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Ich bin wieder einmal, nach meiner Art, plötzlich auf und davon gefahren“, gestand Rilke seiner Tochter Ruth im September 1914, und zwar ohne zu wissen, wohin eigentlich. Der in Prag 1875 geborene Poet, einer der großen deutsch- und französischsprachigen Autoren der Moderne, hatte meistens in Paris gelebt, aber unter den Bedingungen des Ersten Weltkriegs Frankreich verlassen müssen – auch er galt nun als Feind. Seine Wohnung in der Pariser Rue Campagne-Première war konfisziert, sein Hab und Gut bis auf zwei von Freunden gerettete Koffer voller Korrespondenzen und Manuskripte versteigert worden.
Notizhefte voller Reisepläne
Reisen prägten Leben und Werk Rainer Maria Rilkes. Er lebte in halb Europa und darüber hinaus. Gern brach er spontan, zugleich gut vorbereitet auf. Er las Fahrpläne, notierte Abfahrtzeiten, Umstiege und Ticketpreise in seine Notizhefte. Oft studierte er den Baedeker, um sich über seine Ziele zu informieren, und schimpfte zugleich über dieses Reisebuch für Bildungsbürger, das herausragende Kunst- und Bauwerke verzeichnete wie ein Katalog. Rilke plante Reisen auch für andere, für seine Mutter oder für seine Ehefrau, die Bildhauerin Clara Rilke-Westhoff. Er schrieb ihr Züge und Schiffe auf und zeichnete den Weg vor, den er gemeinsam mit ihr zurücklegen wollte.
Die Aufmerksamkeit für fremde Welten schulte Rilke bereits in seiner tschechischen Heimat, zu der bald viele neue Heimaten hinzukommen sollten.
In „Larenopfer“, einem seiner ersten Gedichtbände, 1895 veröffentlicht, schildert er die Vielvölkerstadt Prag, in der man Tschechisch, Deutsch, Jiddisch und Hebräisch hören konnte. Rilke dichtete über den Hradschin, den Burgberg und die Prager Burg, die Kleinseite mit ihren Palästen, den Arbeitervorort Smíchov und über die berühmten Kirchen der Stadt. Einen Urlaub verbrachte Rilke als junger Mann im Salzkammergut, wo sich der Kaiser gern mit seiner „Sissi“ vergnügte. Rilke suchte das Besondere, Eigene und Alte der Landschaft und ihrer Gemäuer. Die Wirklichkeit kam ihm allzu laut und trivial vor, er romantisierte sie, wie sein Bildgedicht „Mühle von Goisern“ aus dem Jahr 1896 zeigt. Die Alte Mühle von Goisern besaß seit 1600 das Schankrecht und hatte sich längst zu einer munteren Gastwirtschaft entwickelt. Rilke zeichnete die Mühle jedoch als Ruine und schilderte sie in seinen Versen als altes Gemäuer mit morschem Dach.
Sie wird ihm zum Treffpunkt eines Liebespaares, das sich in der Einsamkeit, geschützt durch die alte Mühle, eine märchenhafte Zukunft erträumt. Rilke selbst suchte die Einsamkeit, aber auch immer die Menschen: Musen, Lehrer, Förderer und Mäzene. Er begab sich zu diesem Zweck in die Salons und Künstlerkommunen seiner Zeit, und diese fanden sich in den Großstädten wie auf dem Land.
Künstler und Kommunen
München hieß die erste große Station des jungen Autors. Studieren wollte er dort, behauptete er gegenüber seiner Familie, aber er nutzte stattdessen seinen Aufenthalt in der bayerischen Metropole, um sich in der Künstlerszene bekannt zu machen. Im Atelier Elvira, das von Anita Augspurg und Sophia Goudstikker, einem Fotografinnenpaar, geführt wurde, ließ er 1897 ein Porträt von sich anfertigen. Das Atelier war ein Kultort des Jugendstils, wie sich durch den exzentrischen Neubau des Ateliers zeigen sollte, den der Rilke-Freund August Endell ab 1897 plante und ausführte. Endell arbeitete mit Phantasieformen: stachelförmigen Gebilden am schmiedeeisernen Gitter der Eingangstür, einer rosavioletten Drachenfigur als Fassadenrelief auf einer grünlichen Wand. Exzentrisch war auch Rilke. Spirituell auf der Suche, ängstlich auf die Welt schauend. Den neuen Lebensformen gegenüber aufgeschlossen und gleichzeitig dem Luxus nicht abgeneigt.
Eine Schriftstellerin, vierzehn Jahre älter als Rilke, ein Star der intellektuellen und künstlerischen Avantgarde, hatte es Rilke in München besonders angetan: Lou Andreas-Salomé. Nietzsche wollte sie heiraten, aber Rilke wollte noch mehr: Ihr Geschöpf wollte er werden, ihr Kind und ihr Liebhaber zugleich. Sie sollte ihn formen. Er stellte ihr nach, bis sie sich ihm schließlich ergab und mit ihm im Sommer 1897 aufs Land nach Wolfratshausen zog, in eine Kommune mit wechselnder Besetzung; auch August Endell war zeitweise mit von der Partie.
Im Herbst ging es weiter nach Berlin, wo Lou Andreas-Salomés Ehemann Carl Andreas eine Professur für Persisch und Türkisch innehatte. Um der Geliebten und „Wahlmutter“ nahe zu sein, lebte Rilke zunächst in der Nähe des Ehepaars. Rilke arbeitete, er verfasste unter anderem den Gedichtband „Mir zur Feier“, das Drama „Die weiße Fürstin“, außerdem Prosastücke. In einer Nacht des Jahres 1899, wie in einem Gewittersturm, so schildert es Rilke, kam auch „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ über ihn, ein kurzer Text über einen jungen kriegsbegeisterten Soldaten, der sich mit dem Elend im Feld auseinandersetzen muss, seinen Dienst vernachlässigt und fällt. Bei Tag lief Rilke in hohem Tempo durch den Grunewald, er lief, als wollte er gehend den Rhythmus seiner Verse prüfen.
Sandra Richter, Professorin der Literatur
Doch die Berliner Lebensform war angespannt. Andreas-Salomé hatte immer häufiger das Bedürfnis, sich von ihrem anstrengenden Schüler und Geliebten zu befreien. Sie schickte ihn nach Italien, nach Viareggio, Rom, Capri, Duino, Florenz und Venedig. Rilke sollte sich bilden. Sie stellte ihm die Aufgabe, Tagebuch zu führen, seine Eindrücke festzuhalten und ihr zu berichten. Zunehmend aber verlegte er seine Eindrücke nach innen, suchte Anregungen für seine Literatur – und lernte auf seinen Wegen einen jungen Maler kennen: Heinrich Vogeler, der Rilke einlud, ihn in der Künstlerkolonie Worpswede zu besuchen.
Im Teufelsmoor
Dort hatte Vogeler sich ein Haus gestaltet: den Barkenhoff, in dem sich die Worpsweder Künstlerinnen und Künstler trafen. Vogeler orientierte sich als Künstler damals an Sandro Botticelli, am Jugendstil und der Arts-and-Crafts-Bewegung. Rilke war begeistert und bat Vogeler, seinen Gedichtband „Buch der Bilder“ zu illustrieren. Und mehr noch: Er kehrte zwar vorübergehend nach Berlin zurück, eroberte aber zugleich die Bildhauerin Clara Westhoff, die aus Bremen stammte und in Worpswede arbeitete. Rilke bewunderte sie; sie sei als Künstlerin weiter als er, meinte er. Die beiden heirateten im Frühjahr 1901und zogen ins nahegelegene Westerwede. Im Dezember des Jahres wurde ihre Tochter Ruth geboren.
Da die beiden jungen Künstler im Moor jedoch nur schwer neue Verbindungen knüpfen konnten, zog Rilke im Sommer 1902 zunächst allein nach Paris, wenige Monate später holte er seine Frau nach. Er schrieb eine Biographie über Auguste Rodin, der zugleich der Lehrer und Mentor seiner Frau wurde. Sie lebten für ihre Kunst, am Rande des Existenzminimums und meist getrennt voneinander. Dennoch begriffen sie sich bis etwa 1910 als Paar und reisten oft gemeinsam.
Einladungen der Elite
1904 waren sie für einige Monate nach Rom gezogen. Als Rilke zurück nach Paris kam, ging es ihm nicht gut: Er litt unter Geldnot und Fieber. Ein Sommer in Schweden sollte ihn heilen. Während Rilke-Westhoff in Norddeutschland blieb und sich um die gemeinsame Tochter kümmerte, schiffte sich ihr Mann nach Südschweden ein und ließ sich über Monate auf dem Landgut Borgeby hochpäppeln. Er begeisterte sich für die naturverbundene skandinavische Moderne, schrieb über den Sommer in Schonen und arbeitete an seinem Roman, der 1910 bei der Veröffentlichung den Titel „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ tragen sollte. Die Hauptfigur, ein aufstrebender dänischer Autor, war ein Alter Ego Rilkes, allerdings ein nicht erfolgreiches, angstgetriebenes Alter Ego. Rilke hatte seine Sorgen, es als Künstler nicht zu schaffen, auf ihn übertragen.
Rainer Maria Rilke war zu Lebzeiten nicht unumstritten, manche Schriftstellerkollegen neideten ihm seinen Erfolg und verspotteten den Mann mit den schmalen Schultern als unmännlichen, verweiblichten Autor. Er war ein Liebling der Frauen, der gebildeten und der vermögenden. Oft motivierten Einladungen Rilke zu Reisen. 1905 war er mit seiner Frau Clara bei Gräfin Schwerin im hessischen Friedelhausen zu Gast, wo er nicht nur den Begründer der Umweltwissenschaft, Jacob von Uexküll, sondern auch zahlreiche weitere Personen von Stand kennenlernte.
Eine von ihnen, Alice Faehndrich, geborene Freiin von Nordeck zur Rabenau, lud Rilke 1906/7 in ihr Anwesen auf Capri ein. Der Autor lebte in ihrem „Rosenhäusl“, schrieb sein Gedicht „Die Rosenschale“ und erkundete die karstigen, weniger belebten Teile der Insel, wo ihm die Odyssee vor Augen stand: Hier musste es gewesen sein, stellte er sich vor, wo Odysseus den Sirenen trotzte. Rilke wollte die Ursprünge der Kultur erkunden, auf Capri und bald darauf in Nordafrika. Eine Pelzhändlergattin hatte ihm die Reise zu den Quellen des Nil ermöglicht. Allerdings war ihre Anwesenheit für Rilke so anstrengend, dass er nach dem Besuch von Kairo, Memphis, Benî-Suef, Karnak, Theben (heute Luxor), Kom Ombô, Assuan und der Insel Philae aufgab und Erholung suchte. Das befreundete Ehepaar Knoop nahm ihn in sein Kurhotel Al-Hayat in Helouan auf, wo die Hautevolee Europas gastierte.
In Ägypten, wie bald darauf in Duino bei Triest und auch in Spanien, in Toledo, Córdoba, Sevilla, Ronda und Madrid, suchte Rilke spirituelle Erlebnisse, die ihn mit dem Kosmos verbinden sollten. Bei einer Séance auf Schloss Duino empfing er die Weisung, er solle nach Toledo reisen, für ein Treffen. Rilke packte umgehend: Nach Toledo wollte er ohnehin fahren, weil dort für den Maler El Greco ein Museum eröffnet worden war. Die herbe Landschaft mit ihren Felsen vermittelte dem Autor etwas von El Grecos Bildern, das Niedrigste und Höchste gingen hier auf dramatische Weise miteinander einher. Aber den Geist von Schloss Duino traf Rilke nicht. Mit den künstlich herbeigerufenen Geistern konnte er fortan nicht mehr viel anfangen.
Geister und Genies
Er suchte die echten Geister, die zu früh Gestorbenen, die frühen Genies. Immer wieder betätigte er sich als Mentor junger Dichterinnen und Dichter. Einen davon, Franz Werfel, traf er bei einem Besuch in DresdenHellerau. Gemeinsam mit Lou Andreas-Salomé und der böhmischen Baronin Sidonie Nádherná von Borutin, einer weiteren engen Freundin, fuhr er im Auto dorthin. Er wollte die Aufführung eines Mysteriendramas von Paul Claudel im dortigen Festspielhaus sehen, das ihn begeisterte. Werfel allerdings enttäuschte ihn, sie blieben einander fremd.
Als der Erste Weltkrieg begann, dachte er, dass nun ein besonderer Moment gekommen sei: eine Zeit der Empfindung und Leistung. Aber schon zwei Wochen nach Kriegsbeginn distanzierte Rilke sich von diesem Eindruck und vom Krieg, der ihm schnell sinnlos und vernichtend schien. Mitmachen wollte er nicht – und auch niemandem seine Stimme leihen. Vertrieben aus Paris, strandete er in München. Mäzeninnen sorgten für ihn, brachten ihn unter, auch in den eigenen Wohnungen. Rilke las täglich mehrere Zeitungen, er hörte Vorträge und Lesungen, unter anderem im konservativen Salon Bruckmann, wo Hitler übrigens später ein- und ausgehen sollte.
Im Juni 1919 verließ Rilke die Stadt. Längst schon hatte er fliehen und in die Schweiz gehen wollen, um dort, so hoffte er, Ruhe zu finden und sein Werk fortsetzen zu können. Nachdem seine Münchner Wohnung zweimal von der Polizei durchsucht worden war, weil er als Sympathisant der Revolutionäre galt, schiffte er sich über den Bodensee in der Alpenrepublik ein. Schnell fand Rilke in der Schweiz Unterstützer als Autor der „Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“, die im Krieg zum Bestseller geworden war, übersetzt in nahezu alle europäische Sprachen, gelesen von Freund und Feind.
Nun wollte er sich niederlassen, er suchte einen geeigneten Ort – und fand ihn mithilfe seiner Geliebten, der jüdischen Künstlerin Baladine Klossowska, im Wallis. Zufällig sahen die beiden ein Inserat: Muzot, ein alter Wohnturm, von Rilke zum Schloss geadelt, sollte vermietet werden. Rilkes Mäzen Werner Reinhart übernahm zunächst die Miete für den „Burgvogt“, wie Rilke sich scherzhaft nannte, und kaufte ihm das Gebäude schließlich. Geschützt durch die dicken Mauern und mit Blick auf die imposante Berglandschaft konnte Rilke sein Spätwerk verfassen: die restlichen acht „Duineser Elegien“, „Die Sonette an Orpheus“ und zahlreiche französische Quartette, die heute beinahe vergessen sind.
Aber die Niederschrift war für ihn so belastend, dass er ab 1923 weitere Reisen unternehmen musste, und zwar in die nahegelegenen Kurhotels: nach Schöneck und vor allem an den Genfer See, in die Klinik Val-Mont. Er litt, wie man erst wenige Wochen vor seinem Tod feststellte, an Leukämie, über Jahre schon war er geschwächt gewesen. Bedeutete ihm das Reisen seit seiner Jugend notwendige Anregung, aber auch Entlastung und Erholung, so kam er in diesen Lebensjahren nur noch einmal, 1925, aus der Schweiz heraus, um Paris ein letztes Mal zu sehen. Am 29. Dezember 1926, vor hundert Jahren, starb Rainer Maria Rilke, der Poet der Moderne, mit nur 51 Jahren in Val-Mont.
Sandra Richter
Zur Autorin: Sandra Richter
Sandra Richter ist Professorin für Neuere Deutsche Literatur und seit 2019 Direktorin des Deutschen Literaturarchivs Marbach. Hier befindet sich fast der gesamte künstlerische Nachlass Rainer Maria Rilkes, vor allem seit 2022, als von den Nachfahren ein großes Konvolut übergeben wurde. Neben zahlreichen Notizbüchern erhielt das Archiv auch Reiseplanungen, sodass nun noch viel detaillierter Rilkes unstetes Leben nachvollzogen werden kann, sowie Zeichnungen, die der Dichter auf seinen Reisen angefertigt hatte. Richter veröffentlichte 2025 die Biographie „Rainer Maria Rilke oder Das offene Leben“.
Sie spüren Kugelsternhaufen und Satellitengalaxien auf: Heutige Astronomen können Milliarden Lichtjahre weit ins All blicken. Vor 500 Jahren – das Fernrohr war noch nicht erfunden – sah unser Bild vom Himmel ganz anders aus.
Sie sind nur wenige Zentimeter dünn und überspannen dennoch große Hallen. Stützenfrei. Sie sind ingenieurtechnische Meisterleistungen und begeistern durch ihre kühnen Formen.
In der Dorfkirche von Behrenhoff haben sich eindrucksvolle Darstellungen des Fegefeuers erhalten.
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