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Wenn Ulrike Maydorn durch das Rentmeisterhaus des ehemaligen Klosters Flechtdorf geht, sieht sie nicht zuerst die Holzstützen oder quer durch den Raum gezogene Spanngurte, die die Fassade halten. Vor ihrem inneren Auge entsteht die Wohnung, in der sie Mitte der 1950er Jahre als kleines Mädchen lebte: „Dort stand ein Tisch mit einer Eckbank und hier vorn war ein Spinett. Wir haben viel Hausmusik gemacht.“
Ulrike Maydorn ist die Tochter des vorletzten Rentmeisters des Klosters im nordhessischen Flechtdorf. In einem großen, hellen Raum neben der Eingangstür befand sich das Arbeitszimmer ihres Vaters. Von dort aus verwaltete Pfarrer Arnold Jesch das Kloster, denn als Rentmeister trug er die Verantwortung für die Gebäude, den Landwirtschaftsbetrieb, das zugehörige Hospital und war zugleich Seelsorger für die Patienten. Nicht zuständig war er für die Kirche, die einen eigenen Pfarrer hatte.

Vom Abt zum Rentmeister
Das Benediktinerkloster Flechtdorf geht auf eine Stiftung des Grafen Erpo von Padberg und seiner Frau Beatrix zu Beginn des 12. Jahrhunderts zurück. Zwar fiel 1639 der Ostflügel des Klosters einem Brand zum Opfer, aber die Kirche mit dem weithin sichtbaren doppeltürmigen Westbau sowie der West- und der Südflügel des Klosters sind in weiten Teilen aus der romanischen Zeit erhalten. „Hier sind 900 Jahre Geschichte drin. Das ist einer der ältesten Profanbauten in Deutschland, ein historischer Schatz!“, hebt Uwe Lutz-Scholten die Bedeutung des Konventsgebäudes in Flechtdorf beim Besuch von MONUMENTE hervor. Er ist Gründungsmitglied des Fördervereins Kloster Flechtdorf, der sich heute um den ehemaligen Klosterkomplex kümmert.
Nach der Auflösung der Ordensgemeinschaft und der Säkularisierung des Klosters infolge der Reformation richteten die Grafen von Waldeck 1602 ein Hospital für Bedürftige in den Klostermauern ein. Ende des 19. Jahrhunderts zogen die Patienten in einen Neubau neben der Klosteranlage, der heute noch ein Seniorenheim beherbergt. Die Klostergebäude, zu denen auch Stallungen, Scheunen, ein Backhaus und ein Brauhaus gehörten, wurden fortan landwirtschaftlich genutzt. „In meiner Kindheit in den 1950er Jahren war das ein großer Landwirtschaftsbetrieb und die Leute aus dem Spital haben, soweit sie konnten, mitgeholfen“, erinnert sich Ulrike Maydorn.
Nach dem Auszug der Mönche gab es auch keinen Abt mehr. An seiner Stelle verwaltete ein Rentmeister das Kloster und seine Güter. Um ihn und seine Familie standesgemäß unterzubringen, setzte man 1681 an den Südflügel einen dreigeschossigen Fachwerkbau an, der im 18. Jahrhundert noch einmal erweitert wurde. Von außen wirkt das Rentmeisterhaus klein, aber innen gehen die Räume fließend in den Südflügel des Klosters über. „Wir springen hier ständig zwischen dem 12. und dem 17. und 18. Jahrhundert hin und her“, sagt Architektin Christine Löber und zeigt auf eine circa einen Meter dicke Mauer direkt neben einer dünnen Fachwerkwand.
Große Fenster mit Schnitzwerk, schmucke Türbeschläge, der barocke Treppenaufgang – viele Details des Rentmeisterhauses zeugen von der sozialen Stellung, die seine Bewohner in dem kleinen Ort Flechtdorf hatten, der heute rund 500 Einwohner zählt. Doch inzwischen befindet sich das ehemalige Wohnhaus der Rentmeister in einem kritischen Zustand. Im Frühjahr 2024 musste das Gebäude notgesichert werden. Stützen halten von außen die Fassade, Spanngurte ziehen sie nach innen. „Die Fassade hat immer weiter nach außen gedrückt“, sagt Architektin Löber. „Das liegt daran, dass die Sockelschwelle des Hauses stellenweise gar nicht mehr vorhanden ist. Das Haus sackt einfach ab.“ Außerdem sind Hölzer und Gefache der Fachwerkfassade an manchen Stellen so desolat, dass sich Spalten gebildet haben, durch die man ins Haus hineinsehen kann. Im Inneren sind Deckenbalken gebrochen, konstruktive Verbindungen zwischen Fassade und Dach funktionieren nicht mehr. „Das sind normale Alterungsschäden, das Haus ist an sich solide gebaut“, sagt die Architektin, „aber jetzt muss etwas passieren, weil es sonst immer teurer wird.“
Bürger retten Kloster
1969 wurden die Klostergebäude an einen lokalen Landwirt verkauft, erzählt der Flechtdorfer Uwe Lutz-Scholten: „Das Kloster war ein historischer Ort, der nie öffentlich zugänglich war. Und nach der Privatisierung verfielen die Gebäude zusehends.“ Als der Komplex wieder zum Verkauf stand, taten sich 2006 zwei Dutzend Engagierte im Förderverein Kloster Flechtdorf e.V. zusammen und ersteigerten im Jahr darauf das Kloster und die zugehörigen Wirtschaftsgebäude. „Wir hatten drei Ziele: das Kloster öffnen, sanieren und nutzen. Geöffnet haben wir sofort und erste Veranstaltungen gemacht“, sagt Ulrich Faß-Gerold, ebenfalls Gründungsmitglied des Vereins. Klostertage, Führungen und der Tag des offenen Denkmals finden regelmäßig statt.
Der Verein begann auch unverzüglich mit der Sanierung: „Als wir das Kloster übernommen haben, sahen die Gebäude wirklich schlimm aus“, erinnert sich Helmut Walter, bis 2020 Vereinsvorsitzender. „Aber der Landwirt hatte keine Veränderungen vorgenommen. Aus denkmalpflegerischer Sicht ein Glücksfall.“ Zunächst wurden das Abtshaus und der Westflügel aus der romanischen Zeit auch mit Unterstützung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz schonend instand gesetzt. Für die beispielhafte Restaurierung des Abtshauses erhielt der Verein 2015 den Hessischen Denkmalschutzpreis.
Im ehemaligen Kuhstall entstand das Klostercafé, wo auch Lesungen, Konzerte und private Feiern veranstaltet werden, und im Dach über dem Kuhstall eine Herberge. Zwar soll auch der Südflügel des Konvents noch restauriert und nutzbar gemacht werden, sagt Uwe Lutz-Scholten, aber der größte Handlungsbedarf bestehe jetzt im Rentmeisterhaus: „Der romanische Teil ist solide aus Kalkstein und Schiefer gebaut. Aber der Fachwerkteil schreit nun wirklich: Rettet mich!“
Im ersten Bauabschnitt steht die Stabilisierung der Außenwände im Fokus. Der Sockel soll trockengelegt, die Mauerschwelle ersetzt, schadhafte Hölzer im Fachwerk getauscht, die Gefache ergänzt und neu verputzt werden. „Wichtig ist, dass kein Wasser mehr in die Fassade eindringt“, so Architektin Löber. Außerdem müssen die konstruktiven Anschlüsse zwischen Fassade und Deckenbalken erneuert werden, damit die Außenwände wieder belastbar mit dem Haus verbunden sind. 360.000 Euro wird allein die Stabilisierung der Fassade kosten. In weiteren Bauabschnitten sollen die Sanierung des Dachstuhls und die statische Instandsetzung der Innenräume folgen.
In einigen Jahren, so die Idee des Vereins, könnten im Rentmeisterhaus Seminar- und Vereinsräume sowie weitere Zimmer für die Klosterherberge entstehen. Ulrike Maydorn hofft, dass ihr früheres Zuhause gerettet wird: „Der Zustand ist erbärmlich. Ich habe lange gebangt und bin nun erleichtert, dass etwas ins Rollen kommt.“
Was Ihre Spende bewirken kann
(beispielhafte Bruttokosten)
Um die Rettung zu stemmen, ist der Förderverein Kloster Flechtdorf auf Unterstützung angewiesen. Helfen Sie mit, ein Stück der 900-jährigen Klostergeschichte zu bewahren!
Iris Milde
Kloster Flechtdorf
Herrnberg 12
34519 Diemelsee
Flechtdorf liegt in Waldeck, dem hessischen Teil des Sauerlandes im Naturpark Diemelsee.
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