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Von Mesopotamien bis nach Nordfriesland

Fliesen, die die Welt bedeuten

Die Anfänge der Fliese liegen im mesopotamischen Zweistromland, doch hat die Keramikplatte auch vom Rhein bis zur Nordsee eine Heimat gefunden. Eine Kulturgeschichte zwischen Repräsentation und Funktion.

Die Geschichte der Fliese beginnt mit Ziegeln. Luftgetrocknet oder gebrannt dienten sie im alten Ägypten schon um etwa 2000 vor Christus als einfacher Fußboden. Zwischen Mesopotamien, Persien und Indien wurden sie später glasiert als Wanddekoration genutzt. Von diesen ersten keramischen Wandfliesen zeugt beispielsweise das babylonische Ischtar-Tor im Berliner Pergamon-Museum. Im Laufe der römischen Eroberungen verbreiteten sich diese dann als Bodenfliesen im ganzen Mittelmeerraum und auch nördlich der Alpen.


„Die Fliese als solche war zuerst mal ein reiner Bodenbelag, der sich kaum ablief“, erklärt Wilhelm Joliet in bestem Rheinisch. Der 87-jährige Fliesenlegermeister aus Oberpleis in Königswinter hat als Leiter und Dozent der Meisterschule der Handwerkskammer zu Köln sein ganzes Leben mit Fliesen verbracht. Als Sachverständiger für das Fliesenlegerhandwerk leitete er mehrfach Restaurierungsarbeiten historischer Fliesenbekleidungen im deutschsprachigen Raum.

So blau-weiß wie der bayerische Himmel oder eben chinesisches Porzellan. Fliesenverkleidung in der Pagodenburg im Münchener Schloss Nymphenburg.
© Bayerische Schlösserverwaltung / www.schloesser.bayern.de
So blau-weiß wie der bayerische Himmel oder eben chinesisches Porzellan. Fliesenverkleidung in der Pagodenburg im Münchener Schloss Nymphenburg.

Aus seinem Beruf hat Joliet ein Hobby gemacht. In seinem 1996 veröffentlichten Buch „Die Geschichte der Fliese“ und auf seiner gleichnamigen Internetseite führt der Fliesenforscher durch die einzelnen Entwicklungs-etappen der Fliese. Den Leser nimmt er dabei mit vom Zweistromland  zwischen Euphrat und Tigris bis ins Rheinland. Dabei beschreibt er, wie die Keramikfliese nach dem Ende des Römischen Reiches an Bedeutung verlor und das Wissen um das Handwerk vergessen zu werden drohte. Erst die islamischen Eroberungen auf der iberischen Halbinsel bis ins achte Jahrhundert hinein belebten die Kunst der keramischen Fliesenproduktion in Europa erneut.


Blütezeit der Fliesenkeramik


Besonders in Granada, aber auch in vielen anderen Städten im südlichen Spanien lassen sich noch heute maurische Fliesenornamente bewundern. Während der islamischen Herrschaft bis Ende des 15. Jahrhunderts wurden diese aber vor allem als Wandornamente verwendet. „Im Orient da sind die Fliesen bis an die Außenwand gebracht worden. Hier in Deutschland gab es gar keine Möglichkeiten dafür, denn wir haben hier Frost-Tau-Wechsel, da würde die Fliese im nächsten Jahr von der Wand fallen,“ erläutert Joliet. Wand- und Bodenfliese unterscheiden sich aufgrund der an sie gerichteten Anforderungen sehr stark voneinander, während Erstere vor allem leicht, dekorativ und abwaschbar sein müssen, geht es bei Letzteren besonders um die Abriebfestigkeit bei häufigem Begehen.


Durch die Kreuzzüge und vor allem die europäische Rückeroberung Spaniens und Portugals wurde die Fliese wieder populär in Europa. Die auf der iberischen Halbinsel und besonders in Andalusien farbig bemalten und glasierten Keramikfliesen wurden Azulejos genannt, was nicht, wie viele aus dem Spanischen herleiten (azul = blau), auf die spätere blaue Färbung zurückzuführen ist, sondern, aus dem Arabisch-hispanischen abgeleitet, „glasierter Ton“ bedeutet.

Portugal ist das Land der Fliesen, „wer da keine Fliese hat, ist  ein armer Mann“.  Allgegenwärtige Fliesenverkleidung im Bahnhof der portugiesischen Stadt Porto.
© imago images / Peter Schickert
Portugal ist das Land der Fliesen, „wer da keine Fliese hat, ist ein armer Mann“. Allgegenwärtige Fliesenverkleidung im Bahnhof der portugiesischen Stadt Porto.

Über die Insel Mallorca, einen wichtigen Handelsposten im 14. und 15. Jahrhundert, gelangte die Technik des farbig bemalten Keramikbrennens nach Italien. Dort wurden die nach dem altitalienischen Wort für Mallorca „Majolika“ benannten Keramiken imitiert. Hauptproduktionsort war die norditalienische Stadt Faenza, von wo aus sich die Technik über Frankreich, die Niederlande und Deutschland in ganz Europa verbreitete. Deswegen verwendet man heute für diese Keramiktechnik vor allem den aus dem Französischen stammenden Begriff der Fayence.


Parallel zur Geschichte der Wandfliese entwickelte sich im Mittelalter aus der römischen Tradition heraus die „inkrustierte Bodenfliese“. Dabei wurden Formen und Zeichnungen direkt in den gehärteten Estrich geritzt oder in die feuchte Masse gestempelt. Allerdings, so erklärt der Fachmann Joliet, war dieser Bodenbelag nicht sehr beständig und lief sich schnell ab. Der um 1230 erbaute frühe keramische Schmuckfußboden im von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz geförderten Kapitelsaal der ehemaligen Prämonstratenser-Abtei Rommersdorf in Neuwied, ist ein Beispiel dafür, wie Dekor und materielle Widerstandsfähigkeit beim mittelalterlichen Bauen ergänzt wurden.


Der erzwungene kulturelle Austausch durch die Kreuzzüge führte zu einer architektonischen Wiederbelebung des bildreichen Bodenbelages. „Über die heutigen Gebiete Frankreichs, vor allem aber Englands drang die neuerliche Verwendung von Fliesen durch Mönchs- und Ritterorden nach Deutschland“, beschreibt es Joliet. In den Fliesenmustern des Hochmittelalters erkennt der Fliesenspezialist eine orientalische Tradition, denn sie ähneln „neben- und übereinandergelegten orientalischen Teppichen.“

Die Fliesen der Kreuzzüge: Der Schmuckfußboden im Kapitelsaal der ehemaligen Prämonstratenser-Abtei Rommersdorf in Neuwied.
© M.L. Preiss† / DSD
Die Fliesen der Kreuzzüge: Der Schmuckfußboden im Kapitelsaal der ehemaligen Prämonstratenser-Abtei Rommersdorf in Neuwied.

Mode und Funktion


Der rege Ostindien-Handel, der mit der portugiesischen Erschließung des Seeweges nach Indien ab Anfang des 16. Jahrhunderts, aber vor allem mit der Gründung der britischen und niederländischen Handelskompanien im 17. Jahrhundert einsetzte, brachte hochwertiges chinesisches Porzellan nach Europa. Die traditionelle weiß-blaue Färbung des chinesischen Exportschlagers wurde Sinnbild für Reichtum, Weltgewandtheit und Luxus. Die Blaumalerei wurde in weiten Teilen Europas zu einem eigenen Berufsstand, dass die bayerischen Nationalfarben aber made in China sein sollen, ist allerdings eine moderne, unbewiesene Sage, auch wenn im Münchener Schloss Nymphenburg blau-weiße Fliesen Einzug hielten.


Die China-Faszination hielt bis weit ins 18. Jahrhundert an und viele findige Produzenten versuchten, mit Imitaten aus der Mode Profit zu schlagen. In Manufakturen im südholländischen Delft gelang es Anfang des 17. Jahrhunderts erstmals relativ gleichwertige porzellanähnliche Keramiken herzustellen, die sehr viel kostengünstiger im Land produziert werden konnten, als die auf Segelschiffen über tausende von Kilometer verschifften asiatischen Porzellan-Teile. Dabei hielt sich das „Delfter Blau“ nicht nur aus Modegründen an die blau-weiße Farbgebung, sondern auch, weil die Zweifarbigkeit günstiger zu produzieren war, als die oft mehrfarbigen Fayence-Keramiken aus dem Mittelmeerraum. „Die Fliese ist von der Optik her in großen Teilen immer ein Imitat gewesen“, erklärt Joliet diesen Prozess und verweist auf die sogenannte „geflammte Fliese“ als Marmor-Ersatz oder die Porphyr-Fliesen als Holzimitat.


Als Reimport kamen die Fliesen im Stile des sogenannten „holländischen Porzellans“ nach Portugal zurück. Die einheimischen Azulejos-Manufakturen folgten der neuen Mode im 18. Jahrhundert und produzierten die großflächigen einheimischen Fliesengemälde nun ebenfalls in blau-weiß, was dann die oftmals falsche Übersetzung beförderte. Bei Fliesenkennern wird Portugal heute geschätzt als das Land mit den meisten Fliesenwandbekleidungen der Welt. „Wer da keine Fliese hat, ist ein armer Mann“, umschreibt Joliet ein altes portugiesisches Sprichwort und bedeutet damit den Wert, der diesen Fliesen beigemessen wurde.

Der Ostindien-Handel hatte auch Auswirkungen auf die Motivauswahl. Viele niederländische Kapitänsstuben wurden mit Delfter Fliesen ausgeschmückt.
© mauritius images / Alamy / Peter Horree
Der Ostindien-Handel hatte auch Auswirkungen auf die Motivauswahl. Viele niederländische Kapitänsstuben wurden mit Delfter Fliesen ausgeschmückt.

Die China-Mode und der Wunsch, sich mit dem weißen Gold zu schmücken, begann schließlich die frostgeschützten Innenwände europäischer Schlösser heraufzuklettern. Je höher und mehr gefliest wurde, umso größer war der Reichtum und das Ansehen des Schlossbewohners. Während man anfangs noch auf maurisch-spanische Motive im Mudejarstil zurückgriff, die oftmals aufgrund des islamischen Bilderverbots aus geometrischen Abbildungen sogenannten Mauresken bestand, begannen die holländischen Produzenten ihre Fliesen mit typisch regionalen oft ländlich-bäuerlichen Szenen zu bebildern. Die in Delft produzierten blau-weißen Keramiken wurden zu einem holländischen Nationalprodukt, das „Delfter Blau“ weltbekannt. Da es ein ungeschützter Markenname blieb, fluteten imitierte Delfter Fliesen halb Europa.


Der „Wandel zur Wand“, wie es Joliet ausdrückt, das heißt, von der Boden- zur europäischen Wandfliese, begann aber wohl zuerst durch den Kamin. Denn diese flieste man vor allem zur Wärmedämmung und „es musste ja feuerfest sein aufgrund der Brandgefahr“. Von da trat die Fliese „dann automatisch in den Wohnraum“, erklärt Joliet den Siegeszug seines keramischen Lieblings. Als Scheuerleiste wurde die Fliese zuerst als einfacher Wandschutz genutzt und „wuchs“ von hier die Wände hinauf. Vor allem in den Niederlanden, aber auch im ganzen friesischen Kulturraum wurde die Fliese einerseits als Schutz vor Feuchtigkeit, andererseits als „Schauobjekt“ und Dekoration verwendet.


Im hohen Norden residiert der regional bekannte nordfriesische „Fliesenpapst“. Dr. Günter Klatt führt regelmäßig Touristen durch seinen „Stall der 1.000 Fliesen“ auf der Insel Pellworm. Sein privates Museum macht die Geschichte der Fliese als Teil der friesischen Kultur erlebbar und bewahrt sie für spätere Generationen.

Die Fliesenalkoven im Tetenbüller Haubarg sind ein wahrer Fliesenschatz auf der Halbinsel Eiderstedt und für ganz Nordfriesland.
© Gerrit Siegfriedsen
Die Fliesenalkoven im Tetenbüller Haubarg sind ein wahrer Fliesenschatz auf der Halbinsel Eiderstedt und für ganz Nordfriesland.

Der 84-jährige Träger des Bundesverdienstkreuzes hat sich als Ortskurator der DSD vor allem für die Restaurierung des Fliesenbestandes in den regionalen Haubargen der Halbinsel Eiderstedt eingesetzt. Im vergangenen Jahr konnte Klatt beispielsweise die DSD-Förderung der Restaurierung der einzigartigen Fliesenstuben des Tetenbüller Haubargs fachmännisch begleiten, dessen blau-weiß geflieste Alkoven Klatt als „echten Schatz und einmalig in der Region“ bezeichnet. Dieses Jahr wurde der Haubarg von der Interessengemeinschaft Bauernhaus e.V. zum Bauernhaus des Jahres 2021 erklärt.


Saubere Angelegenheit


Klatt bemüht sich als Fachmann vor allem um die sogenannten „Bibelfliesen“, die in der Hochzeit beliebtesten Fliesen Nordfrieslands. Diese bescherten Klatt wohl seinen Spitznamen, da sie ihn sprichwörtlich bibelfest machten. „Ich habe mich noch nie so intensiv mit der Bibel beschäftigt wie bei der Deutung der Fliesen“, erzählt der gebürtige Husumer scherzend.


In breitem Plattdeutsch erklärt Klatt seine Arbeit mit den unbeschrifteten Fliesen: „Weil die Menschen ja damals kaum lesen und schreiben konnten, hat man auch anhand der Fliesen versucht, die biblische Geschichte zu erzählen“. Die Theologin und ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Margot Käßmann nannte die Bibelfliesen im Bibelreport 2011 „glasierte Predigten“, die „mitten im alltäglichen Leben zum Nachdenken über die biblischen Erzählungen“ anregten.

Der nordfriesische Fliesenpapst Dr. Günter Klatt in seinem Element.
© Fänger-Pellworm
Der nordfriesische Fliesenpapst Dr. Günter Klatt in seinem Element.

„Auf der anderen Seite“, ergänzt Klatt, „war das einfach eine Methode, um saubere, schöne Räume zu kriegen“. Der Hygieneaspekt spielte vor allem Ende des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts eine bedeutende Rolle. Als Paradebeispiel steht hierfür der vom Guinness-Buch der Rekorde 1997 zum „schönsten Milchladen der Welt“ erklärten Hauptverkaufsraum der Dresdener Molkerei Pfunds. Die Mettlacher Firma Villeroy & Boch baute 1891 dieses fliesentechnische Meisterstück mit lokalen Künstlern im Neorenaissancestil.


Für Fliesenfreunde steht das noch heute betriebene Geschäft in vergleichbarem Rang mit den gefliesten Repräsentationsräumen auf Schloss Nymphenburg in München, Schloss Wrisbergholzen in Niedersachsen und Schloss Augustusburg in Brühl. Die von der DSD restaurierte Krypta unterhalb der Kapelle St. Joseph in Mettlach, die Familiengruft der Dynastie Villeroy-Boch, ist ein weiteres Beispiel für den künstlerischen Gestaltungswillen dieser saarländischen Fliesenunternehmer. Die „Mettlacher Platten“ waren ein Verkaufsschlager im 19. bis weit ins 20. Jahrhundert hinein und prägten viele Fliesenböden – vor allem in der Gründerzeit – und darüber hinaus.


Mit einer in dieser Zeit neu entwickelten Pressmethode konnte die Brenntemperatur erhöht und die Bodenfliesen dadurch stabiler und langlebiger gemacht werden. Technisch wird die keramische Bodenfliese deswegen auch als Steinzeug, die Wandfliese aufgrund ihrer niedrigeren Brenntemperatur als Steingut bezeichnet. Für Günter Klatt beginnt mit dieser Massenproduktion in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein grundsätzlicher Wandel der Fliese. „Die Fliese wird ab da industriell produziert, da sieht eine Fliese aus wie die andere, während sie vorher immer Handarbeit war“. Während die Bodenfliese mit Gründerzeit-ornamenten dekoriert wurde, machte die Wandfliese vor allem mit dem aufkommenden Jugendstil um die Jahrhundertwende und des späteren Art déco Karriere. Große Wohnräume wurden aber aufgrund eines veränderten Modebewusstseins nicht mehr gefliest.

Keinesfalls architektonisch steril und doch hygienisch sauber: Der „schönste Milchladen der Welt“ der Dresdener Molkerei Pfunds.
© picture alliance / ZB
Keinesfalls architektonisch steril und doch hygienisch sauber: Der „schönste Milchladen der Welt“ der Dresdener Molkerei Pfunds.

Derweil kleine Manufakturen ihre Pforten schlossen, erlebten große Fabriken wie etwa in Boizenburg oder Mettlach einen enormen Aufschwung. In Boizenburg steht heute das „Erste Deutsche Fliesenmuseum“, das sich vor allem den „Fliesen aus der Zeit des Historismus, des Jugendstils und des Art déco“ widmet. Während die Fliese aus dem Wohnraum verschwand, wurden Treppenhäuser, Schwimmbäder und ganze U-Bahnhöfe gefliest. Vor allem aber zog das Badezimmer in die Wohnungen (siehe unsere Kulturgeschichte des Badezimmers).


„Bis Ende des Zweiten Weltkrieges wurde noch in der Badebütt gebadet“ (Kölsch für Bottich), erinnert sich der Rheinländer Joliet. „Zuerst hat die Mutter gebadet, dann der Vater, dann die Kinder“. Erst nach dem Krieg kam dann für viele Deutsche die Neuerung einer freistehenden Gusswanne in einem separaten Badezimmer. „Um die Wand zu schützen, wurde eine Reihe Fliesen über der Badewanne gesetzt, wenn möglich schon damals mit Seifenschale“, erklärt der Fliesenleger Joliet, der unter anderem Träger der Silbernen sowie der Goldenen Ehrennadel des Fachverbandes des Deutschen Fliesengewerbes ist.


Die Fliese wuchs mit der Zeit, so Joliet, „es wurden dann zwei, drei Reihen, dann wurde die Badewanne umkleidet. So ist das also weiter gestiegen, in meiner Lehrzeit, höchstens 10 Fliesen, mit Sockel 1,60 Meter hoch“. Höher sollten die Fliesenleger in den 1950er Jahren nicht gehen, denn Zimmerdecke und freie Wandflächen waren dafür gedacht, die Feuchtigkeit und den Dunst aufzunehmen. „Mittlerweile sieht das anders aus, heute wird grundsätzlich vom Boden bis zur Decke hoch gefliest“. So erlebt die Fliese ein Auf und Ab. „Das macht alles die Mode“, meint Joliet, der in seinen knapp 75 Berufsjahren viele Moden hat kommen und gehen sehen, „das geht alles immer rauf und runter“.

Fliesensaal im Schloss Wrisbergholzen, Ausdruck eines kleinadeligen Lebensgefühls.
© Roland Rossner / DSD
Fliesensaal im Schloss Wrisbergholzen, Ausdruck eines kleinadeligen Lebensgefühls.

„Die Fliese ist eine Fliese“


Die beiden fast gleichaltrigen Fliesenliebhaber Joliet und Klatt verbindet zwar ihre Leidenschaft zur Fliese, in einem Punkt fremdelt der rheinische Fliesenleger aber mit dem friesischen Fliesenpapst. „Der Begriff Fliese kam erst nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Norddeutschen zu uns, bei uns hieß das Platte. Hier im Rheinland, da ist der Fliesenleger noch der Plattenleger. Platte, weil die Fliese platt ist“.


In einem sind sich die beiden aber einig, ob Fliese oder Platte, eine Kachel ist eine Fliese auf gar keinen Fall. Während der Begriff Kachel vom Althochdeutschen „chachala“, irdener Topf, stammt, kommt die Fliese aus dem Niederdeutschen „vlise“, kleine dünne Steinplatte. „Kacheln und Fliesen gehören zwar beide zur Produktion von Fayencefabriken, aber der Begriff Kachel sollte nur in Verbindung mit dem Kachelofen gebraucht werden“, erklärt Klatt. Joliet pflichtet ihm empört bei, „die Fliese, die wurde bis vor einigen Jahren noch mit Mörtel an die Wand gesetzt, heute geklebt. Die Kachel wurde gemauert, aber was nicht alles gekachelt wird, das ist so Unsinn“.


Heute begleitet uns dieses in der Regel 15x15 Zentimeter große Quadrat zwischen Küche, Flur und Badezimmer. Ihr Weg bis auf unser stilles Örtchen aber war lang und von historischem Auf und Ab gezeichnet. Der fliesentechnische Werdegang war eine kulturelle und historische Evolution, von seinen Anfängen im Zweistromtal bis über unser Waschbecken.


Stephan Kroener

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