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Eine vollautomatische Welte-Orgel soll wieder ertönen

Klang aus tausend Löchern

Im sächsichen Gornsdorf steht in der Villa Weilbach die vermutlich einzige am Originalstandort und fast komplett erhaltene automatische Philharmonie-Orgel.

Smartphone zur Hand nehmen, Musik-App öffnen, auf das Lupen-Symbol drücken, und nach Eingabe von nur vier Buchstaben – beispielsweise „rigo“ – erscheint eine Liste mit Aufnahmen von Verdis Rigoletto. Ganz anders in der Villa Weilbach im sächsischen Gornsdorf. Hier steht die vermutlich einzige am Originalstandort und fast komplett erhaltene automatische Philharmonie-Orgel. Statt einer App öffnet man eine Tür in der kunstvollen Vertäfelung, spannt eine etwa 40 Zentimeter breite Papierrolle, die man einer Metallhülse entnommen hat, in eine Vorrichtung, betätigt einige Schalter, und die ersten Töne des Rigoletto erschallen.

Der Eigentümer Kai-Malte Hubert-Weilbach vor der original erhaltenen Welte Philharmonie-Orgel im Salon der Villa Weilbach.
Gornsdorf, Villa Weilbach © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz
Der Eigentümer Kai-Malte Hubert-Weilbach vor der original erhaltenen Welte Philharmonie-Orgel im Salon der Villa Weilbach.

Gornsdorf im Erzgebirge war seit dem späten 17. Jahrhundert die Heimat von Webern. Hier gründete Clemens August Uhlmann 1878 seine Strumpffabrik, und eine internationale Erfolgsgeschichte begann. Sie endete vorläufig im Jahre 1916, als der Erste Weltkrieg die Gornsdorfer Strumpfindustrie brachlegte. Erst zwei Jahre zuvor war Uhlmann mit seiner Familie in die neue Villa gezogen, für die Chemnitzer Architekten in Südfrankreich nach einem Vorbild gesucht hatten.


Die Villa Uhlmann stellte sich als repräsentatives Anwesen dar, mit Park und Blick auf die Firma, mit Raffinessen wie Aufzug und Wäscheschlucker. Und: mit der selbstspielenden Pfeifenorgel der Freiburger Firma Welte. Sie hat keinen Spieltisch, sondern tönt vollautomatisch. Möglich machen dies zum einen die komplexe Mechanik einer Orgel, zum anderen die aufgerollten, mit tausenden Löchern perforierten Papierbahnen, in die die Musikstücke eingespielt sind.

Unten wird die Papierrolle eingespannt, nach oben wird sie auf die Walze aufgerollt und läuft dabei über eine Lochleiste. Der durch die Löcher entstehende Unterdruck gibt den Impuls für den Ton.
Gornsdorf, Villa Weilbach © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz
Unten wird die Papierrolle eingespannt, nach oben wird sie auf die Walze aufgerollt und läuft dabei über eine Lochleiste. Der durch die Löcher entstehende Unterdruck gibt den Impuls für den Ton.

1914 war die elektronische Aufnahmetechnik noch nicht erfunden, und Abspielautomaten oder auch Drehorgeln erzeugen einen monotonen Klang. Wird aber das Stück auf einem echten Musikinstrument wiedergegeben, das sogar eine Trommel enthält, bleiben die natürlichen Töne, Klangfarben und -effekte erhalten. Dieses Verfahren hatte die Firma Welte entwickelt und patentiert – so erfolgreich, dass sie in die USA expandierte. Weil Bomben die Firma 1944 zerstörten, weiß man über die fast geheimnisvolle Welte-Aufnahmetechnik wenig. Gut dokumentiert sind hingegen die überwiegend noch in Museen verwahrten Instrumente.


Auch diese Tatsache macht die Orgel in Gornsdorf zu einer Sensation: Sie ist nie umgebaut oder verändert worden und befindet sich seit 105 Jahren am selben Standort. Dieser wurde sorgfältig gewählt. Der Salon ist Mittelpunkt der Beletage, seine Maße wurden auf die Orgelgröße abgestimmt. Zur einzigartigen Akustik tragen zum einen die flankierenden Räume bei, zum anderen die darunter installierte Balg-Anlage mit der elektrischen Luftzufuhr. Über das automatische Öffnen und Schließen von vertikalen, hinter Stoffvorhängen verborgenen Jalousien wird sogar die Lautstärke geregelt, auch hierfür sind Löcher in das Papier gestanzt.

Auch die rund 80 gestanzten Papierrollen mit Musikstücken befinden sich seit über 100 Jahren in der Villa Weilbach.
Gornsdorf, Villa Weilbach © Hubert-Weilbach
Auch die rund 80 gestanzten Papierrollen mit Musikstücken befinden sich seit über 100 Jahren in der Villa Weilbach.

Ältere Gornsdorfer erinnern sich an das letzte Konzert auf der Orgel 1974 – danach blieb sie stumm. Nach Zwischennutzungen als Leiterplatten-Fertigung und Kindergarten und langem Leerstand wurde 1999 aus der Villa Uhlmann die Villa Weilbach; ein Ehepaar erwarb das Anwesen von der Gemeinde. Im Parterre mit dem Salon ist nun das Standesamt untergebracht, hier und im Souterrain können Brautpaare feiern. Und hier soll die Philharmonie-Orgel in den nächsten Monaten wieder erklingen.


Derzeit wird diese Rarität mit Hilfe der Deutschen Stiftung Denkmalschutz instand gesetzt. Lederteile an Bälgen, Transmissionsriemen und Membranen müssen gepflegt, verbogene Pfeifen repariert werden. Von den rund 600 Pfeifen sind nur zehn verloren gegangen. Sie werden rekonstruiert und alle elektrischen Einrichtungen funktionstüchtig gemacht. Mechanische Teile, die mit Federkraft und Luftdruck arbeiten, müssen justiert werden. Die etwa 80 erhaltenen Musik-Rollen und die sogar noch vorhandene Rolle zum Stimmen des Instruments sind vermutlich noch brauchbar – ein Schatz der Geschichte von Musikwiedergabe.

Als Kopie eines südfranzösischen Anwesens wurde die Villa Uhlmann (heute: Villa Weilbach) 1912–14 erbaut.
Gornsdorf, Villa Weilbach © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz
Als Kopie eines südfranzösischen Anwesens wurde die Villa Uhlmann (heute: Villa Weilbach) 1912–14 erbaut.

Bis Mitte 2020, solange die Welte-Orgel restauriert und eingespielt wird, müssen sich heiratswillige Paare noch gedulden. Und wenn dann wieder dieses einzigartige Musikinstrument erklingt, wird nicht nur der Rigoletto zu hören sein.


Julia Greipl


www.denkmalschutz.de/welteorgel

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Hier zu sehen: die Mechanik der Luftzufuhr.
Gornsdorf, Villa Weilbach © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz
Hier zu sehen: die Mechanik der Luftzufuhr.
 

  

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