Bremen-Oberneuland, Orangerie © Torsten Krüger, Bremen

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Die Orangerie in Bremen-Oberneuland

Wo die Exoten Blühten

Für Sie entdeckt: Unter dem Dach der Orangerie in Bremen-Oberneuland verbirgt sich eine einzigartige, immer noch funktionsfähige Gewächshaustechnik aus der Zeit um 1790. Ihr Glasanbau wird heute für Gartenunterricht und vereinzelt für Ausstellungen genutzt.

Wer heute in den Genuss von Orangen kommen möchte, braucht nicht viel Zeit und Geld zu investieren. Er kann sie im nächsten Supermarkt zu jeder Jahreszeit problemlos einkaufen. Vor 200 Jahren waren Zitrusfrüchte allerdings noch eine Luxusware. Nur Adelige und wohlhabende Bürger konnten sich damals so etwas Kostbares wie Zitronen, Pampelmusen oder Apfelsinen leisten.

Auch wenn die Orangerie in Hasses Park ein kleines Exemplar ihrer Gattung darstellt, finden sich hier die typischen Bauprinzipien: Nach Süden öffnet sie sich mit großen Fenstern. Nach Norden, wo sich eine Gärtnerwohnung und Lagerräume befinden, ist sie hingegen geschlossen.
Bremen-Oberneuland, Orangerie © Torsten Krüger, Bremen
Auch wenn die Orangerie in Hasses Park ein kleines Exemplar ihrer Gattung darstellt, finden sich hier die typischen Bauprinzipien: Nach Süden öffnet sie sich mit großen Fenstern. Nach Norden, wo sich eine Gärtnerwohnung und Lagerräume befinden, ist sie hingegen geschlossen.

Zur Zucht und Pflege der exotischen Pflanzen, die mit viel Aufwand aus südlichen Ländern nach Nordeuropa transportiert wurden, baute sich manch einer in seinen Park eine Orangerie. So gab es auch in der Bremer Stadtrepublik eine beachtliche Gartenkultur mit Gewächshäusern und Orangerien – auch wenn sie nicht so prächtig ausfielen wie an den barocken Fürstenhöfen.


Auf dem Landsitz Hasse im ländlich geprägten Bremer Stadtteil Oberneuland steht bis heute eine kleine Orangerie aus der Zeit um 1790, deren komplexe Gewächshaustechnik immer noch funktioniert und deutschlandweit einzigartig ist. 1788 hatte der Bremer Senator Engelbert Wichelhausen (1748–1819) das Landgut übernommen, ein neues Gutshaus gebaut und den Park im „chinesisch-englischen“ Stil umgestaltet.


In diesem Zusammenhang ließ er vermutlich auch die Orangerie errichten. 1895 wurde der Landsitz unter zwei Nachfahren aufgeteilt; den südlichen Teil samt Orangerie erbte die Familie Hasse. Nach ihr ist die Anlage benannt, die sich heute im Besitz der Tobias-Schule, einer heilpädagogischen Waldorfschule, befindet.

Sie erinnert an die Takelage eines Segelschiffs: Es wäre weitere vertiefende Forschung nötig, um mehr über die Herkunft der aufwendigen Gewächshaus-Mechanik herauszufinden, die sich unter dem unscheinbaren Dach verbirgt.
Bremen-Oberneuland, Orangerie © Torsten Krüger, Bremen
Sie erinnert an die Takelage eines Segelschiffs: Es wäre weitere vertiefende Forschung nötig, um mehr über die Herkunft der aufwendigen Gewächshaus-Mechanik herauszufinden, die sich unter dem unscheinbaren Dach verbirgt.

Von außen wirkt das älteste Gewächshaus Bremens eher ländlich-schlicht. Ohne jeglichen repräsentativen Anspruch ist der Fachwerkbau im Stil norddeutscher Bauernhaus-Architektur errichtet. An sein asymmetrisches Satteldach schmiegt sich südlich ein Glashaus an. Hier wurde Wein gezüchtet und hier überwinterten die kostbaren Kübelpflanzen. Für die warme Jahreszeit konnte der mittlere Teil der Holzfensterkonstruktion vollständig abgebaut werden. Dann saß man dort zwar geschützt, aber im Freien, umgeben vom Duft der immergrünen Orangenbäume.

 

Die Besonderheit der Orangerie in Bremen-Oberneuland liegt in der noch betriebsfähigen raffinierten Mechanik  zur Belüftung und Beschattung des Glashauses: Über die gesamte Südseite können die in Nuten laufenden schrägen Fensterflächen und Holzläden unter das Dach gezogen werden. Dort hängen sie an langen dicken Seilen und werden über hölzerne Rollen und eiserne Handkurbeln hoch- und herabgelassen. 


Um die schwere Mechanik von Hand bedienen zu können, gleiten unter dem gegenüberliegenden Dach der Nordseite Gegengewichte, die sich synchron, aber in entgegengesetzter Richtung zu den Fenstern bewegen. Eine Art Steigbügel dient als Notbremse, falls man das Seil doch einmal zu schnell laufen ließ.

Beachtlichen Charme strahlen auch die weniger auffälligen Teile der Orangerie aus.
Bremen-Oberneuland, Orangerie © Torsten Krüger, Bremen
Beachtlichen Charme strahlen auch die weniger auffälligen Teile der Orangerie aus.

Der Weg dahin war für den Gärtner nicht weit. Auf der Nordseite der Orangerie befindet sich bis heute eine kleine Gärtnerwohnung mit in der Wand eingelassenem Bett, einer „Butze“. Außerdem gibt es noch einige Reste der bauzeitlichen Heizungsanlage, zudem das große Tor und Teile des originalen Sandsteinbodens, die das Hantieren mit Pflanzen­kübeln und schwerem Gerät erleichterten. Wie bei alten Gewächshäusern häufig der Fall, ist auch hier die empfindliche Holzkonstruktion des Glashauses permanent dem Regen- und Kondenswasser ausgesetzt. Daher müssen aktuell die Schrägverglasung und die Schattenläden restauriert werden.


Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz unterstützt die Tobias-Schule dabei. 2004 erhielt die pädagogische Einrichtung sogar den ersten Preis des Bundespreises für Handwerk in der Denkmalpflege. Denn seit Jahren hegt und pflegt die Schule dieses kleine, aber herausragende bauliche Beispiel der Orangeriekultur mit großer Sorgfalt – so wie es einst die Bremer Gärtner mit dem kostbaren exotischen Pflanzenbestand taten.


Amelie Seck


Literatur:

Rolf Kirsch: Orangerien und Glashäuer in Bremen, in: Orangeriekultur in Bremen, Hamburg und Norddeutschland (Orangeriekultur – Schriftenreihe des Arbeitskreises Orangerien in Deutschland e. V., Bd. 15), Berlin 2018, ISBN 978-3-86732-315-4, S. 46–60 

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