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Restaurierung von Alvar-Aalto-Möbeln

Finnischer Schwung in Wolfsburg

Mit Bildergalerie: Auf dem Original-Alvar-Aalto-Mobiliar im Wolfsburger Kulturhaus wird gelesen, geschrieben und verweilt. Monumente gibt einen Einblick in die aufwendige Restaurierung der Designikonen.

Designkunst in der Stadt Wolfsburg: Für ­Architektur- und Denkmalliebhaber klingt das ­keineswegs abwegig. Der weltberühmte finnische Architekt und Designer Alvar Aalto hat von 1958 bis 1968 in der rasch wachsenden Industriestadt gewirkt. Mit dem Alvar-Aalto-Kulturhaus am Rathausplatz, dem Gemeindezen­trum Heilig-Geist am Klieversberg und der Stephanus­kirche in Detmerode zählt Wolfsburg die meisten Aalto-­Gebäude außerhalb Finnlands.

Wackelige Beine, rissiges Leder: Die Hocker des Typs „X601“ in der Bibliothek des Kulturhauses in Wolfsburg sind restaurierungsbedürftig.
Wolfsburg, Alvar-Aalto-Kulturhaus © Jens Meier
Wackelige Beine, rissiges Leder: Die Hocker des Typs „X601“ in der Bibliothek des Kulturhauses in Wolfsburg sind restaurierungsbedürftig.

„Wir schützen hier Architekturschätze von Paul Baumgarten, Hans Scharoun und Alvar Aalto“, erzählt Friederike Hansen. Sie arbeitet seit 2019 in der Unteren Denkmalschutzbehörde in Wolfsburg. Gerade das Kulturhaus von Aalto liegt ihr am Herzen. Sie blickt jeden Tag von ihrem Büro auf die fünfte Fassade des Gebäudes, eine wohlgestaltete Dachlandschaft. „Aalto hat mit dem Kulturhaus ein Stück Stadtgeschichte geschaffen“, sagt Hansen. 2022 jährt sich die Eröffnung des Hauses zum 60. Mal. Anlässlich des Jubiläums hat die Diplom-Ingenieurin der Architektur und Baudenkmalpflegerin sich für die Restaurierung der Möbel eingesetzt. Sie verkörpern einen wichtigen ­Bestandteil des Gesamtkunstwerks: Hocker, Stühle und ­Tische sind in der Bibliothek des Hauses in Gebrauch. Das bringt aber auch einen starken Verschleiß mit sich – und der dringende Restaurierungsbedarf ist den Möbeln anzusehen: Sie stehen auf ­wackeligen Beinen, die Lederhaut ist verschlissen, und kaum sichtbare Haarrisse im Lack ­zeugen von Alter und Gebrauch.


Mit Linse und Skalpell


Stephanie Schipper ist Diplomrestauratorin für Möbel und Holzobjekte. Sie restauriert momentan elf Trapeztische, elf Hocker und 25 Armlehnstühle aus dem Wolfsburger Aalto-Fundus in ihrer Werkstatt in Lübeck. Ihre Arbeit beginnt mit einer detaillierten Fotodokumentation der Design­objekte. Der nächste Schritt ist die Inventarisierung. Die Möbel bilden nur ein Drittel der vorhandenen Originale. „Einen so großen Fundus an Aalto-Möbeln zu haben und zu erhalten ist ein wirkliches Geschenk. Bauzeitliche Stücke aus dieser Zeit sind rar und etwas ganz Besonderes“, ­erzählt Schipper. Deswegen ist eine sorgfältige Bestandsaufnahme wichtig. Im nächsten Schritt geht sie den baufälligen Hockern unter die holzige Haut. Mit einem Skalpell schabt sie vorsichtig eine Probe der Originaloberfläche ab, die von einem Labor untersucht wird. Für das Restaurierungskonzept ist die Bestimmung des Lacks wichtig, da sie auf den intakten historischen Lack eine reversible Lösung auftragen wird.

Der Finne Alvar Aalto (1898-1976) gilt als Vater der Nordischen Moderne.
© picture alliance / dpa
Der Finne Alvar Aalto (1898-1976) gilt als Vater der Nordischen Moderne.
Ein kleiner Teil des Möbelfundus ist bereits sorgsam restauriert. Die palmartigen Fächerbeine ließ sich Aalto 1954 patentieren.
Wolfsburg, Alvar-Aalto-Kulturhaus © Jens Meier
Ein kleiner Teil des Möbelfundus ist bereits sorgsam restauriert. Die palmartigen Fächerbeine ließ sich Aalto 1954 patentieren.
 

Nun folgen die Arbeiten an den aufgespreizten Fächerbeinen aus schichtverleimter Birke. „Aalto ist für sein organisches Design weltbekannt. Die geschwungenen, palmartigen Beine zeigen, dass er sich traute, ungewöhnliche Formen zu nutzen, traditionelles Material anders einzusetzen und durch Technologien neu nutzbar zu machen“, sagt sie. Bei der Restaurierung zeigt sich zudem, dass die Konstruktion im Gebrauch leidet. Auch wenn vorherige Reparaturen für den schnellen Wiedereinsatz legitim sind, vollzieht sie die momentane Aufarbeitung mit großem denkmalpflegerischen Interesse an Material, Objekt und Gestaltung. 


Dabei legt Schipper höchsten Wert auf das Bewahren der historischen Substanz. Nach dem Entfernen ­alter Leimreste findet eine neue Verleimung mit einem reversiblen, kaltfließenden Fischleim statt. Klemmzwingen halten die vier Beine nun über mehrere Tage zusammen, bis das Material trocken ist. 


„Ich musste unzählige Kaugummis auf der Unterseite der Hocker und Tische abnehmen. Diese Masse kenne ich sonst nur von Kirchenbänken“, sagt die Restauratorin. An die Trockenreinigung schließt sich die Feuchtreinigung an. Dabei geht es unter anderem um die Abnahme des Handschweißes, der sich über Jahre auf den Oberflächen gehalten hat. Nach der Verleimung des Holzes und der aufwendigen Reinigung des Lacks folgt das Regenerieren und Aufpolieren der historischen Holz­oberfläche. 

Aalto gestaltete das Kulturhaus bis ins kleinste Detail: Leuchten, Tische, Stühle sind nach seinen Entwürfen produziert und verbaut worden.
Wolfsburg, Alvar-Aalto-Kulturhaus © Jens Meier
Aalto gestaltete das Kulturhaus bis ins kleinste Detail: Leuchten, Tische, Stühle sind nach seinen Entwürfen produziert und verbaut worden.

Zu guter Letzt arbeitet sie an der Oberseite der Hocker: das Einfärben des vorhandenen historischen Leders. Wichtig ist eine substanzschonende Restaurierung – auch das originale Leder sollte erhalten bleiben. „Es ist faszinierend, sich mit historischen Techniken und heutigen Mitteln dem damaligen Entwurfsgedanken zu stellen und die Arbeit eines solchen Designers wieder aufleben zu lassen“, schwärmt Schipper.


Mit dem ersten Aufschlag für das Restaurierungsprojekt kann ein Teil der Möbel gerettet werden. Die Unterstützung durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) sei dabei äußerst wichtig. „Ansonsten wäre die Restaurierung nicht möglich gewesen“, resümiert Friederike Hansen. Die DSD unterstützt aktuell die aufwendige Möbelrestaurierung als Teil des Gesamtkunstwerkes von Aalto. Die gesamte Möblierung bis hin zu den Lampen und Türdrückern bezog er in sein Architekturkonzept ein. Diese Idee eines öffentlichen, multifunktionalen Kulturbaus für den Menschen soll erhalten bleiben: Damals waren Bibliothek, Volkshochschule und Jugendfreizeitheim integriert, heute sind es Café, Bibliothek und Stadtverwaltung. 

Seit 2005 arbeitet Stephanie Schipper in ihrer Werkstatt in Lübeck als Diplomrestauratorin für Möbel und Holzobjekte.
Lübeck, Atelier für Restaurierung Stephanie Schipper © Jens Meier
Seit 2005 arbeitet Stephanie Schipper in ihrer Werkstatt in Lübeck als Diplomrestauratorin für Möbel und Holzobjekte.

Die kommende Alvar-Aalto-Week feiert ab dem 31. August 2022 dieses bedeutende Erbe. Zur Feier des 60. Geburtstages des Alvar-Aalto-Kulturhauses findet die Veranstaltungswoche zum ersten Mal außerhalb Finnlands statt. Ins Leben gerufen haben sie die finnische Alvar-Aalto-Stiftung und das Netzwerk der Aalto-Städte. Es soll vor allem Raum und Zeit für Austausch gegeben werden. Passend dazu gestaltet die Jugendbauhütte Niedersachsen einen Verkaufstresen, der in einem Pop-up-Aalto-Café genutzt wird. Nur mit dem Erlebnis und dem Gebrauch kann die Bedeutsamkeit des Erbes Aaltos weitergegeben und bewahrt werden.


Svenja Brüggemann


www.denkmalschutz.de/alvar-aalto-kulturhaus


Weitere Arbeitsschritte finden Sie in unserer Bildergalerie (bitte zum Wechseln am rechten Bildrand klicken):

© Jens Meier
© Jens Meier
Die detaillierte Fotodokumentation der Originale macht einen wichtigen Teil der Arbeit der Restauratorin aus.
© Jens Meier
© Jens Meier
Eingeklemmt: Über mehrere Tage trocknet der Leim an den Holzbeinen, um den Hocker wieder belastbar zu machen
© Jens Meier
© Jens Meier
Das Aufpolieren der historischen Oberflächen bringt den Lack wieder zum Glänzen
© Jens Meier
© Jens Meier
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© Jens Meier
Selbst als zusammengeschobene Gruppe harmonisieren die Hocker in ihrer Form.
 
 
© Jens Meier
Die detaillierte Fotodokumentation der Originale macht einen wichtigen Teil der Arbeit der Restauratorin aus.
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Eingeklemmt: Über mehrere Tage trocknet der Leim an den Holzbeinen, um den Hocker wieder belastbar zu machen
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Das Aufpolieren der historischen Oberflächen bringt den Lack wieder zum Glänzen
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Selbst als zusammengeschobene Gruppe harmonisieren die Hocker in ihrer Form.
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