Denkmalarten Wohnhäuser und Siedlungen Stile und Epochen Nach 1945 Jahr 2025
Interview von Beatrice Härig mit Hartmut Witte und Andrea Köhler, Bewohner und Eigentümer von Haus Mayer-Kuckuk
Andrea Köhler und Hartmut Witte sind aktiv in der Kunst- und Denkmalwelt. Sie leben im Haus Mayer-Kuckuk in Bad Honnef: ein experimenteller Prototyp für den Hausbau der 1960er Jahre, der eigentlich in Serie gehen sollte, es aber nie tat. 2014 stand eine umfassende Restaurierung an, die ebenso experimentell war wie der Bau selbst. Das Ehepaar nahm die Herausforderung an.
Monumente: Frau Köhler und Herr Witte, wie sind Sie zu diesem Haus gekommen?
Andrea Köhler: Ich habe das Haus 1987 gekauft. Davor war es im Besitz eines Diplomaten, der es wiederum 1980 von der Familie Mayer-Kuckuk erworben hatte. Mein Mann ist 1995 zu mir in dieses Haus gezogen.
Die bildende Kunst der 1960er Jahre war geprägt von dem Drang, Grenzen zu überschreiten. Derweil tüftelte der Architekt Wolfgang Döring an einer Vereinfachung des Bauprozesses durch modulare Systeme. Standen dahinter soziale Ideen oder war da eher ein Ingenieur am Werk, der Spaß an Neuerungen hatte?
Hartmut Witte: Döring hat sich in der Kunstszene der 1960er Jahre bewegt. Es gibt einen Aufsatz von ihm mit dem Titel „Informelle Plastik und Architektur“. Er hat zwar später behauptet: „Dieses Haus hat mit Kunst nichts zu tun und die Ästhetik ist rein zufällig“, aber ich sage, das stimmt nicht. Er tüftelte an preiswerten Konstruktionen mit neuer Technik für die neue mobile Gesellschaft, aber trotzdem achtete er auf eine Verbindung von Technik und Ästhetik. Die Trapeze an den vorgelagerten statischen Elementen beim Haus Mayer-Kuckuk hätten zum Beispiel nicht so groß sein müssen und Teile der Aussteifung auch nicht rot.
Andrea Köhler: Döring war sehr stolz auf dieses Haus und hatte das Modell auf seinem Schreibtisch stehen. In zahlreichen Ausstellungen wurde es als wegweisend für seine Zeit angeführt.
Serielles Bauen – ein reizvolles Thema für visionär denkende Architekten und Stadtplaner. Wolfgang Döring (1934–2020), Architekt in Düsseldorf, beschäftigte sich in den 1960er Jahren intensiv mit dem Thema modulares Bauen. Er entwarf für den Bonner Atomphysik-Professor Theo Mayer-Kuckuk in Bad Honnef ein Wohnhaus. In nur sechs Tagen entstand dann im Juli 1967 eine Art Fachwerkbau, 20 Meter lang, 5 Meter breit, mit einem Tragskelett aus Holzleimstützen und Doppelzangenträgern nicht im, sondern vor dem Gebäude. Die Wände bestehen aus Spanholz- und Eternitplatten. Das Innere entfaltet sich hinter dem futuristischen Äußeren als lichtdurchflutetes und wohnliches Raumensemble. Es konnte theoretisch jederzeit problemlos verändert werden. Theoretisch. Praktisch machte Feuchtigkeit zunehmend vor allem den Balken Probleme. Es stand – Ironie der Geschichte – eine komplizierte und langwierige Restaurierung an. Das Haus Mayer-Kuckuk blieb, obwohl für den seriellen Bau gedacht, ein Unikat. Gerade deshalb ist es als Denkmal für den utopistischen Systemhausbau der 1960er Jahre umso wichtiger.
Wie lebt es sich in einem Haus, das solch eine außergewöhnliche Baugeschichte hat? Erweist sich die stützenlose Innengestaltung als Mehrwert oder eher als Problem?
Andrea Köhler: Wir haben uns immer ausgesprochen wohlgefühlt und es ist wunderschön, in diesem Haus zu wohnen. Wir haben mit bis zu 5 Kindern hier gelebt. Der Bau gibt ja mit seiner Höhe von 5,20 Metern viel Raum. Durch die Fenstertüren zur Garten- und Innenhofseite und den Lichtbändern rundherum sind die Lichtverhältnisse optimal.
Hartmut Witte: Als Kunstinteressierte können wir natürlich die Bedeutung des Gebäudes erkennen und genießen. Ich bin auch gerne handwerklich tätig und habe mich deshalb komplett eingebracht in die Restaurierungsarbeiten. Das alles lässt für uns eine ganz besondere Beziehung entstehen.
Der Innenraum sollte schnell umgebaut, anders angeordnet werden können. Ist das jemals geschehen?
Hartmut Witte: Im Prinzip sind die einzigen Festlegungen der Kamin als Betonsäule im Zentrum des Hauses und die Zuleitungen und Abflüsse. Mayer-Kuckuk wollte einen großen repräsentativen Raum für Empfänge und hat nur wenig Platz für die übrigen Räume gebraucht, die dann zweigeschossig in die andere Hälfte des Hauses gebaut wurden. Später wurde in die Wohnzimmerhalle noch ein Zimmer als Obergeschoss und dahin eine Galerie quer eingezogen. Die ursprünglich winzigen Kinderzimmer wurden zusammengelegt und vergrößert.
Was waren die größten Probleme am Bauwerk, die zur umfassenden Restaurierung führten?
Andrea Köhler: Das Haus wurde bereits 1993–95 von mir in Teilen saniert. Doch der Zustand verschlechterte sich, so dass der Statiker Weihnachten 2013 sagte: „Sie müssen raus.“ Er wollte schon Hilfskonstruktionen im Haus errichten. Die Alternative zur Restaurierung wäre Abriss gewesen.
Hartmut Witte: Bei Experimentalbauten werden tradierte Regeln schon mal außer Acht gelassen. Es gibt daher kaum noch existierende utopistische Häuser aus dieser Zeit. Die Trägerkonstruktion aus Holz musste wegen Fäulnisproblemen erneuert werden. Ebenso die Trapeze an der Außenseite des Hauses, die die Stützen mit den horizontalen Balken verbinden. Das Holz war zum Teil so verfault, dass man es mit dem Finger eindrücken konnte.
Wie verlief die Restaurierung?
Andrea Köhler: Ohne Unterstützung – zum Beispiel von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz – hätten wir das nicht geschafft. Die Mitarbeiter vom Landesdenkmalamt haben geniale Ideen ausgetüftelt. Manche Maßnahmen haben sich allerdings auch nicht bewährt, zum Beispiel die neue weiße Farbe auf den Trapezen.
Hartmut Witte: Jeder Träger, der hier herausgezogen worden ist, stellte eine Herausforderung dar. Die Innenwände mussten oben abgeschnitten werden, um an die Balken heranzukommen. Andere Wände wurden ganz aufgelöst. Dadurch mussten natürlich auch die gesamte Elektrik und die Installationen erneuert werden. Das Hauptproblem war die Sicherung des Gebäudes während der Arbeiten. Von unten ist das Haus mit überdimensionalen Trägern abgestützt und mit LKW-Pumpen angehoben worden. Die Abstützung ging durch das Haus bis unters Dach. Bei jedem Ständerwerk, das herausgenommen wurde, bestand die Gefahr, dass es wie ein Kartenhaus zusammenbricht. Der Zimmermann kam jeden Morgen mit Angst zur Baustelle und schaute erst einmal, ob das Haus noch stand.
Ich habe sehr viel selbst gemacht. Viele Schadstellen sind erst während der Arbeiten entdeckt worden, zum Beispiel Feuchtigkeit an den Fensterbänken aus Merantiholz, die den Eternitwänden aufliegen und wo sich dann Kondensatwasser gebildet hatte. Dadurch waren auch Ständerwerkbalken in den Wänden von oben verfault.
Wir sind elf Monate ausgezogen und haben bei Freunden gelebt – und sind übrigens noch immer befreundet.
Hartmut Witte hat Kunst studiert und daran ein Studium der Kunstgeschichte angeschlossen. In Bad Honnef führten er und seine Frau Andrea Köhler bis 1999 eine Kunstgalerie. Beruflich setzte sich Witte schwerpunktmäßig mit Künstlern der 1960er Jahre auseinander. Haus Mayer-Kuckuk ist eine wegweisende Architektur aus dieser Zeit. Die Restaurierung des Hauses Mayer-Kuckuk ist nicht die erste Zusammenarbeit mit der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Witte hat dem Künstlerpaar Friederich Werthmann (1927 – 2018) und Maren Heyne geholfen, für das denkmalgeschützte und historisch wertvolle Ensemble des Ehemaligen Landgerichts Kreuzberg in Düsseldorf-Kaiserswerth eine treuhänderische Stiftung in Obhut der Deutschen Stiftung Denkmalschutz zu errichten. Andrea Köhler war seit Jahrzehnten eng befreundet mit der im Juli 2025 verstorbenen Maren Heyne. Werthmanns waren mit der Düsseldorfer Kunstszene verwoben, zum Beispiel mit der Gruppe ZERO. Auch hier begegnen sich bildende Kunst und Denkmalschutz direkt und in inspirierender Weise. Der Garten in Kaiserswerth ist zu einem Skulpturengarten mitsamt Ausstellungspavillon ausgebaut.
Adresse:
Böckingstr.
53604 Bad Honnef
Nordrhein-Westfalen
Förderung: Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz förderte die Rettung 2013 und 2015.
Die Geschäftsstelle der Deutschen Stiftung Denkmalschutz in der Bonner Schlegelstraße wurde 1954/55 nach Plänen von Sep Ruf als Bayerische Landesvertretung erbaut. Sie ist ein typisches Denkmal der Nachkriegsmoderne. Im Rahmen eines Pilotprojekts für die Bauten der 1950er-Jahre möchte die Stiftung ein Gesamtkonzept zur nachhaltigen Sanierung ihres Hauses entwickeln, das auf andere Nachkriegsbauten übertragen werden kann.
Was macht ein Denkmal zu einem Denkmal? Landauf, landab beginnt die Denkmalpflege ausgewählte Architektur der 1980er Jahre unter Schutz zu stellen. Bühne frei für dieses mannigfaltige Jahrzehnt mit seinen jungen Denkmaltalenten.
"Der Vater erhebe seinen Sohn zum Mitbesitzer,er lasse ihn mitbauen, - pflanzen und erlaube ihm,wie sich selbst, eine unschädliche Willkür.Eine Tätigkeit lässt sich in die andre verweben,keine an die andre anstückeln. Ein junger Zweig verbindetsich mit einem alten Stamme gar leicht und gern,an den kein erwachsener Ast mehr anzufügen ist." Johann Wolfgang von Goethe,Die Wahlverwandtschaften, 1809
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