Löbau, Haus Schminke © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz

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Saniert: Das Haus Schminke in Löbau

Familientaugliche Ikone des Neuen Bauens

Das Haus Schminke zählt zu den wichtigsten Privatbauten der Moderne. Nach der umfangreichen Instandsetzung können dort heute sogar wieder Familien übernachten.

Wenn man es genau nimmt mit dem Neuen Bauen – dem Bauen zwischen beiden Weltkriegen –, das konstruktive, stilistische und vor allem soziale Kriterien in den Blick nahm, dann gehören Kinder dazu. Der drängenden Aufgabe, günstigen Wohnraum für Familien zu schaffen, widmeten sich vor allem die Architekten, die sich 1907 im Deutschen Werkbund zusammenschlossen. Aber nicht nur der Siedlungsbau stellte sie vor Herausforderungen. Auch vermögende Bauherren hatten Nachwuchs und damit den Anspruch, dass ihr modernes, repräsentatives Wohnumfeld kindgerecht sein sollte.

Hans Scharouns „Nudeldampfer“ oder „das Haus, das mir das liebste war“, wie er selbst sagte: das Haus Schminke in Löbau von 1933. Wegen seines Quarz-Putzes glitzerte es ursprünglich wie ein Schiff in der Sonne.
Löbau, Haus Schminke © Stiftung Haus Schminke/Ralf Ganter
Hans Scharouns „Nudeldampfer“ oder „das Haus, das mir das liebste war“, wie er selbst sagte: das Haus Schminke in Löbau von 1933. Wegen seines Quarz-Putzes glitzerte es ursprünglich wie ein Schiff in der Sonne.

Haus Schminke in Löbau, das Haus, das sich Fritz und Charlotte Schminke, Eigentümer der „Anker-Teigwaren“, ab 1930 von Hans Scharoun direkt neben ihre Fabrik bauen ließen, ist dafür ein Musterbeispiel. „Ein modernes Haus für zwei Eltern, vier Kinder und gelegentlich ein bis zwei Gäste“ wünschte sich der Nudelfabrikant vom Architekten. Und der plante für die Bedürfnisse der Familie und baute den Kindern ein wahres Spielparadies, mit farbigen Fenstern in Kinderaugenhöhe, extra niedrigen Fenstern zum Durchklettern sowie einem besonders breiten Handlauf, um die Treppe rutschend nehmen zu können.


Nicht nur, aber auch an den runden Fens­teröffnungen erkennt man die Entwürfe Scharouns, frühe wie späte. Man denke nur an die Rundfenster der 1963 eröffneten Philharmonie in Berlin. Oder, viel früher, an das „Ledigenwohnheim“ der Werkbundsiedlung in Breslau von 1929, das die Schminkes sich ansahen und das sie veranlasste, Hans Scharoun zu beauftragen. So entstand in Löbau in der Oberlausitz eines der bedeutendsten privaten Wohnhäuser der klassischen Moderne. 

Die markante Treppe mit breitem Handlauf zum Herunterrutschen war sicherlich eins von vielen Highlights für die jungen Bewohner von Haus Schminke.
Löbau, Haus Schminke © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz
Die markante Treppe mit breitem Handlauf zum Herunterrutschen war sicherlich eins von vielen Highlights für die jungen Bewohner von Haus Schminke.

Vom Windfang gelangt man in die Treppenhalle mit dem Kinderbereich und dem Essplatz. Der direkt anschließende Wohn- und Gesellschaftsraum öffnet sich mit raumhohen Fenstern zum Park und zum Wintergarten. Außen verbindet eine Stahltreppe die Balkone beider Geschosse, was an die Ästhetik von Schiffen erinnert. Dieser Bezug auf nautische Elemente ist ein wiederkehrendes Motiv bei Scharoun, das sich auch bei der eher kargen Ausstattung der Schlafräume im Obergeschoss mit ihren Einbauschränken zeigt. Leuchten und Einbaumöbel sind teilweise erhalten, die farbigen Tapeten hingegen nicht, sodass das expressive Farbkonzept kaum noch vorstellbar ist. Die Heiterkeit des Hauses bleibt jedoch weiterhin spürbar.


Nur zwölf Jahre lang konnte Familie Schminke ihr Haus bewohnen. Fritz Schminke galt als Kriegsverbrecher, weil er die Wehrmacht mit seinen Anker-Nudeln versorgt hatte. Ab 1946 leitete Charlotte Schminke für vier Jahre in ihrem ehemaligen Wohnhaus ein Erholungsheim für Kinder. Über 40 Jahre später schenkten die Töchter Schminke das mittlerweile restituierte Haus der Stadt Löbau, die im Jahr 2000 gemeinsam mit der Wüstenrot Stiftung eine umfangreiche Instandsetzung veranlasste.

Großzügig und lichtdurchflutet: Dank seiner Transparenz hebt das Haus Schminke die Grenzen zwischen den Wohnbereichen sowie zwischen Innen und Außen auf.
Löbau, Haus Schminke © Roland Rossner, Deutsche Stiftung Denkmalschutz
Großzügig und lichtdurchflutet: Dank seiner Transparenz hebt das Haus Schminke die Grenzen zwischen den Wohnbereichen sowie zwischen Innen und Außen auf.

Zwischenzeitlich wurden jedoch weitere Schäden an Dach, Fassade und Terrassen so erheblich, dass Wasser eindringen konnte. Nun half die Deutsche Stiftung Denkmalschutz der Stiftung Haus Schminke, die sich seit 2009 um das Denkmal kümmert: Sie ermöglicht Besuche und Führungen, Bildungsangebote, Tagungs- und ­Feiermöglichkeiten und sogar Übernachtungen in dieser Ikone des Neuen Bauens – auch für Familien! 


Julia Greipl


Kirschallee 1b, 02708 Löbau

Löbau liegt ca. 15 km südöstlich von Bautzen.

www.stiftung-hausschminke.eu
Tel. 03585 862133

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