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Denkmal in Not: Europas ältestes Gestüt

Schlachtross der Geschichte

Manchmal verstecken sich Kostbarkeiten hinter vermeintlich Unspektakulärem. Ein solcher Schatz ist das ehemalige Hofgestüt in Bleesern bei Wittenberg in Sachsen-Anhalt.

Wenn Kunsthistorikerin Dr. Insa Christiane Hennen (55) das ehemalige Hofgestüt Bleesern betritt, fällt ihr Blick zuerst auf das große Plakat an einem der Gebäude. Es zeigt einen der ganz Großen der Weltgeschichte: Kaiser Karl V., markant und selbstbewusst auf einem feurigen Pferd. Gemalt wurde das Porträt 1548 von keinem Geringeren als Tizian, dem italienischen Meister der Hochrenaissance. Hennen kennt sich aus, was Herrscher-auf-Pferd-Gemälde angeht. Vor ihrem Umzug nach Wittenberg vor fast 30 Jahren hatte sie über barocke Reiterporträts promoviert. Dabei widmete sie sich auch jenem Werk Tizians.

Einst ein Schloss für Pferde: Weltgeschichte hat im ehemaligen Hofgestüt Bleesern stattgefunden – und danach kam das Vergessen. Das soll sich jetzt ändern.
Lutherstadt Wittenberg, Hofgestüt Bleesern © Stedler/Förderverein Hofgestüt Bleesern e.V.
Einst ein Schloss für Pferde: Weltgeschichte hat im ehemaligen Hofgestüt Bleesern stattgefunden – und danach kam das Vergessen. Das soll sich jetzt ändern.

Auf einer ihrer ersten Fahrradtouren in der neuen Heimat stockte ihr der Atem: Die Elbwiesen vor den Toren Wittenbergs kannte sie von dem Gemälde Karls V. Die Landschaft im Hintergrund konnte sie nun eindeutig zuordnen. „Damit schlossen sich alle Kreise“, erklärt sie: Karl V. hatte sich nicht, wie lange vermutet, in einer Ideallandschaft darstellen lassen, sondern ganz bewusst in der Elbaue zwischen Mühlberg und Bleesern.


Nach der 1547 gewonnenen Schlacht von Mühlberg, dem Sieg der Katholischen Liga über den Schmalkaldischen Bund, nahm er dem unterlegenen Kurfürsten Johann Friedrich die sächsische Kurwürde ab und sprach sie dessen Vetter, dem Albertiner Herzog Moritz von Sachsen, zu. Hennen: „Dieser Akt hat in Bleesern stattgefunden – und macht das kurfürstliche Gestüt zu einem Schauplatz der Weltgeschichte.“ Der Kaiser, Vertreter der göttlichen Ordnung, hatte die Spaltung des Reichs durch die Protestanten verhindert – zumindest vorläufig.


Die sensationelle Erkenntnis über das Tizian-Gemälde führte Christiane Hennen zu einer weitreichenden ehrenamtlichen Tätigkeit: Als 2010 der Förderverein für das Hofgestüt Bleesern gegründet wurde, musste sie nicht lange gefragt werden. Sie engagierte sich gern – auch wenn sie ahnte, „dass das eine größere Geschichte wird“. Seit Januar dieses Jahres ist sie Vorsitzende des Vereins. Und Karl V. hängt drei mal vier Meter groß an der Hofwand.

Verbürgt ist, dass August der Starke einmal den Weihnachtsabend in der Anlage von Bleesern verbrachte.
Lutherstadt Wittenberg, Hofgestüt Bleesern © Stefan Beetz
Verbürgt ist, dass August der Starke einmal den Weihnachtsabend in der Anlage von Bleesern verbrachte.

Das zahme Gestüt: Lieblingsort Augusts des Starken


Das Hofgestüt ist nicht nur ein geschichtsträchtiger Ort, es gilt zudem als die älteste erhaltene Gestütsanlage Europas: Spätestens ab Mitte des 15. Jahrhunderts existiert in Bleesern ein Gestüt, 1449 wird über eine „Stuterei“ berichtet – der älteste bisher bekannte Nachweis eines Gestüts. Nach den Zerstörungen des Dreißigjährigen Kriegs wird 1675 nach dem Prinzip des „zahmen Gestüts“ neu gebaut. Dabei werden die Tiere ganzjährig im Stall gehalten. In den „halbwilden Gestüten“ strichen die Tiere den Sommer über in von Hirten gehüteten Herden durchs Gelände. Ein zahmes Gestüt erforderte weite Laufställe für Stuten, Fohlen und Jungpferde, die Architektur musste entsprechend großzügig ausgerichtet sein. 1686 konnte Kurfürst Johann Georg II. in Bleesern das neue Gestüt einweihen.


Eine Inschrift mit dieser Jahreszahl ist heute noch zu finden. Darüber hinaus lässt die Hofanlage nicht mehr viel von der einstigen Bedeutung des Ortes erahnen. Mit Planen verhangene Notdächer, bröckelige Backsteine – manche Gebäudeteile sind ganz verloren. Doch dass es sich um eine akkurat symmetrisch angelegte Vierseitanlage handelt, kann man noch immer leicht ablesen. Rundbogen-Tore, bekrönt von markanten Schlusssteinen, lassen die barocke Architektur erahnen. Fantasie muss das Bild ergänzen, um ein barockes Gestüt in seiner ganzen schlossähnlichen Schönheit entstehen zu lassen. So prächtig und so wichtig, dass Sachsens Kurfürst August der Starke häufig in Bleesern weilte. Verbürgt ist sogar, dass er einmal den Weihnachtsabend hier verbrachte. 500 bis 600 Pferde belebten das Gestüt zu dieser Blütezeit.

Warum Pferde so wichtig waren

Prachtvolle Gemälde mit Fürstendarstellungen zu Pferde (hier: Karl V., 1548 gemalt von Tizian) belegen es: Pferde waren lange Jahrhunderte hindurch ein Fundament des herrscherlichen Selbstverständnisses. Das Pferd wurde als „beweglicher Thron“ gesehen und war, gerade in barocken Zeiten, wichtiger Teil der Herrscherinszenierung und der Staatsführung. Darüber hinaus wurden Pferde für die Reisen der Herrscher durch ihre Territorien, für Jagden, Turniere und für die Zeremonien der Königskrönungen und Reichstage benötigt. In Kursachsen besaßen sie eine zusätzliche Bedeutung: Der sächsische Kurfürst war nicht nur Mitglied des siebenköpfigen Kollegiums zur Königswahl im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, sondern auch „Reichsverweser“ und „Erzmarschall“, das heißt der militärische Stellvertreter des Kaisers.

Tizian: Karl V. (1548) © Museo del Prado

Noch heute geht das Wappen Wittenbergs mit seinen zwei roten gekreuzten Schwertern auf dieses Amt zurück. Hier war der Bedarf des Heeresführers an Pferden, zum Beispiel Schlachtrössern, besonders groß.

 

 

Es hat sich schon einiges zur Rettung getan: Christiane Hennen und Ehemann Markus im Ostflügel des ehemaligen Gestüts.
Lutherstadt Wittenberg, Hofgestüt Bleesern © Stefan Beetz
Es hat sich schon einiges zur Rettung getan: Christiane Hennen und Ehemann Markus im Ostflügel des ehemaligen Gestüts.

Eine Pracht, die Ende des 20. Jahrhunderts so vergangen wie vergessen war. Das Hofgestüt war ein unspektakulärer DDR-Genossenschaftsbetrieb geworden, dann leerstehend und verfallend, als ein weiteres Mal kunsthistorischer Sach- verstand das Schicksal wendet: Mario Titze, Denkmalpfleger des Landesamtes für Denkmalpflege in Halle, hatte über das Werk des sächsischen Baumeisters Wolf Caspar von Klengel geforscht.


Im Sommer 1996 steht er das erste Mal – zufällig – in den Ruinen von Bleesern. Titze hatte sich lange mit Klengels Markenzeichen, monumentalen rundbogigen Portalen mit darüber liegenden, meist ovalen Ochsenaugenfenstern, befasst. „Genau das stand hier plötzlich vor meinen Augen!“, erinnert sich der 57-Jährige. Die Archive können beweisen, dass es sich bei Bleesern um das wichtigste und älteste Gestüt der sächsischen Landesfürsten handelte. Und darüber hinaus um eine künstlerische Besonderheit: Baumeister Klengel war es gewesen, der nach den flächendeckenden Zerstörungen des Dreißigjährigen Kriegs die damals spektakuläre Sprache des Frühbarocks nach Sachsen brachte.


Titze: „Das kurfürstliche Hofgestüt Bleesern ist dafür eines der wichtigsten erhaltenen Denkmale. Woanders wurde noch in den Formen der Spätrenaissance und des Manierismus mit kleinformatigen Unterteilungen gebaut.“ Bleesern, das früheste Zeugnis des höfischen Dresdner Barocks, wurde Vorbild für weitere kurfürstliche Gestüte bis hin zum hochbarocken Hofgestüt in Graditz. Bis heute ist Graditz sächsisches Hauptgestüt, in Bleesern wurden ab 1724 keine Pferde mehr gezüchtet.

Wenn Steine erzählen könnten: Einige Epochen Baugeschichte verbinden sich im Mauerwerk.
Lutherstadt Wittenberg, Hofgestüt Bleesern © Stefan Beetz
Wenn Steine erzählen könnten: Einige Epochen Baugeschichte verbinden sich im Mauerwerk.

Langer Kampf gegen den Abriss


Auf die Euphorie folgte jäh der Schock: „Im Sommer 1997 kam plötzlich der Abbruchantrag für diese Gebäudegruppe.“ Mario Titze kann erreichen, dass die Abbruchgenehmigung verweigert wird und die schadhaften Dächer zumindest mit Folie gesichert werden. Ein neuer Besitzer stellt nach einer gescheiterten Putenzucht den nächsten Abrissantrag. Titze handelt: „Mich hatte eine Lebensaufgabe gefunden, ohne dass ich nach ihr gesucht hätte.“ Er setzt sich gegen die drohende Zerstörung zur Wehr, 2010 ruft er schließlich mit sieben weiteren Enthusiasten den Förderverein Hofgestüt Bleesern e. V. ins Leben. Der muss Teile der Hofanlage, nämlich Ost- und Südflügel, kaufen, will er sie retten.


Spendengeld wird eingeworben für das Objekt, „das jeder Laie für eine Ruine hielt“. Mit Erfolg: Eine absolut dringliche Notsicherung wird durchgeführt. 2017 wird der Verein Hofgestüt Bleesern e. V. mit dem Deutschen Preis für Denkmalschutz, der Silbernen Halbkugel, ausgezeichnet. Den Ausbau einzelner Abschnitte von Ost- und Südflügel zu Veranstaltungsräumen zu organisieren, wird die Aufgabe der nächsten Jahre sein. Als fernes Ziel sind Stallungen und dazu eine Herberge für Wander-Reiter und Radtouristen geplant – was nach Jahrhunderten wieder Pferde in die ehrwürdigen Gemäuer bringen würde.

Das Motiv des Rundbogenportals mit Ochsenauge hat es verraten: Das Gestüt ist ein Meisterwerk des Frühbarock und von Bedeutung für die Geschichte der Gestüte in Europa.
Lutherstadt Wittenberg, Hofgestüt Bleesern © Stefan Beetz
Das Motiv des Rundbogenportals mit Ochsenauge hat es verraten: Das Gestüt ist ein Meisterwerk des Frühbarock und von Bedeutung für die Geschichte der Gestüte in Europa.

Von der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden, die Bedeutung des Ortes in den Köpfen zu verankern, ist für die Engagierten sehr wichtig. Seit 2011 wird der Tag des offenen Denkmals dafür mit großem Erfolg genutzt. Nun wird noch größer geplant: eine Reminiszenz an den Ritt Karls V. 1547 von Mühlberg nach Bleesern. Zukünftig soll sich jährlich eine Woche lang, in mehreren Tagesetappen, ein Reiterzug auf dessen Spuren begeben. „Dazu möchten wir die Region vernetzen, die Kultur-Akteure zusammenbringen“, sagt Christiane Hennen. „In jedem Ort soll es Theater und Informationsstände geben. Wir wollen schöne Bilder produzieren.“ Wegen der Corona-Pandemie musste der lang geplante Ritt dieses Jahr abgesagt werden, die Premiere wurde ins nächste Jahr geschoben.


Trotzdem: Stück für Stück wird der Weg zur Rettung des Ortes, wo einst Weltgeschichte stattfand, zurückgelegt. Ein Weg, der alleine schwer zu gehen ist. Als Nächstes steht der Südflügel an, die Mauerkronen müssen gesichert und das barocke Dachwerk soll mit einem Notdach geschützt werden. Helfen Sie bitte mit Ihrer Unterstützung, das ehemalige Hofgestüt zu bewahren, helfen Sie, ihm seine Würde wiederzugeben!


Beatrice Härig


Hofgestüt Bleesern

Am Anger 5

06888 Lutherstadt Wittenberg, OT Seegrehna

www.hofgestuet-bleesern.de

Bitte helfen Sie mit Ihrer Spende, das Hofgestüt in Bleesern zu erhalten

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1 Kommentare

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    Karl-Heinz Domann schrieb am 27.05.2020 19:21 Uhr

    Ein interessanter Artikel, der die Geschichte einer Ruine die schon abgeschrieben war, wieder aufleben läßt! Hoffen wir, daß der Erhalt gelingt und ich die Möglichkeit bekomme, auf einer meiner Radtouren dort zu übernachten, wo schon Kaiser übernachtet haben!

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