Kleine und große Kirchen Nach 1945 Verkehr Menschen für Monumente Menschen für Denkmale Juni 2026 A E
Dann ist es still – und das Rauschen, Brausen und Sausen der A2 nicht mehr zu hören. Kein Bremsen, kein Blinken, kein Ausscheren, nur eine Spur hin zum Chor. Der Schwung des Chorbogens korrespondiert mit der flachen Wölbung der kassettierten Decke, das Licht ist gedämpft, die Bänke rechts und links des Mittelgangs sind leer.
1959 wurde die Autobahnkirche Exter am Himmelfahrtstag als erste evangelische ihrer Art für Besucher geöffnet. Ein Jahr zuvor begann an der A8 mit der Einweihung der Autobahnkirche in Adelsried die Geschichte dieser Sakralbauten. Sie war durch einen Unternehmer gestiftet worden. Wie viele andere auch, geht sie somit auf den Einsatz einer Initiative von Privatpersonen, Gemeinden oder Trägern zurück. Seit 1958 sind in Deutschland über vierzig hinzugekommen, die als Autobahnkirche oder -kapelle erbaut oder mit dieser Zweitnutzung versehen wurden. Sie stehen an einem dichten Netz mit insgesamt 120 Autobahnen in Deutschland.
Dabei hat jede Autobahnkirche ihre eigene Geschichte und Gestalt: Sei es die jahrhundertealte denkmalgeschützte Dorfkirche in Gelmeroda, die als Feininger-Kirche bekannt ist, oder die erste ökumenische Autobahnkapelle Dammer Berge aus den 1970er Jahren, die sich an Bauten von Le Corbusier und Gottfried Böhm orientiert. Übrigens: ein großer Teil der deutschen Autobahnkirchen ist denkmalgeschützt. In anderen europäischen Ländern sind sie im Gegensatz zur weiteren Autobahninfrastruktur wie Raststätten und Toilettenanlagen nicht präsent – lediglich in Italien, der Schweiz, Österreich und Tschechien gibt es vereinzelte Kirchen am Rande der Autobahn. Dass es sich um ein fast ausschließlich deutsches Phänomen handelt, hat sicher auch mit der Liebe zum Automobil hierzulande zu tun.
Offenheit als Eigenschaft
In Deutschland kümmert sich die Akademie des Versicherers im Raum der Kirchen (VRK) rund um die Themen Seelsorge und Autobahnkirchen. Neben dem Angebot eines Verzeichnisses aller Autobahnkirchen in Deutschland (siehe auch Seite 70/71), macht sie Inhalte medial sowie an der Strecke sichtbar und sorgt seit den 1990er Jahren für die Vernetzung der Kirchen und Kapellen, beispielsweise mit einer jährlich stattfindenden ökumenischen Konferenz.
Aber was macht eine Autobahnkirche aus? Dr. Matthias Stracke-Bartholmai ist promovierter Theologe und kennt als Referent bei der VRK die Eckpunkte. Neben der direkten Anbindung an eine Autobahnraststätte oder -abfahrt, das Vorhandensein von Parkplätzen, sanitären Anlagen und Beschilderungen sind vor allem die täglichen Öffnungszeiten besonders. „Autobahnkirchen sind offene Kirchen, die teils Tag und Nacht geöffnet sind. Sie werden von einem hohen ehrenamtlichen Engagement getragen. Das reicht vom Aufschließen, Sauberhalten bis zur Organisation von Konzerten, Andachten und Gottesdiensten.“
Ehrenamt als Schlüssel
In Exter ist Ruth Linnenbecker eine derjenigen, die die Türen der Autobahnkirche seit Jahren für die Besucher offen hält – morgens um 8 Uhr schließt sie auf. Abends unterstützt sie seit ein paar Wochen eine Schließautomatik. „Die ist brandneu. Gegen 19 Uhr schaue ich aber oft nochmal, ob jemand auf dem Sofa für Reisende döst oder in einer der Bänke liest. Selbst wenn jemand erst um 20 Uhr geht, fällt die Tür hinter ihm zu und die Kirche ist abgeschlossen. Das ist toll.“ Auch wenn sie weiß, dass die Autobahnkirche als Teil ihrer Gemeindekirche ein großer zusätzlicher Aufwand ist, macht sie das Ehrenamt in der Arbeitsgemeinschaft mit anderen Engagierten sehr gerne.
Viele Besucher zünden Kerzen als Zeichen der Andacht an. Die Zählung dieser gibt der Akademie einen kleinen Anhaltspunkt, wie viele Menschen sich tagtäglich in den Autobahngotteshäusern aufhalten. „Demnach sind es über 100.000 im Jahr“, weiß Matthias Stracke-Bartholmai vom VRK. Genaue Zahlen fehlen, weil weder Kerzen noch Zählschranken oder Einträge in Anliegen- und Fürbittenbüchern vollständig Aufschluss geben.
Buch für Gedanken, Raum für Freiheit
Diese liegen meist am Eingang der Autobahnkirchen. Ob auf Durchreise oder als Dauergast, die Besucher hinterlassen Persönliches: Gedanken, Sorgen, Bitten, Freuden. In Exter ist es auch so. Daniel hofft auf Hilfe gegen die unfairen Verhältnisse auf seiner Arbeit, Inca betet für kranke Familienangehörige, Birgit freut sich regelmäßig, an diesem wundervollen Ort zu sein, Axel bittet für den Frieden in der Welt und Iris dankt für den Trost, den sie hier immer wieder findet nach dem Tod ihres Mannes. „Unsere Kirche in Exter ist ein Ruhe- und Kraftzentrum. Das hat etwas sehr Intimes“, erzählt Christoph Beyer. Er ist Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Vlotho. „Unsere Besucher holen sich in der Autobahnkirche die Dosis Kirche, die sie brauchen. Sie schätzen das niedrigschwellige Angebot und die Freiräume. Das passt in unsere Zeit, und Kirche bleibt präsent“, ist er sich sicher. Auch wenn viele der Besucher Autobahnkirchen lediglich zum geistigen Auftanken und als anoyme Anlaufstelle nutzen, sind sie laut Studien des VRK Gott zugetan und gläubig. Teils sei es aber auch Neugier, der Wunsch nach einer kurzen Toilettenpause oder die Erholung von einem gefährlichen Erlebnis auf der Strecke.
Diebstahl hält fern – Gottesdienst zieht an
Die A2 ist eine der unfallreichsten Autobahnen in Deutschland. Bei Hamm-Rhynern rauschen die Lastwagen dicht gedrängt über die Bahn – auf der Rastanlage, auch das „Tor nach Westfalen“ genannt, befindet sich eine weitere Autobahnkapelle. Autofahrer suchen dort Ruhe von der Rastlosigkeit, Lastwagenfahrer kommen nur noch wenige. Das bestätigen auch Erkenntnisse der Konferenz der Autobahnkirchen im März 2026. „Leider wird so viel aus den geparkten LKWs gestohlen, dass die Fahrer oft bei den Fahrzeugen bleiben“, sagt VRK-Referent Stracke-Bartholmai. Von der A2 auf die A45: In der Autobahnkirche Siegerland sind vereinzelte, aktuelle Einträge von Lastfahrern im Anliegenbuch zu lesen. Seit 2013 steht das Gotteshaus auf dem Autohof Wilnsdorf, wurde mehrmals ausgezeichnet für seine Architektur und ist das Ergebnis einer Initiative mit überregionaler Strahlkraft. Das und der weite Blick auf die Region locken regelmäßig viele Besucher zur freitäglichen Andacht. Oft sind es über 100 Menschen – Neugierige, Reisende ebenso wie Vereinsmitglieder und Dauergäste aus den umliegenden Gemeinden.
Christliche Gastfreundschaft
Zurück nach Exter. Hier findet zwar nicht jeden Freitag eine Andacht statt, aber zwei Mal im Jahr gibt es besondere Gottesdienste: Am Tag der Autobahnkirche, immer am letzten Sonntag im Juni, sowie beim Blaulichtgottesdienst, der die Arbeit der Menschen im Einsatz auf der Autobahn würdigt. „Gerade bei Vlotho auf der A2 müssen Notfallseelsorge, Feuerwehr und Rettungsdienst immer bereit sein. Die Kurvenlage birgt ein erhöhtes Unfallrisiko“, erzählt Pfarrer Beyer. „Und wo, wenn nicht in der Autobahnkirche, sollte man die Arbeit der Retter anerkennen?“
Autobahnkirchen sind eben dort, wo der Mensch sich oft befindet: unterwegs und damit inmitten von Straßeninfrastruktur. Mit diesen Gotteshäusern kann Glaube auf anderen Wegen fortbestehen – und dem ursprünglichen Sinn der Autobahnkirchen entsprechen: den Autofahrern einen Gottesdienstbesuch zu ermöglichen. Sie sind eine zeitgemäße Lesart der mittelalterlichen Kapellen und Kreuze am Wegesrand. Zudem lassen sie eine Deutung von Gemeinde zu, die in einer mobilen Gesellschaft bestehen kann und als moderner Ausdruck christlicher Gastfreundschaft angenommen wird. Gerade wenn wieder Stau und Spritkosten die Nerven strapazieren, ist die nächste Abfahrt zur Autobahnkirche sicher willkommen.
Svenja Brüggemann
Mittlerweile gibt es über 40 Autobahnkirchen. Gönnen Sie sich auf Ihrer nächsten Reise etwas Ruhe und besuchen Sie die Gotteshäuser an der Autobahn.
Was für ein Schock, als im Herbst 1973 des Deutschen liebstes Kind stillgelegt wurde. Die insgesamt vier Sonntage, an denen wegen der weltweiten Ölkrise die Autos in den Garagen bleiben mussten, sind vielen noch in lebhafter Erinnerung. Mit dieser Ölpreiskrise standen Autofahrer und Tankstellen plötzlich vor einem Wendepunkt: Das erhebende Gefühl von "freier Fahrt für freie Bürger" war getrübt, die grenzenlose Mobilität erhielt einen nachhaltigen Dämpfer.
Wie mag Josef sich gefühlt haben, als er erfuhr, dass seine Verlobte schwanger war und das nicht von ihm? Christen ist diese Frage vertraut. Sie wissen, warum Josef Maria dennoch zur Frau nahm. Für Nichtchristen, die möglicherweise schon in dritter Generation keine Bibel mehr im Haus haben, ist dies eine aufrüttelnde Frage. Gestellt in der anhaltischen Dorfkirche Polenzko, bewegte sie die Gemüter mancher Gottesdienstteilnehmer.
Alles Leben ist Wandel. Aus der Sicht des katholischen Theologen ist dem, was Gottfried Kiesow schon vor einem Jahrzehnt auf einer Tagung zu "Kirchenbau zwischen Aufbruch und Abbruch" im Bistum Münster ausführte, voll und ganz zuzustimmen: "Die Kirchenbauten waren von Anbeginn in gleicher Weise einem bis heute währenden Wandel unterworfen wie die Auslegung der Heiligen Schrift und besonders die Liturgie, die am stärksten Einfluss auf die Gestaltung der sakralen Innenräume hatte."(1)
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