Menschen für Monumente Restaurierungstechniken Ausgabe Nummer August Jahr 2024 Denkmale A-Z K

Zwischen Kunst und Handwerk

Wenn Pinsel tanzen

Es gibt ein Kunsthandwerk, das zu verschwinden droht: die Dekorationsmalerei. Was genau machen die wenigen Dekorationsmaler, die es heute noch gibt? Was unterscheidet sie von Malern, Restauratoren und freien Künstlern?

Wohin soll man zuerst schauen? Hier entsteht eine Stuckgirlande, da ein Eichenpaneel, woanders wird Gold aufgetragen und dort aus einer grauen Fläche ein gemaserter Stein herausgearbeitet. Trauben von Menschen sehen dem Entstehen von lauter Kostbarkeiten zu, ein friedlicher Sprachenmix durchwabert den Saal ebenso wie der Geruch von Farbe und Lösungsmittel. „Der Pinsel muss tanzen“, erklärt Aurélien Francisco seinen Zuschauern, während sein Doppelpinsel – ein französischer Chiqueteur – mit tanzenden Bewegungen eine täuschend echt aus­sehende Marmorplatte zum Vorschein kommen lässt.

Der Franzose Aurélien Francisco zeigt beim Salon, wie er verschiedene Materialober­flächen mit Malerei imitieren kann.
© Lars Krueger
Der Franzose Aurélien Francisco zeigt beim Salon, wie er verschiedene Materialober­flächen mit Malerei imitieren kann.

Das war der Salon: Das internationale Treffen der Dekorationsmalerei fand im Mai dieses Jahres im Museum der Arbeit in Hamburg-Barmbek statt. Bereits zum 28. Mal zeigten Dekorationsmaler aus der ganzen Welt live vor Ort ihre Techniken und präsentierten die Vielfalt dieses Kunsthandwerks. Meister ihres Faches tauschten Tipps und Ratschläge aus, berichteten einander von aktuellen Herausforderungen und trugen so dazu bei, dass ihre Kunst nicht ins Abseits gerät. „Liebe Architekten, bitte vergesst vor lauter Grau nicht die Welt der Farben und Muster“, ruft die diesjährige Veranstalterin Friederike Schulz in den Saal.


Und damit hat sie den Besucher gepackt: Wie konnte sich innerhalb weniger Jahrzehnte der Sinn für Ästhetik so verändern, dass gemalte Girlanden, schablonierte Blumen, nachempfundene Hölzer, geometrische Rapports fast von der Bildfläche der Moderne verschwinden? Bis in die 1950er Jahre war Dekorationsmalerei ein feststehender Begriff für Gestaltung im Malerhandwerk mit Schulen in ganz Europa. Die jeweiligen Schwerpunkte der Dekorationsmaler waren – und sind es noch heute – durchaus unterschiedlich in den verschiedenen Ländern: In den Niederlanden sind begnadete Vergolder beheimatet, in Italien Meister der plastischen Malerei. US-amerikanische Dekorationsmaler beschäftigen sich oft eher mit historisierenden Elementen, während in Frankreich Imitationen von Holz und Stein sehr gefragt sind. Das alles ist selbstverständlich grob vereinfachend und nur eine Salon-Momentaufnahme.


Künstler am Bau


Tatsache aber ist, dass sich in Deutschland ein Ausbildungsschwerpunkt aus unterschiedlichen Gründen fast selbst abgeschafft hat. Das Berufsbild des Malers, Lackierers und Anstreichers ist feststehend, Inhalte der Dekorationsmalerei werden kaum vermittelt. Auf der anderen Seite haben sich von den freien Künsten die angewandten Künste abgespalten. Eine nicht unbedingt nachvollziehbare Entwicklung, wenn man beispielsweise in die Renaissancepalazzi und -kirchen Italiens schaut. Sie sind oft von namentlich bekannten Künstlern ausgemalt, die gleichzeitig nicht architekturgebundene Kunstwerke wie Kruzifixe, Altarbilder und Skulpturen lieferten. Oder wenn man noch weiter zurückschaut, in die Antike: Durch Ausgrabungen zum Beispiel in Pompeji oder der römischen Domus Aurea weiß man, dass die Räume nicht nur prachtvoll bemalt waren. Man bemerkt auch, dass die Künstler große gestalterische Freiheiten genossen. Bis in die historisierenden Jahrzehnte und den Jugendstil wusste man ihr Können wertzuschätzen.

Römische Wandgestaltung in Pompeji. Auf die Dekorationsmalerei der Antike bezogen sich Künstler der Renaissance und des Historismus.
© IMAGO / PantherMedia / adriano spano
Römische Wandgestaltung in Pompeji. Auf die Dekorationsmalerei der Antike bezogen sich Künstler der Renaissance und des Historismus.

Heute sieht das anders aus: „Wer Kunst studiert, will kein Replikator sein und schon gar nicht auf den Bau gehen“, stellt Friederike Schulz fest. Sie versteht, aber bedauert die formale Trennung von Kunst und Kunsthandwerk, die sie künstlich findet und ergänzt: „Dekorations­maler können unheimlich gut malen, aber sie sind nicht per se Künstler. Sie bringen ihre Kunst zur Anwendung. Aber weil keine Ausbildung zum Dekorationsmaler mehr stattfindet, können sie sich bei bestimmten Ausschreibungen gar nicht beteiligen.“


In Bayern gibt es eine weitere Berufsgruppe: Hier werden Kirchenmaler ausgebildet. Margarete Hauser war Leiterin der Städtischen Fach-, Meister- und Berufsschule für Farbe und Gestaltung München. Sie bringt Ordnung in das Definitionsdurcheinander: „Der Dekorationsmaler ist gestaltend tätig. Er erschafft Dekorationen, Ornamente und Verzierungen.“ Im Gegensatz zum bayerischen Kirchenmaler: „Er arbeitet handwerklich und erschafft nichts Neues. Er ist immer beim historischen Objekt und rekons­truiert verloren gegangene Malereien nur nach Vorlagen, Fotos oder Befunden“, erklärt Hauser.


Das macht die Dekorationsmalerin Schulz ebenfalls – sie ergänzt fragmentarisch erhaltene Malereibestände mit Hilfe ihrer gesammelten historischen Muster, Schablonen und Walzen. Jedoch: „Ich transportiere frühere Gedanken weiter, arbeite nicht nur historisierend, sondern auch modern. Was immer ich male, muss zum Haus passen“, sagt sie nach dem Salon im Hamburger Ledigenheim, dem 1912 erbauten Wohnheim für alleinstehende Männer. Treppenhaus und Flure, Speisesaal, Bibliothek und die eigenen Zimmer waren gestaltet. „Die dekorativen Malereien trugen bei zum schönen Erscheinungsbild des Wohnhauses und waren Sinnbild für die stolze Arbeiterschaft. Es waren die Arbeiter, die für den Wohlstand der Stadt Hamburg gesorgt haben, deshalb sollten auch sie repräsentativ und schön wohnen“, erklärt Jade Jacobs. Zusammen mit Antje Block steht er ihrer Stiftung Ros zur Rettung des Ledigenheims vor.

Im Ledigenheim in Hamburg: Für die dekorative Wandgestaltung wurden und werden Vervielfältigungstechniken genutzt.
© Friederike Schulz
Im Ledigenheim in Hamburg: Für die dekorative Wandgestaltung wurden und werden Vervielfältigungstechniken genutzt.
Friederike Schulz legt im Treppenhaus des Ledigenheims Musterpaneele an.
© Stiftung Ros
Friederike Schulz legt im Treppenhaus des Ledigenheims Musterpaneele an.
 


Friederike Schulz hilft ihnen, das sichtbar zu machen, was ihre Berufsvorfahren angelegt hatten. Restauratoren haben mit den ihnen eigenen Methoden zur Befundung der vielfach übermalten und über­lackierten Malereien, die nur noch an wenigen Stellen erhalten sind, beigetragen. Schulz versucht nun, sich diesen anzunähern und sie zu rekonstruieren. Und zwar so, dass sich die heutigen Bewohner wohlfühlen, mit etwas reduzierteren Farben und Kontrasten, orientiert an den historischen Mustern.


Das Schöne bewahren


Aber kann das nicht auch der Restaurator machen? Was unterscheidet ihn vom Dekorationsmaler? Hier kann Bettina von Boch aus Miesbach in Oberbayern weiterhelfen. Sie ist Kirchenmalermeisterin. Aktuell bildet sie sich zur Restauratorin im Handwerk fort. „Restauratoren arbeiten wissenschaftlich. Sie untersuchen und forschen, sie analysieren Proben in Laboren, sie vollziehen nach, welche Materialien und Werkzeuge verwendet wurden“, sagt Boch. „Der Restaurator, wenn man so will, ist der Anwalt des Denkmals. Und er erstellt zum Beispiel ein Restaurierungskonzept.“ Schulz in Hamburg geht sogar noch weiter: „Restauratoren können Retuschen machen. Aber es ist einfach nicht Teil ihrer Ausbildung, große Flächen zu malen.“ Deshalb arbeite sie gern Hand in Hand mit Restauratoren, jeder in dem Bereich, den er gelernt hat: „Man muss sich konzentrieren auf das, was man wirklich kann.“


So plausibel die Trennung erscheint – so deutsch mag sie einem vorkommen. Zumal im Gespräch mit Salon-Teilnehmerinnen aus Italien: Für sie, die an den vatikanischen Museen als Restauratorinnen arbeiten, ist es kein Widerspruch, als Dekorationsmalerinnen eigene Bildideen in anderen, nicht denkmalgebundenen Kontexten, zu entwickeln. Warum sollte jemand, der gerade noch Raffaels Loggien am Vatikanspalast konserviert hat, nicht eine römische Stadtwohnung ausmalen? Es gibt auch in Deutschland moderne Dekorationsmalereien, doch es werden weniger.

Schüler der Städtischen Meisterschule für das Vergolderhandwerk in München rekonstruieren Brokatmalerei aus einer barocken Kirche.
© Margareta Hauser
Schüler der Städtischen Meisterschule für das Vergolderhandwerk in München rekonstruieren Brokatmalerei aus einer barocken Kirche.

Mit Antje Block vom Hamburger Ledigenheim lässt sich in diesem Zusammenhang gut über kulturelle Verarmung diskutieren. Warum reisen wir so gern nach Italien und überall dorthin, wo es schön ist? Hat es nicht auch viel damit zu tun, dass wir uns nach Ästhetik und Gestaltung sehnen, nach ­einer Schönheit, die durchaus objektivierbar ist? „Wenn man nichts Schönes sieht, weiß man irgendwann gar nicht mehr, was man vermisst“, findet Antje Block. Güter des Alltags würden ästhetisch immer ärmer – und die Gefahr ist kaum zu bannen, dass man sich daran gewöhnt.


Auch Boch in Miesbach sieht, dass „das Auge mittlerweile auf Glattheit geschult“ ist. Trotzdem glaubt sie, dass eine stimmige handwerkliche Gestaltung überzeugen kann. Wichtig sei es, Denkmale und historische Vorbilder zu pflegen. Jade Jacobs vom Ledigenheim geht noch weiter: „Was wollen wir eigentlich für Denkmale der Zukunft schaffen? Was von dem, was wir einmal hinterlassen, wird denkmalwürdig sein?“ Mit diesem Credo ist er der beste Anwalt der dekorativen Ausgestaltung von Räumen – in Privathäusern, Hotels und Gaststätten, in Arztpraxen und Büros.

 Beim Salon entstanden: Die Wandmalereien von Stefano Lucá aus Rom wirken verblüffend plastisch.
Beim Salon entstanden: Die Wandmalereien von Stefano Lucá aus Rom wirken verblüffend plastisch.
Salon-Teilnehmerin Cathy Conner aus den USA. In den Ausstellungen wird auf Papierbahnen gemalt, was sonst direkt auf den Wänden passiert.
© Lars Krueger
Salon-Teilnehmerin Cathy Conner aus den USA. In den Ausstellungen wird auf Papierbahnen gemalt, was sonst direkt auf den Wänden passiert.
 


Zum Salon sind auch Bühnenmaler gekommen, um von den Besten zu lernen. Deren Techniken faszinieren die Gruppe vom Schauspielhaus Hamburg. Allerdings ist ihr Handwerk auf Fernwirkung angelegt und vergänglich, während die Dekorationsmalerei – ebenso wie die Sonderform der Kirchenmalerei – für die Ewigkeit gedacht ist. Und es gibt noch Berufsschulen für Bühnenmaler, auch das ein großer Unterschied zu den Dekorationsmalern. Es ist also nicht einfach – weder die glasklare Definition von Dekorationsmalerei noch die Pflege dieses Kunsthandwerks, das von nicht mehr allzu vielen Menschen geschätzt und für die kunstvolle Ausgestaltung ihrer Räume beauftragt wird. Oder, um es mit den Worten von Friederike Schulz zu sagen: „Ich mache Kunst, bin aber keine freie Künstlerin.“ Man kann es nennen, wie man will – ohne Dekorationsmalerei wären viele Räume ärmer. Julia Greipl


www.denkmalschutz.de/ledigenheim-hamburg

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