Kleine und große Kirchen Historismus Barock Gotik Denkmale in Gefahr April 2026

Auf der Wasseroberfläche liegt eine in Wellen gefrorene Eisschicht. Wie ein Fels in der Brandung steht die Kirche an der tief ins Inselinnere hineinragenden Bucht, der sie ihren Namen gab, der Kirchsee. Auch der größte Ort der Insel mit rund 1.000 Einwohnern, Kirchdorf, ist nach ihr benannt. Wohl jeder Tourist auf Poel besucht auch die Inselkirche. Denn mit 800 Jahren ist sie das älteste Gebäude auf dem flachen Eiland, das der Hansestadt Wismar vorgelagert ist. Sehenswert sind die zwei Schnitzaltäre aus dem 15. Jahrhundert, der barocke Orgelprospekt und die Grabplatte mit Scheibenkreuz aus der frühesten Zeit der Christianisierung der Insel im 13. Jahrhundert.
Im Sommer stehen jeden Nachmittag Ehrenamtliche bereit, um die Fragen der Besucher zu beantworten. Einer von ihnen ist Klaus Ahrens: „In den drei Stunden kommen zwischen 60 bis 100 Leute.“ Die Menschen besichtigen das Bauwerk, genießen die Stille oder suchen einen Gesprächspartner, berichtet Ahrens. „Sie erzählen dann oft, wie es in ihren Heimatgemeinden abwärts geht. Aber hier in Poel geht es nicht abwärts.“
Gebraucht und geliebt
Tatsächlich kann sich die Kirchgemeinde dank der Zuzüge auf die Insel über eine zahlenmäßig stabile Gemeinschaft der Gläubigen freuen. „Hier wird jeden Sonntag Gottesdienst gefeiert, nicht aus Prinzip, sondern weil der Bedarf da ist“, sagt Pastor Roger Thomas. In den Sommermonaten finden außerdem wöchentlich Konzerte und Orgelmatineen statt. „Diese Kirche wird gebraucht und geliebt. Sie ist im ländlichen Raum von Nordwestmecklenburg eine der mit Abstand meistgenutzten Kirchen“, freut sich Thomas.
Weniger erfreulich ist dagegen, was Touristen, Gottesdienst- und Konzertbesucher im Inneren des Gotteshauses sehen. „Die Leute staunen. Aber viele sagen auch: Hier müsste mal was gemacht werden!“, fasst der Pastor das Dilemma der Gemeinde zusammen. Denn der Kirchenraum wurde zuletzt vor circa 150 Jahren neu ausgemalt und seitdem nicht mehr restauriert.
Über viele Jahre drang Feuchtigkeit ins Innere der Kirche ein. Dach und Außenhülle wurden inzwischen instand gesetzt, aber die Schäden sind bis heute im Kirchenschiff zu sehen. Die Wände und Gewölbe sind überzogen mit einem Teppich aus Feuchtigkeitsflecken und Notreparaturen. An vielen Stellen blättert die Farbe ab und gibt den Blick auf bröckelige Backsteine frei. Stück für Stück gehen so die fünf Wandfassungen, also Ausmalungen, die die Kirche im Laufe ihrer Geschichte erhalten hat, unwiederbringlich verloren.
Erbaut wurde die Poeler Inselkirche im 13. Jahrhundert in spätromanischer Bauweise. Am besten ist das noch am Turm zu erkennen, der über ein abgestuftes Westportal und rundbogige Schallöffnungen verfügt. Innen hat Michael Lange, Restaurator für Wandmalerei, an der Westwand unter der Orgelempore ein Weihekreuz in roter Farbe aus der Erbauungszeit der Kirche freigelegt: „Oft wurden Weihekreuze während der Reformation abgeschlagen oder sind im Zuge von Baumaßnahmen verloren gegangen. Hier könnten noch sechs bis sieben dieser spätromanischen Kreuze erhalten sein“, vermutet der Restaurator.
Michael Lange, Restaurator
Fünf Wandfassungen
Nach nur 100 Jahren reichte der Platz in der Kirche offenbar nicht mehr aus, denn im 14. Jahrhundert wurde das Gotteshaus verlängert. Zusätzlich wurde ein gotisches Gewölbe eingezogen. Den Turm krönte fortan ein Helm, der „Bischofsmütze“ genannt wird. Er ist schon von Weitem zu sehen und diente früher auch den Schiffen auf der Ostsee als wichtige Landmarke. Im Zuge dieses Umbaus bekam die Kirche eine neue Farbfassung. Lange deutet auf ein Wandbild an der Nordwand. Darauf ist eine Figurengruppe vor einer Mauer zu erkennen. Er schätzt, dass diese Malerei erst im 15. Jahrhundert entstanden ist, also lange nach dem Umbau.
Im Barock erhielt die Inselkirche dann eine vierte Neuausmalung. Der Restaurator richtet seine helle Lampe auf den breiten Bogen zwischen dem Turm und dem Kirchenschiff. Grüne Akanthusblätter leuchten auf, darunter schemenhafte Figuren. Als Herzog Adolf Friedrich I. von Mecklenburg-Schwerin Anfang des 17. Jahrhunderts eine sternförmige Befestigungsanlage mit einem Schloss in der Mitte bauen ließ, wurde auch die Kirche, die innerhalb der Wallanlagen lag, im Stil der Zeit umgestaltet.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts folgte dann eine neogotische Überformung des Kirchenraums und eine Ausmalung mit akademischer Malerei. Das ist ein Kunststil, bei dem sich der Künstler darauf konzentrierte, die an den Kunstakademien vermittelten Techniken und Regeln in idealtypischer Weise umzusetzen. „In den meisten Gegenden von Deutschland ist die akademische Malerei später wieder übermalt worden. In Mecklenburg-Vorpommern dagegen sind viele von diesen akademischen Fassungen noch erhalten“, erklärt Lange. Es ist geplant, diese letzte Farbschicht im Zuge der Innenrestaurierung der Kirche zu konservieren und zu restaurieren. Ab den 1990er Jahren konnten dank großzügiger finanzieller Unterstützung öffentlicher und privater Förderer, darunter auch der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD), schrittweise das Dach und die gesamte Außenhülle der Kirche saniert werden. Da die Ursache für das jahrelange Eindringen von Feuchtigkeit damit behoben ist, kann endlich mit der Restaurierung des Kirchenraums begonnen werden. Pastor Roger Thomas kam 2021 nach Poel: „Mich hat sehr beeindruckt, dass die Gemeinde über Jahrzehnte schon Geld für die Innenrestaurierung gesammelt hatte. Ihnen ist die Kirche wirklich wichtig.“ Man fange nicht bei Null an, das gebe ihm Mut, so Thomas, aber die benötigte Summe von 445.000 Euro könne die Gemeinde nicht allein zusammentragen.
Vor allem, weil die Zeit drängt. „Es ist ein Zustand erreicht, wo es demnächst massive Substanzverluste gibt“, warnt Restaurator Lange. Er zeigt auf eine ornamentale Darstellung in Kopfhöhe. Daneben ist ein mürber Backstein zu sehen. „Hier haben wir einen Ziegel, der sich aufgrund von Feuchtigkeit und dem hohen Salzgehalt in der Wand langsam auflöst. Wenn Stücke vom Stein abfallen, dann fallen auch alle Farbschichten darauf mit ab.“
Mit Salzkompressen kann den Steinen Salz entzogen werden. Dann wird der Restaurator die unteren Farbschichten, die sich bereits von der Wand lösen, stabilisieren. Die jüngste Ausmalung aus dem 19. Jahrhundert mit dem cremefarbenen Grundton und der ornamentalen Schablonenmalerei in hellem Kobaltblau muss gereinigt und ergänzt werden. Sie ist die Schicht, die am Ende sichtbar bleibt. „Diese Fassung ist jetzt an der Grenze, wo man sie noch restaurieren kann. Jetzt können wir vielleicht noch 70 Prozent retten, aber wird zusehends weniger", schätzt Lange. Bevor er jedoch mit der Konservierung und Restaurierung der Farbschichten beginnen kann, müssen Maurer zunächst ganze Ziegel austauschen und sogar Risse schließen, die sich über Jahrzehnte aufgetan haben.
Was Ihre Spende bewirken kann
(beispielhafte Bruttokosten)
Die Poeler wollen und müssen loslegen, um ihre gemalten Kunstschätze an Wänden und Gewölben zu retten. Die DSD möchte helfen und braucht dabei Ihre Unterstützung. Auch kleine Spenden können kostbare Quadratzentimeter an Wandmalerei retten!
Iris Milde
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auf der Insel Poel!
Sie sind nur wenige Zentimeter dünn und überspannen dennoch große Hallen. Stützenfrei. Sie sind ingenieurtechnische Meisterleistungen und begeistern durch ihre kühnen Formen.
Otto Bartning gehört zu den bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Wegweisend sind seine Raumschöpfungen im Bereich des protestantischen Kirchenbaus.
Fast 17 Millionen Dollar. Das ist auch für das Auktionshaus Christie's keine alltägliche Summe. Bei 16,8 Millionen Dollar ist im Mai bei einer Auktion in New York für Nachkriegs- und zeitgenössische Kunst der Zuschlag erfolgt, und zwar für - und das ist ebenso ungewöhnlich - ein Bauwerk. Nicht einmal ein besonders großes.
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