Kleine und große Kirchen Romanik Herrscher, Künstler, Architekten Menschen für Denkmale Dezember 2025 A

Burchardi-Kirche in Halberstadt

ASLSP – as slow as possible

Diese Spielanweisung des berühmten amerikanischen Komponisten und Künstlers John Cage nahmen engagierte Halberstädter 2001 ernst – und begannen ein Orgelkonzert, das erst in 621 Jahren enden wird.

Bleischwer müsste dieser Ort sein, erdrückt von vielen Jahrhunderten. 600 Jahre Vergangenheit treffen auf 600 Jahre Zukunft. 600 Jahre lebten und wirkten hier Zisterzienserinnen ab dem Jahr 1208 – schon allein das schwer fassbar. Und 600 Jahre, sogar ein wenig länger, wird noch das Orgelstück dauern, das hier in der Burchardi-Kirche in Halberstadt aufgeführt wird. Erst im Jahr 2640 wird sein Schlussakkord ertönen. ASLSP betitelte der Künstler John Cage seine Komposition 1987, as slow as possible, nicht ahnend, wie wörtlich diese Spielanleitung einmal genommen werden würde. Der Ort aber ist nicht bleischwer. Er ist alles andere als das.


Da ist zunächst der Hof, in den durch einen tiefen Torbogen eintritt, wer zum Orgelstück möchte. Er ist gesäumt von den Gebäuden des ehemaligen Klosters, das später als Gutshof, dann als Internat und noch für einiges mehr diente. Eine riesige Kastanie steht in der Mitte. Und dann ist da linkerhand die Kirche in schlichter romanischer Form. Sie brummt. Aus ihren Mauern tönt es. Beim Eintritt in die Kirche wird daraus ein Tönerauschen. Kein Klang im herkömmlichen Sinn, eher eine Schwingung, die sich im Boden und in der Luft fortsetzt. Erzeugt von einer filigranen Orgel, die zunächst gar nicht zu sehen ist. Die Kirche selbst ist Erlebnis. Ruinös und doch ehrwürdig. Von Löchern, Fehlstellen, abgebrochenen Pfeilern geprägt, aber dennoch aufgeräumt. Dazu die meditativen Orgeltöne – hier haucht Ewigkeit.

Die Orgel in der Burchardi-Kirche ist Teil einer sehr langen Geschichte – und wird es noch lange sein.
© John-Cage-Orgelstiftung Halberstadt, Foto: Ronald Göttel
Die Orgel in der Burchardi-Kirche ist Teil einer sehr langen Geschichte – und wird es noch lange sein.


Wir sind im 25. Jahr der Aufführung und in der ersten Hälfte des ersten Teils der Partitur. Sieben Töne erklingen mittlerweile gleichzeitig. 615 Jahre wird das Stück noch dauern. Das Konzept der Musik und das Konzert selbst sind verstörend modern, immer noch.


Dabei ist John Cage, geboren 1912, in New York 1992 gestorben, der Avantgarde-Künstler, der die Kunst revolutioniert hat, selbst schon ein Klassiker. Cage schrieb das Werk 1985 für Klavier als Auftragswerk, später entstand eine Fassung für Orgel. Der offizielle Titel lautet „ORGAN²/ASLSP“. Der amerikanische Komponist, der die Stille und den Zufall als musikalische Prinzipien verstand, notierte nur Töne und Spielanweisungen, keine feste Dauer. Die Auslegung blieb offen. Mit dem Zusatz „as slow as possible“ – so langsam wie möglich – stellte er die Frage nach dem Maß der Zeit.


Anneli Borgmann, im Kuratorium der John-Cage-Orgel-Stiftung Halberstadt engagiert, erzählt die ungewöhnliche Geschichte weiter: „1998 diskutierten bei einer Tagung für Orgelmusik Organisten, Musiker und Philosophen darüber, was so langsam wie möglich bei einer Orgel bedeutet. Ein Klavier klingt aus, eine Orgel nicht, solange die Taste gedrückt wird und die Pfeife mit Luft versorgt wird.“ Sie wollten das Stück nicht einfach aufführen, sondern seine radikale Idee wörtlich nehmen, und „spielen, so lange wie eine Orgel lebt“. Durch Kontakte in der Künstlerszene fiel das Augenmerk auf Halberstadt.

Annelie Borgmann von der John-Cage-Orgel-Stiftung ist Teil des ehrenamtlichen Teams rund um das Konzertprojekt.
© Beatrice Härig / DSD
Annelie Borgmann von der John-Cage-Orgel-Stiftung ist Teil des ehrenamtlichen Teams rund um das Konzertprojekt.

Ein leiser Anfang


Als am 5. September 2001 – John Cages Geburtstag – das Konzert begann, herrschte im Wesentlichen Stille: Das Stück beginnt mit einer Pause. Nur der Blasebalg begann zu arbeiten und war leise zu hören. Erst zwei Jahre später folgte der erste Klang, der Dreiklang gis-h-gis. Wer damals dabei war, berichtet, dass dieser Moment weniger ein Konzert, eher eine Art Initiation war. Die Reaktionen schwankten zwischen Faszination, Unverständnis und tiefer Rührung. Manche Halberstädter hielten – und halten – das Projekt für eine skurrile Spinnerei, aber es werden immer weniger. Mit den Jahren wurde die Burchardi-Kirche zu einem Ort, zu dem die Menschen pilgern. Nach und nach kam die Welt nach Halberstadt. Besucher reisen von weit her an, um einen Klang zu hören – einen Klang, der erst in Jahren wechseln wird. Die Klangwechsel, 16 waren es bis jetzt, wurden zu Ritualen. Hunderte, manchmal Tausende Menschen versammeln sich, um den Moment zu erleben, in dem sich ein Klang ändert. Die Medien griffen das Projekt auf, Philosophen, Künstler, Musiker und Theologen suchten nach Worten für das, was hier geschieht. Hier in der Burchardi-Kirche in Halberstadt.

Hier, so die Überlegung, war im Jahr 1361 eine der ältesten bekannten Orgeln gebaut worden – ein Meilenstein der europäischen Musikgeschichte. Warum also nicht dort ein Orgelprojekt beginnen, das den Begriff der Zeit in seiner ganzen Tragweite austestet? Aus dieser Überlegung entstand der Gedanke, das Stück über 639 Jahre hinweg zu spielen. Die Zahl ergibt sich aus einem symbolischen Bezug: Zwischen 1361, dem Jahr der erwähnten Halberstädter Orgel, und dem Jahr 2000 liegen 639 Jahre. Wenn das Stück also 2001 beginnen würde, müsste es bis zum Jahr 2640 dauern. Die Burchardi-Kirche, die romanische Klosterkirche am Rand der Altstadt, wurde als Spielort ausgewählt. Sie war damals leer und mehr verfallen als gesichert – und deshalb ein idealer Raum für ein Werk, das von Dauer, Wandel und Geduld handelt.

Nach dieser Partitur wird das langsamste Orgelkonzert gespielt. Für 25 Jahre reichten wenige Noten.
© John-Cage-Orgelstiftung Halberstadt, Foto: Ronald Göttel
Nach dieser Partitur wird das langsamste Orgelkonzert gespielt. Für 25 Jahre reichten wenige Noten.


Hörbare Zeit


Doch so abstrakt die Idee ist, so irdisch sind die Aufgaben, die solch ein Projekt mit sich bringt. Es wird getragen von Menschen, die sich mit Enthusiasmus und ehrenamtlich um die alltägliche Organisation kümmern: um die Orgel, um die Besucher, um die Finanzen. Die John-Cage-Orgel-Stiftung Halberstadt wuchs mit der Aufgabe. Und hat um das Orgelprojekt herum noch ein dichtes Programm aufgebaut: Neben der Kirche liegt das Cage-Haus, das ehemalige Herrenhaus des Gutes, Anfang des 19. Jahrhunderts an der Stelle des Kapitelsaals des Klosters errichtet und wie die Kirche der John-Cage-Orgel-­Stiftung von der Stadt unentgeltlich überlassen. Hier finden Ausstellungen, Konzerte, die cage academy und die jährliche Verleihung des cage awards mit internationaler Jury statt.

„Klängen macht es nichts aus,

ob sie einen Sinn ergeben

oder ob sie in die

richtige Richtung gehen.

Sie sind, und das genügt ihnen.

Und mir auch.“


John Cage, Komponist und Künstler

Über zwei Jahrzehnte hinweg hat sich das Projekt tief in die Stadt eingeschrieben. Für viele ist die Burchardi-Kirche ein spiritueller Ort geworden, ohne religiös zu sein. Die, die hier mitarbeiten, sprechen oft davon, dass sie durch das Projekt Gelassenheit gelernt haben. Dass sie eine andere Haltung zur Zeit gewonnen haben. Anneli Borgmann: „Es ist die Zukunftszuversicht. Diese Kirche besteht seit so langer Zeit, und das, obwohl die Geschichte alles andere als friedvoll war. Und wir führen hier ein Konzert über 600 Jahre auf.“

Eine erste Rettungsaktion für die Burchardi-Kirche fand im September statt: Die Jugendbauhütte Quedlinburg arbeitete an der Westfassade.
© Beatrice Härig / DSD
Eine erste Rettungsaktion für die Burchardi-Kirche fand im September statt: Die Jugendbauhütte Quedlinburg arbeitete an der Westfassade.


Besucher erleben etwas Ähnliches. Viele bleiben länger, als sie geplant haben. Manche kommen immer wieder. Sie beschreiben das Gefühl, Teil eines viel größeren Ganzen zu sein – Teil einer Musik, die niemand vollständig hören wird. Es haben sich schon Menschen nachts in die Kirche einschließen lassen. Der konstante Ton, das Alter der Mauern, „das bewegt etwas in den Menschen“, so Borgmann. Und alt sind die Mauern: Das kreuzförmige Gebäude stammt im Kern aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Obwohl seiner Seitenschiffe im 18. und 19. Jahrhundert beraubt, hat es immer noch die Grandezza einer Basilika. Ein rechteckiger Umgangschor gibt der Vierung Tiefe. Das relativ kurze Mittelschiff wurde im 18. Jahrhundert mit einer Mauer zur Vierung hin für den Laienbereich abgetrennt, die Mauerreste rahmen als Bruchwerk noch immer den Zugang zur Vierung. Von ihr aus wird der Blick in die Kreuzarme freigegeben. Im südlichen steht die Orgel, im nördlichen, einem Altar gleich, der Blasebalg.

Für die Ewigkeit


Ein Werk, das auf 639 Jahre angelegt ist. Ein Klangraum, der Zeit in einer anderen Dimension erleben lässt. Engagierte, die vor Ort ein einzigartiges Projekt beleben. Ein Ehepaar, das tief mit der Kunst John Cages verbunden ist. Und eine Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD), die diese Kirche mit diesem Orgelkonzert bewahren möchte. Weil auch sie an die Ewigkeit glaubt. Das sind die Komponenten, aus denen ein Hilfspaket gebündelt wurde. Karla Reinbacher-Richter und Dr. Roland Richter (Foto) wollten, nachdem sie das erste Mal 2014 die Burchardi-Kirche besuchten und tief beeindruckt waren, dieses außergewöhnliche Projekt unbedingt unterstützen.

 Dr. Roland Richter und Karla Reinbacher-Richter
© Roland Rossner
Dr. Roland Richter und Karla Reinbacher-Richter
 

Sie haben 2024 unter dem Dach der Deutschen Stiftung Denkmalschutz einen Namensfonds zugunsten der Kirche eingerichtet und gleich noch eine fünfstellige Summe dazu gespendet, damit konservatorisch notwendige Maßnahmen am Bauwerk direkt beginnen konnten. Wenige Monate später war es soweit: Über 20 junge Menschen der Jugendbauhütte Quedlinburg kamen im September 2025 zu einer Projektwoche zusammen und arbeiteten unter Fachanleitung Fugenschäden an der Westfassade auf. Teilweise war der Mörtel zwischen den Fugen handtief verloren. Ein Team der Jugendbauhütte Quedlinburg wird die Arbeiten bis Ende des Jahres zu Ende führen. Die DSD möchte weiter zur Rettung der Kirche beitragen. Damit die Burchardi-Kirche auch die kommenden Zeiten übersteht, braucht das Bauwerk aber noch weitere Unterstützung, nämlich Ihre, liebe Leserinnen und Leser. Jede Spende hilft, diesen außergewöhnlichen Ort in die Zukunft zu tragen, an dem Musik und Baukunst eine einmalige Verbindung eingehen. Ihre Spende bewahrt nicht nur einen Kirchenbau, sondern ein Stück Ewigkeit.


Klangwechsel


Die John-Cage-Orgel-Stiftung hat vor einiger Zeit begonnen, „final tickets“ für den letzten Tag des Konzerts auszugeben, für den 4. September 2640. Für 2.640 Euro das Stück. Sie werden gekauft. Von den vielen Anhängern dieses verrückten Projekts, die begeistert sind von der Radikalität, von der Umkehr der Zeit, die sonst in Musikaufführungen genau festgelegt ist. Im nächsten Jahr aber, wenn das Orgelprojekt in Halberstadt sein 25-jähriges Jubiläum feiert, wird im August erst einmal der nächste Klangwechsel stattfinden. Dann wird eine weitere Orgelpfeife zugefügt. Der neue Achtklang klingt dann für ein Jahr und zwei Monate – bis zum nächsten Klangwechsel. Es ist längst mehr als ein Konzert. Anneli Borgmann: „Wenn wir 2640 zurückblicken werden, ist Cage älter, als es jetzt Johann Sebastian Bach ist. Das ist ein Perspektivwechsel. Auch Cage wird irgendwann ein alter Meister sein.“ Die Burchardi-Kirche und „ORGAN²/ASLSP“ sind ein Denkmal im Werden, ein Symbol für Ewigkeit und für das Vertrauen in die Zukunft.


Beatrice Härig

Bitte spenden Sie für die

Burchardi-Kirche

Ein magischer Ort: Historische Baukunst wird mit zeitgenössischen Klängen erfüllt. Unbedingt besuchenswert.
© imago images / Joko
Ein magischer Ort: Historische Baukunst wird mit zeitgenössischen Klängen erfüllt. Unbedingt besuchenswert.
 

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

  • Jugend fördern, Tradition bewahren 23.03.2022 Wir bauen auf das Handwerk! Wir bauen auf das Handwerk!

    Wir bauen auf das Handwerk!

    Ohne Handwerk keine Denkmalpflege: Für die Zukunft unserer Denkmale sind Fachkräfte wichtig – sie fehlen. Die DSD engagiert sich daher kontinuierlich für die Wertschätzung, die Qualität und den Nachwuchs im Handwerk.

  • Beispiel aus unserem Förderprogramm 26.09.2025 Gegen den langen Atem der Braunkohle Gegen den langen Atem der Braunkohle

    Gegen den langen Atem der Braunkohle

    Die Fassade von Naumburgs prächtiger Stadtkirche St. Wenzel bröckelt. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz fördert die Sanierung der Kirche mit ihrer kostbaren Barockorgel seit den 1990er Jahren und bittet um Hilfe.

  • Helfen Sie einem Münchner Original 13.07.2022 St. Lukas ringt um den Prachtbau St. Lukas ringt um den Prachtbau

    St. Lukas ringt um den Prachtbau

    Sie ist die größte und älteste der ­erhaltenen evangelischen Kirchen ­in München: St. Lukas an der Isar. Die ­Außensanierung hat die Gemeinde aus eigener Kraft ­geschafft. Nun braucht sie Hilfe, um den eindrucksvollen Innenraum und die ­Orgel herzurichten.

Service

Monumente Probeheft

Probeheft jetzt anfordern!


Zeitschrift abonnieren
Magazin für Denkmalkultur in Deutschland



Möchten Sie ausführlicher über aktuelle Themen aus der deutschen Denkmallandschaft lesen? 


Dann abonnieren Sie Monumente!  


 
 
Monumente Probeheft

Probeheft jetzt anfordern!


1
Zeitschrift abonnieren
Magazin für Denkmalkultur in Deutschland
2
Monumente Abo



Möchten Sie ausführlicher über aktuelle Themen aus der deutschen Denkmallandschaft lesen? 


Dann abonnieren Sie Monumente!  


3

Newsletter

Lassen Sie sich per E-Mail informieren,

wenn eine neue Ausgabe von Monumente

Online erscheint.

Spenden für Denkmale

Auch kleinste Beträge zählen!

 
 
 
 
0 Kommentare

0 Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar!

Antwort auf:  Direkt auf das Thema antworten

 
 

© 2023 Deutsche Stiftung Denkmalschutz • Monumente Online • Schlegelstraße 1 • 53113 Bonn