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Schein und Sein – Folge 5

Wenn Vergangenheit nachgebaut wird

Es scheint: Rekonstruktionen sind wieder gesellschaftsfähig geworden. Große Projekte wie die Neue Frankfurter Altstadt oder aktuell das Humboldt-Forum in Berlin erregen die Aufmerksamkeit.

Lesen Sie Teil 4 unserer Reihe "Schein und Sein" hier.


Die Originale muss man suchen: Beim jüngst eröffneten „Berliner Schloss“, dem Humboldt Forum, findet man sie hinter dem – neuen – Schlüterhof, im noch neueren „Skulpturensaal“, einer Halle mit einigen Originalskulpturen von Andreas Schlüter. Sie stehen hoch oben auf Konsolen, gerahmt von der schlicht-modernen Architektur Franco Stellas. Fassaden und Innenhöfe hingegen sind mit Kopien bestückt. So wie ansonsten alles Alte eine Kopie ist.

Das gerade eröffnete Humboldt Forum in Berlin möchte das barocke Berliner Schloss als Rekonstruktion wieder erlebbar machen – verhehlt aber nicht sein hybrides Wesen.
Berlin, Humboldt Forum © picture alliance / dpa
Das gerade eröffnete Humboldt Forum in Berlin möchte das barocke Berliner Schloss als Rekonstruktion wieder erlebbar machen – verhehlt aber nicht sein hybrides Wesen.

Die vor zehn Jahren heftig geführte Diskussion um Sinn und Legitimation von Rekonstruktionen allgemein, und explizit um den Wiederaufbau des Berliner Schlosses, hat sich verschoben: Jetzt debattiert man über den Inhalt des Humboldt Forums. Die Verpackung steht und hat Fakten geschaffen. Hat man sich an das Wiederaufbauen von zum Teil seit Jahrzehnten verschwundenen Bauwerken gewöhnt? Die Denkmalpflege bleibt kritisch, sie sieht sich ganz dem Original und der Authentizität verpflichtet – auch wenn diese mitunter ästhetisch und inhaltlich schmerzt. Das Denkmal als faszinierender Botschafter vom Früher in die Gegenwart, als Träger von Zeitläufen und Kunstverständnis, steht in ihrem Mittelpunkt.


In Berlin schauen die Denkmalpfleger auf einen Platz, auf dem nach der tragischen Sprengung der Überreste des Schlosses 1950 mit dem Abriss des Palasts der Republik 2008 ein weiteres Geschichtsdokument niedergelegt wurde. Doch viele können sich begeistern: Als 2018 die Neue Frankfurter Altstadt, die Nachbildung eines ganzen historischen Stadtviertels, eingeweiht wurde, hatten wir in MONUMENTE unsere Leser nach ihrer Meinung zu dem Projekt befragt und viele kluge und nachdenkliche Zuschriften erhalten. Keinesfalls ergingen sich die Befürworter nur in einer Sehnsucht nach einem vermeintlich besseren Damals, vielmehr begrüßte man die Reparatur eines als misshandelt empfundenen Stadtbilds.

Winkel der Wahrheit am Humboldt Forum: rekonstruierter Barock trifft auf moderne Fassade.
Berlin, Humboldt Forum © imago images / Jürgen Ritter
Winkel der Wahrheit am Humboldt Forum: rekonstruierter Barock trifft auf moderne Fassade.

Die Rekonstruktion hat in der Baukultur eine eigene Geschichte. Oft gingen ihr schreckliche Ereignisse voraus: Kriege, Brände, Naturkatastrophen. Das Rekonstruierte, als eine Art Wundheilung empfunden, wurde in vielen Fällen selbst wieder zum Denkmal und sogar nach kurzer Zeit als Original wahrgenommen, die Würzburger Residenz oder die Warschauer Altstadt sind beredte Beispiele. Manchmal ist die Rekonstruktion auch das letzte Mittel, um Denkmale zu schützen: vor den Schäden durch Touristenströme. So wurden bereits 1983 Teile der Höhlen von Lascaux im französischen Vézère-Tal ortsnah nachgebildet. Täglich wird in der denkmalpflegerischen Praxis behutsam im Kleinen rekonstruiert, notwendig, um den Verfall der originalen Teile aufzuhalten.


Vergangenheit als Baukasten?


Die leidenschaftlich geführten Debatten entzünden sich an den spektakulären Komplettwiederaufbauten unwiederbringlich verlorener Bauwerke. Historische Realität kann nicht aus dem Baukasten hergestellt werden, wohl aber ein Bild, das sich eine Gesellschaft von sich selber zu machen versucht.

Ein Werk des frühen 21. Jahrhunderts: der Hühnermarkt in der Neuen Frankfurter Altstadt.
Frankfurt/Main, Hühnermarkt © imago images / Jochen Tack
Ein Werk des frühen 21. Jahrhunderts: der Hühnermarkt in der Neuen Frankfurter Altstadt.

Im 19. Jahrhundert entstanden im Zuge der Mittelalterbegeisterung viele der ruinösen Rheinburgen neu – ein Fakt, der heute gar nicht mehr präsent ist, damals eine deutsche Nationalkultur schaffen sollte. Aktuelle Diskussionen ringen ebenfalls um das Selbstbild der Nation, siehe die Frage um die Gestaltung der Frankfurter Paulskirche. Sinnbild der Gesellschaft in ganz anderer Hinsicht sind dagegen Fassadenrekonstruktionen von repräsentativen historischen Gebäuden, die allein der Vermarktung von Städten und Geschäftslagen dienen sollen. Hier gilt nur noch: Schein ist das neue Sein.


Beatrice Härig

© picture alliance / dpa

Wilhelm von Boddien (79) ist der maßgebliche Initiator des Wiederaufbaus des Berliner Schlosses. 1992 gründete er den „Förderverein Berliner Schloss e. V.“. Für das Projekt hat er bislang rund 110 Millionen Euro eingeworben.


PRO: Ohne das Schloss war Berlins Mitte der horror vacui.


Die Michaeliskirche in Hamburg, der Dogenpalast in Venedig, die Frauenkirche und Residenz in Dresden sind aus dem Gedächtnis der europäischen Kulturgeschichte nicht wegzudenken. Sie sind Rekonstruktionen. Nach den verwüstenden Welt- und Bürgerkriegen ist die authentische Rekonstruktion auch Pflicht der Denkmalpflege. Sonst verarmen wir alle! Das Berliner Schloss wurde wiederaufgebaut, nicht um seiner selbst willen, sondern um den historischen Bauten der Mitte, dem Zeughaus, dem Alten Museum, ja auch dem noch sehr jungen Dom Halt und Würde in dem großartigen Ensemble zurückzugeben. Ohne das Schloss war Berlins Mitte der horror vacui. Rekonstruktionen von ganzen Gebäuden sind für unser Gedächtnis ebenso nötig wie Restaurierungen, die doch nichts anderes sind als Rekonstruktionen im Detail. Alle alten Kathedralen wären ohne ständige Teilrekonstruktionen längst abgewittert, der Kölner Dom ist mit der Dombauhütte ein dauerndes Beispiel dafür. Dehio wusste 1905 nichts davon: er sagte: konservieren, nicht restaurieren“, weil er die Übertreibungen der Gründerjahre ablehnte. Zum Wiederaufbau des völlig zerstörten Hamburger Michels sagte er aber auch: „Seien wir von Zeit zu Zeit auch mal ein wenig tolerant.“

© Veltzke / LVR-Niederrheinmuseum Wesel

Dr. Martin Bredenbeck (44) ist seit 2017 Mitglied im Vorstand des Verbands Deutscher Kunsthistoriker für die Berufsgruppe Denkmalpflege. Seit 2020 ist er im LVR-Amt für Denkmalpflege
im Rheinland tätig.


CONTRA: Rekonstruktionen sind oft eine Art Fata Morgana.


Rekonstruktionen sind oft eine Art Fata Morgana: Ich denke an das Braunschweiger Schloss, 2007 neu aufgebaut. Die handwerkliche Qualität der Fassade ist von weitem besser als von nahem – und hinter der Türschwelle befindet man sich unmittelbar in einem Einkaufszentrum. Das hat mit Stadtbild zu tun, wenig mit Denkmalpflege. Die Argumentation, man erneuere
historische Bezüge, ist mir zu kurz gedacht. Denn damit wird eine andere Historie bewusst ausgeblendet und ihr Wert herabgesetzt. Denkmalpflege arbeitet mit dem, was da ist. Rekonstruktionen können Ergänzungen bringen, aber sie sollten keine kompletten Neuaufbauten sein. Diese Neubauten werden zudem vermehrt von politischen Ideologien begleitet, zum Beispiel in Potsdam und Dresden. Davon ist das Humboldt Forum weitgehend verschont geblieben. Für den Neubau der Fassaden sind die Argumente weit im Vorfeld sehr differenziert und insgesamt fair betrachtet worden. Ein Fall für die Denkmalpflege wäre der Palast der Republik gewesen, doch mit seinem Abriss wurden Tatsachen geschaffen. Nun wird sich das neue Bauwerk bewähren können, altern und Patina bekommen. Und wenn es eines Tages als Denkmal eingetragen wird, dann als Denkmal für unsere Zeit, nicht als neues Stadtschloss.

 


WAS SAGT DIE DSD DAZU?

Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hat im Zuge des Wiederaufbaus des Berliner Schlosses die Restaurierungskonzeption der wenigen erhaltenen Schlüter-Statuen und die Restaurierung diverser Originalfiguren gefördert, die jetzt dort in einem musealen Kontext zu sehen sind. Originale zu bewahren – das ist die Idee, hinter der die DSD steht. Wir kämpfen jeden Tag für die Rettung gefährdeter, noch vorhandener Denkmale. Solange wir es als Gesellschaft nicht schaffen, den Denkmalbestand eines der reichsten Länder der Welt angemessen zu pflegen und zu bewahren, wollen wir uns Nachbildungen von verlorenen Denkmalen nicht widmen – und dürfen es auch laut Satzung der Stiftung nicht. Partielle Rekonstruktionen fördern wir dann, wenn sie die Lesbarkeit des ganzen, des wirklichen Denkmals verbessern.

DR. STEFFEN SKUDELNY, VORSTAND

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