Denkmalarten Technische Denkmale Stile und Epochen 1700 Barock Denkmale in Gefahr Februar 2026 O
Bitte helfen Sie mit! Ein monumentaler Speicherbau zeugt als letztes Relikt vom historischen Gutshof Öttershausen in Franken. Ein neuer Förderverein will ihn retten, denn das baufällige Denkmal ist unerwartet hochkarätig: Kein Geringerer als der berühmte Barockbaumeister Balthasar Neumann war sein Schöpfer.
Zimmerermeister Christian Stahl erhebt die Stimme: „Diesen Dachbereich nicht mehr betreten! Wir holen jetzt mit dem Kran die Teile der Holzkonstruktion heraus.“ Für den Vorsitzenden Reinhard Mast und die anwesenden Mitglieder des 43 Köpfe zählenden Vereins Gutshof Öttershausen ist es ein aufregender Moment. Intensiv haben sie auf ihn hingearbeitet. Denn der 1745–47 erbaute monumentale Speicher gilt heute als eines der letzten erhaltenen landwirtschaftlichen Gebäude, das der Ingenieur und Baumeister Balthasar Neumann im Auftrag der Familie von Schönborn entworfen hat.
„Das Hängetragwerk ist eine grandiose Holzkonstruktion Neumanns, weil es die großflächige Gebäudeecke freitragend überspannt“, sagt Reinhard Mast, Denkmalpfleger und Jurist beim Bauamt Schweinfurt. So viele zusammenhängende Teile wie möglich wollen die denkmalerfahrenen Zimmerleute retten, um später die komplizierte Konstruktion mit den noch intakten originalen Holzbalken wiederherzustellen.
Die Dachkonstruktion ist nur eines von vielen Details, das Fachleute und Laien an dem Speicher des ehemaligen Gutshofs Öttershausen begeistert. Eigentlich handelt es sich um zwei durch einen Mitteltrakt verbundene sogenannte Schüttbauten mit je drei Geschossen. Sie dienten zur Lagerung von Feldfrüchten und Getreide, das dort „ausgeschüttet“ wurde. Nachdem 1986 die Arbeit in der Brennerei auf dem einstigen Gut der Familie von Schönborn-Wiesentheid eingestellt worden war, brachen in den Jahren des Vergessenwerdens Teile des beachtlichen Tragwerks ein. „Neumann hat sehr solide gebaut. Doch eine nicht geschlossene Fehlstelle im Dach lässt jedes Holz durch die eindringende Feuchtigkeit verrotten“, sagt der Würzburger Statiker Patrick Hauck.
Beim Rundgang treffen wir auf weitere Raffinessen Neumanns. Einige davon nehmen technische Konstruktionen vorweg, die erst im 19. Jahrhundert zur Baupraxis wurden: Um zusätzlich geräumige Nutzflächen auch auf den Dachböden zu gewinnen, entwarf er eine Konstruktion mit gekreuzten Balken und konnte dadurch auf hinderliche Querbalken verzichten. Und er erkannte bereits die Vorzüge von Eisen: Um die hölzernen Dachbalken zu verstärken, verwendete er rund 50 Zentimeter lange Eisenschrauben. Hauck dreht die Mutter über das Gewinde einer aufgearbeiteten Schraube: „Funktioniert wieder einwandfrei. Das Eisen ist von hervorragender Qualität.“ „Den wertvollen Rohstoff bezog der gut vernetzte Baumeister aus Sachsen. Eine Baurechnung zeichnete er ab mit dem Vermerk: ‚Ist denmach wegen theuren Eisens und Stahl zu bezahlen‘“, ergänzt Mast. Die langen, nicht unterteilten Räume sind mit den für Neumann typischen flachen Kreuzgratgewölben gedeckt. Hier verwendete er zur Ableitung der Lasten Eisenanker, die nicht sichtbar in die Gewölbejoche eingebaut sind. Auch dies wurde erst rund hundert Jahre später üblich. Trotzdem stützen nun zur Sicherheit im unteren Schüttbau, dessen Dachstuhl bereits mit Trapezblechen geschützt ist, massive Holzkonstruktionen die Gewölbe ab. Der durchfeuchtete Bau scheint in Bewegung geraten zu sein.

Heute steht der massive Gebäudekomplex einsam wie ein Monolith auf den hügeligen Feldern nahe Gaibach. Die restlichen Gebäude der desolaten Gutsanlage wurden 2011 abgerissen. Der Speicher besitzt ein beachtliches Fassungsvermögen von 600 Tonnen, dennoch ist es erstaunlich, wie viel Wert Balthasar Neumann auf die repräsentative Gestaltung, vor allem im Inneren, gelegt hat. „Es ist ein Schloss für Getreide“, sagt Reinhard Mast und holt beim Rundgang ausführlicher aus. Der einstige um ein Renaissanceschloss gebaute Gutshof bestand aus elf Gebäuden, deren älteste Teile aus dem 16. Jahrhundert stammten. Von alters her gehörte der Gutshof zum Kloster Heidenfeld, das es immer wieder als Lehen an Adlige übertrug. Der letzte Besitzerwechsel fand 1651 statt, als das Hofgut von der Familie Echter von Mespelbrunn an die Grafen von Schönborn überging. 1740 beauftragte Fürstbischof Friedrich Carl von Schönborn seinen bewährten Baumeister Balthasar Neumann damit, einen neuen großen Speicher zu bauen und ihn mit dem Schlossgebäude zu verbinden, das er ebenfalls zu einem Schüttbau umgestaltet haben wollte. Alles für die Lagerung von Hülsenfrüchten, aber vor allem für Getreide von den umliegenden schönbornschen Feldern. „Wie sich aus der damaligen Familienkorrespondenz ergibt, betrieben die von Schönborn mit Getreide und Wein einen lebhaften Tauschhandel: Getreide gegen Kunstwerke“, erklärt Mast.
Reinhard Mast, Vorsitzender Interessengemeinschaft Gutshof Öttershausen e. V.
Für das kostbare Gut wurde nicht nur Platz geschaffen, sondern dem barocken Zeitgeschmack entsprechend repräsentativ gebaut. Im unteren Schüttbau, Neumanns Neubau, führt eine breite, zweiläufige Treppe mit flachen Stufen bis ins dritte Geschoss. Sie ist eines herrschaftlichen Wohnbaus würdig, doch hier mit dem Zweck, dass die Träger mit den zentnerschweren Säcken sie hochsteigen konnten. In den Hallen wurde das Getreide ausgeschüttet. Durch die vielen, früher nur mit verschiebbaren Holzläden bestückten Fensteröffnungen zirkulierte die Luft, die das Korn und die Hülsenfrüchte gegen Schimmelbefall schützte. Noch 280 Jahre später sind die aufwendig hergestellten Estrichböden beeindruckend glatt. Neumann achtete sogar darauf, dass steinerne Sitzbänke eingebaut wurden. Ob zur kurzen Verschnaufpause für die Arbeiter oder für die kontrollierenden Vorarbeiter ist nicht bekannt. Wie wertvoll das Korn war, zeigen Scharnierspuren im Mauerwerk der Treppe: Jede Etage war mit einer Tür gesichert.
Einst repräsentativ und gesichert
Graffiti an Wänden bezeugen, dass das baufällige Denkmal lange aus dem Blick geraten ist. Doch im vergangenen Mai haben Baumaßnahmen zur Notsicherung begonnen. Höchste Zeit, wie sich bei den statischen Untersuchungen herausstellte. Erst Anfang der 2000er Jahre deckten Bauhistoriker auf, dass es sich bei dem Speicher tatsächlich um ein Werk aus der Hand des berühmten Barockbaumeisters handelt. Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege war begeistert und der Eigentümer Paul von Schönborn-Wiesentheid konnte es nicht glauben. Er hatte bereits die Abrissgenehmigung vorliegen. So einigte man sich darauf, dass 2011 die Neumann-Bauten stehen blieben. Mit Reinhard Mast, seiner Frau Silvia Bitrián und einem ebenfalls denkmalbegeisterten Freund keimte Hoffnung für das monumentale Bauwerk auf. „Bei einem Ausflug stießen wir auf den Lost Place und verloren unser Herz daran“, sagt Bitrián, ihres Zeichens Bauforscherin. Mit einem ausgefeilten Nutzungskonzept und nach intensiven Verhandlungen wurde man sich mit dem Eigentümer einig. Der im April 2021 gegründete Verein „Interessengemeinschaft Gutshof Öttershausen“, dem Paul von Schönborn-Wiesentheid beitrat, konnte die Erbpacht für das barocke Denkmal auf 50 Jahre übernehmen – ohne Pachtzahlungen.
Der Verein hat ein Ziel: Schon ganz bald möchte er im Speicherbau das „Balthasar-Neumann-Forum“ eröffnen – in der gesicherten Denkmalbaustelle. „Seit sich an dem Bauwerk etwas tut und wir Führungen und baukulturelle Angebote machen, nehmen die Menschen das Bauwerk wahr und werden immer interessierter“, sagt Reinhold Euler, hochgeschätzter Handwerker und mit vollem Herzen dabei. Bisheriger Höhepunkt war der letzte Tag des offenen Denkmals®, an dem sich über 300 Besucher einfanden.
Johann Balthasar Neumann war für die Familie von Schönborn der richtige Mann am richtigen Ort. Nachdem er sich 1711 in Würzburg niedergelassen hatte, kam er mit hohen schönbornschen Amtsträgern in Kontakt. 1687 in einfachen Verhältnissen im böhmischen Eger geboren, erlernte der Wissbegierige mit Talent mehrere Handwerksberufe und brachte es beim Militär bis zum Obristen. Als Ingenieur und Baumeister widmete er sich kreativ und mit Perfektion seinen Aufgaben: Seien es Brücken, Festungen, Wohnhäuser, Kirchen- oder Schlossbauten. Vor allem Friedrich Carl von Schönborn (1674–1746), Reichsvizekanzler und Bischof von Bamberg und Würzburg, übertrug ihm viele Bauaufgaben, allen voran 1719 die neue Würzburger Residenz. Es war Neumanns Spezialität, komplizierte Konstruktionssysteme für das Auge in ein beschwingtes Raumerlebnis umzusetzen. Seine Architekturaufassung gilt als Höhepunkt des Barock, in dem sich italienische, französische und süddeutsche Einflüsse vereinen.
Für das geplante Forum ist nicht nur der Speicherbau selbst ein faszinierende Anschauungsobjekt, sondern er liegt auch umgeben von weiteren bedeutenden Bauwerken, die der Baumeister im Auftrag der von Schönborns schuf. So liegen hier in der Kulturlandschaft zwischen Bamberg und Würzburg – wo sich in der Residenz Neumanns berühmtes Treppenhaus befindet, in dem er ebenfalls seine komplexe Deckenkonstruktion einsetzte – etwa Schloss Werneck, die kleine Wallfahrtskirche Maria Limbach und die Kreuzkapelle in Kitzingen-Etwashausen.
Gleich um die Ecke, in Gaibach, stellte Neumann 1745 für Fürstbischof Friedrich Carl von Schönborn zeitgleich mit dem Getreidespeicher die Pfarrkirche fertig. Ihr Hochaltar zeigt ein ungewöhnliches Gemälde, ein Porträt der schönbornschen Würdenträger. Nicht von ungefähr: Denn auf Schloss Gaibach fanden viele Baubesprechungen der vom „Bauwurmb“ befallenen Familie statt. Während der begeisterten Ausführungen der Vereinsmitglieder meint man, eine Kutsche zu sehen, die zum Gutshof Öttershausen abbiegt. In ihr sitzt der rastlose fürstbischöfliche Architekt, der seine Baustellen inspiziert. Andere Zeiten, andere Geldsorgen. Heute kann keiner mehr aus barocken Geldsäckeln schöpfen. „Wir benötigen wirklich jeden Cent“, sagt Reinhard Mast vom Förderverein. „Wir sind so glücklich, dass die Deutsche Stiftung Denkmalschutz unser Rettungsprojekt unterstützt.“ Eine bereits eingegangene großzügige Spende aus der Fördererschaft der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD) ermöglicht, die Arbeiten im Dachbereich des besagten Ecktragwerks weiterzuführen. Diese Unterstützung beflügelt die Vereinsmitglieder – und die DSD: Denn jeder Spendenbetrag hilft, die derzeitige Notsicherung des einzigartigen Denkmals zu einer umfassenden Restaurierung auszubauen. Ob klein oder groß – jede Spende zählt.
Christiane Rossner
www.denkmalschutz.de/denkmal-in-not
Ehem. Gutshof Öttershausen | Oettershausen 1 | 97332 Volkach
Bauwerke von Balthasar Neumann um Würzburg und Bamberg
Bitte retten Sie mit uns den
ehemaligen Gutshof Öttershausen
So wie Maler und Bildschnitzer blieben auch mittelalterliche Baumeister in der Anonymität einer Zeit, in der die vom Glauben und von der ständischen Ordnung geprägte Gemeinschaft sehr viel, der einzelne wenig galt. Zwar kennen wir bereits den Baumeister, der in der Zeit um 800 für Kaiser Karl den Großen die Pfalzkapelle in Aachen erbaute. Seinen Namen, Odo von Metz, überliefern uns Schriftquellen aus dem Ende des 9. Jahrhunderts. Mehr aber nicht, so dass wir uns kein Bild von seiner Persönlichkeit oder von seinen anderen Werken machen können.
Das Turniergebäude in Bad Kissingen bezeugt die frühe Sportbegeisterung in Kurstädten. Mittlerweile macht das Gebäude große Sorgen, Teile sind akut einsturzgefährdet.
Nach dem Dreißigjährigen Krieg setzte sich in Deutschland allmählich die Kunst des Barock durch. Seine beschwingten Formen, seine lichtdurchfluteten Räume, die gekonnten Inszenierungen mittels Malerei und Skulptur waren genau die Sprache, mit der die großen und kleinen deutschen Souveräne sich selbst und dem Volk ihre Vorstellungen von Macht zeigen konnten. Anfang des 18. Jahrhunderts schickte sich die Familie von Schönborn an, als geistliche Würdenträger von Mainz, Bamberg, Würzburg, Worms und Speyer eine politisch sehr einflussreiche Hausmacht zu werden. Als der junge Baumeister Balthasar Neumann ihren Weg kreuzte, fanden sie in ihm den idealen Partner für ihre unzähligen Bauvorhaben.
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