Denkmalarten Wohnhäuser und Siedlungen Stile und Epochen 1850 1500 Streiflichter Technik Menschen für Monumente Restaurierungstechniken Ausgabe Nummer Oktober Jahr 2025 Denkmale A-Z B E
Zeitgemäße Denkmalpflege besinnt sich auf historische Bausubstanz und Handwerkstechniken ebenso, wie sie Erkenntnisse aus Wissenschaft und Baupraxis aufnimmt. Moderne Technologien eröffnen neue Wege für Analyse, Dokumentation und energetisch sinnvolle Instandsetzung.
Es ist etwas in Bewegung geraten in der Denkmalpflege. Die Anforderungen an sinnvoll genutzte historische Bausubstanz sind im gleichen Maße gestiegen wie die technischen Möglichkeiten. Betrachten Sie doch noch einmal unten das Bild des ehemaligen Hotels Bellevue in Remagen, ein Haus der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD), das Sie auch in unserem Blickpunkt kennenlernen können. Sicher wirkt es ungewöhnlich. Das ist es auch – es ist computergeneriert. Nicht im Sinne von künstlicher Intelligenz, sondern auf Basis eines digitalen Scans wurde eine sogenannte Punktwolke erstellt. Aus dieser Sammlung von unvorstellbar vielen digitalen Messpunkten können Bilder, sie heißen in dem Fall Render, erstellt werden.
Dieser Text nimmt die Perspektiven der Denkmalpflege in den Blick. Denn es geht um mehr als um das Wiederauferstehen heimeliger Ortskerne. Er soll zeigen, wie hoch die Innovationskraft von moderner Denkmalpflege ist. Render von Objekten sind ein Weg. Die DSD fördert außerdem Forschungsprojekte, die aus den Erfahrungen der Denkmalpflege mit jahrhundertealter Baukunst und neuester Technik einen Beitrag zur nachhaltigen Instandsetzung leisten. Zum Beispiel in Quedlinburg: Dort und zehn Kilometer entfernt, in Gröningen, findet derzeit ein faszinierendes und zukunftsweisendes Projekt statt. „Wir holen die Forschung ins Haus“, sagt Claudia Hennrich.
Sie ist Geschäftsführerin des vor 23 Jahren von Stadt, Land und der DSD gegründeten Deutschen Fachwerkzentrums Quedlinburg (DFWZ). Es hat sich zur Aufgabe gemacht, den ressourcenschonenden und energieeffizienten Umgang mit historischer Fachwerksubstanz zu fördern. Um Denkmale so zu erhalten, dass sie ihren Beitrag zum Schutz von Ressourcen leisten, unterstützt der Verein den Einsatz traditioneller Handwerkstechniken sowie die größtmögliche Erhaltung von vorhandener oder nachwachsender Substanz. So weit so erwartbar, mag man denken. Seminare und internationale Modellprojekte – also weit über den Harz hinaus – sorgen zudem für die Vernetzung von Denkmalinteressierten.
Bei dem aktuellen, auf mehrere Jahre angelegten Projekt nun geht die Vernetzung noch weiter: In Zusammenarbeit mit Professor Harald Garrecht wird am Edelhof in Gröningen, dessen Bausubstanz aus dem 15. bis 19. Jahrhundert stammt, an der Entwicklung eines übertragbaren Energieversorgungskonzeptes gearbeitet. Es soll Denkmalverantwortliche anregen, geschützte Bauten ressourceneffizient und klimaneutral weiterzunutzen. Die Erhaltung und Wiederherstellung historischer Bauwerke, auch in bauphysikalischer Hinsicht, liegen Garrecht, dem emeritierten Stuttgarter Professor für Werkstoffe im Bauwesen, besonders am Herzen. Bereits für das Kulturerbe Speicherstadt Hamburg hat er ein Energie- und Materialkonzept entwickelt. Denn er ist überzeugt davon, dass Klimaschutz inzwischen ein zentraler Baustein moderner Denkmalpflege ist.
„Ziel hier in Gröningen ist es zu zeigen, dass auch ein Denkmal klimaneutral ertüchtigt werden kann“, sagt Garrecht, der seine Erkenntnisse im Rahmen eines Seminars der DenkmalAkademie weitergibt. Jeder denkmalverträgliche Lösungsweg sei individuell, weil in den verdichteten historischen Dorfkernen oft die Versorgung mit Fernwärme und Wärmepumpen problematisch sei. Das Konzept in Gröningen besteht aus mehreren Bausteinen, die einzeln auf andere Denkmale übertragbar sind. Das ist auch der Stadt als Partnerin im Projekt wichtig. Denn die Gröninger Ortsmitte, wie so viele ländliche Kommunen, wartet geradezu auf eine zeitgemäße Revitalisierung.
Der Edelhof soll Mut machen und später mit den getesteten Modulen konkrete Ideen liefern: Die Energiegewinnung erfolgt mittels thermisch und elektrisch aktivierter Dachsysteme. „Hier ist der Linkskremper als Dachdeckung üblich, natürlich orientieren wir uns daran“, sagt Hennrich vom DFWZ.
Für deren bestmögliche Ausnutzung werden im Keller Eisspeicher installiert. Das Dachsystem gewinnt neben der Umweltwärme auch latente Wärme, so bei der Tauwasserbildung am Wärmetauscher, die von der Wärmepumpe genutzt wird. Beim Wasser-Eisspeicher nutzt die Wärmepumpe diese latente Wärme bei der Eisbildung. Um die aus der Umwelt gewonnene Wärme im Gebäude zu halten, wird die Hülle mit einem Wärmedämmputz versehen, wobei, je nach historischem Wandaufbau, innen oder außen gedämmt werden kann.
Hochinnovative Technologie trifft also auf überlieferte und weiterhin zu überliefernde Handwerkstechniken: Das Fachwerkzentrum ist Seminar- und Einsatzort der Jugendbauhütte und des Internationalen Bauordens. So löst sich für junge Menschen – und nicht nur für sie – der scheinbare Widerspruch von Handwerk und Hightech auf. „Alle genannten Maßnahmen, bauliche wie anlagentechnische, folgen den Forderungen der Klimaneutralität“, bekräftigt Garrecht. Und Hennrich ergänzt: „Für junge Leute ist es sehr inspirierend.“ Neben der DSD und dem deutschen Fachwerkzentrum sind deshalb die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) sowie weitere Partner und Hochschulen involviert. Denn auch das zeichnet moderne Denkmalpflege aus: sich vernetzen und kooperieren, Wissen und Erkenntnisse sammeln und beides bei Bedarf weitergeben.

Wie sehr der zeitgemäße Umgang mit Denkmalen auf Initiativen wie jene in Gröningen angewiesen ist, wird beim generellen Blick auf die Bauwirtschaft deutlich: Sie ist stark auf den Neubau fokussiert. Will man Bestandsbauten also energetisch ertüchtigen, wäre die Entwicklung übertragbarer Lösungen wie die am Edelhof erprobten ein wichtiger Meilenstein.
Die Digitalisierung der Baubranche ist ebenfalls auf den Neubau ausgerichtet: Building Information Modeling (BIM) ist der Planungs- und Dokumentationsstandard für Architekten, Ingenieure und Nutzer eines Bauwerks. BIM beinhaltet im Wesentlichen Daten, Pläne und Modelle. Die Integration von Denkmalwerten, historischen und kulturellen Werten also, war allerdings bislang nicht vorgesehen. Die Bauwirtschaft wird absehbar jedoch vor allem mit BIM arbeiten. Verantwortliche für Umbau- und größere Erhaltungsmaßnahmen im geschützten (ebenso wie im ungeschützten) Bestand sollten sich deshalb frühzeitig mit dieser Methode auseinandersetzen. Denn was mit diesen Informationen möglich ist, veranschaulicht zumindest ansatzweise das große Bild vom ehemaligen Hotel Bellevue.
Hier setzt H-BIM an, bei dieser Variante steht H für Heritage oder Historic. „BIM ist Vermeidung von Kollision in den unterschiedlichen Gewerken“, sagt Professor Christian Raabe von der RWTH Aachen. Ihn und sein Lehr- und Forschungsgebiet Denkmalpflege und historische Bauforschung treibt um, wie nun auch relevante Denkmalinformationen in H-BIM integriert werden können und wie genau, also in welcher Informationstiefe, der Bestand dokumentiert werden sollte. Technisch sind hier kaum Grenzen gesetzt. Die aktuell gängigen Vermessungsmethoden 3-D-Scan sowie SfM (Structure from Motion) produzieren erst die eingangs erwähnten Datenwolken, daraus werden dann dreidimensionale Darstellungen generiert. Standards für die BIM-gerechte Bauaufnahme und Dokumentation einheitlich und verbindlich zu gestalten, käme allen Projektbeteiligten, Bauherren, Planern, Vermessungsbüros und den Ämtern und Behörden in allen Bundesländern zugute.
Raabes Team arbeitet daher derzeit aktiv an der Einwerbung von Forschungsmitteln für das Projekt. Mit dem Ziel, digitale Methoden der Denkmalpflege systematisch zu erforschen und anzuwenden, wurden repräsentative und idealerweise übertragbare Beispiele ausgewählt. „Das Hotel Bellevue der Deutschen Stiftung Denkmalschutz zeigt sich als besonders spannendes Anschauungsobjekt“, erklärt Dr. Hendrik Reinhold, einer der Antragsteller von der RWTH Aachen. Denn neben der dreidimensionalen Modellierung, also dem M in BIM, sei ebenso das I, die Informationsimplementierung, ein zentraler Aspekt. „Durch die umfangreiche noch erhaltene Innenausstattung und weitere Baudetails aus verschiedenen Jahrzehnten eignet sich das Objekt in Remagen hervorragend als Beispiel für die Baukultur des 19. Jahrhunderts“, ergänzt Reinhold.
Die Denkmalpflegerin und Historikerin Ingrid Scheurmann ist seit 1995 für die DSD tätig und außerdem Honorarprofessorin für Denkmalpflege an der TU Dortmund. In ihrer 2024 veröffentlichten Monografie „Fragiles Erbe – Schutz und Erhaltung im Anthropozän“ untersucht sie Geschichte und Perspektiven der Denkmalpflege.
Autorin Ingrid Scheurmann und ihr neues Buch „Fragiles Erbe – Schutz und Erhaltung im Anthropozän“
MONUMENTE: In welcher Beziehung stehen technische Innovation und Denkmalschutz?
Dr. Ingrid Scheurmann: Fortschritt ist in der Moderne stets mit Erbe- und Ressourcenverlusten einhergegangen. Letztere haben Denkmalpflege und Naturschutz im 19. Jahrhundert überhaupt erst hervorgebracht. Heute verweisen Artensterben und Klimawandel auf den gestiegenen Preis ökonomischer Dynamik und die Notwendigkeit, nicht nur einzelne Zeugnisse zu erhalten, sondern den Bestand. Notwendig ist eine Kultur des Bewahrens, die Innovationen zugunsten langer Nutzungsdauern, Ressourcenschonung und Pflege fördert.
Welche Rolle spielt der Klimawandel bei der weiteren Entwicklung des Denkmalschutzes?
Die Klimakrise bedroht das kulturelle Erbe tendenziell überall – auch wenn wir das vielleicht noch nicht so wahrnehmen. Wichtig ist es, rechtzeitig zu handeln, das heißt, präventiv tätig zu werden und gezielte Klimaanpassungsmaßnahmen durchzuführen. Für die denkmalpflegerische Praxis bedeutet das unter anderem, enger als bisher erforderlich mit den Material-, Natur- und Klimawissenschaften zu kooperieren. Die Verhinderung zukünftiger Schäden wird zu einer unserer Hauptaufgaben werden müssen.
Wie kann der Denkmalschutz künftig eine größere Rolle bei der Bewahrung von Natur und Kultur spielen?
Die Denkmalpflege sollte ihr Erfahrungswissen stärker in die Debatten über Bestandserhalt, das heißt in den Architektur- und Stadtentwicklungsdiskurs, einbringen und zugleich die Distanz zum Naturschutz zu überwinden suchen. Beide Schutzbelange gehören zusammen und haben die gleichen historischen Wurzeln. Vor dem Horizont einer bedrohten Zukunft gilt es, natürliche Allianzen zu stärken, gemeinsame Vermittlungsanstrengungen zu unternehmen und innovative Partizipationsformate zu etablieren.
Denkmalpflege weiterdenken
„Digitale Denkmalpflege wird seit einiger Zeit auch verstärkt in den Liegenschaften der DSD thematisiert und gewinnt zunehmend an Bedeutung“, bestätigt Diana Bičo, für stiftungseigene Denkmale wie das ehemalige Hotel Bellevue zuständige Architektin in der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Durch den Austausch mit der RWTH Aachen ermöglicht die DSD in diesem Fall eine frei zugängliche Sammlung von Beispielmodellen, die Beteiligten als wichtige Orientierung dienen kann – über die reine schriftliche Formulierung einheitlicher Standards hinaus. „Unsere denkmalgeschützte Bausubstanz ist als ein besonderer Teil der Bauaufgaben im Bestand zu sehen“, erklärt Reinhold sein Forschungsgebiet. Die DSD ist daher froh, mit einem eigenen Objekt einen Beitrag zur Zukunft der Denkmalpflege leisten zu können.
Von all dem hat der Denkmalinteressierte vielleicht nicht unmittelbar einen Nutzen. Doch spätestens seit der Pandemie gehören virtuelle 3-D-Rundgänge durch Museen, Kirchen, Burgen, sogar ganze Ortskerne zum Repertoire der Kulturvermittlung. Ermöglicht werden diese erst durch digitale Erfassung und Aufbereitung. Zunehmend bekannt werden auch die sogenannten digitalen Zwillinge, also vollständig datenbasiert nachgebildete Bauwerke. Sie bringen verschiedene Informationsebenen miteinander in Verbindung: detailgenaue Nachbildung von Form und Materialität zum einen. Zum anderen entsteht auf der Basis bestehender Unterlagen und Pläne des Baubestands – das H in H-BIM – sowie zusätzlich generierter Daten zudem die für die Pflege und den Unterhalt des Denkmals so wichtige Funktionsebene.
Besonders öffentlichkeitswirksam sind die digitalen Zwillinge der großen Kirchen wie des Kölner Doms. Sie helfen, Schäden an Bauteilen zu identifizieren, die seit über 150 Jahren nicht mehr physisch inspiziert wurden – etwa an Fialen, Strebebögen oder in den oberen Turmbereichen. Gleichzeitig dienen sie als präzise Grundlage für Planungsarbeiten und Vermessungen, sodass Restaurierungen zielgenau vorbereitet und Bauabläufe digital durchgespielt werden können. Für die Dombauhütten ist das eine große Erleichterung. Und außerdem für normal Interessierte eine schöne Bereicherung: 3-D-Besuche machen Denkmale von der heimischen Couch aus erlebbar, aus den gewonnenen Daten lassen sich hochgenaue 3-D-Drucke als Souvenirs erstellen.
Doch bei allen digitalen Möglichkeiten im Bauwesen: Sind nicht vielmehr die erfahrene Lehmbauerin, der versierte Stuckateur entscheidend? Das wird zweifellos immer so sein, Handwerk bleibt in der Baubranche unverzichtbar, in der Denkmalpflege ist es das Herz. Doch der digitale Wandel ergänzt ihr Können sinnvoll: H-BIM ermöglicht Erfassung, Verständnis und strategische Erhaltung des kulturellen Erbes, ohne die Praxis vor Ort zu ersetzen. Die DSD unterstützt beides.
Julia Greipl
Forschung und Innovation
Spurensuche mit Geotechnik und viel persönlichem Engagement – das archäologische Projekt in Klein Süntel bringt Erstaunliches zutage.
Eine Windmühle ohne Flügel ist ein merkwürdiger Anblick. Eine Windmühle, deren Flügel auf dem Boden liegen, hat etwas Anklagendes. Bei der Schlotheimer Windmühle wendet sich dieser Zustand nun ins Positive: Nach jahrelangen Bemühungen bekommt die thüringische Stadt Unterstützung und finanzielle Hilfe, um den alten Turmholländer, der in seiner Technik schon immer als eine Besonderheit in der Region galt, zu restaurieren. Noch umgibt seinen konischen Rumpf aus Naturstein und Backstein ein Baugerüst. In Kürze wird das Mauerwerk ausgefugt und verputzt sein. Dann wird niemand mehr sehen, dass sich unter dem strahlenden Weiß Kohlefaserbänder verbergen, die den 13 Meter hohen Rundbau umfangen und sicher in Form halten.
Am 30. April 2014 feiert man um die Mühle Bohle in Wersen nahe Osnabrück den Abschluss der langjährigen Sanierung. Bereits vor vier Jahren war ihre historische Anlage zur Stromerzeugung in Betrieb genommen worden. Schüler einer 10. Klasse der Realschule Westerkappeln hatten sie gemeinsam mit ihrem Lehrer Wilhelm Schröder restauriert. Gefördert wurde ihr Projekt durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz im Rahmen des Programms "denkmal aktiv - Kulturerbe macht Schule".
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