diese besondere Verzierungstechnik, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht, kennt man unter dem Namen Kratzputz.
Im Gegensatz zum Sgraffito, bei dem mehrere Putzschichten übereinander aufgetragen und später wieder partiell abgekratzt werden, kommt der Hessische Kratzputz mit nur einer Schicht aus. Verwendet wird Kalkputz, dem Tierhaare oder Pflanzenfasern beigemischt sind. Solange der Putz noch feucht ist, werden die Motive eingedrückt, modelliert oder eingeritzt – so entsteht die typische reliefartige Oberfläche.
Heute geht es vor allem darum, die erhaltenen Beispiele und das Wissen über ihre Herstellung zu bewahren. Nur noch wenige Handwerksbetriebe beherrschen diese traditionelle Technik und können sie bei Restaurierungen anwenden. Genau das war ein Grund für die UNESCO, den Hessischen Kratzputz 2016 in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufzunehmen. Damit soll auch Hausbesitzern bewusst werden, wie wertvoll diese selten gewordene Volkskunst ist.

 
 
© Roland Rossner / DSD
 

Leben im Denkmal

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Zur Entspannung kümmern sich die Geschwister Zürcher auch um den Garten des Schartenhofs.
© Roland Rossner / DSD
Zur Entspannung kümmern sich die Geschwister Zürcher auch um den Garten des Schartenhofs.
 

Schartenhof
Obere Bergstraße 12 | 35216 Biedenkopf-Eckelshausen

Biedenkopf-Eckelshausen liegt im oberen Lahntal zwischen der Universitätsstadt Marburg und der Kurstadt Bad Laasphe. Der Schartenhof oberhalb der Kirche von Eckelshausen ist immer wieder einen Besuch wert. Im Oktober 2026 wird im Marionettentheater die Oper „Der Freischütz“ aufgeführt. Zur Adventszeit lockt die Weihnachtsausstellung mit Künstlerpuppen von Annemarie Gottfried in die Scheune des Ensembles. Und jeweils zur Pfingstzeit wird der Schartenhof wieder ein Veranstaltungsort der Eckelshausener Musiktage.

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