
Denkmalarten Öffentliche Bauten Stile und Epochen 1800 Klassizismus Ausgabe Nummer August Jahr 2025 T W
Im Waldhaus Japan im thüringischen Bleicherode ist die einzige noch vollständig erhaltene Panoramatapete „L’Arcadie“ von 1835 zu bewundern.
Das Waldhaus Japan ist bekannt für seine herrliche Aussicht auf den Südharz und die Bleicheröder Berge. Es gibt jedoch Gäste, die suchen das Naturidyll nicht draußen, sondern im Festsaal der 200 Jahre alten Gaststätte. „Die stehen dann da, sind ganz gerührt und schwärmen, wie schön das sei“, erzählt Wirtin Nadine Frosch. Denn unter historischen Kronleuchtern entfaltet sich auf zwölf Metern Längswand ein Idyll mit antiken Hirten-, Schäfer- und Landschaftsszenen. Auf den anderen Wänden galoppieren gar Pferde durch ideale Landschaften.
„L’Arcadie“ ist eine absolute Rarität – sie zählt zu den ersten sogenannten Grisaille-Tapeten überhaupt, um 1810 vom französischen Kunstmaler Pierre Antoine Mongin nach Motiven des Idyllendichters Salomon Gessner entworfen. Im Waldhaus Japan überstand das einzig komplett erhaltene Exemplar die Zeiten, immerhin wurden einst etwa 180 gedruckt. „Nur eine hohe Auflage rechtfertigte den ungeheuren Aufwand, den die Herstellung erforderte“, weiß Restauratorin Andrea Strietzel. „L’Arcadie“ wurde 1835 von der heute noch bestehenden Manufaktur Zuber im elsässischen Rixheim gefertigt. Gedruckt wurde sie in sieben Grautönen auf 20 Bahnen Büttenpapier, je drei Meter lang und 70 Zentimeter breit.
„Für jeden Farbton fertigten Schnitzer eigene Holzmodel“, erklärt Strietzel, allein für „L’Arcadie“ wohl 1.400 Model. „Dass man mit so wenigen Farben eine derart ausdrucksstarke und plastische Wirkung erzielen konnte, bewundere ich immer wieder.“ Doch Papier und Farben haben gelitten. Vergilbt, verschmutzt, stellenweise gerissen, überklebt und übermalt, vom Schimmel befallen und von Insekten benagt, war „L’Arcadie“ bis 2008 in einem traurigen Zustand. „Es war nicht fünf vor, sondern fünf nach zwölf“, so die Restauratorin. In diesem Jahr aber wird sie die letzten Bahnen des zurückgewonnenen Arkadien wieder an der Saalwand anbringen können.
Zu verdanken sei das vor allem einem treuen Japan-Gast, der treibenden Kraft, sagt sie: dem heute 95-jährigen Dr. Dirk Schmidt aus Aumühle (Schleswig-Holstein). In Bleicherode geboren, kennt Schmidt das Waldhaus Japan seit Kindheitstagen. „Unsere Tanzabende 1946 fanden unter den Tapeten statt“, erzählt er. Da habe er noch nicht gewusst, dass sie etwas Besonderes sind.
1948 geht Schmidt zum Jura-Studium nach Marburg, arbeitet unter anderem in Berlin und Bonn für den Deutschen Sparkassen- und Giroverband, zuletzt im Vorstand der Deutschen Siedlungs- und Landesrentenbank. In dieser Zeit war er jährlich einmal kurz in Bleicherode.
Während der DDR-Jahre und danach beobachtet er den Niedergang des Städtchens, das Aus der Textilindustrie und des Kalibergbaus. Nach dem Fall der Mauer engagiert er sich für den Erhalt historischer Baukultur.
Für Andrea Strietzel ist der 95-Jährige ein Vorbild. „Es gab oft finanziell schwierige Situationen. Doch er hat das Projekt mit Gleichmut weiterverfolgt, konstant und freundlich, immer auf die Menschen zugehend. Bewunderungswürdig.“ Schmidt hofft, den Abschluss der Restaurierung noch erleben zu dürfen. Die Bildtapeten der Fensterfront, der umlaufende Sockel und die Kronleuchter sollen auch bald restauriert werden. Dafür müsste Wirtin Nadine Frosch zwar noch eine Weile Gerüste und Dreck erdulden, aber das „Japan“ hätte dann nicht nur die schönste Aussicht, sondern auch den prächtigsten und wohl wertvollsten Festsaal der Region.
Rüdiger Heimlich
www.denkmalschutz.de/waldhaus-japan
Waldhaus Japan
Japanweg 11
99752 Bleicherode
Der Saal kann nur nach Voranmeldung besichtigt werden.
Tel. 036338 50582
Förderjahre: 2022 bis 2025
Maßnahmen: Konservierung und Restaurierung
Fördermittelgeber: DSD, G. und H. Murmann- Stiftung, Elisabeth und Fritz Thayssen-Stiftung u. a.
Bildtapete im Waldhaus Japan
Barack Obama schmückte sich mit ihr, auch George W. Bush und Bill Clinton. Als Rahmen für offizielle Verlautbarungen ist die Panoramatapete "Vue de l'Amérique du Nord" sehr fotogen. Die Bilder mit ihr und dem US-Präsidenten gehen dann jedes Mal um die Welt.
So wie die Garderobe eines Menschen ist auch die Wandbekleidung seiner Wohnräume modischen Schwankungen unterlegen. Der historische Tapetenwechsel von ersten Wandbehängen bis hin zu aufwendig verzierten Mustern veränderte die Wohnwelt.
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