Kurioses Streiflichter Interieur Ausgabe Nummer Dezember Jahr 2021 Denkmale A-Z T

Mal rau, mal etepetete

Die Geschichte der Tapete

So wie die Garderobe eines Menschen ist auch die Wandbekleidung seiner Wohnräume modischen Schwankungen unterlegen. Der historische Tapetenwechsel von ersten Wandbehängen bis hin zu aufwendig verzierten Mustern veränderte die Wohnwelt.

Oscar Wilde wollte seine Werke nicht unter einem geschmückten Tannenbaum sehen. „Ich bin kein Weihnachtsgeschenk“, schrieb der irische Schriftsteller wenige Jahre vor seinem Tod. Das andere, was er nicht sehen wollte, war die Tapete in seinem Hotelzimmer. Mehrere Wochen musste er nach einer Operation bettlägerig neben ihr verbringen. „Diese Tapete und ich kämpfen ein Duell auf Leben und Tod. Entweder sie geht oder ich“, soll er während seiner Agonie ausgerufen haben. Die Tapete gewann.


Wilde starb am 30. November 1900 an einer Hirnhautentzündung als Folge der Operation. Einige Monate zuvor hatte er sich – gesellschaftlich geächtet und verfolgt von Gläubigern – unter falschem Namen im L’Hôtel d'Alsace in Paris, einer drittklassigen Absteige am linken Seineufer, einquartiert. Sein späteres Grabmal auf dem legendären Pariser Friedhof Père-Lachaise sollte noch 100 Jahre später von roten Lippenstiften und Küssen versiegelt werden, die wie auf einer Tapete ein florales Muster zu bilden schienen.


Ob der große irische Schriftsteller sich wirklich über die Hoteltapete mokiert hat, ist nicht gänzlich geklärt. Das Foto des toten Wilde auf seinem Sterbebett ist unscharf. Im Hintergrund an der Wand kann man nur mit Mühe ein Blumenmuster ausmachen.

Das Gelbe Appartement im Großen Kabinett auf Schloss Augustusburg in Brühl bei Köln.
UNESCO-Welterbestätte Schlösser Augustusburg und Falkenlust in Brühl. Foto: Horst Gummersbach
Das Gelbe Appartement im Großen Kabinett auf Schloss Augustusburg in Brühl bei Köln.

Im Hotelzimmer wie auch anderswo, Tapeten sind oft eine kontroverse Angelegenheit. Denn die Wandbekleidung zeugt von der Persönlichkeit der Bewohner. Dabei ist das Schmuckbedürfnis in den eigenen vier Wänden eine urmenschliche Eigenschaft. Es gründet sich einerseits auf dem Wunsch nach Verbesserung der Wohnatmosphäre und andererseits auf dem der Demonstration von wirtschaftlichem Status und sozialem Stand. Steinzeitliche Wandritzungen, Wandmalereien und einfache Wandbehänge aus tierischen und pflanzlichen Materialien zeugen von diesem Dekorationswunsch. Im Altertum von den Assyrern und Babyloniern bis zu den Griechen und Römern sind Wandbekleidungen ebenfalls bekannt.


„Erst als Folge der veränderten Wohnkultur in der Renaissance erhielt die Verkleidung der ganzen Wand einen festen Platz“, erklärt die Kunsthistorikerin und heutige Direktorin des Kunstgewerbemuseums der Staatlichen Museen zu Berlin Prof. Dr. Sabine Thümmler in ihrem 1998 erschienen Standardwerk „Die Geschichte der Tapete“. So wurden die mittelalterlichen Burgen durch „ausgedehnte Schlossanlagen mit differenzierter Raumabfolge“ abgelöst. Während zuvor nur einzelne Wände mit losen, abnehmbaren Behängen versehen worden waren, begann nun der Wechsel vom Wandbehang zur Wandbespannung.


Wände voll Gold


Im 14./15. Jahrhundert griff man bei der Ausgestaltung auf Textilien zurück, vor allem auf Seide aber auch auf billigere Baumwoll- und Leinenstoffe. Über die maurischen Eroberungen auf der iberischen Halbinsel wurde die aus Nordafrika stammende Goldlederverarbeitung in Europa bekannt. Die Kunst des bemalten Leders wird noch heute in Spanien nach der libyschen Oasenstadt Ghadames „guadamacil“ genannt. In Mitteleuropa dagegen erhielt die Goldlederverarbeitung den Namen Korduanleder nach der andalusischen Stadt Córdoba oder Spanisches Leder.

Detail der Ledertapete im Blauen Winterapartment auf Schloss Augustusburg in Brühl bei Köln.
© Florian Monheim / Bildarchiv Monheim
Detail der Ledertapete im Blauen Winterapartment auf Schloss Augustusburg in Brühl bei Köln.

„Es ist nicht alles Gold was glänzt“, erklärt Dr. Astrid Wegener, Leiterin des Deutschen Tapetenmuseums in Kassel. „Auf das gegerbte Leder wurde eine Silberfolie gezogen und darüber haben dann die sogenannten Goldpanscher das Fake-Gold verteilt.“ Dieses bestand aus Harzen und Ölen. Im Barockschloss Vollrads im hessischen Oestrich-Winkel bedeckt eine dieser ledernen Kostbarkeiten die Wände des Herrenzimmers aus dem 17. Jahrhundert. Die guten Isolationseigenschaften und die Langlebigkeit des dicken Leders wurden schon damals geschätzt. Trotzdem musste sich auch dieses Leder 2011 einer Restaurierung unterziehen, bei der die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) finanziell half.


Neben den groben, oft relativ dunklen Ledertapeten, die vor allem in großen Repräsentationsräumen der Schlösser Verwendung fanden, wurden Flocktapeten zur Dekoration privater Räumlichkeiten angewendet. Günstiger als die Samt- und Seidentapeten boten die später auch Velourstapeten genannten Oberflächen durch die Bestreuung mit Wollstaub einen ähnlich weichen Charakter.


Beide gelten als direkte Vorläufer der uns heute bekannten Papiertapete. Das Geheimnis der Papierherstellung war zwar schon etwa seit dem 11. Jahrhundert aus China über die islamische Welt nach Europa gelangt. Allerdings konnte man noch keine flächenfüllenden Papierbahnen herstellen. Trotzdem wurde Papier zur Wanddekoration verwendet. Die nach Heiligenbildern benannten Domino- oder Einblatttapeten waren vor allem im Frankreich des ausgehenden 17. und frühen 18. Jahrhunderts beliebt. In Deutschland hingegen blieben lange die Leinwand- und Wachstuchtapeten modern.

Der belgische Designer und Architekt Henry van de Velde verwob Tapete und Mobiliar zu einem ganzheitlichen Wohnambiente. Er war einer der vielfältigsten Künstler des Jugendstils.
© Daniel Karmann / picture alliance
Der belgische Designer und Architekt Henry van de Velde verwob Tapete und Mobiliar zu einem ganzheitlichen Wohnambiente. Er war einer der vielfältigsten Künstler des Jugendstils.
Mobiliar und Tapete gehen im Wandel der Zeit auch immer eine Symbiose ein. Im Herrenhaus Borghorst in Schleswig-Holstein scheint die Kommode in der Tapete zu verschwinden.
© Dagmar Schwelle / laif
Mobiliar und Tapete gehen im Wandel der Zeit auch immer eine Symbiose ein. Im Herrenhaus Borghorst in Schleswig-Holstein scheint die Kommode in der Tapete zu verschwinden.
 



Thomas Mann bot den „starken und elastischen Tapeten“ in seinem Roman „Buddenbrooks“ im wahrsten Sinne des Wortes Raum. Im Landschaftszimmer zeigen sie eine „Idylle im Geschmack des 18. Jahrhunderts“ und begleiten die Familie im Laufe des 19. Jahrhunderts. Genauso wie die himmelblauen im Speisezimmer aus denen zur Weihnachtszeit „zwischen schlanken Säulen weiße Götterbilder fast plastisch“ hervortreten.


Für den vor 120 Jahren erschienenen Gesellschaftsroman erhielt Thomas Mann den Literaturnobelpreis. „Das Interieur, das er in ‚Buddenbrooks‘ schildert, ist stark angelehnt an die Einrichtung im Hause seiner Großmutter“, berichtet die heutige Museumsleiterin des Buddenbrookhauses in Lübeck Dr. Birte Lipinski. „Ende des 19. Jahrhunderts wurde es verkauft und dann mehrfach umgenutzt und renoviert.“ Dabei entkamen die literarisch verewigten Tapeten des heutigen Heinrich-und-Thomas Mann-Zentrums nicht dem Schicksal anderer Wandbekleidungen. Sie wurden schon um die Jahrhundertwende abgenommen, der Rest verbrannte wie viele Tapeten in den Feuerstürmen des Zweiten Weltkrieges.


Im Lübecker Museum Behnhaus kann man neben dem Blauen Salon, der dem Esszimmer der Buddenbrooks ähneln soll, auch noch Landschaftstapeten bewundern. Die Panoramatapeten waren ein Erfolgsschlager um die Jahrhundertwende und traten ihren Siegeszug vor allem im aufkommenden Bürgertum an. Sie holten weite Landschaften in die Räume und schufen ein Gefühl wie in freier Natur. Kein endloses gleiches Muster sollte den Betrachter langweilen, sondern er sollte an der Wand eine ganze Geschichte erzählt bekommen.

Herrenzimmer von 1684 auf Schloss Vollrads, einem der ältesten Weingüter der Welt.
© Roland Rossner / DSD
Herrenzimmer von 1684 auf Schloss Vollrads, einem der ältesten Weingüter der Welt.

Von Rixheim bis Washington


Thomas Mann lässt seinen Roman literarisch um 1835 beginnen. Etwa zur gleichen Zeit entstehen im elsässischen Rixheim nahe Mülhausen zwei ganz besondere Panoramatapeten. Eine hängt im Waldhaus im thüringischen Bleicherode, die andere im Weißen Haus in Washington. Die weltbekannte Tapetenfabrik Zuber et Cie. (veraltet für Co.) hatte Ende des 18. Jahrhunderts mit Holzmodeln experimentiert, um eine möglichst gleichmäßige Bedruckung von Papierbahnen zu ermöglichen. Wie die Zuber-Papierbahnen nach Thüringen kamen, ist nicht zweifelsfrei geklärt (siehe Römischer Karneval im Waldhaus Japan). Doch vor genau zehn Jahren konnte die DSD durch Spendengelder dazu beitragen, die im Waldhaus befindlichen Original-Zuber-Panoramatapeten zu erhalten.


Bei der Restaurierung einer anderen Zuber-Tapete half sogar eine US-amerikanische First Lady höchstpersönlich. Jacqueline Kennedy rettete vor 60 Jahren die Panoramatapete „Vue de l'Amérique du Nord“ aus  einem kurz vor dem Abbriss befindlichen Gebäude in Maryland. Die Ansicht Nordamerikas, eine idyllische Szenerie der Kolonisation Amerikas, ziert seitdem den Diplomatic Reception Room, den Empfangssaal des Weißen Hauses.


Zuber druckt bis heute Tapeten nach historischem Vorbild und ist damit die älteste noch produzierende Tapetenfabrik der Welt. Das firmeneigene Archiv ist sein größter Schatz. Dort befinden sich über 130.000 Kopien von Tapetendesigns, die bis 1790 zurückreichen. Noch wertvoller sind aber die denkmalgeschützten 150.000 Druckstöcke aus den Jahren 1797 bis 1830, die in den mittelalterlichen Gewölbekellern lagern. Anders als bei Zuber gingen die Druckstöcke und auch die Tapetenvorlagen der etwa gleichaltrigen Pariser Tapetenmanufaktur Dufour & Leroy verloren. Gerade deswegen ist es besonders wichtig, die noch unmittelbar am Ort befindlichen Tapeten der Firma zu erhalten. In Deutschland konnte die DSD gleich in zwei Herrenhäusern bei der Restaurierung dieser historischen Tapeten helfen: im schleswig-holsteinischen Gut Borghorst bei Eckernförde sowie im sächsischen Gut Rüdigsdorf.

Goldenes, florales Muster auf dunkelgrünem Hintergrund verbindet die zusammengenähten ledernen Tapetenpaneele auf Schloss Vollrads.
© Roland Rossner / DSD
Goldenes, florales Muster auf dunkelgrünem Hintergrund verbindet die zusammengenähten ledernen Tapetenpaneele auf Schloss Vollrads.

Beide Tapeten nehmen Bezug auf die griechische Antike, ein weitverbreitetes Tapetenmotiv im aufkommenden Bildungsbürgertum. Eine andere bevorzugte Szenerie waren Jagdstücke. Auch hier konnte die DSD bei einer Restaurierung unterstützen. Im Schloss Dätzingen bei Grafenau in Baden-Württemberg hängt eine der frühesten Jagd-Panoramatapeten (siehe Monumente 01.2020). Als die Mode sich mit der Zeit änderte, wurde die Tapete abgenommen. Zum Glück zwar nicht entsorgt wie viele andere, aber leider über viele Jahre unsachgemäß gelagert. Der örtliche Förderkreis schaffte es gemeinsam mit der DSD, das künstlerische Weidmannsheil wieder an der Wand erstrahlen zu lassen.


Wieder salonfähig


Im ehemaligen Gasthaus „Zur Stadt Mannheim“ in Kaub am Rhein blieben die handgemalten Tapeten an den Wänden. Doch seit General Blücher hier zum Jahreswechsel 1813/1814 wohnte und seinen Rheinübergang plante, hatten auch sie Schaden genommen. Die Leinwandtapeten mit Ölmalereien sowie die handgedruckten Tapeten mit ländlichen Motiven konnten durch die DSD erhalten werden. Heute ist Blüchers Hauptquartier am Rhein ein Museum und „wieder salonfähig“, so der Titel des wissenschaftlichen Kolloquiums, das zum Abschluss der Restaurierungsmaßnahmen tagte.


„Wir Restauratoren mussten lange Zeit darum kämpfen, dass unser Berufsbild anerkannt wird“, erklärt der Tapetenrestaurator Lutz Walter. Seit 20 Jahren führt er mit seiner Frau einen kleinen Familienbetrieb im sachsen-anhaltinischen Wernigerode. Spezialisiert auf Restaurierung, Konservierung und Rekonstruktion historischer Papiertapeten hat sich Walter in Deutschland und Europa einen Namen gemacht. „Man sollte sich bewusst sein, was für einen Schatz man als Besitzer eines Hauses mit historischen Tapeten hat“, meint Walter und rät, immer Fachleute zu beauftragen. „Es geht bei der Restaurierung vor allem darum, das Tapeteninterieur zu erhalten, am idealsten mit Alterungsspuren.“ Denn nur dann ist es authentisch.

Zu Weihnachten bei den Buddenbrooks. Im Hintergrund die blauen Tapeten und im Nebenraum die Landschaftstapete.
© Olaf Malzahn
Zu Weihnachten bei den Buddenbrooks. Im Hintergrund die blauen Tapeten und im Nebenraum die Landschaftstapete.

„Die Grundlage einer Restaurierung ist die Bestandsaufnahme“, erläutert der 63-jährige Restaurator. „Man versucht herauszubekommen, was es für Bauetappen gab, die Bauzeit des Gebäudes, Renovierungsphasen.“ Auch Hochzeiten oder Jahrestage werden dabei beachtet, denn „da kommt es öfter vor, dass Räume neu tapeziert wurden“. Als zweiten Schritt untersucht man das Objekt, also die Tapete selbst. „Was ist das für eine Drucktechnik, aus welchen Materialien ist sie hergestellt.“


Von Schiller bis zum Tiervater


Dadurch lässt sich die Tapete dann auch datieren. „Bei handgeschöpftem Papier kann man eindeutig sagen, die Tapete ist vor 1830 hergestellt.“ Denn jenes Jahr markiert mit der Erfindung der Papiermaschine und der Einführung des Endlospapiers eine Zäsur in der Tapetenherstellung. Zuvor war dies ein langwieriger Prozess, bei dem die Büttenpapierbögen zunächst zu acht bis zehn Meter langen und 50 Zentimeter breiten Bahnen zusammengeklebt werden mussten. „Diese wurden dann in den Tapetenmanufakturen per Hand mit einer Grundfarbe bestrichen und dann anschließend mit Flachmodeln, also mit hölzernen Druckmodeln bedruckt.“


Es ist dieses Handdruckverfahren, das Restaurator Walter nach Originalbefunden gerade erst wieder in der Brehm-Gedenkstätte im thüringischen Renthendorf anwandte. Hier im Wohnhaus der Familie Brehm, das nach dem Tod des „Vogelpastors“ Christian Ludwig Brehm erbaut wurde und in dem später sein berühmter Sohn, der „Tiervater“ Alfred Edmund Brehm verstarb, rekonstruierte Walter mit Hilfe der DSD und der Hermann-Reemtsma-Stiftung die schlichten Papiertapeten.

Heinrich Wilhelm Hugo (1834–1922), eigentlich gelernter Apotheker, wurde zum Vater der Raufasertapete, der deutschesten aller Tapeten.
© Erfurt & Sohn KG
Heinrich Wilhelm Hugo (1834–1922), eigentlich gelernter Apotheker, wurde zum Vater der Raufasertapete, der deutschesten aller Tapeten.
Tapetenrestaurator Lutz Walter mit einer rekonstruierten Blumenbordüre. Für ihn sind historische Tapeten kostbare Schätze und Restaurateure „die Bewahrer unseres kulturellen Gedächtnisses“.
© privat
Tapetenrestaurator Lutz Walter mit einer rekonstruierten Blumenbordüre. Für ihn sind historische Tapeten kostbare Schätze und Restaurateure „die Bewahrer unseres kulturellen Gedächtnisses“.
 


Auch in dem Haus eines anderen berühmten Thüringers, der oft gleich neben „Brehms Tierleben“ im Bücherregal steht, war Walter tätig. Der Tod Friedrich Schillers wird, wie der von Oscar Wilde, oft in Zusammenhang mit der Tapete gebracht, allerdings in völlig anderer Weise. Der mit 45 Jahren nur ein Jahr jüngere Schiller hatte sein ganzes Leben eine angeschlagene Gesundheit, war kränklich und geplagt durch Geldsorgen. Nur drei Jahre lebte er einigermaßen etabliert in Weimar. An den Wänden seines Arbeitszimmers hängt noch heute eine grüne Tapete. Fälschlicherweise halten es einige Besucher für das giftige sogenannten Schweinfurter Grün. Allerdings, so stellt der Fachmann Walter klar, „wurde das erst 1814 kleinindustriell hergestellt“, ein Jahrzehnt nach dem Tod des Dichters. Es handelte sich bei Schillers Tapete um Scheeles Grün, das zwar auch giftig ist, aber nur wenn der Dichter an der Tapete gekratzt und sie gegessen hätte, erklärt Walter. Für die rekonstruierten Tapeten wurden trotzdem nur unschädliche Pigmente verwendet.


Von Raufaser bis psychedelisch


Von Thüringen kommt man auch schnell zu Erfurt, allerdings in Westphalen. Hugo Erfurt erfand 1864 die deutscheste aller Tapeten, die Raufasertapete. Mit der Industrialisierung verbreiterte sich die soziale Schicht, die nach Luxus zum kleinen Preis verlangte. Je besser die Druckverfahren wurden, desto weniger künstlerische Handarbeit war gefragt. Doch erst mit der Bauhaustapete der 1920er-Jahre begann der eigentliche Boom der überstreichbaren Wandbekleidung in der „Volkswohnung“. Der Jugendstil und Art Déco erreichten noch mal künstlerisch hochwertige Tapetengestaltungen. Erneut wucherten Pflanzenmotive über die Wände. Auch das Bauhaus förderte mit dem Ruf nach Neuer Sachlichkeit die Tapetenmode. Doch war es nur ein kurzes Aufblühen bevor der Zweite Weltkrieg die Tapetenproduktion zum Erliegen brachte und gleichzeitig viele Tapeteninterieurs zerstörte.


Nach dem Krieg dauert es eine Weile, bis sich Angebot und Nachfrage erholt hatten. Doch dann zog auch die Tapete wieder in deutsche Wohnzimmer ein. Die 1970–80er-Jahre brachten psychedelisch angehauchte braun-orange-grüne Blasenmuster, leicht abwaschbare Vinyl- und Fototapeten auf den Markt und an die Wände.

Psychedelische Atmosphäre im heimischen Wohnzimmer der 1970er-Jahre.
© Westend61 / imago
Psychedelische Atmosphäre im heimischen Wohnzimmer der 1970er-Jahre.

Nachdem in den letzten Jahrzehnten viele Tapetenfabriken geschlossen wurden und der Trend eher zu Räumen mit nur einer markanten Wandverkleidung ging, sieht Walter einen modischen Wandel aufziehen. „Es gibt viele Menschen, die wieder was auf der Wand sehen und in den eigenen vier Wänden auch mal wieder was entdecken wollen.“ Seiner Meinung nach geht der Trend wieder zu raumumgreifenden Tapetengestaltungen, aufwendigen Mustern und vielfarbigen, großen Formen. Ob Oscar Wilde heute seinen Kampf gegen die Tapete gewinnen würde? Wahrscheinlich nicht, aber vielleicht würde er in seiner Agonie nicht durch eine blumengeschmückte Tapete gestört werden.


Stephan Kroener

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