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Denkmal in Not

Ein Notdach für Johannstorf

Im März richtete ein Brand schwere Schäden an Schloss Johannstorf an, einem bedeutsamen Denkmal aus dem Barock im Westen Mecklenburgs. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz benötigt Ihre Hilfe, um das Schloss mit einem Notdach für den Winter zu sichern.

Als die Feuerwehr in der Nacht auf den 1. März bei Schloss Johannstorf eintrifft, steht das Dach bereits vollständig in Flammen. Das Schloss ist seit fast zwanzig Jahren sich selbst überlassen. Die historische Brücke über den versumpften Wassergraben um das Schloss trägt kein Fahrzeug. Die Feuerwehrleute können deshalb ihren Leiterwagen nicht nutzen und müssen die Schläuche zu Fuß auf die Insel schaffen, auf der das Schloss steht. So können sie dort die Flammen nur von unten löschen.


Am Tag nach dem Brand ist allen Beteiligten klar: Es sieht nicht gut aus für Schloss Johannstorf. Das Dach ist durch den Brand weitgehend zerstört, das Innere des Gebäudes der Witterung schutzlos ausgeliefert. Den Winter wird das Schloss nicht überleben. Dafür wäre ein Notdach nötig. So ein Notdach kostet Geld, viel Geld. Die Stadt Dassow, zu der auch das Örtchen Johannstorf gehört, hat dieses Geld nicht. Und das komplizierte Antragswesen, um dieses Geld eventuell aus staatlichen Töpfen zu beschaffen, kostet Zeit. Zeit, die Schloss Johannstorf nicht hat. Der Winter kommt und mit ihm Regen und Frost.

Gartenansicht von Schloss Johannstorf, in der Ferne der Dassower See. Trotz der Brandkatastrophe  im März 2025 hat sich die Einmaligkeit der barocken Gutsanlage erhalten: Die Insellage des Herrenhauses, das von einem ebenfalls um 1743 geschaffenen Wassergraben umgeben ist.
© Heiko Preller
Gartenansicht von Schloss Johannstorf, in der Ferne der Dassower See. Trotz der Brandkatastrophe im März 2025 hat sich die Einmaligkeit der barocken Gutsanlage erhalten: Die Insellage des Herrenhauses, das von einem ebenfalls um 1743 geschaffenen Wassergraben umgeben ist.

Wenige Tage später tagt der Krisenstab der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD) in Bonn. „Als uns die Nachricht vom Brand erreichte, war klar: Das ist jetzt ernst“, sagt Steffen Skudelny, Vorstand der DSD. Eine gute halbe Million Euro ist nötig, um Schloss Johannstorf mit einem Notdach zu sichern und über den Winter zu bringen. „Eine solche Summe, die die DSD zudem ganz allein stemmen muss, ist für uns kein Tagesgeschäft“, betont Skudelny. Schließlich stimmt der DSD-Krisenstab für die Notsicherung. Die Stiftung bewilligt 550.000 Euro für die Errichtung ­eines Notdaches. „Die DSD ist die einzige Institution in Deutschland, die eine so aufwendige Maßnahme so kurzfristig finanzieren kann. Damit lag die Verantwortung für den Erhalt von Schloss Johannstorf bei der DSD und ihren Förderinnen und Förderern. Das hat unsere Entscheidung geleitet“, erklärt Skudelny.

DSD-Hilfe für Johannstorf übergeben an Dassows stellv. Bürgermeisterin Kerstin Weiss und Bürgermeister Sascha Kuhfuß von DSD-Vorstand Dr. Steffen Skudelny, mit Katrin Patynowski, 1. Stellvertreterin des Landrates von Nordwestmecklenburg (rechts).
© Heiko Preller
DSD-Hilfe für Johannstorf übergeben an Dassows stellv. Bürgermeisterin Kerstin Weiss und Bürgermeister Sascha Kuhfuß von DSD-Vorstand Dr. Steffen Skudelny, mit Katrin Patynowski, 1. Stellvertreterin des Landrates von Nordwestmecklenburg (rechts).

Nach der Notsicherung kann Schloss Johannstorf überhaupt erst wieder betreten werden. Diesen Moment sehnt Dagmar Rickmann herbei. Sie ist die zuständige Sachbearbeiterin der Unteren Denkmalschutzbehörde im Landkreis Nordwestmecklenburg. „Wir warten sehr gespannt darauf, dass wir hinein dürfen und genau schauen können, was von der kostbaren Denkmalsubstanz noch da ist.“


Denn das Gutshaus in Johannstorf gilt als ein Hauptwerk des Barock in Mecklenburg-Vorpommern und war bis März 2025 sowohl innen als auch außen noch weitgehend im Originalzustand erhalten. 

Erbaut wurde es von der schleswig-holsteinischen Adelsfamilie von Buchwald, die seit dem 14. Jahrhundert in Johannstorf ansässig war.



 
Das Herrenhaus von Johannstorf braucht zügig Notdach, um es vor der Witterung zu schützen. Eine stählerne Behelfsbrücke über den Wassergraben ermöglicht nun die Zufahrt zum Denkmal.
© Heiko Preller
Das Herrenhaus von Johannstorf braucht zügig Notdach, um es vor der Witterung zu schützen. Eine stählerne Behelfsbrücke über den Wassergraben ermöglicht nun die Zufahrt zum Denkmal.

Der ehrenamtliche Ortschronist Lutz Pinnecke hat die Geschichte des Adelsgeschlechts erforscht und herausgefunden: „Schack von Buchwald war Kammerherr des Zarenanwärters und späteren russischen Kaisers Peter III. So steht es in der Inschrift über der Eingangstür. Vermutlich konnte er sich deshalb diesen gewaltigen Umbau leisten.“ 

Schack von Buchwald beauftragte den schwedischen Architekten und holsteinischen Bauinspektor Rudolf Matthias Dallin, das Gut Johannstorf in der Formensprache des Barock neu zu gestalten. Dallin entwarf einen für den norddeutschen Raum typischen zweigeschossigen Backsteinbau auf rechteckigem Grundriss mit einem abgewalmten Mansarddach. Die Längsseiten schmückt je ein Mittelrisalit mit Kolossalpilastern – eine ungewöhnlich repräsentative Gestaltung.


Einzigartige Insellage


Außergewöhnlich ist die Lage des Herrenhauses auf einer Insel, umgeben von einem Wassergraben, der ebenfalls um 1743 angelegt wurde. Damit ist Schloss Johannstorf die einzige barocke Gutsanlage mit einem Wassergraben in Mecklenburg-Vorpommern.

1782 kaufte die Familie Eckermann das Gut und bewohnte es bis 1945. Eckart Eckermann war sieben Jahre alt, als er mit seinen Eltern und fünf Geschwistern aus seinem Geburtshaus verwiesen wurde. „Das ganze Herrenhaus ist prachtvoll gewesen und drinnen waren Schätze über Schätze. Denn unsere Familie hatte das Gut mit dem gesamten Inventar der Familie Buchwald übernommen.“ Eckart Eckermann erzählt von mittelalterlichen Pokalen, Silberschmuck in Truhen, kostbaren historischen Büchern und Gemälden. „In der roten Stube zum Beispiel war die Seidentapete rosarot und hatte ein dunkelrotes Blumenmuster“, erinnert sich Eckermann. Jüngere Fotos vom Denkmal zeigen, die Holzvertäfelungen, die unterschiedlichen Wandbespannungen, die zum Teil marmornen Kamine und prächtigen Stuckdecken waren bis März dieses Jahres noch weitgehend intakt. „Das historische Inventar mussten Flüchtlinge im Herbst 1945 in Waggons verladen“, erinnert sich Eckermann.


Zu DDR-Zeiten befanden sich Wohnungen und ein Konsumladen im Herrenhaus. 1951 stellte die sowjetische Militäradministration 21 Guts- und Herrenhäuser in Mecklenburg-Vorpommern unter besonderen Schutz, darunter Johannstorf. 

Barockanlage aus einem Guss mit Torhaus, zwei Stallgebäuden, dem Herrenhaus auf einer Insel und dem dahinterliegenden einstigen Barockgarten.
© Heiko Preller
Barockanlage aus einem Guss mit Torhaus, zwei Stallgebäuden, dem Herrenhaus auf einer Insel und dem dahinterliegenden einstigen Barockgarten.
 

1970 wurde jedoch der Denkmalstatus aberkannt, weil das Gut bei Travemünde innerhalb der 500-Meter-Sperrzone hinter der innerdeutschen Grenze lag. Daraufhin wurde das restliche Inventar im staatlichen Kunsthandel veräußert.


1992 verkaufte die Stadt Dassow das Ensemble an einen Immobilienunternehmer aus Mölln. „Der hatte ein traumhaftes Konzept“, erinnert sich Eckart Eckermann. Wohnen, Kultur, Handwerk, ein Depot für historische Baustoffe, ein Café im Torhaus waren auf dem Gut vorgesehen. „Das wäre für das Gut ideal gewesen und hätte auch Touristen angezogen“, sagt Denkmalschützerin Rickmann im Rückblick. Allein, außer einer umfassenden Erneuerung der Dacheindeckung, der Neuverfugung der Backsteinfassade und dem Einbau neuer Holzfenster passierte wenig. Dagmar Rickmann öffnet einen dicken Ordner. „Dann beginnt in unserer Akte eine Odyssee von Briefen und Artikeln, in denen bemängelt wird, dass die Anlage komplett verfällt. Doch uns waren die Hände gebunden. Wir dürfen nur die Notsicherung eines Denkmals anordnen, nicht die Instandsetzung.“

Von links: Statiker Cornelius Back, Denkmalpflegerin Dagmar Rickmann und Ortschronist Lutz Pinnecke vor dem Torhaus.
© Heiko Preller
Von links: Statiker Cornelius Back, Denkmalpflegerin Dagmar Rickmann und Ortschronist Lutz Pinnecke vor dem Torhaus.

Authentische Filmkulisse


2007 zog noch einmal Leben in Johannstorf ein, als dort Szenen für den Film „Das weiße Band“ von Regisseur Michael Haneke gedreht wurden. Der Film mit Ulrich Tukur in der Rolle als Baron wurde in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet und für zwei Oscars nominiert. „Die Anwohner erzählen viel von den Dreharbeiten, weil damals wirklich alles auf Vordermann gebracht wurde“, berichtet Bürgermeister Kuhfuß. Seitdem sind zwischen den Gebäuden wieder mannshohe Hecken und Bäume gewachsen, die hoch bis zu den Dächern reichen. Nur der Pflasterweg ist öffentlich und wird von der Stadt für Radfahrer und Fußgänger freigeschnitten.



 

„Ich wünsche Johannstorf, dass es sich nach all den Katastrophen wieder aufrichten darf“

Ulrich Tukur gehört zu den profiliertesten deutschen Film- und Theaterschauspielern. Auch als Musiker und Schriftsteller ist er bekannt. 2008 drehte er mit Regisseur Michael Haneke den zweifach oscarnominierten Film „Das weiße Band“, in dem Schloss Johannstorf eine wichtige Rolle spielt.

MONUMENTE: Herr Tukur, wie haben Sie die Dreharbeiten bei Schloss Johannstorf erlebt?

Ulrich Tukur: Es war meine erste und leider auch letzte Zusammenarbeit mit Michael Haneke. Faszinierend, was er aus dem kleinen Dorf und dem ramponierten Schloss Johannstorf ­gemacht hat. Er hatte ja schon ein Jahr zuvor mit dem Rückbau der Moderne begonnen und eine Welt zurückgeholt, die schon lange unter­gegangen war. Die Dreharbeiten waren ebenso anstrengend wie unvergesslich. Wir hatten großartige Schauspieler, Typen und Persönlichkeiten, die mir allesamt vom Ort, an dem wir drehten, wie verzaubert schienen.


© IMAGO / Future Image
 

Wie haben Sie das Denkmal als Kulisse empfunden?

Es war eine wunderschöne Anlage in stimmigen Proportionen, die erhaltenen Wirtschaftsgebäude, das barocke Wohngebäude selbst, die große, geschwungene Treppe, alles eingebettet ins herrliche Grün der Landschaft. Mich hat das Schloss sehr berührt. Es schien mir wie ein von Geschichte und Politik drangsaliertes und gebeuteltes Wesen, das den Anwürfen schlimmer Zeiten tapfer widerstand. Im Inneren des Anwesens verstärkte sich diese Wirkung. Was die Zerstörung des Krieges und die Lieblosigkeit der Nachkriegszeit verschont hatten, war noch präsent genug, um den Zauber einer versunkenen Epoche zu spüren. Für mich waren die Melancholie und verletzte Schönheit dieses Ortes eine magische Erfahrung.


War Schloss Johannstorf eine Inspiration für Sie?

Natürlich haben mich Trauer und Charisma von Johannstorf inspiriert. Michael Haneke hatte der alten Dame ja wieder Leben eingehaucht, und es war für mich wie eine Verbeugung vor einer dahingegangenen Welt, deren Schattenseiten Thema unseres Films waren.


Was wünschen Sie Schloss Johannstorf für die Zukunft?

Ich wünsche Johannstorf, dass es sich nach all den Katastrophen, von denen der Brand ja nur die letzte war, wieder aufrichten darf und ihm die Würde zurückgegeben wird, die es verdient, um den digitalisierten Zeitgenossen eine Welt zu zeigen, in der Schönheit, Architektur und Landschaft miteinander harmonierten.

  

Zweimal bemühte sich die Stadt Dassow um die Rückübertragung. Seit 2024 ist sie nun wieder im Besitz der Anlage. Johannstorf ist damit von 131 denkmalgeschützten Gutshäusern und Gutsanlagen im Landkreis das einzige in kommunaler Hand. Doch noch bevor die Stadt ins Grundbuch eingetragen werden konnte, stand der Dachstuhl des Herrenhauses in Flammen.

© Heiko Preller

„Das Riesendach – einfach irre, dass das weg ist“, sagt Denkmalschützerin Rickmann fassungslos. „Mich erschüttert der Brand bis heute“, pflichtet Ortschronist Pinnecke ihr bei. Der Denkmalstatus stehe nicht infrage, so Dagmar Rickmann: „Das ist zwar eine Brandruine, aber die hat immer noch Denkmalwert. Schon allein wegen der besonderen Insellage und der Architektur des schlossartigen Herrenhauses. Die Fassaden sind noch weitgehend intakt, und was von der wertvollen Ausstattung noch da ist, das werden wir sehen, wenn das Gebäude notgesichert ist.“

 

„Mit der Installation des Notdachs gehen wir jetzt kurzfristig in Vorleistung, um Johannstorf zu sichern", betont DSD-Vorstand Steffen Skudelny. Das ist ein Kraftakt, den wir nur mit Hilfe unserer Förderinnen und Förderer leisten können.“ Dass ein langjähriger Förderer, Richard Petzoldt, dem Gutshäuser und Gutsanlagen in Mecklenburg-Vorpommern am Herzen liegen, direkt nach dem Brand großzügig gespendet hat, macht ihm Mut: „Lassen wir Johannstorf nicht im Regen stehen!“


Iris Milde und Simon Geisler


www.denkmalschutz.de/denkmal-in-not


Schloss Johannstorf

An der Lisettenlust 1

23942 Dassow


Johannstorf liegt unweit der Ostsee am Dassower See, rund 25 Kilometer nordöstlich von Lübeck.

Bitte retten Sie mit uns das

Schloss Johannstorf

Es gibt Hoffnung, dass nicht nur außen, sondern auch im Herrenhaus Teile der originalen barocken Ausstattung vom Feuer verschont geblieben sind.
© Jorinde Bugenhagen / DSD
Es gibt Hoffnung, dass nicht nur außen, sondern auch im Herrenhaus Teile der originalen barocken Ausstattung vom Feuer verschont geblieben sind.
 

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1 Kommentare

Lesen Sie 1  Kommentar anderer Leser

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    Sabine Fichte schrieb am 26.09.2025 22:34 Uhr

    Es wäre interessant zu erfahren, welche Nutzung des Anwesens seitens der Kommune als Käuferin angedacht war. Erfahrungsgemäß nützt das teuerste Notdach nichts, wenn keine Aklteure gefunden werden, die dem Schloss wieder Leben einhauchen wollen...

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