Wohnhäuser und Siedlungen Kurioses Menschen für Denkmale Dezember 2025 Q

Welterbestadt Quedlinburg

Wenn der Advent in die Höfe zieht

Aus einer Privatinitiative ist in Quedlinburg eine besondere adventliche Tradition entstanden: An den ersten drei Adventswochenenden öffnen sich 24 Höfe und Häuser, auch private, und laden zum weihnachtlichen Beisammensein ein.

Wenn der Advent nach Quedlinburg kommt, dann verändert sich die Stadt. An den jeweils ersten drei Adventswochenenden öffnen sich Tore, die sonst verschlossen bleiben, und bitten herein in Höfe und zuweilen Häuser. Zwischen Fachwerkfassaden und alten Mauern entfaltet sich eine ganz besondere Stimmung, getragen von Lichtern, Stimmen, Musik und dem Duft von Feuer. Der Rundgang durch die 24 Höfe ist mehr als ein Weihnachtsmarktbesuch. Er ist ein Gang durch Räume, die Geschichte bergen. Ermöglicht durch Menschen, die mit Ausdauer und Sorgfalt dafür gesorgt haben, dass diese Geschichte nicht verloren geht.

Gabriele Vester ist Initiatorin von Advent in den Höfen.  Sie bewohnt das Hinterhaus vom Adventshaus und hat den besten Blick.
© Andreas Greiner-Napp
Gabriele Vester ist Initiatorin von Advent in den Höfen. Sie bewohnt das Hinterhaus vom Adventshaus und hat den besten Blick.


Eine davon ist Claudia Peitzmann. Sie hat mit ihrem Mann das Haus mit Hof am Steinweg 74 vor zehn Jahren gekauft, gerettet und hergerichtet. 20 Jahre Leerstand steckte in seinen Balken, es war schlimm anzusehen. Fünf Jahre mühevolle Arbeit investierten sie, unterstützt von den kompetenten einheimischen Handwerkern, begleitet von Freunden und Mitstreitern wie Claus Thode. Der bewohnt nun eine Wohnung im Hinterhaus und steht an jedem der Adventswochenenden im Hof. Er schenkt mit unerschütterlich guter Laune Glühwein aus. Die Adventsbesucher sitzen im Hof und auf dessen hölzerner Galerie. Die Gesichter glühen, und das nicht vom Alkohol. Sie leuchten vor Zufriedenheit, denn die stimmungsvollen Höfe, die sich jedes Jahr in Quedlinburg öffnen, sind wie eine Therapie für innere Ruhe, Frieden und Harmonie.

Sie stehen vor einem der schönsten weihnachtlichen Höfe:  Claus Thode und Claudia Peitzmann öffnen seit vielen Jahren ihr privates Haus im Advent. Aus purem Enthusiasmus.
© Andreas Greiner-Napp
Sie stehen vor einem der schönsten weihnachtlichen Höfe: Claus Thode und Claudia Peitzmann öffnen seit vielen Jahren ihr privates Haus im Advent. Aus purem Enthusiasmus.
Claus Thode, im Dezember passionierter Glühweinausschenker, ist Bewohner des Hofs Nummer 2 im Steinweg, und hat das Gebäude mit restauriert.
© Andreas Greiner-Napp
Claus Thode, im Dezember passionierter Glühweinausschenker, ist Bewohner des Hofs Nummer 2 im Steinweg, und hat das Gebäude mit restauriert.
 


Im Vorderhaus sitzen Gäste in der Beletage und löffeln Suppe. Auf dem großen Esstisch in dem gemütlichen Wohnzimmer, Kaminstube genannt, liegen Fotoalben. Sie zeigen das Haus im Steinweg 74 vor, während und nach seiner Restaurierung. Die Bilder werden kommentiert und bestaunt. Das Wohnzimmer gehört zur privaten Wohnung der Peitzmanns. Claudia Peitzmann steht am Tor, vor dem Treppenaufgang zu ihrem Wohnzimmer. Fast jeden Gast begrüßt sie persönlich. Unaufdringlich und mit zurückhaltender Freundlichkeit. Das Haus in Quedlinburg besitzt sie aus Leidenschaft für historische Gebäude. Als hätte sie in ihrem Alltag mit Beruf und großer Familie nicht genug zu tun, öffnet sie im Dezember ihr Haus als Adventshof Nummer 2 für Hunderte unbekannter Besucher – mit viel Vertrauen und Freude.

Claudia Peitzmann in ihrem Element: Wenn sie kann, begrüßt sie fast jeden Besucher ihres Hofs am Steinweg persönlich.
© Andreas Greiner-Napp
Claudia Peitzmann in ihrem Element: Wenn sie kann, begrüßt sie fast jeden Besucher ihres Hofs am Steinweg persönlich.

Die Idee zu dieser Veranstaltung entstand nicht weit vom Steinweg – so wie in Quedlinburg nichts weit voneinander entfernt liegt. Im damals mehr oder weniger einzigen Hotel der Stadt, dem Theophanu, überlegte man sich 1993, was man Besuchern im seinerzeit touristisch mauen Dezember bieten könnte. Hotelleiterin Gabriele Vester illuminierte den Hotelhinterhof und bot Getränke und Kulinarisches an. Andere Höfe zogen mit. 1995 luden mehrere Höfe erstmals zu „Advent in den Höfen“ ein. Es wurden 24 Höfe mit jeweils eigener Atmosphäre und eigenem Angebot. Was eigentlich einmalig gedacht gewesen war, wurde schnell zu einer festen Tradition, nicht mehr wegzudenken aus dem weihnachtlichen Quedlinburg. Sie erinnert sich: „Es war leidenschaftlich und enthusiastisch, aber sehr improvisiert.“ Marketingprofi Vester wusste, dass es nun galt, ein Auge auf Qualität bei gleichzeitiger Ursprünglichkeit zu haben. Mit ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern legte sie Eckdaten fest, kümmerte sich um die Werbung, um die Infrastruktur und war 25 Jahre lang bis 2022 die gute Seele des Ganzen.


Wenn sie heute an den Adventswochenenden aus den Fenstern ihrer Wohnung schaut, sieht sie das, was sie einst ins Leben gerufen hat. Im Hof des sogenannten Adventshauses in der Hohe Straße 27 spazieren Besucher zwischen den Holzbuden, Kinder spielen Blockflöte und der Geruch von frisch gebackenem Holzofenbrot und Weihnachtspunsch steigt auf. Sie erzählt und in ihren Worten liegt Stolz. Das Gefühl, etwas initiiert zu haben, das Menschen zusammenführt, das Menschen ein kleines Stück Glück schenkt, bleibt ihr, auch wenn andere inzwischen die Organisation vom Advent in den Höfen tragen. Sie erzählt von den Anfängen: Wie spontan anfangs alles war, wie sie eigenhändig die städtischen Kanäle mit schwimmenden Kerzen bestückte und sie auch am Ende des Abends wieder löschte. Wie sie als Weihnachtsengel durch die Stadt lief und Goldstaub verteilte, während sie eigentlich Teil des vorgeschriebenen Security-Teams war, und wie sie die Plakate per Hand bemalten. „Es war eine Vision, die im luftleeren Raum stand, und nun ist es real.“ Während sie erzählt, stimmt unten im Hof ein jugendlicher Musiker eine Geige an. Advent in den Höfen wird für viele Menschen für immer mit der Welterbestadt verbunden bleiben.

Manches klingt gruselig, ist aber einfach gemütlich und vor allem sehr historisch: die Schwarze Küche zum Beispiel.
© Andreas Greiner-Napp
Manches klingt gruselig, ist aber einfach gemütlich und vor allem sehr historisch: die Schwarze Küche zum Beispiel.
Durch die Gassen von Hof zu Hof.
© Andreas Greiner-Napp
Durch die Gassen von Hof zu Hof.
 


Viele ehemalige Quedlinburger zieht es im Dezember in die alte Heimatstadt. Man kennt und trifft sich. Dazu trägt auch bei, dass die 24 geöffneten Höfe unterschiedlichstes Programm bieten. Auch in den späteren Abendstunden ist noch Leben in der Stadt, zum Beispiel im Hof Nummer 24: Am Kornmarkt befindet sich in einer gesicherten Fachwerkhausruine aus dem 16. Jahrhundert eine Gastronomie mit gemütlichen Sitzecken, Livemusik und Tresenausschank. Quirliges Kneipenleben, aber eben ohne Dach.



Advent mit knarzendem Charme


Es wäre nicht eine Geschichte von Menschen, Stadtverwaltungen und von verschiedenen Interessen, wenn über die Jahre alles ohne Probleme gelaufen wäre. Die einen möchten das Konzept in die eine, die anderen in die andere Richtung entwickeln. Die ursprüngliche Gruppe hat sich aufgelöst. Und trotzdem: Noch funktioniert die Idee, die sich vom Einerlei der vielen Weihnachtsmärkte so sympathisch absetzt. Die Diskussion hinter den Kulissen hat der Atmosphäre keinen Abbruch getan. So kommt es, dass das Adventshaus in der Hohe Straße 27 keine der Nummern 1 bis 24 trägt, aber in langer Tradition der geöffneten Höfe steht. Eigentümer Tobias Weyhe ist mit seiner Frau Andrea seit den ersten Tagen mit dabei. Weyhes betreiben im Erdgeschoss ein Geschäft für schöne Einrichtungsdinge. Zur Adventszeit wird das obere Geschoss geöffnet. Dann tasten sich die Besucher auf der alten barocken Holztreppe die Stufen hoch, wandern durch ursprüngliche, schiefe und knarzende Räume. Aussteller präsentieren Kunsthandwerk und Bücher. Ware und Ort ergänzen sich: Nichts ist auf Hochglanz poliert, nichts kommt aus der Fabrik.

Wer alle 24 Höfe besuchen möchte, hat einige Meter zu laufen – quer durch das stimmungsvolle Quedlinburg.
© Andreas Greiner-Napp
Wer alle 24 Höfe besuchen möchte, hat einige Meter zu laufen – quer durch das stimmungsvolle Quedlinburg.
Gehört auch zum adventlichen Rundgang: Quedlinburger und Besucher freuen sich über die Straßenmusik von jungen Musikern.
© Andreas Greiner-Napp
Gehört auch zum adventlichen Rundgang: Quedlinburger und Besucher freuen sich über die Straßenmusik von jungen Musikern.
 


Tobias Weyhe steht am Kopf der Treppe und ermahnt jeden, beim Abstieg der Treppe auf den ausgetretenen Stufen vorsichtig zu sein. Ihm geht es nicht in erster Linie um Kommerz: Den Besuchern ein Gefühl zu vermitteln für ein jahrhundertealtes Bauwerk, das möchte er, der wie seine Frau Architekt ist. „Das Haus erlebbar zu machen, das war immer das Anliegen“, sagt Tobias Weyhe. „Diese Wochenenden bieten die Gelegenheit, dass es nicht nur von außen zu sehen ist.“ Und sie bieten Gelegenheit zu zeigen, dass ein Gebäude mit Geschichte nicht in Perfektion restauriert werden muss, dass es mit Behutsamkeit seinen Charakter als altes Kaufmannshaus bewahren und möglichst viel originale Oberfläche erhalten bleiben kann. Die Weyhes freuen sich über das Leben, das das Haus im Advent erfüllt, und über das gemeinsame Erleben. Manche Aussteller kommen seit Jahren. Freundschaften sind entstanden.

Tobias Weyhe, Mitbesitzer des Adventshauses in der Hohen Straße.
© Andreas Greiner-Napp
Tobias Weyhe, Mitbesitzer des Adventshauses in der Hohen Straße.
Der Eingang zum Adventshaus in der Hohen Straße.
© Andreas Greiner-Napp
Der Eingang zum Adventshaus in der Hohen Straße.
 


Leben in Geschichte


Dass Quedlinburg heute in dieser Weise erlebt werden kann, ist nicht zuletzt der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD) zu verdanken. Sie hat unzählige Häuser vor dem Verfall bewahrt, Dächer gesichert und Fassaden instand gesetzt. Auch davon weiß Tobias Weyhe sehr viel zu erzählen. Als Architekt hat er schon einige der historischen Häuser Quedlinburgs bearbeitet, oft in Zusammenarbeit mit der DSD. Auch die Rettung seines Hauses in der Hohen Straße wurde von ihr unterstützt.

„Das Haus erlebbar zu machen, 

das war immer das Anliegen.“


Tobias Weyhe, Adventshaus Hohe Straße

Auch beim Steinweg 74, dem Adventshof Nummer 2, hatte die DSD die Notsicherung ermöglicht, bevor das Ehepaar Peitzmann den Hof übernahm. Hier handelt es sich um einen ehemaligen Ackerbürgerhof, ein Haustyp des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Es lag zwar in der Stadt, wurde aber von Bauern bewohnt. Das Vorderhaus stammt aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, das Hofgebäude aus dem Jahr 1692. Im normalen Leben ist im Vorderhaus ein Antiquitätengeschäft untergebracht, aber normal ist an dem Haus eigentlich gar nichts. Das ganze Gebäude ist eine Antiquität und mit antiken Stücken ausgestattet. Ein Gewölbekeller, um 1200 angelegt, ist zu besichtigen. Eine sogenannte Schwarze Küche ist erhalten, historisch hochinteressant, nämlich aus der Mitte des 15. Jahrhunderts stammend und noch immer in Gebrauch wie jetzt im Advent. Peitzmanns hatten das Haus schon geöffnet, als es noch Baustelle war. Manche Gäste kommen im Advent immer wieder vorbei, um nachzuschauen.

Er war Denkmal in Not in MONUMENTE – jetzt ist er fester Bestandteil des adventlichen Quedlinburg: der Fleischhof.
© Andreas Greiner-Napp
Er war Denkmal in Not in MONUMENTE – jetzt ist er fester Bestandteil des adventlichen Quedlinburg: der Fleischhof.

Quedlinburg und seine Altstadt sind bekanntermaßen nicht nur zur Weihnachtszeit eine Reise wert. Aber der Advent in den Höfen stellt einen Höhepunkt im Kalender dar. Schon lange sind die Adventswochenenden kein Geheimtipp mehr und doch hat sich die familiäre Atmosphäre bewahrt. Besonders stimmungsvoll entwickelt sich ein Rundgang in den Abendstunden, wenn Lichterketten und Windlichter die Straßen, Gassen, die Plätze und die Höfe sanft erleuchten. Hier sind die vielen geretteten Häuser nicht nur Kulisse, sondern authentisches und belebtes Geschichtszeugnis. Für alle, die sich für Denkmale einsetzen, sind diese Tage eine Belohnung. Auch für die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die dieses Jahr ihren 40. Geburtstag feiert. Inzwischen ist Advent in den Höfen selbst ein Denkmal – eines, das lebt, leuchtet und klingt. 


Beatrice Härig

Stadtführer Quedlinburg

Auf 20 Seiten bietet die Broschüre einen Stadtrundgang mit zwei Routen an, auf denen man Quedlinburg und die DSD-geförderten Projekte entdecken kann. Telefonisch bestellbar unter 

0228 9091-250 oder auf der Webseite der DSD herunterladbar.

www.denkmalschutz.de/quedlinburg

 

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