Denkmalarten Öffentliche Bauten Stile und Epochen 1900 Ausgabe Nummer Juni Jahr 2020 Denkmale A-Z A

Aus unserem Förderprogramm

Die Perle von Uslar

Bewahrt, weil aufgearbeitet: die historischen Fenster 
im Alten Amtsgericht Uslar

„Das hat richtig Spaß gemacht. Sowas wie dort sieht man selten.“ Wenn Christian Sietz auf die Restaurierung der Fenster im Alten Amtsgericht von Uslar zu sprechen kommt, an der er als Gutachter beteiligt war, kann er sich nach wie vor in Begeisterung reden: „Das ist wirklich eine Perle“, ein „ganz hochkarätig schönes Ding“. In drei Jahrzehnten Berufserfahrung habe er Vergleichbares kaum je gesehen.

Die Rückseite des alten Amtsgerichts mit den aufwändig restaurierten Naturholzfenstern
Uslar, Altes Amtsgericht © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz
Die Rückseite des alten Amtsgerichts mit den aufwändig restaurierten Naturholzfenstern

Uslar ist eine Kleinstadt mit viel Fachwerk im südlichen Niedersachsen, rund 30 Kilometer von Göttingen entfernt. Das Alte Amtsgericht wurde 1889 erbaut. Vom Krieg blieb es verschont wie auch von späteren eingreifenden Sanierungen. Die 45 Kastenfenster des zweigeschossigen Gebäudes wurden im Laufe der Jahrzehnte dreimal überstrichen, aber nie ausgetauscht.


So ist die gut 130 Jahre alte Verglasung mit ihren für die damalige Zeit charakteristischen kleinen Unebenheiten bis heute zu bewundern. „Sehr interessant wellig-unruhig“, beschreibt der Experte das Erscheinungsbild, „wie ein See in einer Windbö – das macht die Fenster lebendig“. Von herausragender Qualität, die das ausgehende 19. Jahrhundert als eine „Hochzeit des Fensterbaus“ ausweise, seien auch die reich verzierten und profilierten Rahmen aus Eichenholz sowie die ebenfalls mit üppigem Dekor versehenen Messingbeschläge.

Außen Naturholz, innen weiß: Nach der Restaurierung präsentieren die Fenster sich wieder im Ursprungszustand. Die fein gearbeiteten Messingelemente – hier ein sogenannter Treibriegel – sind Teil einer soliden Verschlussmechanik.
Uslar, Altes Amtsgericht © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz
Außen Naturholz, innen weiß: Nach der Restaurierung präsentieren die Fenster sich wieder im Ursprungszustand. Die fein gearbeiteten Messingelemente – hier ein sogenannter Treibriegel – sind Teil einer soliden Verschlussmechanik.

Sie gehören zum System einer raffinierten Verschlusstechnik, die damals ganz ohne moderne Kunststoffdichtungen auskam. Am bemerkenswertesten indes sei, dass in verschiedenen Räumen jeweils unterschiedlich gestaltete Fenster anzutreffen seien. Eine so reiche Vielfalt an einer einzigen Fassade sei auch in der Erbauungszeit ganz unüblich gewesen, meint Sietz: „Keiner weiß so richtig, wie das zustande kam.“


Eine Fachfirma aus dem Dresdner Raum restaurierte zwischen April 2019 und Januar 2020 die mittlerweile maroden Fenster, nachdem jahrelang der Wind in die Büros des städtischen Bau- und des Ordnungsamts gepfiffen hatte, denen die historische Immobilie seit dem Wegzug des Gerichts 1974 als Domizil dient. Zu den Kosten von 165.000 Euro trug die Deutsche Stiftung Denkmalschutz aus Mitteln der „Glücksspirale“ mehr als ein Viertel bei. Nach Entfernung der alten Farbschichten präsentieren sich die Fenster wieder wie zur Erbauungszeit. Innen weißer Lack, außen lasiertes Naturholz.

Auch die Frontansicht des alten Amtsgerichts ist ein Schmuckstück.
Uslar, Altes Amtsgericht © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz
Auch die Frontansicht des alten Amtsgerichts ist ein Schmuckstück.

Sanierung der alten statt Einbau neuer Fenster – die richtige Entscheidung nicht zuletzt aus Gründen der Nachhaltigkeit, betont Gutachter Sietz. Kein Kunststoff, keine gasenden Bauschäume, nichts, was „schädliche Absonderungen“ verursacht. Kein Abfall, der zu entsorgen wäre. Zudem gute Pflegemöglichkeiten: „So ein Fenster bleibt über weitere hundert Jahre erhalten.“


Winfried Dolderer


Altes Amtsgericht

Graftplatz 3

37170 Uslar

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

  • Mittelalterliche Wandmalereien in Behrenhoff 16.01.2018 Die Hölle Vorpommerns Die Hölle Vorpommerns

    Die Hölle Vorpommerns

    In der Dorfkirche von Behrenhoff haben sich eindrucksvolle Darstellungen des Fegefeuers erhalten.

  • Von Seekisten und Seeleuten 08.11.2012 Seekisten Was auf der hohen Kante lag

    Was auf der hohen Kante lag

    In den alten Zeiten der Frachtsegler musste die gesamte Habe des Seemanns in eine hölzerne Kiste passen. Manchmal liebevoll bemalt, war sie das einzige persönliche Stück, das ihn auf seinen Reisen über die Weltmeere begleitete.

  • Otto Bartning und seine Kirchen 09.03.2016 Bartning Kirchen Spiritualität in Serie

    Spiritualität in Serie

    Otto Bartning gehört zu den bedeutendsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Wegweisend sind seine Raumschöpfungen im Bereich des protestantischen Kirchenbaus.

Service

Monumente Probeheft

Probeheft jetzt anfordern!


Zeitschrift abonnieren
Magazin für Denkmalkultur in Deutschland



Möchten Sie ausführlicher über aktuelle Themen aus der deutschen Denkmallandschaft lesen? 


Dann abonnieren Sie Monumente!  


 
 
Monumente Probeheft

Probeheft jetzt anfordern!


1
Zeitschrift abonnieren
Magazin für Denkmalkultur in Deutschland
2
Monumente Abo



Möchten Sie ausführlicher über aktuelle Themen aus der deutschen Denkmallandschaft lesen? 


Dann abonnieren Sie Monumente!  


3

Newsletter

Lassen Sie sich per E-Mail informieren,

wenn eine neue Ausgabe von Monumente

Online erscheint.

Spenden für Denkmale

Auch kleinste Beträge zählen!

 
 
 
 
1 Kommentare

Lesen Sie 1  Kommentar anderer Leser

  • Kommentar als unangemessen melden
    O.Schulze schrieb am 01.09.2020 17:53 Uhr

    https://architekturmuseum.ub.tu-berlin.de/index.php?set=1&p=79&Daten=126382

    Hier ein link zu den alten Bauplänen des Uslarer Amtsgerichts

    Auf diesen Kommentar antworten

Schreiben Sie einen Kommentar!

Antwort auf:  Direkt auf das Thema antworten

 
 

© 2015 Deutsche Stiftung Denkmalschutz • Monumente Online • Schlegelstraße 1 • 53113 Bonn