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Wohnhäuser und Siedlungen Öffentliche Bauten Landschaften, Parks und Friedhöfe Gedenkstätten Kurioses Nach 1945 Design Material April 2026 O

Kleine Route, große Geschichte: München

Spiele, Sport und Spuren – das Olympiadorf

Olympia ist sehr aktuell – im Februar fanden die Winterspiele in Italien statt. Gerade laufen die Bewerbungen für eine mögliche Austragung von Sommerspielen in Deutschland. Eins ist dabei klar: Die Olympischen Spiele waren schon immer ein Politikum, auch 1972 in München. Eine Spurensuche.

Das Olympiadorf in München, 1972 zu den Sommerspielen errichtet, erfreut sich bis heute größter Beliebtheit. Die Wohnqualität gilt als äußerst hoch. Hier ist etwas gelungen, was man sich sowohl städteplanerisch als auch olympia-organisatorisch nur wünschen kann: Die Nachnutzung von Olympiabauten hat nahtlos funktioniert, ein neuer Stadtteil wurde sofort angenommen. Und das, obwohl er zu großen Teilen aus Hochhausbauten besteht. Dazu trägt sicherlich die kluge Mischung aus Eigentumswohnungen und Wohnraum für Studierende bei. Die Verwaltungen beider Wohnformen, vor allem die Olympiadorf-Betrieb Beteiligungsgesellschaft (ODBG), sind sowohl professionell als auch mit großem Engagement dabei. Das Leben im „Olydorf“ ist attraktiv, ein aktives Miteinander der etwa 7.000 Bewohner.

Es ist damit Vorbild für aktuelle Olympiabewerbungen. Auch für die der Stadt München selbst. Sie beruft sich bei ihrer Bewerbung für die Sommerspiele 2036 oder 2040 auf das gelungene Konzept von 1972: kurze Wege und eine städtebauliche Weiterentwicklung. Der Stolz der Münchner auf den lebendigen Olympiapark und das sozial funktionierende „Dorf“ ist so groß, dass seit 2019 eine Bewerbung für die Aufnahme in die UNESCO-Welterbeliste betrieben wird. Das Olympiadorf wird als lebendiges Denkmal gesehen. Dazu gehört auch die Würdigung der erbauungszeitlichen Installationen: der Ökistation und der Media-Linien.


Olympisches Design
Angelehnt an die berühmte Design-Sprache von Otl Aicher sporteln hier Piktogramme auf einer Betonwand im Olympischen Dorf. Modern, frisch und einfach sollte die Sprache der Olympischen Spiele von 1972 in München sein und sich schon ikonografisch von den Spielen in Berlin 1936 absetzen. Das Sportereignis hatte ein großes politisches Gewicht – schon vor den tragischen Ereignissen des 5. September.

© Beatrice Härig / DSD
 

© Privatarchiv Hollein / Foto: Franz Hubmann

Kunst als Wegweiser
Neben der damals sehr modernen brutalistischen Architektur der Wohnstätten der Athleten war das Wegweisersystem ganz auf der Höhe der Zeit: In Signalfarben führte ein aufgestelztes neonbeleuchtetes Röhrensystem in die einzelnen Finger des Olympischen Dorfes, insgesamt 1,6 Kilometer lang. Der Architekt und Künstler Hans Hollein hatte mit den sogenannten Media-Linien aber nicht nur Beleuchtung im Sinn. Die Media-Linien waren Kunstwerk und Infrastruktur zugleich, sie sollten mit Lautsprechern, Monitoren, Scheinwerfern und Beregnungsanlagen ausgestattet werden. Auf dem Forum und dem Platz vor dem Kirchengebäude waren an den Röhren gestreifte Markisen gegen die Sonne und Plexiglasdächer gegen den Regen angebracht (siehe das Foto oben von 1972). Eine Fußbodenheizung sollte für Wohlbehagen in winterlichen Zeiten sorgen. Vieles davon ist nicht realisiert worden, die damalige Zukunftsgläubigkeit an das Material Plastik aber ist bis heute ablesbar. Doch ein Großteil der technischen Ausstattung der Media-Linien ist verloren, die Farben sind verblasst. Eine Herausforderung für die Restauratoren von heute. Die DSD unterstützt auch die Wiederherstellung der Media-Linien.

© IMAGO / viennaslide

© Beatrice Härig / DSD

Die blaue Linie
Das Olympiadorf war als Stadt in der Stadt, ausgestattet mit Einrichtungen des täglichen Lebens, geplant. Was als Rückzugsort für die Athleten schon gut funktionierte, erfreut sich bis heute einer ausgesprochenen Beliebtheit. Wer eine Wohnung im „Olydorf” ergattert, zieht so schnell nicht wieder weg. Die Wohnhochhäuser sind entlang dreier Finger angeordnet, zu denen Media-Linien in Grün, Orange oder Blau hinleiten. Die blaue Linie ist die südlichste und damit am nächsten zum Olympiapark gelegen. Trotz der verdichteten Bebauung bieten die Straßen eine wohnliche Atmosphäre, was vor allem durch die Verlagerung sämtlichen Autoverkehrs unter die Erde gelungen ist.

 

© mauritius images / imageBROKER / Moritz Wolf

Olympiapark als Gesamtkunstwerk
Leicht und demokratisch sollten die Spiele in München daherkommen. Gelungen ist das mit den ikonischen, durchsichtigen Zeltdächern der Sportstätten in einem hügelig-geschwungenen Park, vom Olympiadorf in nur wenigen Schritten erreichbar. Der Ort, ehemaliger Flugplatz und direkt an den BMW-Werken gelegen, erwies sich als ideal für das Sportgroßereignis – und für die Jahrzehnte danach. Das Luftbild zeigt die Nähe von Sportstätten und Olympiadorf mit den würfeligen Studentenbungalows dazwischen. Die kleine Runde kann durch den großzügigen Olympiapark nach Belieben erweitert werden.


© Beatrice Härig / DSD

Vergangenheit und Heute
In beklemmender Aktualität steht die Mahntafel vor dem Haus Connollystraße 31: Hier waren am 5. September 1972 palästinensische Attentäter in die Wohnung der israelischen Sportler eingedrungen und hatten damit die Heiterkeit der Spiele jäh beendet. Das Attentat hielt damals die Welt in Atem. Viele Dokumentationen und mehrere Spielfilme haben sich mit ihm beschäftigt und damit das Olympiadorf und seine Gebäude bis heute ins kollektive Gedächtnis eingebrannt.

 

© IMAGO / imagebroker

Studentendorf, die Zweite
Die Studentenbungalows liegen zwischen dem Olympiadorf-Hochhäusern und den Olympiastätten. 1972 waren hier die Sportlerinnen untergebracht. Heute leben etwa 1.800 Studierende im Olympiadorf, unter anderem in den kleinen Bungalows. Hier ist aktive Gestaltung ausdrücklich erwünscht: Die Bewohner können ihre Betonwürfel kreativ gestalten. Die sehr begehrten Häuschen mit nur knapp 20 Quadratmetern Wohnfläche zeigten allerdings derartig gravierende Schäden, dass sie 2007 abgerissen und in den alten Formen wieder aufgebaut wurden.


Das Olympiadorf in München und seine Media-Linien, ein DSD-Förderprojekt - Die kleine Route durch das Olympiadorf orientiert sich an der blauen Media-Linie. Die Studentenbungalows liegen davor, der Park mit den Sportstätten befindet sich außerhalb des Plans.
© Herbert Hantelmann
Das Olympiadorf in München und seine Media-Linien, ein DSD-Förderprojekt - Die kleine Route durch das Olympiadorf orientiert sich an der blauen Media-Linie. Die Studentenbungalows liegen davor, der Park mit den Sportstätten befindet sich außerhalb des Plans.

Routenvorschlag mit der DSD

Für unsere kleine Route folgen wir der blauen Media-Linie. An der Ökistation, einem Gebilde aus übermannshohen dunklen Plastikstelen, beginnt unser Rundgang. In den Stelen der „ökologischen Informationsstation“ waren Fenster für eine Uhr, für die Windstärke, für ein Thermometer und, ganz wichtig, für den Föhnanzeiger eingelassen. Föhn interessierte insbesondere die olympischen Segler sehr. Die Ökistation, heute eher unansehnlich, verdeutlicht das Problem einer Restaurierung von Denkmalen dieser Zeit: Hier sind es die Klappzahlen der Uhr, die kaum wieder zu beschaffen sind, bei den Media-Linien die Neonröhren, die nicht mehr hergestellt werden. Herausforderungen, bei denen die Deutsche Stiftung Denkmalschutz 2026 auch dank ihres großzügigen Projektpartners, der Paul und Katrin Basiner-Stiftung, hilft. Die blauen Röhren verlaufen über das Forum an der Alten Mensa und der Gastronomie vorbei in die Connollystraße. Schon hier geht der Blick über die Studentenbungalows hinüber zum Olympiaturm und zum Stadion, an denen entlang die Runde wieder zurückführen wird. In der Connollystraße ist die städtebauliche, autofreie Qualität des Olympiadorfs zu erleben. Spielplätze und Brunnenanlagen im wulstig-bunten 1970er-Jahre-Look lockern die hohe Wohnbebauung auf.

Vor dem Haus Connollystraße 31 steht das Mahnmal, das an die Ereignisse des Attentats vom 5. September 1972 erinnert – und daran, dass Olympische Spiele schon immer eng mit Politik und dem übrigen Weltgeschehen verkettet waren. Am Ende der Connollystraße beginnen die Grünanlagen, die vorbei an Sportplätzen bis zum Stadion und den übrigen Sportstätten reichen. Der Olympiapark prägt das Gesicht von München seit nun über 50 Jahren. Zwischen Dorf und dem Stadion befindet sich seit 2017 der Erinnerungsort Olympia-Attentat und zeigt nicht nur räumlich, wie nah friedliche Spiele und Terror einander kommen können.

Durch die bunten Studentenbungalows geht es zurück zum Forum des Olympiadorfs und zur Ökistation. Unter den farbenfrohen Röhren der Media­Linien führt der Weg von hier zur U-Bahn-Station und damit zur Münchner Innenstadt. Die damalige Forcierung des Baus der U-Bahnlinie 3, der Olympialinie, rettet die Stadt bis heute vor dem totalen Verkehrsinfarkt. Der Olympiapark, und mit ihm das Olympiadorf, ist Geschichte und Gegenwart zugleich.

Beatrice Härig

www.denkmalschutz.de/olympisches-dorf

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