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Denkmal in Not

Gebt unserer Orgel ihre Stimme zurück

Die 1.320 Pfeifen der Michael-Hartung-Orgel im thüringischen Gebesee sind stumm: Seit über 41 Jahren geht kein Lüftchen mehr durch Orgelwerk und Pfeifen. Die Restaurierung soll der barocken Rarität und der Gemeinde wieder eine volle Stimme schenken.

Bereits der Musikwissenschaftler und Organist Albert Schweitzer wusste: „Eine Kirche ohne Orgel ist wie ein Körper ohne Seele.“ Anna-Maria Heinke kann dem nur beipflichten. Die studierte Kirchenmusikerin weiß, wie es ist, wenn die Orgel der Gemeinde nicht mehr spielt. Seit 2015 arbeitet sie als Kantorin und Organistin in der Stadt Gebesee und würde liebend gerne in die Tasten der Michael-Hartung-Orgel von 1728 greifen. Gottesdienste, Feste und Chorproben begleitet sie aber nicht mit der weißgoldenen Barockorgel, sondern mit einem elektronischen Exemplar. „Der Anschlag der Tasten, das Ansprechen der Pfeifen und der einnehmende Klang einer historischen Orgel sind viel intensiver. Auch für das Publikum“, erzählt die 64-Jährige. Sie wünscht sich für die Gemeinde den barocken Schwung und den vollen Klang der Orgel zurück. Das prachtvolle Musikdenkmal der Sankt-Laurentius-Kirche ist aber seit über 41 Jahren verstummt. „Dabei haben Kirchen- und Orgelmusik hier einen hohen Stellenwert.“

Anna-Maria Heinke, Kantorin und Organistin der Gemeinde, war es bisher verwehrt, auf der Hartung-Orgel zu musizieren.
Gebesee, St. Laurentius © Jens Schulze
Anna-Maria Heinke, Kantorin und Organistin der Gemeinde, war es bisher verwehrt, auf der Hartung-Orgel zu musizieren.

Die zweimanualige Orgel mit 21 klingenden Registern leidet: Die mächtige Balganlage ist ausgebaut, die Windlade hat massive Risse, große Teile des Metallpfeifenwerkes sind an Füßen und Mündern eingerissen und eingeknickt, die Klaviatur hängt und die Farbfassung des Orgelprospektes blättert. Schon die Kirche, die im 16. Jahrhundert zu ihrer jetzigen Größe umgebaut wurde, musste vor dem Verfall gerettet werden. Ein Großteil der Balken und Sparren im Dachstuhl faulte. Im Dezember 1980 wurde der Bau wegen akuter Einsturzgefährdung gesperrt. Dank großer Eigeninitiative der Gemeinde konnte das Gotteshaus vor dem drohenden Abriss gerettet werden. Im Laufe der Jahre wurden denkmalgerechte Umbauten vorgenommen, die teilweise auch die Orgel betrafen. Eine unzureichende Dachsanierung in DDR-Zeiten führte dazu, dass 2017 unter anderem das Dachtragewerk erneut saniert wurde.

 

Wenn die Orgel Luft braucht


Nachdem das Dach nun fertig ist, wollen wir endlich die Orgel retten!“, erzählt Georg Steiger (74). Ein Besuch bei den engagierten Orgelhelfern ist ein Crashkurs in Sachen Orgelbau und -rettung. Steiger kennt das Instrument sein Leben lang und weiß sogar noch, wie es klingt. Als Orgelbub und Sohn des damaligen Pfarrers und der früheren Organistin trat er selbst die Bälge. Früher gewährleisteten diese Helfer die Luftversorgung des Instrumentes. Die Hartung-Orgel verfügte über drei große Keilbälge, die noch immer im Original erhalten sind. Damals waren sie in einem Balghaus installiert, heute lagern alle drei in einem der hinteren Kirchenräume, da das Balghaus abgerissen wurde. Im Laufe der Zeit hat das Material sehr gelitten: Die rissigen Bälge können nicht mehr „atmen“ und keine Luft mehr speichern.


Geplant ist, dass einer von ihnen komplett zerlegt und mit historischen Arbeitsweisen und traditionellen Materialien restauriert wird. Die aufwendige Verleimung und neue Belederung soll dem originalen Zustand entsprechen. „Bälge sind die Lunge der Orgel. Und wer schließt schon dauerhaft eine Herz-Lungen-Maschine an, wenn das Organ selbst wieder funktioniert“, erklärt der Orgelbaumeister Joachim Stade (61) der Firma Orgelbau Waltershausen GmbH. Bei der Hartung-Orgel wird der historische Balg zur Druckregulierung eingesetzt und ein Schleudergebläse erzeugt den Wind. Aber was tun, wenn neben der Lunge auch das Herz des Instrumentes nicht mehr funktioniert?

Die großen Pfeifen des Metallpfeifenwerkes sind weitgehend original erhalten. Die Originalsubstanz ist jedoch an Mündern, Körpern und Füßen stark beschädigt und muss umfassend restauriert werden.
Gebesee, St. Laurentius © Jens Schulze
Die großen Pfeifen des Metallpfeifenwerkes sind weitgehend original erhalten. Die Originalsubstanz ist jedoch an Mündern, Körpern und Füßen stark beschädigt und muss umfassend restauriert werden.

Auch die Windlade ist noch im Original erhalten. Sie ist das Herzstück dieser Orgel: große, über Kreuz verleimte und in Kanzellen eingeteilte Holzteile, auf denen die Pfeifen des Instrumentes stehen. Durch Ventile wird die Luft genau zur gewünschten Pfeife geführt. Bei der Hartung-Orgel funktioniert das nicht mehr. „Im momentanen Zustand würden die Pfeifen nur noch fauchen, heulen und jaulen“, sagt Stade. Denn das Holz hat massive Risse. Der Orgelbauer spricht von Schwundrissen, die im Laufe der Jahrhunderte entstehen und nur repariert und nicht fachgerecht restauriert wurden. Das Material soll wieder dicht und störunanfälliger werden. Denn trockene, heiße Sommer und nasse, kalte Winter setzen dem Holz, aber auch Leder-, Metall- und Drahtteilen des Instrumentes zu. Die Restaurierung am Herzen der Orgel ist aufwendig, anspruchsvoll und zeitintensiv. Vor allem jedoch wichtig für einen reibungslosen technischen Ablauf und zuträglich für eine zukünftige lange Lebensdauer des Denkmals.

 

Eingeknickte Füße und rissige Münder


Damit die Orgel wieder rundläuft, müssen aber auch die insgesamt 1.320 Pfeifen wieder funktionieren. Gut 1.000 Stück sind noch im Original erhalten. Leider größtenteils in einem schlechten Zustand. Gerade das weiche und relativ dünne Material der Metallpfeifen ist durch unfachmännische Stimmungen geknickt und gerissen. Der Restaurierungsbedarf ist erheblich: Die empfindlichen Pfeifen müssen nachgerundet, stabilisiert und die Stimmeinrichtungen repariert werden. Im Zuge dessen werden auch verlorene oder nicht mehr verwendbare Pfeifen neu angefertigt. Gereinigt werden sie alle – auch die Holzpfeifen.


Ihnen hat vor allem die Zeit zugesetzt: Unter anderem haben sich Würmer durch das Holz gefressen. Damit die Pfeifen wieder Dichtigkeit und den vollen Klang erlangen, müssen sie ausgespänt, nachgeleimt und ausgestrichen werden. Ein kleiner Teil der schon gekröpften Pfeifen muss zudem noch mal umgearbeitet werden. Die Kirchendecke hängt durch Baumaßnahmen etwas tiefer, und diese 15 Zentimeter fehlen den Pfeifen. Als Restaurierungsziel wird der Zustand vor 1869 angestrebt. Die damalige Dispositionsumgestaltung soll beibehalten werden. Dafür sprechen sich auch das Thüringische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie sowie der Orgelsachverständige Albrecht Lobenstein aus, die das Projekt fachlich unterstützen.

Anika Scheinemann (vorne), Anna-Maria Heinke (links) und Georg Steiger engagieren sich für die bedürftige Hartung-Orgel.
Gebesee, St. Laurentius © Jens Schulze
Anika Scheinemann (vorne), Anna-Maria Heinke (links) und Georg Steiger engagieren sich für die bedürftige Hartung-Orgel.

Selbst bei Traktur und Spieltisch ist der Verschleiß erkennbar. Die Tontrakturen müssen gänzlich überarbeitet werden, weil unter anderem die Drahtwaren korrodieren. „Die Tastatur ist mit Abstand das Traurigste, was ich bisher gesehen habe“, kommentiert Pfarrerin Anika Scheinemann (47). Sie ist seit über einem Jahr Teil der Gemeinde und engagiert sich für die Erhaltung der Orgel. Dennoch betont sie, dass Georg Steiger die treibende Kraft für die Rettung sei. „Ganz ohne einen Förderverein haben wir seit 2016 knapp 30.000 Euro gesammelt“, erzählt die Pfarrerin voller Bewunderung für den Einsatz. Sie ergänzt, dass der Erfolg der Spendenaktion auch eindrucksvoll beweise, wie wichtig die Orgel für die Einwohner sei.

 

Langer Atem


Für die aufwendige Restaurierung des Orgelwerkes werden über 190.000 Euro benötigt: Ob ein Registerzug für 90 Euro oder kleine und große Metallpfeifen für 200 und 350 Euro. Alle schadhaften Teile müssen ausgebaut und in die Werkstatt gebracht werden. „Für die Orgel wäre es ideal, wenn parallel die Restaurierung des Gehäuses erfolgt“, sagt der Orgelbauer. Zusammen mit dem Altar- und Kanzelprospekt bildet das reich verzierte Orgelprospekt eine bemerkenswerte künstlerische Einheit. Die Restaurierung würde weitere 91.000 Euro kosten. Das gesamte Denkmal ist ein wichtiger Bestandteil der bedeutenden Thüringer Orgellandschaft. Vermutlich ist es die erste Orgel von Johann Michael Hartung. Er war beeinflusst von den Barockorgelbauern Johann Georg Schröter und Franciscus Volckland. Zudem handelt es sich um das einzige fast vollständig erhaltene und eingebaute Instrument von ihm: bis auf Verluste im Pfeifenbestand und bei der Windanlage sowie eine Dispositionsumgestaltung und spätere Trakturumhängung.

Georg Steiger begutachtet die Schäden an den Metallpfeifen im Orgelinneren. Bei den Prospektpfeifen gab es leider Verluste. Die Zinnpfeifen wurden im Zweiten Weltkrieg durch Zinkpfeifen ersetzt.
Gebesee, St. Laurentius © Jens Schulze
Georg Steiger begutachtet die Schäden an den Metallpfeifen im Orgelinneren. Bei den Prospektpfeifen gab es leider Verluste. Die Zinnpfeifen wurden im Zweiten Weltkrieg durch Zinkpfeifen ersetzt.

Die Anstrengungen der Gemeinde, diese einmalige Orgel vor weiteren Schäden und Eingriffen zu schützen, ist für die lokale Orgellandschaft und Bautradition bedeutsam. Allerdings ist es unmöglich, die Restaurierung vollständig aus eigenen Mitteln zu schultern. Georg Steiger zeigt sich zuversichtlich: „Jetzt bewegt sich etwas. Das ist wunderbar. Damit rückt unser Ziel näher, die Orgel bis zum 300-jährigen Jubiläum 2028 wieder zum Klingen zu bringen.“


Unterstützen Sie die musische Gemeinde, ihre barocke Orgel in alter „Bach-Tradition“ wieder als Kircheninstrument nutzen zu können. Denn nur so kann Anna-Maria Heinke das prächtige Instrument mit Herz, Lunge und ganz viel Stimme endlich wieder spielen.

 

Svenja Brüggemann


St. Laurentius

Marktplatz 17

99189 Gebesee

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Der 17-jährige Matthias Trostdorf ist Schüler von Anna-Maria Heinke. Er liebt historische Orgeln. Sein Premierenstück auf der Hartung-Orgel wäre ein Werk von Girolamo Frescobaldi aus dem 16. Jahrhundert.
Gebesee, St. Laurentius © Jens Schulze
Der 17-jährige Matthias Trostdorf ist Schüler von Anna-Maria Heinke. Er liebt historische Orgeln. Sein Premierenstück auf der Hartung-Orgel wäre ein Werk von Girolamo Frescobaldi aus dem 16. Jahrhundert.
 

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